Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2224 (30.4.1925)
- Date
- 1925-04-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Wen, Donnerstag Wiener MoirsenzeitunA. Amery ln Jerusalem. Sie Srklünmgen an die Satin und Araber. Wie die „Wiener Morgen Zeitung" bereits am 23. d. ausführlich berichtete, hat der englische Kolonienmini-ster Ä m ery. der im Flugzeug von Bagdad nach Jerusalem gekommen tvar, am 21. d. Abordnungen der jüdischen und arabischen Kreise empfangen. Die Abordnung des Waad Leumi bestand aus den Herreit Rabbiner Benzion Uziel, Bürgermeister D i s e n g o f f aus «Jaffa, I. Ben-Zwi. Dr. Thon, I. MejuchaS. H. M. Kalwarisky und Dr. El ij aha sch. Von seiten der Jewish Agency schloß sich KoLonel P. K i s ch der Abordnung an. Die Mitglieder der jüdischen Abordnung bedienten sich der hebräischen Sprache; das Vorgetragene wurde dem Minister ins Englische verdolmetscht. Nach einer kurzen Begrüßung durch Rabbiner Uziel wurden dom Minister zwei Denkschriften überreicht. Die eine befaßt sich mit dem noch immer ausstehenden Ä e m e i n deg ese tz, weist auf die Dringlichkeit des Gesetzes hin und schließt mit dem Ersuchen, nunmehr dieses Gesetz mit den vom Waad Leumi gebilligten A m ende m e n t s der Erez-Jfraol- Regievung zu beschließen und zu veröffentlichen. Das zweite Memorandum gibt eine Darstellung der Ansichten des Jischuw über die Politik der Landesregierung, die, nach Ansicht der Denkschrift, nicht ganz im Einklang mit den Bestimmungen des Mandats über Ere; Israel stehen. Besonders sei dies bezüglich der Einwanderung und des Unterrichtes der Fall. Während es keinem Zweifel urnerliege, baß die Einwanderung den Lebensnerv der Kolonisation bilde, da der Einwanderer nicht nur für sich slbst, sondern auch für die anderen Arbeit schaffe, tue die Regierung nichts zur Erleichterung der Einwanderung, sondern e r s ch w e r e sie n o ch. Zur Erhärtung der Beschwerden werden konkrete Fälle von ll n g e r e ch t f e r t i g t e r Z u r n ck w e i s u n g von Verwandten früherer Einwanderer und von ungerechter Behaltdlung von bemittelten Einwanderern angeführt. Artikel 6 des Mandats mache es der Regierung zur Pflicht, eine dichte Siedlurtg der Inden im Lande '»urch Ueberlassnng von Regierungsboden und freien Bodens s\[ fördern, die Regierung jedoch vermocht« ht ihrem ^Rechenschaftsbericht wie ancfi in ihre-rn Antwortschreiben an die Mandatskonunission bloß auf die von den Juden durch,geführten Bode n k ä n s e, aber nicht darauf hiniveisen, daß sie den Juden Boden gegeben hätte. Der Waad Leumi fordere daher, daß den Juden die Möglichkeit gegeben werde, sich auf freiem und aus Regievungsboden auzusiedeln. Bezüglich des Unterrichtes wirb in der Denkschrift die Forderung gestellt, daß auch das iübische Unterricht s w e f e n, gleich den Schulen der anderen Nastsnen, im Verhältnis der Zahl der Juden von der Regierung subventioniert werden mögen. In ftiner Erwiderung führte der Minister aus, die Juden sollten sich vergegenwärtigen, daß die Araber immer das zahlreichere Element in der Bevölkerung Palästinas sein werden. Das jüdische Rat ionalhe i m muß neben einem arabischen R a t i o n a l h e i m be-stöhen und mit diesem zusammenleben. Beide müßten sich zu einer gemeinsamen palästinensischen Nationalität und Patriotismus verstehen. Mit Bezug ans die Forderung der Abordnung, die jüdische Gemeindevrduung schnell zu ratifizieren, sagte Mr. Amery, diese Angelegenheit sei infolge des Regierungswechsels in England verzögert worden, doch könne er eine baldige und positive Erledigung in Aussicht stellen, wenngleich er die Details jetzt nicht erörtern könne. Ueber den Empfang der arabischen Delegation berichtet „Eastern Preß Service": Unrer den Abordnungen, die etwas zu sagen, zu Hagen und zu bitten hatten, erschienen auch 28 arabische Herrert, die Vertreter der mohammeM:iifch-christlichen arabischen Klubs 'oes Landes, vor donr Minister. Ihr Redner El-Furaki beteuerte, daß Palästina wirtschaftlich u n d k n l t ure ll z nr nckg e he und dem Ruin zusteuere, daß die arabische Bevölkerung den Verlust ihrer angestaimmten Rechte im Lande beklage. Arr allem sei die zionistische Politik Englands schuld und die übergroße Einwanderung der Juden. Die I n d e n bauen Mittelrlnp Hochschulen, Lehr- und Erziehnngsanstalten. tvährend für die arabische Volks° bi l düng nichts getan werde. Redner behauptete, daß die britische Regierung seinerzeit dem Exkönig H u s s e i n das Versprechen gab, alle arabischen <8ebttte zu einem arabischen Jntperinm zu vereinen, uub fragt, wie England dieses Versprechen mit der Balfonr - Teklara- 11 o n ttnd den den Jubelt gegeberien Zusagen in Einklang dringen wolle. Minister Amery arilwortete, es freue ihn, die Behauptungen der arabische,t Abordnung betreffend den male-, tteilen und kulturellen Rückgang Palästinas widerlegen zu können. Nicht nur die statistischen Taten, sondern seilte eigenen ttnd die persönlichen Erfahrmtgen anderer führender Politiker Englands beweisen, daß Palästina in den jüngsten zehn Jahren zu großer, stets aufsteigender Blüte gelangt sei, die zu den besten Hoffnungen berechtige. Moderne Straßen durchziehen 'tta* Land, große S il nt p fg e b ie t e wurden und werden noch immer entwässert, zu Wäldern und fruchtbaren Feldern und Mrten llnlgewandelt; Malaria ll n d T r a ch o m a sind erfolgreich bekämpft worden, die modernste rationelle L a n d w i r t s ch a f t, Viehzucht, S e i d e n P r o d u k t i v n gewinnen im Lande immer mehr Raum; die Elektrifizierung und die I n d ll st vi c g r ü n d u ll g e u int Lande mehren den Wohkstan-d. Niemand hindere die arabische Bevölkerung, sich kulturell und wirtschaftlich ebenfalls zu betätigen ttnd an der modernen Entwicklung und Aufbauarbeit den Anteil zu nehnten, der der Majorität und der Schaffenskraft des arabischen Volkes entspreche. Die Inden haben alles ohne die geringste Unter- Unterstiitzung der Regierung aus eigene» Mitteln und Kräften geschaffen, sie bauen Städte mtl> Kolonien; sie bauen auch ihre Schulen und Anstalten ans eigenen Mitteln, «während die Regierung den Arabern in den Städten und Dörfern Schttlen bauen ließ, die leider wenig besucht werden. Ebensowenig berechtigt sei die Bcschtverde wegen der „übergroßen Eintvanderung" der Juden. Laut den statistischen Taten habe die jüdische Bevölkerung in Palästina in den jüngsten -Jahren um 70.000 Seesen, die arabische Bevölkerung des Landes in demselben Zeitraum um 200.0<X) Seelen zugenommen. Die Araber sind die Hcrretl des Bodens, die 'Herren -er arabischen Delegation versichern «bei jeder Gelegenheit, daß das arabische Volk .Kraft und Mittel habe, seine eigene Staatlichkeit anfznbauen und zu erhalten. ' Wer hindert die Araber daran, in der wirtschaftlichen, technischen -und kulturellen Entwicklung Palästinas die führende Rolle zu übernehmen? Gegebene Leistungen würden vor aller Welt überzeugender sprechen als Beschwerden, unrichtige Anklagen und unhaltbare Beschuldigungen. Der Minister betonte, daß die Balfour-D-eklaration in der Chlwchillschetl Interpretation auszufassen sei unb durchgeführt werde. Diese sehe keinen jüdischen Staat in Palästina vor, sondern ein jüdisches nationales Kulturheim. Der Minister zeigte in seiner weiteren Rede die offensichtliche Ansicht, das Wort „Kultnrheml" besonders zu pointiere,t. Mit diesem Dämpfer, den er dem im Mandat vorgesehenen ,/jüdischen nationalen Hein," atlssetzte, wollte er dem Gomüt tier qyabischen Wortführer ein beruhigendes Pflösterchtzn aufkloben. Es nützte ihm aber nichts, auch nicht, daß er beim Abschied den Herren der Abordnung freundschaftlich die Hand reichte. Die Efendis hatten KU wenig SeWstbeherrschung, m ihren Unmut über «die Antwort des KoLmienministers zu verbergen. In der Vorhalle des Empfangssaales standen die arabischen Herren noch ein« Weile wortlos beisammen. Schließlich faßte der Präsident des arabischen Komitees in Jaffa Omar el-Pitqr «seine Krsttt Meinung über den Empfang in folgenden kurzen Worten zusammen: »,Jn al-Dm-din; yehudi ibn Vehudi!" (Verflucht sei der Glaube deines Glaubens, -Jude, Sohn eines Juden!) Die übrigen Herretr bekräftigten dieses me-rßwürdige politische Argument mit einem Kopfnicken «und entfernten sich, um manche Hoffnung ärmer und manche Erfahrung reicher. Sir Gilbert Claytons. R. Jerusalem, AI. Llpril. Anläßlich der Abreise Sir Gilbert E l a Y t o n s qu's PälDiua, der hon seinem Posten als erster Sekretär der palästinensischen Regierung z u r ü ck t r i t t, veranstaltete der M e n o r a H-K l,l «b, der aus ehemaligen Mitgliedern der jüdischen L e g i o n zusammengesetzt ist, einen Abschiedsabend. In seiner Begrüßungsanspracho führte der Vovsitzende Kolonel Kisch ans, daß Sir Gilbert Glayton vor zwei Jahren an der (Gründungsfeier des M teitgeuonMen und ihm dauernd ein reges Interesse entgegengebracht hat. Die Mitglieder ds's MenorahMM fühlten sich Sir Gilbert Elayton kameradschaftlich verbunden; sie wüßten, welche Mühe Sir Gilbert sich gegeben hätte, um dem Lande die gute Entwicklung zu geben, deren es sich erfreue. Kolonel Kisch schloß mit der Persichsrung. daß Sir Grl'bert Elahton immer aus die Mitar«beit de's jüdischen Volkes zählen könne, „sollte ihn die Zukunft so oder so wieder in Verbindung mit Palästina bringe n." In seiner Antwort führte Sir Gilbert Elayton ans, daß er sich immer bemüht habe, allen Bevölkerungselemenwn die gleichen E Han een zu geben. Er tväre gewiß, daß die Inden, tmnn ihnen gleick-e Ehaneen geboten jverden, sich sehr schnell durchsetzen würden, und das sei das höchste Kvnrplimerlt, das man ihnen zollen könne. Seit 1017 ^hätten die Juden beträchtliche 30. April 1926 Nr. 8S&4 Fortschritte im Lande gemacht und Erden zweifeb los auch in den nächsten sechs bis sieben Jahren Wetter gut Vorrvärts schreiten, wenn sie zielbewußt ihren Weg verfolgten. B e n - Z w i, der für di« ehemaligen Legionäre sprach wies darauf hin, daß den Angehörigen des jüdischen Bataillons immer noch kein Land zur AnstcAung zur Verstigung gestellt worden sei. Ne Vorlage über die jüdische Autonomie in Lettland zurückgezogen. Riga, 28. April. (I. T. 21.) Seit einigen MmratLü stelst das Projekt der jüdischetl 2lutonomie in Lettland, das sich auf die internationalen Minderheitsvorschriften stützt, ans der Tagesordnung des lettländischen Sejm. Die leitlandi'schen Rechtsparteien sowie Organisationen von Lehrern, Beamten und Jntell«ktuelle.ll liefen Sturnr gegen das Projekt, welches sie als die Gesetzge«bung eines „Staates im Staate" bezeichneten. Die öffentlich-rechtliche Sejmkontmission wurde mit Warnungen und Drohungen überschüttet. Jetzt, da die Legislaturperiode des jetzigen Sejnr zu Ende gchr, war es technisch numöglich, das Projekt vor das Plenum zu bringen; infolgedessen entschlossen sich die jüdischen Deputierten aus Anraten der Sejmkommission, das Gesetz z n r ü ck z u z i e h e n. Die Deputierten gingen« von der 2lnnahme aus, daß der gegenwärtige Sejm, der soeben das Bürgevschaftsgesetz abgelehnt hat, auch das Lllltonomieprojekt zu Fall gebracht hätte. Das Projekt wi/ also erst von dem kiinftigen Sejm behandelt «werden. Sine Sesmrede de» Abg. Sr. Reich. Warschau, 28. Llpril. (I. T. 21.) Im Rahmen der großen Budgetdebatte im polnischen Sejnr ergriff der Präsident des Indischen Parla-mentsklubs Dr. Leon Reich das Wort. Er führte aus, die wirtschaftliche Krisis wird nur daun überwunden «werden, ivenu alle Schichten der Bevölkerung zur Mitarbeit anr Staate herangezogen werden. Die Politik des Ministerpräisidenten Grabski ist jedoch extrem nationalistisch nnd arbeitet insbesondere gegen das jüdische Element. Der Redner brachte viele ' Fälle zur Sprache, die seine Behatlptnngen eindrucksvoll .dentonstrierten. In der Politik gege,n «die Minderheiten, sagte der Redner, herrsche ein unentwirrbares Ehgos. Der Arche um ittister SkrzynSki «bevollmächtigte den -Jerusalemer Konsul, die hebräische Universität zu begrüßen, dem Inland gegenüber tzententiert er jedoch seinen Kontakt «mit jüdischen Persönlichkeiten des Auslandes, wie Lu eien Wolf, und «der Innenminister R a t a j s k i verbietet es, daß in jüdischen Versammlungen jüdisch gesprochen wird. 2luf «tuen Zwischenruf voll rechts, «daß das Verbot Ratajskis gerecht sei, erwiderte Reich, es sei ebenso gerecht, wie das seinerzeitige Verbot der polnischen Sprache durch die deutschen H a k a t i st e n in Posen. Darauf entstand ein großer T «u «mult. Der Redner schloß mit der Erklärung, die jüdlschen Deputierten werden für ein «Mißtrauensvotum stimuten. Rockeseller duldet keine Sdnagoge in seiner Rüde. Aus Cleve land meldet I. T. A.: Die B'ne i Jeschnrunkongregatiou erwarb ein Grundstück in der Mhe des Palai's des Mlliardärs John D. R o ck csollen, um darauf eine Synagoge zu erbauen. Tie christlichen P e w o h n e x von Eitel ch Heights ivchrten sich dagegen, daß in ihrent Distrikt eine Synagoge erbaut werde. John D. Rockefeller führte deswegen Verhandlungen mit «denr Präsidenten der Kongregatiott M. R u b in. die «damit endigten, daß Rockefeller d«er Kongregation einetr Betrag von 476.000 Dollar sowie einetr netten Bauplatz in einem anderen Stadtviertel zur Verfüg«lmg stellt, damit die Synagoge in Euelid Heights nicht erbaut wird. Mit deut Milt «des neuen Teinpels wurde bereits «begonnett. Wie der I. T. 21. mitgeteilt wird, sind die übrigen jüdischen Bewohlter voll Euklid Heights mit der Abmachtmg unzufrieden, sie setzen ihren Stolz darein, daß eine jüdische Synagoge just in diesem Viertel erbaut toird. Es wird beabsichtigt, dort eine Synagoge für das jüdische Altersheim, das sich in dieser Gegend befindet, zu errichten- Bamzak verurteilt. Budapest, 29. April. (Tel.-Komp.) Der Chefredakteitr der „Repszava", Abgeordneter Johann B a n c z a k, hatte sich heute vor dem Töreky-Senat des Strafgerichtes wegen des Verbrechens der Schmähung des ungarischen Staates und der ungarischen Nation zu verantworten. Vauczak soll dieses Delikt dadurch begangen habetl, daß er sich in einenl Artikel des sozialdemokratischen Parteiblattes mit der Massen answanderung ungarischer Arbeiter nach dem Ruhrgebiet befaßte und schrieb, daß diese Erscheinung der mangelnden Fürsorge der ungarischen Beliördeii für die 2lrbeiterklasse sowie der Bedrückung des Proletariats in Ungarn zuznschreiben sei. Nach einer ungemein heftigen Anklagerede des Staatsanwalts gegen den angeklagten Abgeordneten, dessen Immunität von der Nationalversammlung in diesem Fall aufgehobeii worden war, verurteilte der Töreky-Senat Johanti Vanczak ivegen des Verbrechens der Schmähtlng des ungarischen Staates und dev Nation zu einem Monat Gefängnis, fünf Arillioneit Kronen Geldstrafe, 3 Jahreil?lmtöverlust soivie zun» dreijährigen Verlust aller politischen Rechte. Ter verttrleilie Llbgeordnete legte gegell das Urteil Berufuiig ein. Auch der Staatsanwalt appellierte Wege« der Milde des Urteils.