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Wiener Morgenzeitung · 1925-04-25 · Heft 2219 (25.4.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2219 (25.4.1925)
Date
1925-04-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 Gien. SamStag Erinnerungen an San Remo. Aus einem Gespräch. Bon Oberrabbiircr Dr. ChajeS. 8« SS. April 1920 hat Ut Oberste Rat der Alliierten in keiner in San Rems abgehaltenen Tagung beschlossen. den Text der Balfour-Erklärvng vom 2. November 1916 in den Friedensvertrag mit der Türkei aufmnehmen. Gleichzeitig wurde beschlossen, der brittschen Regierung das Mandat über Palästina mit der Bestimmnng zu iibertraqeu. -ah sie eine Verfassung für Palästina im Sinne der Balsour-Erklärung baldigst vorzulegen Hab«. Am 24. Juli 1922 wurde d«mn dieser Beschluß von der Londoner Session des BSlkerbundrates ratifiziert. Ich war in einer mit der Palästinafvage nicht zusamenhängenden Mission nach San Remo gefahren. Ich hatte Vas Glück, gerade an dem Tag in San Remo zu weilen, an welchem die AufnahinedcrDalfonr- Deklaration in den mit der Türkei abzuschlieherrden Friedensvertrag beschlossen wurde. Die Sache war nicht so leicht, wie es den Anschein haben möchte. Nicht etwa, daß die in San Remo vertretenen Machte ihre Haltung zur jüdü schen Frage hätten ändern wollen, wobei zu erinnern ist, daß Amerika schon damals nicht mehr offiziell an den Beratungen teilnahm, sondern bloß als Beobachter seinen römischen Botschafter entsendet hatte. Eine nicht unerhebliche Schwierigkeit lag darin, daß die Vertreter der Mächte vielfach die Ansicht vertraten, die Frage des nationaljüdischen Heimes werde durch den FriedenSvertrag mit der Türkei nicht berührt. Einige Mächte meinten, von der.Türkei habe man nur die Abtretung Palästinas zu verlangen. Was dann mit dem Land zu geschehen hätte, fei nicht Sache der Türkei. Uns aber lag viel daran, daß endlich eimnal nach den Verhandlungen in Paris vom Jahre 1919 von den interessierten Großmächten in feierlicher und offizieller Form das Recht des jüdischen Volkes auf seine alte Heimot durch ein ,J-a" anerkannt werde. Die Vertreter Englands ivaren Lloyd George und Lord C u rzo n, der damalige Minister des Aeußern. Ihnen hatte sich Lord Balfour zugesellr, um durch das Gewichr seiner Persönlichkeit unsere Sache zu fordern. Lord Curzon hat es nie verheimlicht, daß er im Jahre 1917, als die Balfour-Deklaration dem britischen Kabinett zur Besprechung vorgelegt worden war, eine durchaus ablehnende Haltung eingenommen hatte.'Um so anerkennenswerter und für die englische. Loyalität bezeichnend ist es, daß Cnrzon in San Remo „w i c ein Lowe" (seine eigenen Worte) für die Aufnahme der Balfour-DcAaration in den türkischen Friedensvertrag cingetreten war. Warme Unterstützung fanden wir auch von seiten der Vertreter Italiens. Ritt: war damals italienischer Ministerpräsident. Mit Dankbarkeit müssen 'wir der Dienste gedenken, die unser verstorbener Freund, Vizeadmiral B ia n ch i n i, uns in San Remo geleistet hat. Es ist noch in aller Erinnerung, daß der tapfere Marinekommandant einige Monate später das Opfer eines räuberischen U eberfall es von Beduinen wurde, als er im Dienste der Pa-lästinasache sich wieder nach dem Orient begeben Hane. Unvergeßlich bleiben mir die Stunden, die ich damals mir diesem ausgezeichneten Menschen verbrachre. Er, der hochgestellte italienische Offizier, dem Marineministerium zugeteilr, erklärte mir, er fei bereu, seine Stellung attfzugeben und als einfacher Soldat des Zionismus überall dorthin zu gehen, wohin ihn unsere Führer schicken würden. Leider haben wir diese kostbare Kraft allzufrüh und auf tragische Weise verloren. In 'Sarr Renro hatte ich auch tÄelegenheit, den gegenwärtigen High-Eom-missioner Herbert Sa m u«l kennen zu lernen. Damals war er noch „Mister" Herbert Samuel unb nach mehrmonatigem Aufenthalte in Erez Israel direkt nach San Remo gekommen. Seine Ernennung zum Chef der palästinensischen Regierung, welche die militärische Verwaltung abzulöfen hatte, war bereits beschlossen, wenn auch die offizielle Verlautbarung erst einige Wochen später erfolgte. Voll enthusiastischen Vertrauens auf die jüdische Zukunfr in Erez Israel war -Herbert Samuel erfüllt, obzivar die Verhältnisse in Palästina just damals ungünstig lvaren. Wie erinnerlich, hatte es in 'den vorhergehenden Ostersei ertagen e r n st e Unru h c it gegeben und es war die Verhaftung Jabotinskys erfolgt, die Oberst Wedgwood anläßlich einer späteren Anweseichoir in Wien mir gegenüber als „unauslöschlichen Schandfleck" für England bezeichnetc. Herbert Samuel sagte mir damals, ich erinnere mich genau an seine Worte: ,Mo m me n S i e i n fü n f Iahrc n na ch Pal äst i na u ndSie w e rden d a s L a n d n i ch t w i e d e r e rke n neu." Ter Zufall fügte es, daß ich wirklich nach ziemlich genau fünf Jahren ins Land kam, anläßlich der Eröffnung der hebräischen Universität und die bewund.'ruÄ.verte Entwicklung von Erez Israel mit eigenen Augen ühen durfte. Herckot» Rede wird Mnfntiert. (Eigendünft der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 24. April. Die Kammer beschloß heute ilachmittags, die Antrittsrede Herr iots öffentlich a n s ch l a g r n zu lassen. Dieser Beschluß wurde mit 5418 Stimmen bei Stimmonenthaltuilg der Opposition einmütig gefaßt. Im Sen a t brachte heute nachmittags Finanzminister Caillaux das Gesetz über die provisorischen B udgrtzw öl fiel ein. Di« Vorlage wurde der Finanzkonimission zugewiesen. Äanrmec hat sich bis zum 25. Mai vertagt. Mleuer MflmtMeffttitft. Neu eröffnet t Neu eröffnet / zfVorzügl.KUchenüE im Restaurant H. HOROWITZ Irr Board of Leputies. )Dir Fremdengesetzgevuns in Englan». — Verhandlungen mit Rußland, RnmSnlen und Litauen. — Der Numerus clausus in Ungarn und an der Wiener Technik. Wie die I. T. A. aus London meldet, hielt am 19. April der Deputiertenrat (Board of DeputreS) der englischen Juden eine Sitzung ab, in welcher eine Reihe jüdischer Fragen erörtert wurde. Oberst Waley Cohen erstattete den Bericht des juridischen und parlamentarischen Komitees. Dieses Komitee hat sich mit Erfolg dagegen eingesetzt, daß di« Kinder der „Fremden" von. der Verteilung von Schulstipcndien ausgeschlossen würden. Der Berichterstatter versicherte, daß keinem jüdischen Kinde unrecht geschah.Mit BezugaufW oh n ungs- Zuweisung wurden die jüdischen Fremden nicht direkt 'benachteiligt, allein der Wohnunc^mangol dauert an, und der demnächst zu »vählende neue Deputiertenrat »werde sich mit der Angelegenheit beschäftigen muffen. Hierauf wurde der Bericht des Komitees firc auswärtige Auge lege nhe i te n (Joint Foreign Committee) erstattet, aus dem hervorgeht, daß gemäß den von der letzten Versammlung gefaßten' Beschlüssen mit der britischen Regierung sowie mit den diplomatischen Vertretungen Rußlands und Rumäniens in London Verhandlungen eingeleitet worden sind. Mit der britischen Regierung wurde die Frage der Kalenderr c f o r m, nrit dem russischen Botschafter die Angelegenheit der Verfolgung der Juden seitens gewisser Sowjetbehörden, mit dem rumänischen Minister die Angelegenheit der staatsbürgerlichen Rechte der Juden in der Bukowina, in Bessara >bien und in Transsylvanien auf Grund des neuen rumänischen Bürgerschaftsgesetzes, welches mit den internationalen Verträgen in Widerspruch steht, besprochen. Die Korrespondenz wird fortgesetzt; es sei zu hoffen, daß der nächsten Sitzung konkrete Mitteilungen werden vorgelegt werden können. Seit der Veröffentlichung -der Verhandlungen mit dem Gesandten Litauens in London sind inder Angelegenheit der Zwangssonntagsruhe in Litauen Leine weiteren Schritte unternommen worden. Es wurde ein Zufammeivgehen mit den anderen Minderheiten in Litauen, die sich ebenfalls über Verletzung der Minderheitsrechte beklagen, angebahnt. Inzwischen hat das litauische Parlament ein neues m i n d e r h e i t s f e i n d l i ch e § Gesetz in Beratttng gezogen, welches darauf hinausgeht, die litauische Sprache als einzige Unterrichtssprache in allen 'Staatsfchu'len zu erklären. Das Komitee ivird auch gegen diese Verletzung >der vertraggesicherten Minderheitsrechte Schritte unternehmen und sich bestreben, die Existenz des j üdischen Bolk s schu lw ese n s zu sichern. Bezüglich des Numerus clausus in Ungarn har ,däs Auswärtige Komitee bekamMch vorgefchmgen» die. Entscheidung des ständigen internationalen Gerichtshofes anzurusen. Das Minderheitskomitee des Voller- ^buudes hat inzwischen in seiner Sitzung vom 24.' März beschlossen, den Völkevbnndvat zu ersuchen, die Petit i o n des Joint Foreign Committee wo hlmollend in Erwägung zu ziehe«. Dem Sekretariat ist ein Bericht zugegangen, tvonach die Technische Hochschule in Men eine Klassifizierung der Studenten auf der Rasse nbasis vorgeno-mmen hat, wobei die Rechte der jüdischen Studenten beeinträchtigt tvorden. Dies steht in striktem Gegensatz zu -den M i n d e r h e i t s k l a u s e l n des Vertrages v o n Saint - G er mai n und bedeutet auch eine Verletzung der konstitutionellen Rechte der österreichischen Juden. Das Sekretariat des Depmiertenrates hat sich in Zusammenarbeit mit der Jeivish Eolomsation Association lJ. C, A.) mit der Frage per russischen Flüchtlinge befaßt. Die Augliedemng des Oberkontmifsariats für Fläch tlingswesen beim Völlerbund an das i n t e r n a t i onale Arbeitsbureau hat eine Reihe schwerer Probleme aufgerollt, die der besonderen Aufmerksamkeit der Juden'heit bedürfen. In Europa loben gegenwärtig noch etwa 700.000 russische Flüchtlinge, weitere 100.000 leben in Ostosien. Mehr als 300.000 Flüchtlinge sind ohne Beschäftigung und Berdienftmöglichkeit. Alle bisher unternommenen Methoden der LösMig dieser Frage haben sich als unzureichend erwiesen. Die Internationale Union für Kin'derhilfe hat ein Komitee mit dem Ziele eingesetzt, eine neue Organisation zur Rettung der Flüchtlinge zu begründen, die auf die europäischen Regierung«» und den Völkerbund einen Druck nach der Richtung ausüben solle, eine endliche Lösung des FlüchtlinHSproiblems >hevbeiz"fi'rhten. _ 95. April 1995 Nr. MS Re Vorgänge in Bulgarien. Verschärfung des Gtaatsschutzgesetzes. (Eigendieust der „Wiener Morpenzeitung".) Sofia, 24. April. Der Justiznrinister hat in dem S ob ran je, das in rascher Folge die einzelnen Budgetkapitel, so gestern das Budget des Kriogsministeriums, dotiert, einen Gesetzentwurf auf Verschärfung des Staatsschutzgesetze's eingebracht, in dom auch für die Komplicen und Förderer von Konfpiratoren b** Todesstrafe vorgesehen ist. Dis 15. Ällai sind in Sofia alle Unterhaltungen, Theater und Kinos verboten. Sämtliche Mitglieder des gcheirmn kommunistischem Zentralkomitees sind nunmehr, nachdem die Leiden Hauptattentäter Jankow und Min'kow getötet und Marco F r i c d m a n n verhaftet wurde, unschädlich gomachk. Gestern fiel das letzte Mitglied dieser geheimkomm-unisttschen Zentralverschwörung, Manew, der, als er merkte, daß die Polizei ihm auf der Spur sei, sich selbst entleibte. Er hat hier unter falschem Namen gelebt. Die Polizei hattd fein Wohnhaus umstellt, fand ihn jedoch bei ihrem Eindringen tot auf. Auch bei ihn: wurden wichtige Doku m e n t c über die Verschwörung beschlagnahmt. Der Terroristenfühver Dömiter Tschintulow wurde auf -der Straße von Pölizeiagenten erkannt, die ihn verfolgten. Er bemerkte dies und ergriff die Flucht, Wöibei er ««hrere Schüsse ans seine Verfolger abgab. Es gelang ihm^ seine Wohlmng zu erreichen. Die Polizei, die ihm gefolgt war, blockierte das Haus. Die Aufforderung, sich zu cr< geben, beantwortete er mit Schüssen aus dem Fenster. Hierauf versuchte TschintU'low, von einem Fenster deS Hinterhauses an einer Bretterwand hevabzMettevn, -um zu flüchten. Er lvurde jedoch entdeckt und von den Pvlizeitruppen be scho ssc n. Er zog sich wieder zurück, doch fand ihn die später cindringende Polizei Ln seiner Wohnung mit einer Kopfwunde tot auf. Tschintulow war 30 Jahre alt und Chemiker. Er war Stellvertreter Min» koivs in der Leitung des geheimen kommunistischen Zentralkomitees und Leiter der Bewaffnungssektton dieses Komitees. Auch in seiner Wohnung wurden w i ch» tige Papiere beschlagnahmt. Als weiteren Beweis für die bolschewikischen Zusammenhänge des Sofioter Attentats teilt die Regierung mit, daß einer der Attentäter, W a s k o, der die Zündschnur der Bombe in her Kathedrale Sveta Nedelja in Brand steckte, erst im vorigen Monat aus Rußland zurnckgekehv^ sei, wo er einen Kursus im Bombenwersen durchgernacht habe. Waslo halbe früher in der Roten Armee gedient und Trotzki habe ihn einmal seinen „tapferen kleinen Bulgaren" genannt. Wedgwoods Bericht. London, 24. April. (Tel.-Komp.) Der Avgeoroneie Oberst Wedgwood ist aus Sofia zurückgekohrt. Er erklärte Pressevertretern gegenüber, die Sofioter Polizei, die eine Liste de Komnmniston besaß, habe sehr rasch gearbeitet. Faszisten hätten sich in die Polizei einreihen lassen, von der sie bewaffnet wurden, und hatten sich sofort auf die Suche nach don Kommunisten begeben. In der ersten Nacht seien von einem einzigen Polizeibureau 10.00 Arbeiter verhaftet worden. Die ganze Nacht hindurch seien Automobile mit Gefangenen untevlmgs gewesen, die dann sofort erschossen wurden. In drei Tagen seien in Sofia mehr als 6000 Verhaftungen vorgenommen worden und so gehe es noch immer fort. Die Opfer würden i n G e h e i m g e fä n gtt:ffen gefoltert. Man wende hauptsächlich die Geißelung an. Die Gefängnistore sind von den Frauen belagert, die von ihren Minnern Nachricht zu erhalten hoffen. In Sofia seien bis jetzt 260 Persone» hingevichtei worden. . Schießereien in Paris. Kommunisten und Millerand-FaSzfftcn. Paris, 23. April. (Havas.) Nach einer Wähleu Versammlung, in der der Abgeordnete Taittinger don Vorsitz geführt hatte, kam eS zu eiller Schlägerei, in deren Verlauf drei Personen getötet und drei verletzt wurden. Den Blättern zufolge habe» Kommunisten aus einen: Hinterhalt auf Kommaltdo auf junge Leut« gefeuert die die Versamnilung verließen. Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. Paris, 24. April. (Havas.) Aus allen Zeugenaussagen geht hervor, daß der Ueberfall in der Rue de Championnet vorbedacht war und daß von seiten der vaterländischen Jungmannschasten, die, von Polizeiagenten zu Rad umgeben, cintrafen, keinerlei Provokation erfolgt war. Zahlreiche Persoyen haben die von den Führern der rommunistischen Nlannschaften gegebenen Befehle zum Schießen vernommen. Im Besitz der vaterländischen Jungmannschasten wurde keine Waffe gefunden. Neun Verletzte liegen gegenwärtig in Pariser Spitälern; der Zustand zweier von ihnen ist hoffnungslos, der sieben anderen schwer. Die Polizei hat bei Konmmniften Hausdurchsuchungen vor-, genommen u lch zahlreiche Schriften und KaurfchuV-

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