Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2227 (3.5.1925)
- Date
- 1925-05-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SM Wien» Sonntag Wiener Mortenzetturrg. r 11 ——— . . .% SUas vornehme Stekleidmgshaus R. Herz D Söhne I. Nibelungengasse 7 Lieferanten für die Mitglieder des I. Wiener Consumvereines ünd der Rohö, in Damen* und Herrenkleidung Sluch Teilzahlungen t 1 .-^ Gesandter Pfeiffer nach Berlin abgereift. Der deutsche Gesandte in Wien Dr. Pfeiffer ist gestern in dienstlichen Angelegenheiten nach Berlin gereist. _ Sie Barmat-AffSre. Berlin, 2. Mai. (Wvliff.) Me verlautet» erhobt nach hm gegenwärtigen Stande der Untersuchung die Staatsanwaltschaft in der B a r m a t - A f f ä r e gegen die Hauptbeteiligten folgende Anklagen: B a r m a t wird der Beihilfe zur Untreue und der aktiven Bestechung, der frühere Abgeordnete Lange-Högermann der Beihilfe zur Untreue beschuldigt. Diese Delikte beziehen sich auf die Poftkredite. Sesterreich vor dem Völkerbund. Paris, 2. Mai. Das Kontrollkomitee des Völkerbundes hat heute seine Beratungen abgeschlossen. Ein Communique ist nicht ausgegeben worden. Wie verlautet, hat das Kontrollkomitee in seinen beiden Sitzungen den Bericht des Generalkommissärs Doktor Zimmerman über die Ergebnisse, die im österreichischen SanierungSwerk des Völkerbundes seit der letzten Tagung des Kontrollkomitees im September 1924 erreicht worden sind, zur Kenntnis genommen. Die Beschlüsse des Komitees werden der österreichischen Regierung vom Generalkommissär sogleich nach seiner Ankunft in Wien am Dienstag den 5. d. zur Kenntnis gebracht werden. Sämtliche Ministerien in einem Hause. Wie die ChrMichsoziale N-. hrichtenzentrale erfährt, soll die Regierung über Antrag des Evsparungskommissärs beabsichtigen, den zentralen Verwaltungsapparat sämtlicher Ministerien um ein Drittel seines gegenwärtigen Personalstandes zu verringern. Mit der Durchführung dieser Aktion werden die Evfpavungskommissäve der einzelnen Bundesministerien beauftragt. Es tritt hiermit eine Abkehr von der ursprünglichen Absicht zutage, die erforderliche Reduktion des noch immer ungeheuren Berivattungsappavates durch gänzliche Auflassung einzelner Ministerien zu erreichen. Die Maßnahme würde es ferner ermöglichen, sämtlicheMinisterien in einem Hause unterzubringen, was eine weitere Ersparnis bedeuten würde. Lee Jominikanergeneral gestorben. Rom, 2. Mai.Der Dominrkanergemral Theißling ist einem Herzleiden erlegen. Ser Wiederaufbau i« Frankreich. Paris, 2. Mai. (Tel.-Komp.) Nach einer soeben veröffentlichten Statistik des Ministeriums für die befreit e n G e b i e t e hat die franzö'ische Regierung seit dem 1. Jänner 1925 den im Kriege verwüsteten Departements eine Summe von 290 Millionen Franken in bar sowie für 1030 Millionen Franken Obligationen der nationalen Verteidigung zur Verfügung gestellt. Sa« gubalaud a« Nalle«. Rom, 2. Mai. Wie die Blätter melden, ist gestern der Austausch der Ratifikationsurkunden betreffend die Ueb ergabe des Jubalandes an Italien in London erfolgt. Man glaubt, daß die englische Regierung das etwa 100.000 Quadratkilometer große Gebiet binnen wenigen Wochen übergeben werde. Sie Sofioter Attentäter. Der Prozeß vor dem Kriegsgericht. Sofia, 1. Mai. (Bulg. Del.-Ag.) Die Verhandlung gegen die Urheber des Attentats in der Kathedrale >hat heute vor idem Kriegsgericht 'begonnen. Der Zutritt für das Publikum ist beschränkt, doch sind die Vertreter der hiesigen sowie der auAändischen Presse zugelassen, um der Oeffentlichkeit in Bulgarien und im Ausland Gelegenheit zu geben, sich über den Verlauf >des Prozesses zu unterrichten. Auf der Anklagebank befinden sich Fridmann und der Sakristan der Kathedrale Zadgor'sky als Haupttäter und K o o w, Daskalow und Kamburow als Hehler. Der von der Verteidigung gegen das Militärgericht erhobene Kompetenzeinwand wurde vom Gerichtshof zurück ge wiesen. Hierauf gelangte die Anklageschrift zur Verlesung, was den ganzen Vormittag in Anspruch nahm. Nachmittags 'begann die Vernehmung der Angeklagten. Zunächst wurde Zadgorskh vernommen, der eine ausführliche Darstellung gab und sich schuldig bekannte. Dagegen bestritt der sodann einvernommene Fridmann jede Beteiligung und leugnete auch, geheimen kommunistischen Komitees angehört zu haben. Bei dem .darausfolgenden eingehenden Verhör gab Fridmann dilatorische Antworten und versuchte, sich jeder Verantwortung zu entziehen. Hierauf ordnete der Gerichtshof geheime Verhandlung an, um die Beschuldigten darüber zu vernehmen, ob die Beschlüsse der kommunistischen Komitees von ausländischer Seite beeinflußt worden seien. Die Verhandlung wurde sodann auf morgen vertagt. Wieder eine geheime Verhandlung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Sofia, 2. Mai. Am heutigen zweiten Tage der Verhandlung gegen die Urheber des Attentats in der Kathedrale von Sofia wurden zunächst die Angeklagten D a sk a l v w und Tamburow einvernommen, die beschuldigt sind, den Kirchendiener Z l a g o r s k Y bei sich versteckt gehalten zu haben. Die beiden Angeklagten erklärten sich für unschuldig. Sie sprachen lange und eingehend über den Einfluß des Kommunismus auf die Jugend und über das System der Fünferzellen-Organisation. Schließlich beantragte der Verteidiger der beiden, der Gerichtshof möge eine geheime Sitzung anordnen, Meir zu Fuß, spazierten nun zusammen und unterhielten sich über die Schriftauslegung. So erreichten sie die Sabbatgreuze. (Nach jüdischem ReligionSgefetz darf der Jude nur 2000 Doppekschvitte am Sabbat machen.) Ben Abuja blich stehen' und sagte: „Du darfst nicht weiter gehen, Meir, kehre um!" Rabbi Meir antwortete zweideutig!: „Auch du, mein Lehrer, kehre um!" Darauf sagte Ben Abuja:' „Wenn auch Reue dem Sünder die Himmellspfovte öffnet, so gibt .es doch für mich keine Umkehr. Ich hörte einst eine Stimme vom Himmel, die rief: Kehrt um, ihr verirrten Kinder — Acher ausgenommen, denn der kennt meine Herrlichkeit und verleugnet mich doch!" Nach dem Tode Ben Abujas übeöbrachte man Rabbi Meir die Nachricht, aus dem Grabe seines Lehrers stiegen Flammensän'len auf. Eilends begab er sich zur Ruhestätte Bon Abujas, breitete seinen Mantel Wer das Grab und sprach die 'bedeutsamen. Worte: „Ruhe hier in der Nacht, am Morgen wird dich. Gott erlösen, wo nicht, erlöse ich dich!" Die Flamme verschwand. So lebte und endete Faust-Ben Abuja. Letteris hatte also zwei glückliche. Ideen, erstens, Goethes ,-Faust" ins Hebräische zu übersetzen, zweitens einen ,Oen Abuja" zu schreiben. Er vechunzte beide, indem er beide zusammonkoppelte. Er wollte zwei Schätze mit einem Spaten graben und schuf ein Werk, das weder Goethes ,^Faulst" noch Letteris' ,/Ben Abuja" ist. Er hebräisierte zunächst die Namen, dann die Handlung, kürzte, wo es ihm gefiel, und fügte hinzu, was ihm gefiel. Faust wird zum Ben Abuja, Famulus Wagyer zum Ne'horai-Näbbi Meir, Gvetchen nennt er Naomi/ die Walpurgisnacht wird zur Evinnemngsnacht an die Zerstörung Jerusalems, das Fest dev Chvistbescherung. zu einem jüdischen Familienfest umgewandelt. Den Epilog.hat Letteris ganz neu hinzugedichtet, indem er die erwähnte Sage vom Gebet Rabbi Meirs am Grabe seines Lehrers verwendete. So >hat er den ganzen „Faust" in ein ihm fremdes Kostüm gesteckt, das ihn nahezu unkenntlich macht. Trotzdem ist der ,-Ben Abuja" eine der größten literarischen Leistungen in der hebräischen Uebersetzungslitevatur; diese „Faust"-Uebersetzuiig ist ein eigenartiges Werk, das .schon wegen seiner reizvollen Spiegelung der Goethescheu Dichtung in. anderer Zeit und an anderem Ort einen Seltenheitswert bositzt. Feiwel Glückskind?) Die Geschichte eines LebenssMrksnls in drei Abschnitten. , Von Jakob Krausz. Zweiter Abschnitt, in welchem im glücklichen L.ebenslauf Feiwels eine Komplikation eintritt. In jener schönen alten Zeit, in welcher sich das Lebensfchicksal Feiwel Glückskinds abspielte, übte die Jeschiwah noch ihren mächtigen Zauber auf die Judengasse aus. Auf die Jefchiwah gehen bedeutet« für das Kind des Ghettos nicht weniger, wie für den Sproß des Geburts¬ oder Geldadels, in die Kadettenfchnle ausgenommen zu werden oder die Offiziersakademie zu beziehen. Der echte, alte, jüdische Adel wurde auf der Jefchiwah und durch die Jefchiwah gebildet. Und auch der Jeschiwahadel verpflichtete. In dem AugeMick, da Feiwel sich dessen bewußt wurde, daß er in die Jefchiwah müsse, vollzog sich in seinem Wesen eine jedermann merkliche, gründliche Wandlung. Sein Talmudlohrer nreinte, die Schechinah, 'der göttliche Geist, sei in das Herz und das Hirn Feiwels eingezogen, gewissermaßen als Quartiermacher für all das Schöne, Gute und Wissenswerte, das der Talmudjünger nunmehr bis an sein Lebensende zur Verherrlichung der Lehre in sich aufzunehmen berufen ist. Auch Sure Mannsbild ist als Mutter des künftigen Gaons, des hervorragenden Gelehrten, mit einem Schlage eine ganz andere geworden. Sie dämpfte ihre Stimme, wenn sie sprach, zeigte sich seltener an der Seite ihres Mannes, des dürren Nute Schneider, desto häufiger sah man sie mit ihrem Tachschit, ihrem Julvel Feiwel in den Gassen umherstolzieren, von dem sie Wunderdinge an Weisheit, geistiger Ueberlegenheit und frommem Sinn zu erzählen wußte. Feiwel selbst mied von nun ab seine ehemaligen Schulkameraden und die Spielplätze, war nur in Gesellschaft feiner beiden Lehrer, des Talmudlehrers und des Studenten, der zwei Bügeleisen im Feuer, wie Nute sie nannte, zu sehen, die ihre ganz didaktische Kunst und ihren unermeßlichen Vorrat an Geduld erschöpften, um der Schechina die Arbeit im Hirn *) Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 26t April d. I. 3. Mai 1925 Seit« 8 GICHT RHEUnA-ISCHIAS Zum sofortigen Kurgebrauch: Thermia-Palace mit allen Bädern im Hause. Prima Komfort. Für Mittelstand Hotels mit Pension zu Kc 45.—. — Von Wien 4 Stundern direkter Zug. A«sk.:PWan-BureaU,lX.,Alserftr.sr,rel.r<i-8«g8 Daselbst Schlamm für Vorkuren zu Hause da die beiden Angeklagten noch eine wichtige Aussage abzugeben hätten, die sie in öffentlicher Sitzung nicht Vorbringen wollten. Der Präsident stimmte dem Anträge des Verteidigers zu, ordnete aber zunächst noch die Vernehmung des Angeklagten Koew an. Koew gab zu, M i n k o w, der inzwischen erschossen worden ist, in seinem Hause beherbergt zu haben, aber nicht, um ihn zu verbergen. Er beteuerte, daß er die Absicht hatte, MinkowdenBehördenanzuzeigen. Nach der Aussage Koews wurde die Verhandlung für geheim erklärt. Sie Pariser Kommunisten. Paris, 2. Mai. (Del.-Komp.) Die Untersuchung gegen die bei dem letzten Zusammenstoß mit Royalisten verhafteten zwei Kommunisten stcht vor dem Abschluß. Bei den beiden Verhafteten wurden Revolver vorgefunben, aus denen sechs Schüsse abgegeben worden waren. Die Polizei entdeckte ferner, in der Wohnung einer Kommunistin 30.000 Dollar, deren Herkunft aus Mos«- kau unzweifelhaft sestgestellt sein soll. Sine Avlosion in Warschau. Berlin, 2. Mai. (TÄ.-Komp.) Nach einem Warschauer Telegramm des berliner Tageblattes"/erfolgte geistern albends in der Wohnung eines kommunistischen Redakteurs, in der auch ein kommunistischer Abgeordneter wohnt, eine heftige. Explosion, durch die der Redakteur schwer verletzt wurde. Bei der darauffolgenden Hausdurchsuchung w!urde eine größere Menge von Sprengstoffen zur Herstellung von Höllenmaschinen gefunden. Sie kleine Entente gegen die Kommunisten. Ein Schritt in Wien? Belgrad, 2. Mai. (Tel.-Komp.) Wie . in hiesigen po'litt schen Kreisen verlautet, ist ein g e m e i n s a m e r S ch r i t t der Staaten der kleinen Entente bei der österreichischen Regierung in der Frage der angeblichen k o mmunistischen Agitationszeutrale in Wien geplant. Die jugosiawische Regierung plane, bei der österreichischen Regierung einen gesonderten Schritt in der Richtung zu unternehmen, daß'die österreichische Regierung die s u bv e r s i v e Tätigkeit d>er in Wien wohnhaften jugoslawischen Emigranten gegen die Sicherheit der Balkanstaaten. ein für allemal unmöglich mache. des Sohnes von Nute Schneider und Sure Mannsbild zu erleichtern und diesen für die Jefchiwah vorzulbereiten. Den Stndendten ließ Suve noch weiter ins Haus kommen, weil sie im stillen noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, aus Feiwel einen Menschen zu machen, und sollte sich das endgültig unmöglich erweisen, ihn wenigstens zu einem Juden zu erziehen, der „Gott und den Menschen gleich lieb ist". Das hieß so viel,' daß Feiwel ein großer Talmudist und ein großer Phrlisoph werden soll, der gut lernen und schön deutsch sprechen kann. Nute Schneider, der Vater des künftigen Führers in Israel, war von jedem Einfluß auf das Schicksal seines Sohnes ausgeschaltet. Er ließ sein Weib gewähren, schon deshalb, weil sie, seitdem Feiwel von der Mutter Gnaden zum Genie ernannt wurde, sich für alle Enthaltsamkeit im Schreien und Fluchen, die sie sich jetzt in der Gasse auferlegte, zu Hause an Nute zehnfach schadlos hielt und es ihn mit aller Harte fühlen ließ, daß sie aus dem verspotteten dürren Schneiderlein den Vater der'„ausgehenden Sonne im Judentum" gemacht hat. Während er stumm und scheinbar in Demut ergehen an den Hosen der Kunden Stich an Stich fügte, lauerte er auf den günstigen Augenblick, wenn Sure Wdanusbild bei irgend einer Nachbarin das Lob ihres genialen Feiwel sang und mit heiliger Scheu, fast flüsternd» das Wunder erzählte, wie es Plötzlich über ihn gekommen sei und er in der Nacht im Schlaf aufschrie: „Mutter, ich werde ein großer Rabbi sein!" um den Jungen von seinem Buch wegznlocken und mit ihm über die Kunst im Schneiderhandwerk zu sprechen. Dann zeigte er ihrwserne Kunstnähte, die kein Pariser Salonschneider schöner stechen könnte und doch was anderes seien als die stümperhaften groben Stiche von Schlojme Tandler. Und schmeichelnd sagte Nute: „Du hast doch gewiß einen eisernen Verstand, aber ich wett' mit dir, Feiwel, du bringst eine solche Pariser Naht nicht fertig." „Ein Jesch'lwahbocher kann alles, Vater, und mus alles können. Erst heute hat mein Talmudlehrer gesagt: Der Unterschied zwischen einem Talmudisten und einem Schneider ist der, daß ein guter Talmudist sehr oft ein guter Schneider, aber em guter Schneider nur jetten ein