Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2213 (19.4.1925)
- Date
- 1925-04-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981298--22539-3009962- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tKt. Wen, SonMg Witmt IS. A-Mk 1SW w ms v $)as vornehme SSekleidungsha R. Herz L Söhne I. Nibelungengasse 7 Lieferanten für die Mitglieder des I. Wiener Consumvereines and der Rohö, in Damen- und Herrenkleidung Stack tZeilzahlangcn / 301 Eue Homo! Hofrat Ramsauer an die Geschwornen. Der am Donnerstag wegen Vertriebes der „unsittlichen" Georg - Grosz - Mappe zu vierzehn Tagen bedingt verurteilte Prokurist des Malik-Verlages, Herr Hans Frankl, hat gestern von einem der Geschwornen den folgenden Brief erhalten: Auf Ihren Wunsch gebe ich Ihnen gerne folgende Erklärung über die Vorgänge vor der gegen Sie am 16. d. stattgefundenen Schwurgerichllverhandlung ab: Nachdem die Geschwornen sich versammelt hatten, erschien Hofrat Dr. R amsau e r (ich habe mich nach seinem Namen erkundigt) und hielt eine Ansprache an die Geschwornen, in der er nach längerer Einleitung über Staat, Familie, Kinder und Aehnliches etwa Folgendes bemerkte:. „Sie stehen jetzt vor einer Verhandlung, wo es sehr wichtig ist, daß nicht wieder ein Fehlurteil gefällt werde. Denn durch so ein Fehlurteil geschieht es dann, daß jemand, der glaubt, daß der Staat in diesem Falle seine Straspslicht nicht erfüllt hat, sich zum Rich- . ter aufwirft und danach handelt. Darüber darf . man sich dann nicht Wundern." Ich kann selbstverständlich die Aeutzerungen des Herrn Ramsauer nicht mehr wörtlich wiedergeben, ich bestätige Ihnen aber mit aller Bestimmtheit, daß Herr Ramfauer ausdrücklich das Wort Fehlurteil mehrere Male gebrauchte, sowie daß der Sinn seiner Ausführungen genau meiner Darstellung entspricht. Nachdem der Staatsanwalt bei der Auslosung sämtlicher Geschwornen, ° die ihm ihrer Konfession wegen nicht gefielen, sowie scheinbar auch sonst alle intelligent Aussehenden ab gelehnt hatte, sprach ich beim Verlassen des Geschwornenzimmers mit den Herren . . . und . . ., die gleich mir über die Beeinflussung der Geschwornen durch Herrn Ramsauer äußerst empört waren. Die genannten Herren werden Ihnen die Richtigkeit meiner Darstellung nur bestätigen können. Hochachtungsvoll (folgt die Unterschrift). Dieser Brief ist ein Dokument, das der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten werden darf. Der Beweis für die Politisierung der Justiz wird hier durch einen der führenden Richter, durch den Hofrat Ramsauer, in höchsteigener Person geführt. Ecce Homo! Sllarz in Amerika. ’r Wie.'der,Abend" meldet, hat sich LeawSk-larz «nach New-I o'rk 'begeben. Gr well dort Geschäfte abwickeln. Nach vier Wochen soll Sklarz wieder nach Be Mn zuvuckkchren. SM 10. Todestage Professor Sdrttchs. Aus $em Leben des Salvarsan-Erfinders. Bon Dr. Smil Lenk. Ueber zwei Jahre war es nur gegönnt, als Assistent bei Ehrlich zu arbeiten Cs kann ruhig gesagt werden; es gab keinen größeren Mediziner neben und nach ihm. Jedes Wort zu seinen favbenanalyttschen Mutstudien, zur Int* mumtäts-, Krebs- und Syphüissorschung auszusprechen, erübrigt sich. Den meisten ist er als Erfinder des Sal- Vavfans (Präparat 606) bekannt. Weniger kennt die Allgemeinheit sein gvoßes Menschentum, seine Güte, seine Kindlichst, seine übergroße Freude, allen zu Helsen. Hier seien nur einige Eigenheiten erwähnt, von denen manche früher von Weinberg, von seiner Sekretärin Marquardt, Professor Lazarus, Pinkus und Benda veröffentlicht wurden. Ehrlich hatte .in der Schule für verschiedene Fächer überhaupt kein Interesse, und ebenso widerstrebten ihm Examina. ,^Jch habe mich durch dre Exanrina so durchgemogelt," pflegte er zu sagen. Der deutsche Aufsatz bei der Maturitätsprüfung fiel besonders schlecht aus. „Das Leben ein Traum" — war das Thema und Ehrlich setzte darin auseinander, daß das Leben auf normaler Oxydation beruhe, auch die Gehirntätigkeit ein solcher Prozeß sei, der Traum eine Art Oxydation, eine „Phosphoreszenz des Gehirns". In der Berliner Zeit war er bis spät in die Nacht mit seinen farbenanailytischen Mutstudien beschäftigt, -weshalb man van ihm sagte: ,-Ehrlich färbt am längsten." Als für Ehrlich in Frankfurt die beiden ForschungsanijMton — das Institut für experimentelle Therapie und das GeorgSpeyer-Haus für Chemo-Therapie — gegründet wurden, nahm er als Diener und Pförtner sein Fattotum Kaderoit -mit, der alles wußte, alles kannte, immer per „wir" sprach, zum Beispiel: ,Ms wir -nach Frankfurt kamen," ,/rls wir das iDalvarsan erfanden" . . . und Ehrlich immer nur kurz als ,/Vater" bezeichnete. War an Chrlichs Kleidung 'etwas nicht in Ordnung, so pflegte er zu sagen: „Na, da wer'n wir man deti .Vater fl-oich wieder in Ordnung bringen." In Chrlichs Privatlabovatorium sah es ganz merkwürdig aus: In der Mitte ein großer Tisch voll mit Flaschen und an Apparatur nur das Merprrmitivste: Reagenzgläser und ein Brenner.- Am Rande eines Regals liegen die großen Bogen Filtrievpapier, auf die er seine farbigen Lösungen ausgießt. Alle anderen Kästen sind voll mit den kostbarsten chemischen Präparaten, die er nach einem merkwüMgen System geordnet hielt. Sein Schreib¬ und Empfaergszimmer >war wohl das -merktvüvdigste Kuriosum: überall lagen nicht hundert, sondern viele tausend Bücher, Broschüren und -Akten hoch aufgetürmt übereinander, auf dem Sofa — niemand saß jemals darauf , dem Schreibtisch, Regal und Sesseln, kurz überall ragte so ein babylonischer Turmbau hoch in die Lust. Nur ein einziger Stuhl -war fvai,— auf dem Ehrlich zu sitzen pflegte. Ich konnte oft beobachten, wie Ehrlich die Briefe, die chm seine Sekräterin brachte, st'.hend, den «nzemen Brief an die Mauer gelehnt, unterschrieb. Auch zu Hause ZtonUHache BeatrknckMon LeopoldMadf EINLADUNG «dem am Dtensiatf den *1.AntUIMS, PräziseA^,,lV,h/.«abF?^L" Taffi Sächsischer Hof, 2. Bezirk, Taborstrasse 46 (Souterrain, Eingang * Novaragasse 2) stattfindenden VORTRAO der Frau Prof. Dr. Martha Hoffmann „JÜDISCHE ERZIEHUNG“ mit anschliessender Diskussion / Nachher Rezitation: Herr Schwager Für die Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt: David Nebenzahl Oberbanrai doberl Stricker durste niemand seine Bücher und Schriftstücke or rühren oder ausräunren. Eine Putzfrau glaubte er durch \'rt Rassischen Ausruf von ihrem Bemf abhalten zu können: Er habe Gift zwischen die Bücher gestreut und selber das Gegengift genommen! Ehrlichs größte Leidenschaft war die Zigarre. Schwere Importen/ über deren Eingänge er von seinen Lieferanten m Frankfurt und BeÄin auf dem Laufenden erhalten wurde. Täglich ein-, auch zweimal mußte ihm ein Kistchm mit 25 Stück geliefert werden, dessen Ankunft er me erwarten konnte. Ein einziges Mal gab mir Ehrlich so eine Liebl-ingszigarre — die anu) sonst unter dem Nameu ,/Panl-Ehrlich-Zigarre" in den Handel kam. Zuerst hoffte ich -mit dem Rauch auch Ehrlichs Geist einatmen können, merkte aber bald die Dämonie dieses Teufelskrautes. Die Folgen mären furchtbar. Andere Besonderheiten Ehrlichs tvar Vorliebe - für leichte Musik und.Kriminalromane. Zu Konzerten und Opern zog es ihn nicht, er nannte sich ja ,^musisch" und liebte merkwürdigerweise Lsierkastenmusik, die er sich wöchentlich einmal im Hof Vorspielen ließ. Jeden Abend mußte ihm seine Frau Walzer oder sichte Operetten spielen, denn dann ging er im Zimmer auf und ab und seine besten Ideen kämen ihm — so sagte er oft—. in solchen Augenblicken. Nach diesem musikalischen Teil legte er eine Patience nach eigenen Regeln und von 10 Uhr nachts ab, wenn alles ruhig war. begann die intensivste Tätigkeit. Nur am Samstag entfiel die Musik; an diesem Tage erschien die neue Nummer ein:r Kriminalzeitung mit einer furchtbaren Mordgeschichte. Auch den Detektivroman liebte er und der Arzt Conan Doyle sandte ihm oft Proben dieser Kunst. Aber während des Lesens erfüllte er die freien Ränder jeder Seite nrit chemischen Formeln - und brachte so seine Ideen zu Papier. Auch sonst pflegte er sei.ne Gedanken an Tüten, Kästen, allem erdenklichen Papier mit seiner flächenhaften Darstellung sich selbst klar zu machen. Als er mir einmal einen chemischen Gedankengang erklären wollte und schnell kein Papier fand, schrieb er das Schema mit Kreide auf den Fußböden, eine Eigenheit, die auch der Tuberkulosensorscher Robert Koch erwähnte. . — Einem Parlamentarier, mit dem Ehrlich nach Berlin fuhr, entwickelte er seine Settenketten-Theorie auf der Schuhsohle. Seine überaus intensive und konzentrierte Gedankentätigkeit absorbierte ihn so vollständig, daß keinerlei andere, dem Normallmenschen wichtig erscheinenden Gedankengänge daneben aufkominen konnten und daher oft ungemein komisch wirkten/ Davon seien einige Beispiele ci> wähnt. Die Sekretärin muß ihn immer auf jeden Feiertag aufmerksam machen und sagte ihm am Montag, . daß am Ler Schnellzug Nr. 17. Von Maurycy Lewel. . $ j)Aus dem Polnischen übersetzt von Simeon Sil Hermann.) ,Mie? Sie gehen schon fort?" fragte mich der Kranke. „Ich muß! Morgan früh muß ich schon in Marse Me sjÄ Ich fahre Montag abends um 6 Uhr 30 Min. vom Lyoner Bahnhof weg. Sie müsstn doch die Zugseinteilung genau kennen, da Sie vor Ihrer Erkrankung auf der Linie Paris—Lyon—Marseille tätig waren... nicht tvahr?" ja, ich kenne diese Einteilung und auch diesen. Zug »...kenne ihn sogar gut..', zu gut!..." Boi diesen Worten bedeckte eine Leichonblässe das Gesicht des Gelähmten und Tränen, flössen ihm aus den Augen. Er -schwieg eine Weile,, dann fuhr er fort: „Nie-, wand kennt ihn besser alsich. Ich dachte, daß - ihn vor Gedanke an feinen früheren Beruif s,o tief gerührt -hatte' und sagte daher:' „Ach, das ist'ein angenehmer Beruf! Er erfordert so viel Intelligenz!" Der Kranke erbebte «und sagte mit trockener, beißender Stimme: ,,B3as denken Sie? Mein Herr! Ein schöner Beruf?... (F.i Beruf des Schreckens und >des Todes!'... so müßten Sie sagen, dann würde es stimmen.' Gin Beruf voll Angst und'Marter! Hören Sie! Sie sind für mich ein -fremder, mir gleichgültiger Mensch, und doch bitte ich Sie, micht mit diesem Zug zu fahren- „Warum denn?" fragte ich lächelnd. „Sind 'Die Öcim abergläubisch?" ,^Jch bin nicht abevgiläübisch, aber ich bin van Beruf Lokomotivführer und ich führte dorr Zug Nr, 17 am 34. Juli 1894, das ist an toem Tage der Katastrophe. Das 1 die schrecklichste Erinnerung meines Löbens, ich ävevde e ewig nicht vergessen. - - >' - ... Wir fuhren -pünktlich vom Lyoner Bahnhof ab und 'waren schon fett zwei Stunden unterwegs. Die Stacht war schwül und heiß... nicht zum aushalten. Trotz der vaschm Fahrt der Lokomotive u»ttocht.e uns die Luft mit einem 'heißen £^em. M war dies die buchstäbliche Ruhe Mr dem Sturm-.. . Plötzlich hatten wir das Empfinden, als ob jemand am Himmel eine riesige elektrische Lampe entzündet hätte. Alle Sterne erloschen, das Mondlicht erblaßte und ein Blitz nach dem anderen durchbohrte die Finsternis, die uns zeitweise wie ein undurchdringlicher, schwarzer Rabonflügel v ovkam. Da sagte ich zum Heizer: ,-Siehst du, wir bekommen Rogen." „Es wäre schon höchste Zeit. Man könnte unmöglich noch länger in diesem feurigon Ofen aushalton. ,. Es ist einfach unmöglich, die Signale zu beachten..." ,Habe keine Angst. Ich habe gute, offene Augen." Die Donner rollten mit derartigem Getöse, daß sie den Widerhall der Räder und das Schnauben der Lokomotive ganz betäubten. Der Regen kam noch nicht, aber der'Sturm kam immer naher. Wir, etta ht derselben Richtung tote die Wollen und man konnte denken, es wäre eine Art Hollenvennen... i . Man muß nicht gerade ein Feigling sein, um den Schrecken zn empfinden, wenn man so blindlings auf diesem stählernen Ungeheuer dahinsauft, einfach in die Arme des entfesselten Sturmes... - Plötzlich!... Ungfähr hundert Schritte vor uns, , er* glänzte ein. schrecklicher Blitz... Noch toareit meine Augen vpn dom unerwarteten Licht gMondek, als. ein Getöse ertönte, dann ein zweites, so schrecklich, 'daß ich die Augen schloß und aufs Knie fiel. Einige Sekunden 'lag ich betäubt, hcrlh tot, als ob mir jemand einen Hieb vor den Kopf ^versetzt hätte. Endlich kam ich zur Besinnung. Ich kniete noch inrmer, mit dom Rücken an die Plattsorm gekehnt, und Chatte ldas.Gefühl,-als ob ich. von ettrer weiten Reist zurückgokchrt wäre. Ich versuchte aufzustehen... Es ging nicht. Zuerst dachte ich, ich hätte nur beim Fallen, irgondtzin Glied zerschmettert, aber nein, ich verspürte nicht den g-eringlsten'Schmerz; ich versuchte mich auf die -Hände zn stützen, aber meine Arme hingen kraftlos zu Heiden Seiten hevMter. Ich hatte das. Gefühl, all ob meine Hände und Füße nicht nnr gehörten, all ob sie mir den Gehorsam gekündigt hätten... Sie waren unbewegliche Klumpen, genau wie die KMung. toetätt vom Winde M Md tzer geweht ivurde. Ich tvoiß wirklich nicht, welche Macht' es verur< sachte, -daß ich die Augen öffnete... Wir fuhren mit vollem Dampf. Weit hinter -uns dröhnten die Donner, ein heftiger Regen fiel hernieder. Ich hörte das Ausschlagen der Tropstn auf den Danrpstessel und fühlte die erfrischende Nässt am Gesicht. Ich hatte den heißen Wunsch, ernzuschlastn. Plötzlich verg-egenwärtigte ich mir meine Pflichten und die Verantwortung, welche auf mir lastete. Da ich mir kein Bild darüber machen konnte, was vorgefallen war, oder aus welchem Grunde ich in diesen Zustand der Kva-ftlosigkeiL geriet, rief ich nach dom Heizer, damit, er mir beim Au^ stehen behilflich sein soll...' Ich erhielt stdo-ch keine Antwort. Ich dachte, daß er meine Stimme nicht hört, denn au^ kj Lokomotive herrscht gewöhnlich ein ziemlicher Lärm, und daher schrie ich lauter: „Franz! Hallo, Franz, komme her,, hllf urir!" Wieder keine Antwort. Da verspürte ich einen -unsäglichen Schrecken. Warum? Ich wußte es nicht... Ich öffnete weit die'Augen und -begann aus Leibeskräften zu schreien. Ich -war mir bewußt, daß ich einfach aus Angst schreie..« Die Plattform war leer. In diesem Moment-wurde es mir klar, was von deck Älugenblick an, als der Donner niederschlug, Vovgefallen lvar, ich begriff, -daß der -Heizer getötet und aufs Geleist geworfen, während ich gelähmt wurde... WeM ich, mein Herr, ein hochgebildeter Akensch wäre, könnte-ich trotzdem keine Worte finden, um die Gefühle zu schildern,-'welche sich meiner damals -bemächtigtem Bor Schrecken stand mir 'das Haar zu Berge. Im Kriege haben die Soldaten das Bewußkstin, daß ihnen -der Dod droht, sie sehen die an ihrer Seite fallenden Kameraden, trotzdem aber verbleiben sie in ihrer Stellung... das stimmt, aber ihre Lage ist noch immer günstiger, weil sie sehen, vcm welcher Seite die Kugel kommt,. sie sthen den Feind vor sich, wissen, was Tod und Vernichtung säet, aber hier, in meinem Falle, war mein Gehilst unter dom Einfluß einer Zaubermacht verschwunden, als ob -ihn her böst Geist strtgetragen hätte. - €' K Ä I \\\ M;-Jt; ’i-, ' r ' "< ‘