Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2220 (26.4.1925)
- Date
- 1925-04-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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* * Nette 9 . Wien. Sonnlag rGUMMISCHUHEn Spielballe, Gummimäntel und Gummiwaren aller Art zu Fabrikspreisen! SPIRMANN & HOROWITZ Wien, II. Bcz., Taborstrasse Nr. 11 b — Telephon Nr. 47-0-86 Ae Geschöstspatrioten. —y. SB I c n, 26. April. Eine Reihe guter Abstimmungen in der Kammer kann die Regierung Painleves bereits'für sich buchen. Caillaux, die schwache Stelle dieses Kabinetts, hat nicht die angekündigten Stürme übersteheu müssen. Die Kammer hat sich vertagt, die angeforderten Budgetzwölftel sind bewilligt worden. Im Senat ist die Vorlage ohne Zwischenfall an die Kommission gewiesen worden. Diese äußeren Umstände können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Krise fortdauert. Sie ist schleichend geworden, da ein ernster Versuch, sie aufzuklären, nicht gemacht worden ist. Das neue Kabinett hat in den Hauptpunkten das Programm des gestürzten. Eine sachliche Aenderung ist nicht erfolgt und die Gründe, über die Herriot fiel, bestehen weiter. Auch in der Außenpolitik sind die Linien Herriots beibehalten worden und nach wie vor besteht Frankreich aus der Bindung zwischen Sicherheit, Abrüstung und Schiedsgericht. * Davon hätte freilich auch eine Regierung Millerands nichts geopfert. Denn die Tendenzen, aus denen diese Forderung entsteht, das Mißtrauen gegen die zweideutigen Vorschläge Deutschlands, ist nicht abgeschwächt, sondern in den letzten Tagen in: Zusammenhang mit der Kandidatur Hindcnburgs verstärkt worden. Es ist kaum ein Zweifel, daß die Front, die den Demokraten Herriot besiegte, der Rechtsorientierung Deutschlartds mit Sympathie ' gegenüber steht. Die Schwerindustrie, die in Deutschland die politische Macht besitzt, will sie auch in Frankreich an sich bringen, um sich dieses Land so untertänig zu machen, wie sie Deutschland unterjocht hat. Werden ihre Führer dann finden, daß der Krieg ein schlechtes Geschäft ist, so werden sie Frieden halten. Aber nur in diesem Falle. Und der Patriotismus bleibt als gut verwendbares Werkzeug in Vorbereitung. Die Widerstande gegen Briand werden trotz seiner Geschmeidigkeit bald wieder austeben und sie werden sich ihr Thema aus Deutschland holen können. * Die Aufstellung Hardenburgs, mehr noch die Agitation für ihn und ihre Einzelheiten, haben wieder die weltpolitische Situation auf den Kopf gestellt. Frankreich hat die Einbeziehung Deutschlands in den Völkerbund gefordert, ja es hat sie sogar zur Vorbedingung für einen-Sicherheitspakt gemacht. Dieses Konzept ist jetzt durchlöchert woHen. Liest man die Reden Hindenburgs und die Kommentare der deutschen Pogrompresse, so muß man zu der Ansicht kommen, daß man in Deutschland' enttvä>er die Welt für verrückt hält oder selbst Maß und Ziel verloren hat. Hindenburg anerkennt die Republik, den Vertrag von Versailles und die Dawes-Kontrolle. Seine Parteien, die sich Reichsblock nennen, erwarten von seiner Wahl einen vollkommenen Systemwechsel und kündigen den Hinauswurf Stresemans und seiner Politik an. Wer redet da die Wahrheit? Daß Hindenburg die politischen Zusammcn.hänge nicht einmal ahnt, ist heute schon evident. Er spricht nur das, was man ihm aufschreibt. Wozu zwingt man den alten Mann zur Lüge? Es muß doch auch den Tirpitz und Westarp bewußt sein, daß das Ausland die Vorgänge in Deutschland mit kritischem, aber doch richtigem Urteil begleitet. Der Be.-, geisterungsrummel, der in Berlin und in allen großen Städten die Massen auf die Straßen ruft und dessen Fortschritt durch Revolverschüsse markiert wird, kann außerhalb Deutschlands niemanden täuschen. Die Kriegspartei, die Partei der uferlosen Reaktion, des inneren Hasses und der Großmäuligkeit verfügt über einen außerordentlich starken Anhang. Wie immer die Wahl enden möge, die Symptome dieser Kampagne werden kaum so bald zu tilgen sein. Die deutschen Nationalisten sind klug genug, von Krieg und Revanche bloß zu schwätzen. Sie wissen, daß im Ernstfall überhaupt niemand Sehnsucht nach dem Kalbfell und der Schellenbaummusik verspüren würde. Aber sic wirken auf die Phantasie ihrer Freunde in Frankreich und das ist das Arge, das sich nicht so leicht bekämpfen läßt. * Es ist aber von Vorteil, daß sich diese Entwicklung rasch abrollt. Wird Hindenburg gewählt, so werden seine Vorgesetzten sehr bald die Grenzen des Realen erkennen. Sie werden alles hinnehmen und bewilligen, weil ja Deutschlarck nicht mehr nach Berlin, sondern nach Paris und London Kuständig ist. Dort herrscht denn doch heute bereits eine andere Stimmung. Für Frankreich und England bestehen andere Sorgen, die sich um den Orient herum kristallisieren und Deutschland als eine sekundäre Angelegenheit erscheinen lasten. Deutschland hat sich degradiert und die Frage Marr' oder Hindenburg hat im Wesen nur utehr innerpolitische Bedeutung. Nach außen wirkt sie eben nur auf die französischen Schreier, die einem Minister Schwierigkeiten machen wollen. Hier wie dort ist es nur Geschäfts- Patriotismus. i ' Mener Morftenzekkunst._ ' 86. April 1925_Nr. SBflO Me Unruhen in Bulgarien. ~ Große Brände in Plenum. Sofia, 25. April. (Bulg. Tel.-Ag.) Wie aus P l c w u a gemeldet wird sind das dortige städtische Theater und die städtische Bibliothek, eine der größten Bibliotheken Bulgariens, einem .Brande zum Opfer gefalle«. Die sofort angestellte Untersuchung hat ergeben, daß das Feuer durch agrarkommunistische Brandstifter gelegt worden ivar. Sie hatten auch Bombe« gelegt, deren Explosion jedoch keine Wirkung hatte. Opfer an Menschenleben sind nicht zu beklagen. Die Behörden .sind Kassabow, einem Mithelfer der Sofioter Verschwörer, auf die 'Spur gekommen. Da er bewaffneten Widerstand leistete, wurde er im verlaufe eines Feuerkampfes getötet. Der der Agra viertel ««gehörige Abgeordnete Welitt o w, .der in die Attentatsaffäre verwickelt ist, hat mit eiui.zeu Komplicen die Flucht ins Ausland ergriffen. Der bei dem Attentat in der Kathedrale schwer verletzte Oberst Neikow ist seinen Verletzungen erlegen. Neitow ivar ein sehr bekannter Militärschriftsteller ««fr. «Sachverständiger der- Der Weltbalkan. Kä. SB i t n, 26. April. Aus Indien > kommen in jüngster Zeit Nachrichten, ' dahinlautend, daß die englische Regierung das indische Parlament auf Grund einer Verständigung mit den nationalistischen Führern auflösen und. Neuwahlen ausschreiben ’ llverde. Die Mitteilung hat ton Zusammenhang mit anderen Nachrichten aus verschiedenen Teilen Asiens und Afrikas, und 'besonders in VevbinduM mit der Meldung von einen: baldigen Zusammeutrttte eines p a n a s i a t i s ch e n Kongresses, eine große Bedeutung. Besonders für die Juden -wächst nach der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem, — der ersten Etappe ans dem Wege zur Schaffung eines pa-läst'inensisch-en Kultmozentruims — die Wichtigkeit der asiatischen und afrikanischen Probleme sowie .insbesonder auch die Bedeutung der Fragen der Gestaltung des Verhältnisses zwischen Aster: uud Europa Einerseits r:nd Amerika andererseits. Sowie die Stellung der Inder: in: europäischen Völkevkonzerte -durch die . auch in der Nachkriegszeit ge- .steigerten Nationäli-tätew und Rasse ntämpfe sehr kompliziert und erschwert wurde und bei dam zunehmenden Chaos in Mitteleuropa,.-Osteuropa und besonders am Balkan nwhr als je eine einheitliche, p r i nzipielle, großzügige jüdische Bd'lkspolitr-k erheischt, ebenso hängt die Entwicklung von Palästina zum guten Teile von dem - zukünftigen Verhältnis Europas sowie der eir:;elnen Großmächte zu Aston ab, da die Stellung der palästinensischen .Juden durch eirren sich zuspitzenden asiatisch-europäischen Antagonismus überaus gefährdet werden könnte. Schon arrs diesem Grunde ergiibi sich-— von anderer: wichtigen Motiven abgesehen —. als eine Lebensaufgabe des jüdischen Volkes, ein M i t t.l e.r, z w i s ch e n.. Orte n t u nd Okzident .zu sei«, ebenso Witz' in Errropa allüberall eine Politik 'der Völkerversöhnung — der oberster: Vorbedingung jedes kulturellen und sozialer: Fortschrittes — aufs energischeste zu fördern. .Jede aktive oder auch nur passive Unterstützung eines nationalen oder religiösen F a n a t i s m u s, von tuen: inrmer er ausgetht oder gegen wer: er sich richtet, in Europa, Asien oder Amerika muß — immer und überall — in Antisemitismus münden. Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, gelangt -man bei der Erörterung verschiedener Tageserscheinungen oft zu teillveise anderen Schlüssen, als wenn man sie einzeln «und zusammenhanglos unter dom Gesichtspunkte althergebrachter, alber trotzdem teilweise falscher Traditionen und Born-rteile würdigt. Europa «und Asien, und vielleicht auch in absehbarer Zelt Amerika, befinden sich in einem Gänrngsprozeß, in ivelchem nichts als definitiv, alles als provisorisch angesehen werden kann. Sowohl die Beziehungen der einzelnen Weltteile als auch die der Cinzelistaateu zu einander sind einem.inunerwährenden Wechsel und Wandel mtterioovfm, ebenso wie das Verhältnis der verschiedenen Parteien mit ihren durch die Entwicklung überholten und überlebten Programmen. Wie schon so oft in der Vergangenheit, so bildet neuerlich dev Balkan eine besondere Gefahrenzone. Die srachrichten aus -den einzelnen balkanifchen Staaten, die oft. in kurzen Zwischenräumen zwischen dem äußersten Optmiismus und Pessimismus schwanken, müssen mit großer Vorsicht, ganz besonders von den Inden, aufgeuommen »verdett. Die Vorgänge in Bulgarien sind ein 'Neuerlicher. Peweis, daß dieses Staatsivescn und mit ihm -der ganze Balkan ms Stadium einer sehr ernsten Krise geraten sind. Es wäre ein. veM-ngnis-voller Irrtumanzunehmen, daß die letzten Vorgänge in Bulgarien a u ssch ließt ich auf die inneren politischen Verhältnisse sich zurückführen ließen. Die bulgarischen Wirren stehen im engen Zusammenhang .mit dem gefamtbalkanischen Chaos, -mit all den Strömungen M bulgarischen Abordnung in N e u r l l y sowie Mitglied de? Delegation gewesen, die über das Nischer Abkmmnen verhandelt -hatte. Kämpfe bei Rustschuk. Bukarest, 25. April. (U. T.-K.-B.) Die Blätter melden, daß nach Berichten aus Rustschuk starke Dauerngruppen unter der FühvUW eines Reg i e r u n g s k o m m i s s ä r i d e r S t a nt bi: liiski - Rcgier ung den Versuch gemacht hätten, in die Stadt einzudr:ngen. Dabei sei es zwischen den Bauern und einer mMtävischen Abteilung, die mit der Bewachimg der Stadt 'betraut war, zu Z u s a m m e n st ö ß e n gekomnren, i» deren Be rla.u f zwei Baucrnsührer und zwölf Bauern getötet und Viole schiver verwundet wurden. >In der Mcht sei eine Mlitärpatvouille bei der Brücke in Rustschuk von: drei Personen angegriffen worden. Aus den Haltruf der Patrouille antworteten die Angreifer mit Bombe nsch >leuder n. Durch dass Fvuer de r Patrouille wurden alle drei Angreifer getötet. Ihre Identität konnte nicht fastgestellt locvden. In Rustschuk fei das Standrecht verschärft worden. Durch Mauerauschlii.'.' wurde der Bevölkeru-ng mityeteilt, daß nach 9 Uhr albende jeder Verkehr in den Straßen verboten ist. >den verschiedenen balkanifchen 'Staaten, die sich gegen die Vorherrschaft einzelner Nationen und Klassen richten -und die Realisierung des nationalen Minorität e n s ch u tz e s mit allen, auch den radikalst e n M i t t e l n. e r z w i n g e:: w o l l e n. Wie sich die VevhWnisse in den einzelnen balkanifchen Staaten weiter entwickeln und ihre gegenseitigen Bez-iehrlugen sich gestalte!: tverden, hängt u>nter anderem auch vom Verlauf der nächsten Konferenz der kleinen Entente, allerdings aber auch vom zukünftigen Kurs der russischen und italienischen äußeren Politik ab. Je nachdem Rußland sowie Italien das Hauptgewicht auf die Erioeiteruug ihrer Machtsphäre auf dem Balkan oder in Asten, 'beziehungsweise in Afrika verlege::, wird sich dies auch in der weiteren Gestaltung der Ibalöanischeue 'beziehungsweise aisiatischaftikanischen VechUtnisse fühlbar machen. Mcher ist nur eines: Wenn Europa nicht in abfehbarer Zeit auf neuen Wegen zum natiorm-len, religiösen und Walen Frieden gelangt, dann -rückt der Zeitpunkt des Zusammienlbvuches seiner Vormachtstellung und der .Hegemonie der weißen Raffe mit Riesenschritten heran. Dokumente zur Geschichte der Balfom'Leklaratio». Briefe Achad-Hamrrs an Dr. Weizmrrnn. Aus dem Hebräischen. 1. Au Dr. Eh. Woizmanu, Manchester. London, 15.' September 191 t. 'Die haben recht,. daß es notwendig sei, an Bälsour eiin kleines Memorandum zu senden, wie überhaupt jede sich darbretende Gelegenheit zu benützen, mit uns die Sympathien und die Unterstützung der Männer von Ei», flnß zu erwerbe:: (ich spreche svlbstverständlich von der Palästinafrage). Das ist das einzige, was wir jetzt zu tun vermögen. Eine öffentliche Propaganda zugunsten unseres Standpunktes betreffend die Zukunft Erez Israels, birgt heute noch Gefahren in sich: die Lösung der Frage, was das künftige Schicksal der Türken sein soll, iift noch in weiter Ferne. Aber s^hr wichtig für uns ist es, daß Männer, wie Balfour auf unserer Seite stehen, wenn der erhoffte Augenblick komme:: wird. Ein Brief von Balfour in den Zeitungen wird dann eine größere Propaganda zu unseren Gunsten bedeuten als hundert von Juden geschrieibene Artikel. Ich bin der Mein>nng, daß es im allgemeinen uot- »vendig wäre, ein Memorandum nicht nur für Balfour allein, sondern -für alle Engländer, mit denen wir in direkte Verhandlungen treten können, zu verfaffen. Dieses Dokument rnuß natützlich mit großer (Genauigkeit und besonderer Vorsicht abgefaßt sein. Wie Sie wiffen, geht meine Meinung dahin, daß wir in unseren Forde>nl.ngen bescheiden sein und uns rnit freier Kolonisation und kultureller "Arbeit begnügen müssen, ohne jedoch unsere Hoffnung zu verhehlen, .daß wir später, wenn diese doppelte Arbeit sich in gewünschtem Maße entwickelt hat, in Evez Israel unter der Flagge Englands ein autonomes Leben erlangen. Für dieses bescheidene Pvogrmnnr müssen wir käulpsen einerseits gegen di« Politischen ,/sthvaseure" in imsever eigenen Mitte, die diese historische Stun'de.gewiß geeignet finden werden, un: geräuschvoll, ausgestattet -mit der ganzen Pracht ihrer Phrasen, hervorzutreten, da es ihnen nur mit ihr „.Hervortreten", nicht aber un: dessen Folgen zu tun ist. Andererseits werden unsere „Größen" gegen jede Andeutung des nationalen Charakters der Angelegenheit und unsere Hosfimugen für die Zukunft Protest erheben und das Ganze auf das Niveau eines philanthropischen Werkes zur Unterstützung einiger tausend „ariner Juden" Herabdrücken wollen. Ich aber fühle cs in der Tiefe ineines .Herzens, daß dies davon abhängt, ob wir fähig sein werden, mit aller Kraft auf unseren: Standpunkt zu Ixstehen, ohne -der eine:: oder andere:: Seite rmchzu» gebe», und hierauf umß miser Streben uttt aller unstver Äkrüft gerichtet sein« k.