Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2222 (28.4.1925)
- Date
- 1925-04-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Mi 9 Wie». M99 Reichskanzlers Marx, D-r. jur. V erk 0 nv, aus LudwigShafen, als er sich zu seinem Onkel begeben wollte, verhaftet. Seine Freilassung erfolgte erst später, nachdem Marx nach Beuron abgereist war. Da verschiedene hiesige Blätter gegen diese Verhaftung als grundlos protestierten, wird von amtlicher Seite »nitgeteilt, daß Doktor Berkony in Polizeigewahrsam genommen wurde, da nach seinem ganzen Gebühren zu befürchten gewesen sei, daß er Marx b e l ä st i g e n würde. Tr. Varkony soll zur Zeit der Separatistenbcwegung eine bedenkliche Rolle gespielt haben. Die Ententepresse. London, 27. April. Wolfs.) „Daily Chrvniole" schreibt Än Leitartikel, es fei unmöglich, den Ern st d e r Nachricht, daß Hindenburg zum Präsidenten der Republik gewählt worden sei, zu verkennen. Wir sagen nicht, sagt das Glatt, daß Hmdünkmrg -selbst die gefährlichen Ansichten teilt, die von seinen -nationalistischen Anhängern gehegt werden, ckber die Wahl bekundet die Ungeduld mit einer Regierung, die mit dem französischen Ruhreinbruch zu tun hatte und mit den Alliierten über den Dawe's-Plan verhandelt hak. Die U n- Zufriedenheit, die in diesem Wahlergebnis zum Ausdruck gebracht wird, -nnrtz notwendigerweiise sogar in den Augen von Engländern als ein Symptom dafür erscheinen, daß keine Steigung besteht, auf dam Wege der Versöhnung und des guten Willens weiter zu. gehen. Den Franzosen -wird, wie wir fürchten, die Wahl vielleicht <htnoch unheilvollerem Lichte erscheinen. Aber es ist -wesentlich, daß die Alliierte« der Lage ruhig gegvnübettveten. Die Wahl dieses KriegSmannes ittog wie eine Beleidigung aussthon, aber sie ist kein Bruch des Friedensvertrages. Sie enthüllt die Stimmung de's deutschen Gharakters, die hoffentlich vorübergehend ist. Wir nrißtrauon ihr, aber es ist unsere Ausgabe, Deutschland nicht nach seinen Stimmungen, sondern nach seinen Handlungen zu beurteilen, und solange es fortfahrt, .seine Verpflichtungen in> Loyalität zu erfüllen, sollten wir uns übereilter Schritte oder schlecht erwogener Kritik enthielten. Paris, 27. April. Au der Wahl Hindenbuvgs schreibt der ,Meimps", der Sieg Hindenburgs bedeute mehr, als diejenigen sich Vovstellien, die glauben, daß man mit diplomatischen Kompromissen alles regeln könne. Diese Wahl seir das Anzeichen eine's baldigen »Zusammensturzes des republikanischen Systems -jenseits des Rheins und ein deutliches Zeichen für hie Rückkehr der Hohenzollern. Der Sieg Hindenburgs enthalte ferner den Ausdruck der Verachtung gegen jede.Politik der Zusammenarbeit und er drücke den Karen Willen -aus, den Versailler Vertrag zu revidieren, wenn nicht zu zerreißen. Er -bedeute eine Herausforderung an alle Fviedenskväfte und gegen alle Versuche, Europa aus der Grundlage der Sicherheit aller Völker wiedevherzustellen. iFmmevhrn habe die Wahl HindenburA das Gute, daß lsie allen denen die Augen öffnete, die zu leicht an das Wunder einer deutschen Demokratie glaubten. Bevor man sich über die Bedeutung des WahlreMats völlig klar fei, müsse man die politischen Auswirkungen in England und Amerika abwarten. Frankreich werde in.Zukunft bei der Behandlung der Frredensproblvme diesen Sieg der deutschen Reattion in Rechnung stellen müssen. Der liMradikäle ,Paris Soir" vergleicht -die Präsidentschaft -.Hindenburgs mit der Mae Mahous und erinnert daran, -daß unter dev Präsidentischaft des französischen Marschalls der Kamps für di e Fre ih e i t fortging, in dem schließlich die französische RePublÄ siegreich blieb. ,^Journal des Debets" schreibt: Der Geist der Verblendung hat in Deutschland die Oberhand gewonnen. Qbwdh'l Hindenburg sich einen,Pazifisten nennt, ist er doch nach wie vor der treue Diener des Kaisers unb int übrigen werden andere unter seinem Namen, -der ein Symbol darstellt, regieren. Die Alliierten müssen aus der Hut sein und ihre Politik in Einklang bringen. „Fntransigeant" meint, die Wahl Hindenburgs habe zumindest das Verdienst . der Aufrichtigkeit. Was aber tvürde die Haltung .Hindenburgs lbezüglich der Sicherheit und der Abrüstung sein? Das „Journal" erklärt zur Wahl Hindenburgs in seinem Leitartikel, daß diese Wahl den Sieg des preußischen Militarismus bedeutet. Das Programm HindeMtrgs umfasie di« Wiederherstellung der Monarchie im Innern und nach außen hin die Wiederevoberung von Elsaß-Lothringen und der an Polen abgetretenen Provinzen, ferner die Sa- «botage des Dawes-Planes und den Kampf gegen den Völkerbund. Mit Hindenburg werde das große Hauptquartier wieder in der Wilhelmsstraße eingerichtet. Die ,-Actton Francaist" bezeichnet beu Sieg Hindenburgs vor allem als einen Belveis für die endgültige Abkehr Deutschlands vom Sozialismus. Deutschland habe die Krankheit, deren erste Symptome sich in Frankreich erst ankündigten, heute bereits endgültig übevwuvden. Es sei -wahrhaft wieder aufgerichtet. Es frage sich nur, wie lange es noch dauern werde, bis auch Fraickreich diefm Punkt erreicht haben werde- _Wiener MoksiMzesfunft.^ Das „Oeuvre^ erklärt, man dürfe nach dem Siege Hindenburgs »»ich» gleich in den fch»vär;esten Pessimismus verfallen. Hindenburg C'c ln* styt . die monarchistische Ueberzeugung versteckt gehalten, »venu aber diese Ueberzeugung in Deutschland keinem Widerstand begegnen würde, werde cs Hindenbnrg nicht mehr für notwendig erachten, seine monarchistische Auffassung geheim zu halten. Die „Ere Nouvelle" schreibt, daß die Wahl Hindenburgs ernste Folgen haben könnte. Die pazifistischen Erklärungen -es Feldmarschalls dürftn lei ne Illusionen erwecken. Es werde notwendig sein, der deutschen Republik nach der Niederlage etwas m e h r Ä u t 0 r i t ä t und Pr e st i g e zu verleihen. Während der letzten vier Jahre jedoch habe man all« Anstrengungen Deutschlands, die Demokratie zu verwirklichen, verspottet und lächerlich gemacht. . Die ,Hu.mattrte" komnrt zu dem Schluß, daß die Republik in Deutschland noch nicht gefährdet sei. Man könnte zunächst mit einem Großteil der Anhiiger Marx für die Verteidigung der Republik rechnen, vor allem aber mit den deutschen Arbeitermassen. Diese hätten schon einmal der monarchistischen Reaktion beim K a p p-Putsch einen Riegel vorgeschoben. Mailand, 27. April. Die „Sera" (faszistisch) schreibt: Das Wahlergebnis, das den alten Führer der kaiserlichen Heere an -die Spitze der-Republik rief, wird von der öffentlichen Meinung Italien» gewiß nicht mit Begeisterung ausgenommen werden. Die Rechtsfchwenkm»g, die darin zum Ausdruck komimt, und die nicht nur eine Verstärkung der nationalen Tendenzen, sondern auch ein Wiederauftauchen der Revonchogelüste an-- zoigt, wird die internationalen Beziehungen beunruhigen und das Mißtrauen' wvchhalten. New-Aork, 27. April. (Wolfs.) Zur Wahl Hindenburgs schreibt ,-Her<M> Tribüne": Der Ausgang der Wahl bedeute eine Herausforderung der RepMik und das BÄenntnis ju einer Politik, die sich gegen die Erfüllung der Verträge wende. ,-Now-2)ork Dimes" sagen: Wenn die Amerikaner sich von ihrem ersten Erstaunen erholt hätten, sollten sic stch die Frage vorlegen, ob sie selbst sich rriemals an einer militärischen Persönlichkeit begeistert hätten. Es sei zwar müßig, weitgehende Befürchtungen zu 'hegen-, doch könne nicht verheimlicht werden, daß Deutschland sich entschlösset: -habe, einen sehr gefährlichen Weg zu bes ch v e,t t e n.,, Pon. .neuem... iverde das deutsche.Volk den Kanrpf) aufnohmen.müssen, um der Welt Vertrauen ui bi« nette O>r,dmUM eiuzrrflößen und sie davon zu überzeugen, daß,man.stch.auf.dLutfche. Bersprechungen.verlassen könne. „Chicago Tribüne" erklärt, bisher hättet: die Alliierten unter Frankreichs Führung die Spielregeln gegenüber Deutschland bestimmt, jetzt gehe auch Deutschland daran, seinerseits einige Regeln cmfzustelletr. „Boston Heräld" sagt, Hindenburg sei der Vertreter des Imperialismus. „Baltimore Sun" schreibt, die Wahl Hirrdenburgs sei der s chwer ste S chlag gölvesen, -den die repttblikanische Idee in Deutschland erhalte»: 'habe. Pajsie über die Wahl. Belgrad, 27. April. (Tel.-Komp.) Ministevprejsident Pa si c erklärte heute in einer Sitzung der radikalen Partei, durch die, Wahl. Hindenburgs zum deutschen Reichspräsidenten sei für ganz Europa eine ernste internationale Lage geschaffen worden. Die Auffassung in den mtetnuttumnie» FirmnzPreisen. An der Wiener Börse wurde gestern der Abgang der -dnttscher: PrÄstdentenwahl.sehr lebhaft besprochen. Die Wahl Hntdenburgs wurde durchwegs als n n grinst iges Symptom ftir die deutsche Wirtschaft ausgenommen. Es ivu-rde darin ein rreuerlicher Bvlve-i's für den Mangel -der Konsolidierung der europäischen Verhältnisse int allgemeinen und der wirtschaftlichet: im ^besonderen angesthen. Es wurden-daraus Befürchtungen für die Weiterentwicklung der Wirtschaft abgeleitet. Daraus resultierte auch die durchtvegs gedrückte Stimmung, mit der die Wiener Börse die Wahl beankNwrtcte. Allerdings wollte sü in dieser Hinsicht auch die Älnsicht der anderen Börsen erfahren'. Es fanden infolgedessen ^vähremd >des ganzen Vvvnrittags »:nuuterbrochr,r mit den auMtldischen Plätzen tele-phonische Besprechungen statt. Die Stachrichten, die einliefen, 'lauteten nicht derart, daß sie die ^Haltung der Wiener Borst ingendtvie hätten n>mändern können.' ' Aus Berlin, wo sich die Börse ursprünglich rostroiert verhielt, li-rfeu in den ersten Stundett Nachrichten eit:, »vÄche vemttuten ließen, daß sich der Berliner Platz in seiner Auffassung u n s i ch e-r fühle mtb. das Urteil Londons und Nelv-Aorks äbwavte. Um 12 Uhr nrittags tattteten aber auch die Meldungen aus Berlin sehr pe ssi mistisch. Gleichzeitig kamen auch aus Deutschland eine Reihe von B e r ka ufsau f t r ä g e u auf an -der Wiemr Börse gehandelte Werte. Dies ließ darauf schließen, daß der Pessimism n s in de n deutsche n Finanzkre ise ndie Oberhand gewonnen habe. In Deutschland wird -befürchtet, -daß unter dom Eindruck der Wahl tiamentlich Amerika seine zahlreichen turzftistige» Darlchw. welche«» m )m Wm Zch in W. April 102.1 Nr. 2222 der deutsche»: Wirtschasc z»»r Verfügung gestellt chrtte, nunmehr in übereilter Weise zurückzieben rverde. Es «dürfte sich infolgevessen in a.'schbiircr (seit ein e m p fi n d l icher e l dm a n g e l i n D e u t s ch! 0 n d fühllxir machen, was zweifellos die deutsche Industrie sehr ungünstig beeiuslusstn konnte. Es wird in Berlin als nichi ausgcschlosse»» angesehen, daß die delltsche Finartz unter diesen Urnständen wieder z»t Maßnahnwn grcistn könnte, die die Gest a I t.u u g der deutschen Währung ungünstig y? beeinflussen imstande tväre. Englische Nachrichten, die gestern direkt »»ach Wien gelangt sind, -lasse»», crlo»»»»eu, daß England mit eitler gewisse»» Schadenfreude die Wahl Hindenburgs beobachte, zumal aus de»: eventuellen Verwicklungen. nrelche «daraus zwischen Frankreich u«nd Deutschland entstehen könnten, die Wirtschaft Englands nur profitieren würde. Beim Z»»sammen'pralle»t der ftanzösischen mit der deutschen Wirtschaft wäre die englische Wirtschaft imstande, ihre Krise viel rascher zu überüvinden. . Interessant ist, daß auch in vereinzelten Wiener Wirtschastskreisen ,der Ansicht Aus- «druck gegeben wltrde, daß durch die Mahl Hilldc»i!üuras und die dadurch bewirkte ungünstige Beeinflussung der deutsche»» Wirtschaft die österreichische Wirtschaft nur profitieren külmte, da sie nunmehr mit der geschwächten deutschen Konkurrenz zu tun haben wird. Prag hat die Siktation ebenfalls pessimistisch aufgefaßt. Währerrd in «den ersten Bovm»ttagsst-»tnden sich die Prager Börse anschtckte, ein festes Gepräge aufznwois-en, änderte sie sofort nach dem Einlaitgen der Berichte über den »tugürlistigen Eindruck der Wahl Hindon.b»tvgs ihre Tertdenz und verf-laute entschieden. Eine Reihe von Werten wies stärkere Kursabbröckelungen auf. Aus allen Berichten ftmn ersehen werden, daß der Sieg des von der deutschen Schwerindustrie gefö»ide.rten^ Hinde»öb»»rg auf den internationalen Finanzmärkten ge--, rade die e n tge geugese tzte Wirkung gezeigt hat, »veil daraus zumindest sehr große Schwierigkeitelr für bir deutsche Wirtschaft evlvartet -werden. Radik von seiner Partei desavouiert. Zagreb, 27. April. (Del.-Kmnp.) Güstern hielt hier der Hauptattsschrtß der Radic-Partei mit den Dertretungen der einzelnen Organisationen der Partei eine gemeinsame Sitzung ab. Die Bersamntlung!beschloß eine Resolution, in dev die Dynastie Karageorgevic «und das Königreich der -Leoben, Kroate»: und Slovencn in seiner gegettkvärtigon Form anerkannt, die Tätigkeit StjePan Radick, die zm»r Ei-ntvitt der Partei in. die Moskauer Bauern'« internatio»:ale führen sollte, abgelehnt mtd die bekannte Rüde Paul Radic' in der Skupschtina g»tigeheiße»l wird. _ -ar englische Unterhaus. London, 27. Llpvil. (W-olff.) Morgen tritt das Par- Iarner»t wieder zrrsammen. Schatzkanzler Mnsten Churchill wird nachrmllags seinen Budgetplan vorlcgen. Heute ftndet ein KabinettSrat statt, in welchem ^der Schatz kan zier voraussichMch eine kurze aicBeifrck* über diesen Budgetplan geben wird. Da» Mrgerschaftsgesetz in LetUanv. Keine Rechte für die Staatenlosen. Riga, 25. April. (I. T. A.) Der lvettlandische Sejm hat am 21. d, den von den jüdischen Deputierte-n unter. stützten Gefctzesantrag. das Bürgerrecht allen denen zu ge. »rxihrer», die am 1. Aug»»ist 1914 chren dauernde»: Austnt. -halt in Lettland 'hatttn, mit 46 gegen 40 Stimme-»: abge^ lehnt. , Der jüdische Rabbiner M.' Nurok wres in eine: gvoßetv R-ode'da-wtif h»»», baß fast alle Staaten -de»: iGrtmdsatz n»»ge»»ol»»>»»:e»: habe»:, daß diejenigen, die seit de»»< 1. A»»g»:st 1914 in: Lande wohnen. Bürger des betreffen^ den Landes feie»:. Lettland bildet in dieser Bezichung «in« boda»:erliche AtrSnahmr, inde»»: hier ein zwanzigjähr^l MtstnihÄt im Lande als Bedingung für die Ai»!fnäh»ne h den Staat gemacht wird. Wie kö»:»:en diejenigen Juden, d« seit Jahrzehnten it: Lettla»:d wohnen, aber im Ivhre 1916 durch die .r»:ssische Heeresmacht zwangsl w eise e 0 a k u i e r t »vorden sind, «ine glva»:ziMährigi ANlvesertheit nachwerst»»? Die lettläiidischeu bürgerlicher Partei«»: »vollen gerade aus diestl,: jüdischLn Nllglüö Kapital sthlage:: «und Bürger etllrechten, die seit n:chrere»i Iahrze-hllte»» in Lettland wohnen. «Es ist tticht wahr, das es sich um eiuc Biertelntillio»: neue Bürger lharr-del» würde; laut konunissarischer Füstistelltt-ng existiere»: iu Lande im ganzer» 18.000 sogemitnte Staatenlose.; M:ch der jüdische Deputierte Dr. Meis-el Dund und der Teplrt-ierte La sers o n wiesen die Ungerechtigkeit u»»d die Absurdität des bisher geltonden Einbürge< rungcgesttzeS »»ach, Diejenige»: Jude»:, die man jetzt enb rechter: will. >habcn zun» Teil in vorderster Reihe für Lettz lands Freiheit gekämpft. Mch einer Rede des jüdischel Dep»»-tierte.n Dubin schritt um»: zur Abstimmung, wodri -der neue Gesttze»»tw»:rs mit drei Stimmen Meh«- heit abgelehnt wurde. Sie Witwe Sol« seftorbeu. Pari-, 37. AM. <Tvl.-KmnP.) Die W-it-ioe E»»ile I 0 l aj P heute im «Mer von 86 Jahren zesiorbe,».