Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2213 (19.4.1925)
- Date
- 1925-04-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile« Wiener Mnroenteitimg. 19. April 1925 Nr. 2219 Dien. SoMiäg ' Donnerstag Feiertag fei: „Ohne feine SlrLeil zu unter* Brechen — irgend eine mißfarben« Losung wird gerade über der Flamnre eifrig geschüttelt — und ohne anfzublicken: ,^Ia, wieso denn?" — ,Mmmolfohrtstag, .Herr Geheirn* Tat!" DaS Reagenzglas wird weiter eifrig geschüttelt, Ehrlich verfolgt aufmerksam die sich darin abspielenden Vorgänge und ganz gedankenverloren sagt er: „Wieso denn Himmelfahrt? — wieso denn Himmelfahrt? — wieso denn Himmelfahrt?" — ,Mnc wunderschöne Reaktion!" — Professor Hunt braucht zu seinen Versuchen zu viel Ratten und fragt Ehrlich, ob er nicht ebensogut Mäuse verwenden konnte. In ferne Gedankengänge ganz verloren, sagte or: ,Ilern, Sie müssen Raiten nehmen, denn die haben Schwänze. (Die Infektion nmßte in die Schivanzvene erfvlgen.) Als Professor Hunt seine Meinung aussprach, Mäuse hätten ja auch Schwänze, sagte Ehrlich „Ganz recht, Mäuse haben Schwänze; eine sehr gute Beobachtung!" — Obwohl Ehrlich feine vier großen „G" sehr liebt „Geld, Geduld, Geschick und Glück", pflegte er fein Dierteljahvgehalt in irgend ein Blich seines früher erwähnten Turmbaus em-ugraben und so fand sich auch nach seinem Tode lboim Katalogisieren noch ein solches Depot von einigen hundert Mark. Ms die Versuche von fernem Assistenten Tr. Franke zusammengestellt werden sollten, -die sich mit der Behandlung von trypanofomeninfizierten Affen beschäftigten, geschah folgendes: Ms die Sekräterin zur Türe hereinkam, sagte er, ohne von seiner Laboratoviumsarbcit aufzusehcn: ,M—so — jetzt wollen wir mal schreiben. — M—-so — Franke hatte einen Affen" . . . Die Sekretärin: „Aber Herr Geheimrat, das können wir doch nicht so sagen!" — ,Za, wieso denn — wieso denn?" und ohne auf die Antwort zu warten, diktierte or von vorn: „Al—so, als Franke einen Affen hatte . . ." Die Sekretärin unterbricht ihn wieder und meint, diesen Satz könnte sie doch -nicht schreiben, aber Ehrlich wiedecholt -nochmals: „Hin — Al—so, damals, als Franke einen Affen hatte" . . . Dieser Affe wurde mit dem Farbstoff Trypanrot von der infitierten Schlaflrankhsit vollkommen geheilt, mußte aber noch inerter beobachtet werden, riß oft aus, spielte dann mit Reagenzgläsern, setzte sich Ehrlichs Brille auf und kopierte ihn. Dann kletterte er auf die Dächer der Instrtutsställe, bewarf die Kinder der Diener rnit Steinen und Schmutz und -mußte endlich im Zoologischen Garten interniert werden. Die Vergeßlichkeit Ehrlichs war berühmt. Professor Edinger, der Direktor -des Neurologischen Instituts in Frankfurt, schrieb ihm einmal: „Falls der Autor Ihnen die Arbeit nicht schon gesandt haben sollte, würde ich mich entschließen können, das Heft sogar Ihnen zu leihen." Oder in einem anderen Falle: „Nur nicht den Glauben an die Menschheit verlieren! Es gibt Leute, die geben sogar Bücher zurück! Natürlich sind sie selten und dünn gesät, Aber sie wirken Gutes durch ihr edles Beispiel! Oder auch nicht. Grüße, (Dünger." Ghrlichs Diebe zu Pflanzen und Tieren war ungemein. Besonders liebte er Jasmin, Akazien, Tuberosen und Holunder. Gelb und Rat waren seine Lioblingsfarben. Sein Wetterprophet war zu Hause ein kleiner Laubfrosch den Kadereit mit Wiegen versorgen mußte, die er in den kvierställen des Instituts fing. Seine Lieblingstiere iw * ' " , Gartenmöbel nur eigene Ersengang lar ,. , SMiltrltn, Lndhioser SpczUI-Prcls Anstellungen Gesonderte Gartenmobei-Abteilung , Reichhaltige Auswahl In allen Stilarten Erste und älteste Patent-Mflbel-Fsbrlk R. JAEKEL’i Nachff. Ges. m.Ü. K. Wien, VI. MariaHIlferstr. Nr. 11 Institut benannte Ehrlich nach den Helden der Pumschcn Kriege: Hanmbal, Hamilcar und Hasdruibal. Ein. anderes Versuchstier, einen Dachshund, nannte er,/Hüter des Defizits." — „Von seinem Lieblings-Platz, der kleinen Tcrvaffe des Hauses aus betrachtete er täglich im Frühjahr eine windige Eberesche, die sich aus dem auZsterbenden Stamme einer Pappel entwickelt hatte. Immer freute er sich an dem kleinen Sämling. Jedes Insekt, jeder Vogel erregt sein Interesse. „Das Wenigste gerade, das Leiseste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augenblick-Wenig macht die Art des besten Glücks!" zitiert er oft mit Nietzsche." In einer Autogramrnsammlung liest er die Niederschrift eines Freundes und es entfallen chm die Worte, ganz charaktevistisch: „Der Erfolg entscheidet über Recht und Unrecht, über Gut und Schlecht." Aber als er das wertere Autogramm eines Unbekannten liest, ist er tief ergriffen: „Der Anbeter des Erfolges kann die Welt nicht gut noch glücklich machen." Sein Werk war fern Leben, 8er Alltag nur Arabeske seinem Schaffen und fein Humor ein naiver Zusammenklang dieser beiden Welten. ' Situ Spende Volelr. Der Präsident der Unionbank, Siegmund Basel, hat der Universität 100.000 Schillinge überwiesen. — Selbstverständlich der Wiener Universität. gatrrnatiimalei Schachturnier in Baden-Baven Donner S-tag wurde die erste Runde gespielt. Es ge-- wanncn :m AMigc: Marshall gegen Sämisch, der sich sizilianisch verteidigt hatte und in Zeitnot einen Fehler machte, Bogoljubow gegen Thomas, Ruvinstein gegen Treybol, Grünfel.d gegen de Colske und Dr. Tarrasch in einem sehr fein gespielten Zweispringerspiel im Nachzuge gegen Zlates- Als Nachstehende waren siegreich Niemzowitsch in einer außerordentlich schtvierigen holländischen Partie gegen Colle und Spiel mann in einer Wiener Partie gegen Roselli. Unbeendet blieben die Partien Torre—-Aljechin, Carls gegen Rabinotvitsch und Tartakower—Reti. Im der letzteren sicht Weiß günstiger. In der zweiten Runde siegte Reti über Grünfeld, Sämisch über Bogoljubüw, Ra bin owitsch über Rosellt; de Colske verlor gegen Torre, Mieses gegen Carls. Remis wurden die Partien Niemzowitsch gegen Tarrasch, Treybol gegen Tartakower und Spielmann gegen Marshall. Unbeendet blieb das Svie-l Aljechin-Colle. Cuwc gewinnt in Wiesbaden. Das Biermeister-Schachturnier in Wiesbaden wurde beendet. Ms Sieger ist der junge Holländer Euwe mit 4,5 Punkten hervorgegangen. Seine letzte Partie mit dem Müchener Spielmami endete Remis. S p! e l m a n n belegte mit drei Punkten den zweiten Platz. S ch o r i es brachte cs aus 2,5 und der Berliner Schachmeister Sä misch auf ,-,wc.' Punkte. Gin Turnier in Marienbad. Prag» 18. April. Die städtische Kurverwaltung vo-n Marienbad veranstaltet vonr 23. Mai bis 7. Juni ein internationales Schachturnier, mit besten Organisation und Leitung der bekannte englische Schachmeister W. Güns - borg auS London bettaut wurde und zu dom 16 Spieler äugelaffen werden. Es werden sechs Preise m der Höhe von 1000 bis 500g K. ausgeschrieben. Alle Spieler erhallen außerdem als Gäste der.Stadt freie Unterkunft. DK internationale Mnsteranrftellnng in Nom Präsident Menasch in Men. Der bekannte italienische Finanznvann Präsident Ritter v. MenaScy ist gestern in Wien angekommcn. Präsident Menasch wird in den kommenden Tagen mit den hiesigen führenden Fmanzkveisen wichtige Besprechungen Über die Möglichkeiten einer italienisch-österreichischen wirtschaftlichen Annäherung pflegen. Präsident MenaSty wird längere Zeit in Wien verweilen und mit verschiedenen Persönli,Geiteu unseres öffentlichen Lebens in Fühlung treten. In einem Gespräch erklärte Präsident Menasry, daß die österreichischen Aussteller in Rom von den Italienern mit den freundschaftlichsten Gefühlen erwartet werden und daß man in Italien große Hoffnungen an den Erfolg dev österreichischen Handels- und Industriebostrebungen knüpft. Mailand-Mich ln kanm zwei Ständen. I« 4000 Met« Hiih«. Berlin, 18. ApvA. (Wolff.) Nach einer bei der Drvel. tion des Aero-Lloyd orngetrofftnen Meldung hat das Dcruier-Flugzeug .^domet 3", daS zur Deutschen Woche nach Mailand abgeflogon war, «ms dem Rückflug die Sttecke Mailand--Ziürich m 4000 Meter Höh«; in 130 Mimten zurückgelegt. ^inttiftplt V Wer Den Schekel nicht geleistet hat, u 1 ' * beeile sich, einen Schekel zn kansen! Das ist aber noch nicht alles! Kaum hatte ich begriffen, welch furchtbares Drama sich hier abgespielt hatte, durchflog mein Hirn ein hundertmal schlimmerer Gedanke, an den ich bis heute nicht ohne zu schaudern zurückdonken kann: in den an der Lokomotive rollenden Waggons schliefen ruhig oder Plauderten lustig 200 Paffagiere, die mit mir zusammen dem sicheren, unvermeidlichen Tode entgegeneilten, da derjenige, welcher sie gefahrlos zum Bestimmungsort bringen sollte, nur eine kraftlose Masse, ein unglücklicher lahmer Krüppel war... Je mehr ich mir über meine Gebrechlichkeit Rechenschaft ablegte, um so logischer arbeitete die Phantasie, um so schrecklicher häuften sich die schauderhaftesten' Gedanken in meinem Schädel. Mein Blick fiel aufs Geleise... ich sah vor mir deutlich dessen gestreckte lange Lime und das Glänzen der Schienen im Mondlicht. Der Zug faulste an irgend einer keinen Station vorbei, er eilte mit einer solchen Geschwindigkeit, daß ich nicht zu schreien vermochte, als wir schon außerhalb der Lichter waren. An den StationSweichrn Wankte der Zug ein wenig, torkelte, zappelte und schon verloren wir uns in der Finsternis der Nacht. Dann kam ein Tunnel... wir durcheilten ihn mit einer erschreckenden Geschwindigke-it -und im Nu ivaron wir wieder auf freiem Felde. Ich wußte genau, was uns erwartete, und dachte: „Jetzt müssen wir entgleisen. In einigen Minuten erreichen wir eilte derartige Biegung, daß wir bei dieser Geschwindigkeit das Gleichgewicht unmöglich erhalten können, die Räder müssen aus den Schienen springen.. ES war aber augenscheinlich, daß der Herrgott uns noch verschonen wollte. Die Lokomotive neigte sich zur Seite und mit ihr der ganze Zug, dadurch ein Gegengewicht zu dieser Biegung bildend. Unter schrecklichem Ge- | krache der Schienen und Getöse der rasenden Räder Werfuhren wir diese gefährliche Stelle. „Das Feuer Witt» auSgehori", dachte ich, „der Zug wird langsamer rollen und irgend einer dev Schaffner wird gewiß kommen, um die Ursache zu erfahren. Ich werde ihm alles erzählen, dann wird er die entsprechenden Signale Herausstellen." Ich dachte, wir wären gerettet! Aber meine Beruhigung dauerte nur kurze Zeit. Wir durchfuhren wieder eine Station und dann bemerkte ich ein Signal, welches meldete, daß der Weg Var uns nicht frei ist... Ich kann es nicht begreifen, ivarum ich damals nicht wahnsinnig wurde? Stellen Sie sich mal vor, was im Kopfe eines Menschen vorgeht, welcher sich auf einer hundert Kilometer in der Stunde zuvücklcgvnden Lokomotive befindet und weiß, daß sich vor ihm ein Hindernis auftürmt... Mein ganzes Bewußtsein war nur von dom einen Gedanken beherrscht: „Wenn ich jetzt den Zug nicht zum Stehen bringe, kommen diese alle Menschen um und ich mit ihnen zusammen. Nur eine kleine Handbeweguny und wir werden die Katastrophe vermeiden. Der Hebel ist fünfzig Zentimeter von meiner Hand entfernt.., nur diesen angreifen und alles wird gut sein... Aber ich konnte diese Bewegung nicht ausführen, und ich wußte, daß ich alles sehen werde, daß ich Zeuge einer furchtbaren Tragödie sei» werde, welcher ich entgvgenzuwitten nicht in der Lage bin. Ich wußte, daß die uns erwartende Todesart schrecklicher ist als alle anderen, daß wir einfach in die Arme des Todes eilen... Ich wollte die Augen schließen, brachte es aber nicht fertig... ich unterlag einer stärkeren Macht als der »reinigen... ich mußte bis zu Ende alles mit erschreckte» Augen sehen. Und ich sah... Ich erriet,, welche Art Am-? dernih eS war, noch bevor es in der Finsternis der Nacht austauchte, und nach -einem Augenblick schwanden meine Zweifel... Es war dies ein Zug, welcher infolge eines Defekts den Weg verbarrAadievte... Ich konnte deutlich die Umrisse und die Lichter des letzten Waggons unterscheiden... Mit jedem Augenblick tauchte aus der Dämmerung der Rumpf empor, wurde jedesmal deutlicher, kam nähe» Ich begann zu schreien: »Lattung! Zu Hilfe!" Aber, wer konnte mich Horen? In mir war alles abgestorben, nur die Gedanken lebten... sie sammelten sich in meinem Blicke, welcher allemnfaßie, nn Gehör, welches jeden Widerhall des Widerstand^ ergriff, wie ein Offizier, welcher die zu Tode ermüdeten Soldaten durch seinen Befehl nochmals m den Kampf zwingen will. Die Entfernung zwischen uns und dem Hindernis wurde immer geringer... Rur noch 600 Meter... nur noch 200... Die schwarzen Schatten am Gekeife liegen unbeweglich... 100 Meter... DaS Ende!... Ein Zusammenstoß... Der Tod...! Großer Gott! Wer das nicht miterlebt Hai... ich lieg« unter einem Haufen Holzbalken einevernichtete» Gerüstes... um mich umher durchdringen Stöhnen und Geschrei die Finsternis der Nacht. Ich sehe menschliche Schattenbilder, welche sich am Geleise mit Laternen tu den Händen bewegen... Ruhe... Stöhnen... Jammer...! Das alles hörte und wußte ich... Ich selbst verspürte keine Schmerzen... rief auch niemanden zu Hilft. Zwischen zwei Balken, welche sich so nahe gekreuzt hatten, daß ich sie mit den Lippen berühren konnte, sah ich eine» winzigen Flecken des hellen, heiteren Himmels, auf welchem ein einziges Sternchen ftuchtete, und freute mW vom tiefen Herzen über diesen Anblick." 3834 8937