Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2209 (15.4.1925)
- Date
- 1925-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. MS * ®t««, Mitwoch Wiener MorAen-ettung. 15. DprlllSW Heuer tagt der XIV. Zionistenkongress! Kaufet daher den Schekel! » . M .rT — - - . ... -- ....... . ... - - — — ' Nach dem Finanzminister Dr. Ähre c ergriff Dr. G ü x. tler das Wort. Cr sagte unter anderem, daß der Anschluß an das Deutsche Reich eine Frage der historischen Entwicklung sei und daß heute der Anschluß dis Reibflächen und politischen Schwierigkeiten iür Deutschland nur vermehren würde. Ser Kampf gram dar Paßvisam. Ossterreichisch-deutsche Verhandlungen. DaS Berliner Auswärtige Amt hat sich an Las Auswärtige Amt in Wien mit dem Ersuchen ge- 'wendet, in einer Konferenz alle Fragen zu erörtern, die eine Aufhebung des Paß visu ms im Reiseverkehr Oesterreich -Deutschland bezwecken. Diese Besprechungen werden schon in den nächsten Tagen beginnen. Aehnliche Verhandlungen sind auch für die anderen GrenMnder geplant, vor allem für die Tschecho- Slowake i, zumal nächstens auch der Frage der Auf« Hebung des Visumzwanges zwischen Oesterreich und der Tschecho-Slowakei nähergetreten werden soll. Me die Politische Korrespondenz erfährt, findet morgen im Bundeskanzleramt eine i nt e r m i n i st erielle Besprechung über die Aufhebung des Sichtvermerkzwanges im Vevkchr mit Deutsch- 'land für die beiderseitigen Staatsang chörigen statt. Die Besprechung hat den Zweck, der österreichischen Gesandtschaft in Berlin, die mit der Führung dieser Verhandlungen mit der deutschen Regierung betraut werden wird, die nötigen Richtlinien an die Hand zu geben. __ Ser Pollzeikougreb in Rem-Bork. Schober Vertreter Oesterreichs. Polizeipräsident Schober wird sich am 1. Mai auf dem Dampfer „Columbus" von Bremen nach Nöw-Iork begeben, um als Vertreter Oesterreichs an dem in der Zeit vom 12. bis 16. Mai dort tagenden internationalen Polizeikougreß teilzunehmen. Präsident Schober wird sich nach Schluß des Kongresses nach Washington begeben und dem Präsidenten Coolidge einen Besuch abstatten. Am 20. Mai erfolgt die Rückreise des Präsidenten nach Europa, a Während der Beratungen des Kongresses wird Präsident Schober Gast der Stadt New-Iork sein. Der Kongreß wird sich hauptsächlich mit der internationalen Bekämpfung der A u t o m o b i l b a n d i t e u befassen. Sie Wahlkampagne in Sentschlnnd. (Eigcndienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 11. April. Der Kandidat des Vollsblocks, Dr. Marx, hat heute, als erster der drei Präsidentschaftskandidaten, eine Wahltournee durch Deutschland angetreten. Dr. Marx wird heute in Königsberg in vier Versammlungen sprechen. Das „Rheinische Reichsbanner" hat einen Aufruf erlassen, worin dem Rechtsblock vorgeworfen wird, nicht etwa einen der Verantwortung gewachsenen Staatsmann, sondern einen Spielball in ihren Händen an der Spitze des Reiches haben zu wollen. Der Aufruf schließt mit der Aufforderung, geschlossen für Dr. Marx zu stimmen. Eine Wahlrede Marx'. Königsberg, 14. April. (Wolfs.) Dr. Marx entwickelte 'heute abends vor einer zahlreichen Hörerschaft fern politisches Programm. Er trat mit aller Entschiedenheit für die Fortsetzung und Sicherung der politischen Verständigung ein und betonte, die äußere Politik müsse in allen politischen Entschließungen den Vorrang haben, ohne daß hierdurch die nationale Ehre und Würde angetaftet werden dürfe. Es sei töricht, mit großen Worten, hinter denen keine Kraft stehe, daß argwöhnische Ausland immer wieder mißtrauisch zu »machen. Man müsse alles vermeiden, was die Festigkeit der deutschen Wirtschaft stören könnte, und das Ausland müsse im neuen Reichsprüstdenten eine Gewähr für die Fortführung der Verständigungspolitik erblicken können. Die sicherste Gewähr für eine gesunde Fortentwicklung im Innern sei eine gesicherte Verfassung. An die Verbesserung der Weimarer Verfassung könne man erst herautreten, wenn die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands noch weiter gefestigt feien. Ser Barmat'Kandal. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, Ich. April. Der Untersuchungsausschuß des Reichstages über die Barmat-Affäre nimmt morgen feine Verhandlungen wieder auf. Die Sitzungen werden nicht im Reichstagsgebäude, sondern im Moabiter Justizgebäud e stattfmden, damit BarmaL und H ö fle nötigenfalls vernommen werden können, Höste wurde gestern einem längeren Verhör unterzogen. Heine in der Zudengasse. Von S. Meisels. Heinrich Heine ist verhältnismäßig spät in die Judengasse eingedrungen. Man spricht oft von Schiller im Ghetto, es liehe sich auch von Goethe im Ghetto sprechen, dagegen ist von Heim im Ghetto herzlich wenig zu berichten. Die Ursache hierfür ist weniger im Dichter als in ferner Dichtung zu suchen. Die literaturkundigen Juden im Osten wußten mit Heine nicht recht was »anzufangen. Es ging ihnen mit ihm wie Moses Mendelssohn mit dem Schachspiel: er war ihnen als Witzbold zu ernst, als ernster Dichter zu witzig. Zudem war seine Schreibweise zu glatt, einfach, klar, ohne Schnörkel und Satzwindungen, die Deutungen, Glossen und Kommentare zulasten. Die Entwirrung eines Gedankenknäuels war den talmudischen Köpfen der Judengaste unentbchrlich. Sie fanden »daran Gefallen. Heine konnte man lesen; sie waren gewohnt, zu „lernen". Gedichte ohne moralische Tendenz nannten sie ehemals im Ghetto „Gedichte ohne Sinn". Und den Heineschen Gedichten fehlte die moralische Nutzanwendung. Gemäß dieser Neigung zur Grübelei und zum Moralisieren, hatten auch die hebräischen Schriftsteller lange geziert, Heinrich Heine in das Fremdenregister der neuhebräischen Literatur einzutvagen. Das erste Heinesche Gedicht, das in einer hebräischen Uebertragung erschien, ist ~ soweit ich es.feststellen konnte — „Frau Sorge" („Kochbe jizchak", 1953, Heft 18). Erst -neun .Jahre später finden wir in derselben Zeitschrift einen Sinnfpruch Heines übersetzt vom Philosophischen Schriftsteller Fabius Mises (Md, 1862, Heft 27). Bedenkt man, daß die ,M»chbe jizchak" von 1847, bis 1873 erschienen sind, und «daß sie zumeist von Uebersetzungen genährt wurden, so müßte die Auslese von bloß zwei Gedichten aus dem reichen Liederschatz Heines ein Kopstchütteln Hervorrufen, wenn die oben angeführten Gründe diese Erscheinung nicht einigermaßen erklärten. Ich finde es besonders beachtensivevt, »daß gerade „Frau Sorge" die Uebersetzungslust eines hebräischen Schriftstellers erregte, »während doch in erster Linie Heines „Hebräische Melodien" ins Hebräische übertvageu zu werden verdienten. Man kann an der ersten Auswahl aus den verschiedensten Dichterwerken, die sie der Uebersetzung für wert »befanden, das Gefühlsleben und die Gedankensphäve »der damaligen hebräischen Schriftsteller kennen lernen. Bon Schiller übersetzten sie den Ehorgesang: „Durch die Straßen der Städte, vom Jammer gvfolget, schreitet das Unglück", den Brand aus der „Glocke", von Goethe „Wer nie sein Brot mit Dränen aß", von Shakespeare den Seim und Nichtsein-Monolog, Asungs „Nachtgeidanken", aus Tiedges Urania . „Der Zweifler" und — Kotzebues „Ausbruch der Verzweiflung". Bei Heine »hatte es ihnen just die „Frau Sorge" angetan. Das Glück ist fort, der Beutel leer, Ich Hab' auch keine Freude mehr. An meinem Bett in der Winternacht Als Wärterin die Sorge wacht. * . - Auch »der »bekannte Poet Max Äetteris hat eimge Gedichte Heines iits Hebräische übertragen. Den „Hebräischen Melodien" im hekbväischen Gewände begegnen wir erst 30 Jahre nach de»ur Tode des Dichters. Konstantin Schapivo lieferte eine gelmtgene Uebevsetzung der „Disputation"; Saloman Mandelkern übersetzte „Prinzessin Sabbat" und „Jehuda Halevy". Zu der Uebersetzung des Gedichtes „Jehuda Halevy" ftmb einige Bemerkungen am Platze, erstens, »weil der „Halevy" eine der köstlichsten Dichtungen Heines ist, und dann, weil Mandelkern ein anerkannter hebräischer Dichter war. Mandelkern, hat mit dem Heinefchen Gedicht geschaltet und geivaltet, als wäre es sein eigenes. Zunächst hat er die leichtbewegten Vievfüßigen Trochäen in langatmige Verse zu je vierz»e»hn Silben umgeüvandelt. Dann hat er den »gekreuzten Reim verwendet. Und schließlich überschritt er vollends das Maß des für einen Uebersetzer Zulässigen, indem er sich Aendevungen, Abkürzungen, Ergänzungen und allerhand Korrekturen erlaubte. Die einleitende Strophe „Lechzend klebe mir »die Zunge an dom Gaumen usw.", die doch nur mit dem bekannten Psälmvrs rückübersetzt zu werden brauchte, lautet bei Mandelkern wört-, lich wie folgt: „Es klebe meine Zunge am Gaumen und es welke mein Gaumen i»m Schlunde, mein Mund sei in Staub gesteckt, verstummt die Lippen, vergessen meine Rechte, zerbrochen mein Arm wie ein Schilfrohr — vergesse ich jeinals dem, Tochter Jerusalems!" Das ist weder hejnisch, noch sonst poetisch. Die herrlichen Verse: „Und es hat der goldene Tajo ihm sein Wiegenlied gelullet", behagt offenbar Mandelkern nicht, denn er will es besser machen als Heine und läßt das Wiegenlied von der Mutter Halevys singen. Er ist so freigebig, ihr ein Wiegenlied von vierundsechzig Versen in den Mund zu legen. Ein „kleiner" Zusatz vom Uebersetzer, um Heines Poesie poetischer zu gestalten! In einer Fußnote ist der Vermerk, daß das Wiegenlied nicht von Heine, sondern vom Uebersetzer stammt. Für den. der auch nur ein Gedicht von Heine im Originale gelesen, war dieser Vermerk — überflüssig . . „■ Znm Schluß des dritten Kapitels fügt Man* Bandervelde bildet das belgische Kabinett. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung''.) Brüssel, 14. April. Der Köllig hat heute vormittags Bandervelde mit der Neubildung des belgischen Kabinett's betraut. Bandervelde ihat mit seiner Partei bereits Fühlung genommell und hat hegte nachmittags den Auftrag zur Regierungsbildung a nge'n o» m m e ». Bandervelde erschien heute Nachmittag beim König, um ihm von der Uebernahme der Kabinettsblidullg Mitteilung zu machen. Der sozialistische Parteikongreß hat Bandervelde ermächtigt, die Unterstützung aller demokratischen Elemente bei den übrigen Parteien zu suchen. Schließlich nahm die Konferenz eine Resolution an, in welcher das sozialistische Programm als die Grundlage des künftigen Regierung?^ Programms erklärt wird. Allgemeine Mobvmachang in der MM. London, 14. April. (Europapreß.) Aus Angora wird gemeldet, daß »die türkische Regierung die General- »mobilmachung angeordnet hat, um den Kurdena u f st and so rasch als möglich niederzusch-'lageu. Es verlautet, daß der Mobilmachungsbefe>h't vor allem dessentwegen erlassen wurde, weil Persien große Tvuppenabteilungen all die kurdische »Grenze gesandt habe, da der Aufstand auf Persien überzngreifen drohe, wohin ein Teil der fliehenden Kurden sich bereits geflüchtet »habe. Angora bant ab. Entlastung der jüdischen Telephonistinnen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Konstantinopel, 14. April. Im ganzen Lande sind btt nichtmohammedanischen Telephonistinnen unter dem Vorwände entlassen worden, -aß sie militärische und Staatsgeheimnisse, die telephoniert werden, verraten könnten. Davon sind besonders die jüdischen Telephonistinnen betroffen, da die christlichen schon längst entlasten worden sind. Sie gaben in Bulgarien. Sofia, 13. April. (Bulg. Tel.Mg.) Der Präsident des bulgarischen Konsistoriums dementiert kategorisch die Meldungen von jüdischen Blättern in Saloniki über angebliche Judenverfolgungen in Bulgarien. ~ hfh delkern eine Strophe aus Halevys Diwan bei. Sie kommt an die Stelle des häufig erwähnten Heineschen Schnitzers, nämlich des Lecho-daudi-Liedes, dessen Verfasser bekanntlich nicht Jehuda Halevy, sondern Salomo Alkavez war. Die Strophe, in dev der Dichter seiner Geliebten den gutgemeinten Rat erteilt, Hebräisch zu erlernen, um Gabiröl, Jbn Esra und Halevy im Original lesen zu können, schließt bei Mandelkern mit den . Worten: „Komm*, ich unterrichte dich zu Nutz und Frommen, und zwar unentgeltlich." Das konnte Heine nicht gesagt haben. Hebräischen Unterricht zu erteilen, war nicht Heines starke Seite. Es sind berechtigte Zweifel vorhanden, ob Heine überhaupt die „pittoreske altchaldäische Quädrätschrist" geläufig lesen konnte. Es existiert indes noch eine zweite hebräische Uebersetzung des „Halevy" von Salomon Lurie, einem Ingenieur aus Mohilew. Lurie hat das Heinesche Gedicht ziemlich wortgetreu und im Versmaß des Originals übersetzt und mit einigen trefflichen Anmerkungen versehen. Liebeslieder von Heine, ebenso einige Reisebilder, sind erst in der nachhaskalischen Zeit, man kann sagen, in der Zeit des nationalen Aufschwunges, ins Hebräische übersetzt worden. Von Heines Hauptwerk, dem „Buch der Lieder", wurde erst in den Jahren nach dem Kriege eine hebräische Ausgabe veranstaltet. Die Uebersetzung stammt von dem bekannten hebräischen Dichter Jizchak Katzenelson. Das „Buch der Lieder", hebräisch „Sepher Ha-schirim", ist mit einem Bildnis Heines und einer Einleitung des Uebersetzers im Sztybel-Verlag zu Warschau erschienen. Derselbe Verlag hat auch die „Harzreise" in einer Uebersetzung von David Simonowitz herausgegeben. Faßt man alles zusamncen, was zurzeit von Heine im Hebräischen vorliegt, so dürfte es kaum mehr als den zwanzigsten Teil seines Gesamtwertes aüsmachen. Heine im Hebräischen ist nur ein Miniatmbild des deutschen Heinrich Heine. Trotzdem ist dem hebräischen Leser Gelegenheit gegeben, Heinrich Heine in seiner Minzen Dichtergröße kennen und schätzen zu lernen. Es existiert nämlich eine Heine-Biographie in hebräischer Sprache. Das Buch trägt den Titel „Mimkor Jisrgel" (Aus jüdischer Quelle) und' der Berfaster heißt Eleasar Schulmann, ein Gelehrter» und ein Mann von Geist. Schulmann stellt alle Parteilichkeit beiseite und bleibt in jeder Hinsicht objektiv. Er sucht Heine zu verstehen, das Verzeihen, wo es erforderlich ist, ergibt sich dann von selbst. Dieses Buch ist das schönste Denknml, das ein hebräischer Schriftsteller dem Dichter Heine setzen konnte.