Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2227 (3.5.1925)
- Date
- 1925-05-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Men, Sonntag Wiener MoraenHeltung. 3. Mai 1926 Wie weiter verlautet, wird die am 9. d. in Bukarest stlsammentreteude Konferenz der kleinen Entente als eitlen ivesentlichen Punkt ihres Programms auck» die Tätiakeit xr Kmnnnmiften in Mitteleuropa und auf dem Balkan sehandeln. (Es ist mehr als lächerlich, in dem Hakenkreuzneit Wien eine kommunistische Zentrale zu vermuten. Es iväre aber ein heiterer Akt der historischen Vergeltung, iveirn gerade Jugoslawien in Wien Vorstellungen gegen Duldung subversiver Elemente erheben tzvürde. — Red.) verschieb»«« der Budavefter Gemeinderatrwähle». Budapest, 2. Mai. Wie die Blätter melden, sind die Budapester Gemeinderatswahlen, die am 18. d. stattfinden sollten, auf den 21. und 22. d. verschoben worden. Lar Kabinett vastr. Belgrad, 2. Mar. (Tel.-Komp.) Das neue Kabinett Pa sie -hat haute abends den Eid in die .Hände des Königs geleistet. An der Zeremonie -nahmen sämtliche Minister teil, mit Ausnahnre des erkrankten Mmffterpräsideuten P a s i c. der auf ärztliche Anordnung sein Zimmer nicht verlassen darf. Absetz««« de» PottreipktzseNen von Foesani. Bukarest, 1. Mai. (I. T. A.) Auf Grund des Berichtes Vor Regierungskommission über das Verhalten der PMzei wahrend des Judenpogrouis in/Foesani, hat die Regierung die Absetzung Les Pöltzeipräsekten von Foesani, Gawriliu, verfügt. La» SiseatzahauaglSS im polnische» Korridor. Warschau, 2. Mai. (P. T. A.) Die zur Feststellung der Ursachen der Zugsenigleisung bei Stargard eingesetzte Kommission hat festgestellt, daß die Katastrophe ans einen verbrecherischen Anschlag zurückzuführcn ist. Vier Schrauben waren von den Schienen entfernt worden, drei Schrauben wurden neben dem Eisenbahndamm gefunden. In einer Entfernung von fünfzig Metern wurde ein unter Gras versteckter Hebel entdeckt. Die Hilfsaktion wurde eine halbe Stunde nach der Katastrophe durch die Aerzte der Umgebung organisiert. Eine Stunde nach dem Unfall kamen Hllfszüge aus Tozew und Chejnice. Die schwerverletzten Personen wurden in das Spital von Tozew gebracht, die leichtverletzten Nach Stargard. Die normale Zugsverbindung wird noch heute wiederhergestellt sein. Der Woiwode von Polnisch-Pommern hat dem deutschen Konsul in Thorn sein Beileid ausgedrückt. Die Todesopfer;. Berlin, 2. Mai. (Tel.-Komp.) Die Zahl der Todesopfer der Eifettbahnkatastrophe im polnischen Korridor ist durch den Tod eines weiteren Schwerverletzten'auf 2!) gestiegen. Die Zahl dürste sich ito ch weitere rhöhen, da mehrere Verletzte in Lebensgefahr schweben. Vier Frauenleichen und ein Kind sind mittlerweile identifiziert worden, wogegen die Identität von fünf weiteren Leichen noch immer nicht feistgestellt -werden konnte. Gartenschirme, * nur eigene Erzeugung fir Mnniem,. " . luiMmr Sp e iia! - P te isa n s t e! 1 u ngen ^rV Gesonderte Gartenmöbel-Abteilung Reichhaltige Auswahl in allen Stilarten Erste und älteste Patent-Mßbel-Fabrlk R.JAEKEL’* Nachf. Ces.m.b.R. Wien, VI. Marlahllferstr. Nr. 11 Der denbsche Generalkonsul in Posen ist gestern abends im Warschauer Krankenhaus eingetroffen,'um sich nach dein -Befinden der Verletzten;u erkundigen. - Die Leichen der bei der Katastrophe Verunglückten sind heute nachts in ei mm Sonderzug in Marienburg eingctroffen. Für die Aufnahme der Leichen waren 27 Särge bereit-gestellt, die i-m Martesaal aufgebahrt wurden. Lar Schachturnier in Baden-Baden. Baden-Baden, 2. Mal. (Wolfs.) Heute wurden im Lchachtnrnier die Häugepanien erledigt. Carl lDent-schlanv) gewann gegen Dr. Ta.rrasch (Deutschland)'nach «bl Zügen. R>cti (Oestcr reich) verlor gegen Thomas (England) nach neunstündigem Kampf in ebenfalls W Zügen. De Kolste (Holland) remisierte mit Thomas (England) nach (57 Zügen. Die Partie R eti —Dr. Treybal endete nach 70 Zügen, dir Partie Aates—Rabinowitsch nach dem 68. Zug durch. ewiges Schach mit Remis. Colle und Carl einigten sich ans R'einiS, ohne-die Partie wieder au-fznnehtnen. - . Per Ztandr des Turniers 'nW oer 12. Runde ist folgen-. der: A l j cd)/ n 10/. Grü-iiseld - bv,5, Rnbinsiein 8, Ra bin olvitsch 7,5, Vtarfhall, Tartakoiver und Sämifch je 7, Torre 6^5, Carl,' Bcgoljubow, Nienk;owitfch, Lpi'elmann je- 6, Treybal 5si, Dr. Tärrasch 5, Retr, Thonras. Aates 4,5, Mieses, Colle Set Wiener riaubetberg. Bon Egon Dieirichstein. Der südliche Schnellzug hat sein Endziel Wien beinahe — in zwei Stunden — erreicht. Der Spcisotvagenkellner liquidiert, nran ev.vartct bereits, ohne sich hu Warten beeilen zu müssen, die Ankunft. Da wird die Langejveile dieser letzten Stunden durch eine Naturaufnahme, dllrch ein überraschendes Intermezzo, gekürzt: Es beginnt damit, daß eine Schublokomotive rückwärts am letzten Wagen pfauchend antaucht, es wird stockfinster und die Waggonlampen flimmern wieder auf, es rasselt und dröhnt von den Tunnelwänden und, im wiedereinfallcnden Tag, liegt die Landschaft des Hochgebirges: Schneehöhen und schroffe, kahlköpfige Gipfel, grüne Hänge und Bergketten. Der Zug schraubt sich in Serpentinen, Ueber hochgeftelzte Viadukte, durch finstere Tore, unten, zwerghaft, die Eisenschienen der Bahnen und, ernpor geschraubt, wieder die Gisenschienen. Auf den Höhen steigen die Riesenblocks von Hotalgebäuden auf. Wieder ein Tunnel. Und noch eines. Nun gleitet der Zug in die Station. Starke Luft weht durch das Fenster: Semmering. Und dann rollt der Zug vorsichtig hinab. In die Ebene. Gegen Wien . . . Hundevttausende fahren alljährlich ans de-m -Süden, aus Jugoflavien, nach Wien und von Wien nach dem Süden, durch diesen Wiener -Zauberberg, an der kleinen, etnvas unscheinbaren Station vorbei. Andere aber hält der Berg fest. Demi er ist ein modainer Berg, in dom sich nicht nur gut, sondern auch ilnstig wohnen läßt. Nach Art der Schweizer Welthöheu'knrorte. In weiten, reichen Gesellschaft Sräumeu, zwischen Fischmajonarse, Foxtrott und Schnee, zwischen Luxus und stählernem Sport, Mischen Sonne und Eis, zwischen strengen Hebungen der Berufssportler und den bunten (HeselliAeiten vergnügungÄhungriger, ulkgelaunter Arnateure. Der Berg ist im Winter und hu Sonrmer geöffnet. Für Bobsleigh und für Rodelschlitten und für die Steigeisen der Hochtouristen. Fiir die Frack- und Smokmglsute der hellstrahlenden Speisesäle und für die internationalen Damentoiletten. Für die bescheideneren Sonntagsausflügiler, die mit dem Berg seit Kindheit verlvandt und verwachsen sind, für die Sommerfrischler, die durch Monate seßhaft werden, und für die Aus-laudstwiener, die in ihn Erweiteruug ihrer Ru-ndreise durch die Wiener Sehenswürdigkeiten als Kuriosität auffuchen. Fiir Rekonvaleszenten, die hier die Höhensonne und andere Heilmittel begiinstigen. Die Jahreszeit der weiten Kaffoohausterraffen. der sonnigen Spazierwege, der Jausenstationen in den Meiereien wechselt mit jener des zarten Gebirgsfrühlings und der Schneesaison. Er ist, obgleich der Frunde hier, zwei Stunden von Wien, die Schwei; findet, der Wiener Zauberberg. Wo Wien am nächsten, -ist der Semmering am höchsten. Er steht zum Wiener in geradezu familiären Beziehungen, uian braucht ihm den Wiener Mudenten, dem Wiener Lebemann und Lebejüngling, ob er nun Mitglied eines KrastfPorwereinS ist oder nicht, ebensowenig vorzuftellen wie dem Herrn Ministerialrat, der Sonntags von seiner hohen Präsidialkanzlei zum Seurmering herabsteigt. Die Kuriosität des Semmerings, der Zauber dieses je-' 3^5, Roseü-i 2,5, tc 13. Runde. - 1,5. Morgen beginnt die Zauberberges aber liegt nicht nur in der Landschaft, sou- Frahjahrs* Neuheiten vg^SSSSH Mto Schiffmann II. Taborstraße 48 Telenhon 47-1-79 Bw gros En detai guter Talmudift sein kann. Ich werde dir's gleich beweisen, Vater!" Und Feiwel nahm die 'halbfertige Hose aus der Hand seines Vaters und setzte die begonnene Naht fort. Mit verhaltenem Atem, gespannt folgte Nute der Arbeit seines Sohnes. Freudig gerührt, mit Tränen in den klugen umarmte er seinen einzigen Sprößliug und sagte seufzend: „Gerechter Gott, lvelches Schneidertalent hast du mir da geschenkt, was für ein weltberühmter Kunststopper könnte er unter meiner Hand lverden! Warum läßt du ihn in die Ieschiwah gehen? ..." Draußen wurden die schweren Tritte von Sure Mannsbild hörbar. Vater und Sohn stieben auseinander. Nute seufzte noch vor sich hin: „So ein gottbegnadeter Schneider . . ." Und Feiwel schrie, über den Folianten gebeugt, in singendem Lernton: „Zwei ergreifen ein Kleid; dieser sagt: „Die Hälfte gehört mir." Und jener sagt: „Die Hälfte gehört mir..." Sures Gesicht strahlte. Genau ein Jahr nach seiner BarnftMahfeier zog Feiwel in Begleitung seiner Mutter und des Talmudlehrers in die Ieschiwah. Mutter und Lehrer waren schon einige Wochen früher in der kleinen Jeschiwahstadt gewesen, mn der angehenden wissenschaftlichen Leuchte eine gute Aufnahme zu sichern. Als Feiwel kam, wußte schon das ganze Städtchen, daß in seinen Mauern ein Bachur weilt, der schon mehr weiß als der zweite Rabbiner und dazu noch gebildeter fft als der Lehrer der jüdischen Volksschule. Acht Jahre hatte schon Feitvel auf den Jeschüvoth verbracht, und er war bereits in der dvitten Ieschiwah. Es ist ja wahr, es waren lauter kleine Garnisonen jüdischer Geistesrüstung, aber ebenso tzvahr ist es, daß Feiwel in allen feinen Studienplätzen in großem Anseheit stand. Er war inzwischen auch in -des Wortes Physischer Bedeutung zu einer inrpofanten Gestalt herangewachsen und überragte alle seine Kollegen um Kindeslänge. Seine hochgeschossene, magere Gestalt imponierte den frommen Juden, die seine von seinem Vater ererbte Dürre ftir die Folge fvontmeu, asketischen Lebenslvandels hielten, die ihrn von seinen Jngendgespieler^ mit Jakob Dianrant an der Spitze „eingeschossene" Fnrchtsamkcir als tveltfremde Scheu bewunderter! und seine Schweigsamkeit bei- Disputationerr als die Bescheidenheit des überlegenen Weisen auslegteu.; Bei solchen hervorragenden Borziigen ist es kein Wunder, daß Feirvel in seiner dritten Jeschiitoah wohl noch immer keine Lerichte in-ganz Israel, aber ein gesuchter Hauslehrer und von .Heiratsvermittlerinnen stark rmrschwärmtes Geichäftsobjekt war. Als man daher im Judenviertel des Städtchens erstchr, daß der reiche Tuchhändler Mayer Ehrenreich Feiwel als .Hauslehrer zur 18jährigen Frieda nahm, schrnunzelte man sich verständnisinnig zu. „Mir scheint, sagte Rnchel Schadchsuteu mit schlecht verhüllten! Grinnn, „Feitvel «wird von Frieda mehr lernen, wie sie von chm." „Mayer Ehrenreich ist immer nur auf „Mezies", halbgefchenkte Waren, ausgegangen," meinte eine andere. Feiwel hatte die Aufgabe, Frieda Ehreureich im.Hebräischen zu unterrichten und ihr gleichzeitig bei den ^Aufgaben behilflich zu sein, die ihr der christliche Oberlehrer gab, bei dem sie höheren Privatunterricht nahm. Feiwel mußte zum Unterricht -ins Haus kommen, tvährend der Herr Oberlehrer darauf bestand, daß Frieda zur Stunde zu chm komme. Frieda war eines jener nach damaligen Begriffen modernen Judenmädchen, die sich der Judengasse entwachsen fühlten. Ueberreif und verwöhnt, sich ihrer Schönheit bewußt, legte sie ihren ganzen Mädchenstolz darein, den Neid ihrer Altersgenossinnen in der Judengasse zu crivecken, indem sie ihnen von ihren Eroberungen in der vornehmen christlichen. Olcsellschaft erzählte. Der arme, ungelenibr Feiweil litt in den Stundet!, die er mit Frieda allein verbringen mußte, ein furchtbares Martyrium. Das lebhafte, ge- «wandte Mädchen trieb mit ihrn unbarmherzig chr Spiel, machte ihn mit ihren ausgelassenen Fragen erröten und weidete sich an seinen Verlegenheiten, wenn es sich ihm geistig überlegen fühlte, ztanr sie aber znrn ^Oberlehrer, einem jungen, von sich eingenommenen Dandy, dann war wohl von Literatur und ähMchen nicht sehr kurzweiliger! Dingen wenig die Rede, desto mehr aber von Feiwel, den Frieda mit unwiderstehlicher Schalkhaftigkeit kopierte. Und in der Tat, der .Herr Oberlehroe war nicht spröde wie Feiwel... Zu den größeren Feiertagen pflegte Feiwel nach Hause zu fahren. Die Heinratstadt liegt Wohl weit von der Jeschiwaih, aber der Ruhm, den sich Feiwel bereits als Talmndist und Manu von Bildung in der Fremde erworben hatte, ivas bis dahin gedrungen. Die Gerüchte der Judengaffe in der.Jeschiwahstadt, daß der reiche Mayer Chrenreich die Absicht 'hübe, den frommen, hervorragenden Talmudisten als Schwiegersohn ,^inzusetzen", kamen in der .Heimatstadt bereits als beschlossene Berlobun-gsnachricht an. In der Synagoge wurde Feiwel mit allen einenr Gelehrten gebichrenden Ehren ausgezeichnet, und als es bekannt wurde, daß der große Sohn der kleinen Judenstadt am Nachrnittag des ersten Peffachtages einen Empfang veranstalten und eure Deraschat, einen homiletischen Vortrag, halten werde, erachteten es die angesehensten Mitglieder der Gemeinde als ihre Ehrenpflicht, den Gast zu begrüßen. Der Vortrag Festvels hat, das muß der Wahrheit zuliebe ge» sagt tverden, bei den Kennern und Wissenden Lächeln hervorgerttfen, aber es gittg ja um die Ehve der Heimatstadt, wer wird da larhen! Sure Mannsbild, die unausgesetzt vor Glückseligkeit schluchzte, und Nute Schneider, dem das höhnische Lächeln der Gelehrten nicht entgangen war, nahmen würdevoll die Glückwünsche der Erschienenen entgegen. Am ersten Dag Chol ham-oed, Sure saß mit iihre.ni berühmten Sohn in .der guten Stube und ließ"sich toom ihm zum unzähligsten Male von seinen großen Erfolgen und seinen Ehren int Hause des reichen Ehreureich erzählen, kam Nute, bleich und an seinem Keinen» dürren Leib zitternd und übergab «Sure einen- Brief, den ihm der Briefträger soeben übergeben hatte. Sure überflog den Brief, erbleichte gleichfalls und sprach zunächst kein Wort. „Das ist dein Sohn-, Sure; der angesehenste Mann einer Kchillah will ihn glücklich machet«, und ihm die 9474^6 8242