Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2207 (12.4.1925)
- Date
- 1925-04-12
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Zelte 9 Wen, Zontttag fuhren könnte, sind umuntern zablreicki; fast jedes 'wertvolle Werk liefert ein solches. Es »väre sogar ein Leichtes, ein »ntereffanhes Buch über das Vorwort zn schreiben und ein interessantes Vorwort zn diesem Buche. Da ich indes kein Buch, sondern einen kurzen Zeitungsartikel schreibe, so Möchte ich es bei den erwähnten.'wenigen Musterbeispielen bewenden lassen. Wachsfigurenkabinett. Bon Ego» Dietrichstein. Auch das wienberühmte Panoptikum int Wurstel, hratcr geriet während des Umsturzes etwas in Unordrmng. Wie an allen menscherrgedrängten Orten der Gegenwart, in Bahnhöfen und in der Straßenbahn, mußte auch in dieser Vollversammlung historischer Parteigrößen, Helden, Kapazitäten aller Art und der dollzähli. ge» kriminellen Spezialitäten vor Dieben dringendst ge. svarnt werden: Man hatte dem Dr. Lueger seinen letzten Anzug genommen, und da es selbstverständlich unstatthaft war, den großen BLirgermeister ohne die große goldene Lkette dem Volke zu zoigen, und der Rohstoff früher ausging als die Pietät, hatte man es vorgezogen, auf einen mangelhaft bekleideten und tu seiner Toilette defekten Volksheros gärrzlich zu verzichten . . . Man hatte ferner Lafalle kommunisiert, inden» man feine Garderobe gleichfalls den Einbrechern überlaffen mußte, zu deren Rechtfertigung angeführt werden kann, daß sie nicht auf Lebzeiten in einem Wachsfrgurettkabinett Unterkunft finden können, und daher Kleider notwendiger bratlchen als diese Puppen. Ebenso wenig kann man leugnen, daß der Herr, der dem Papst Leo einige Wachsfinger beschlagnahmte, das daraus gewonnene Kerzenlicht nützlicher vevweitden konnte. Aber der Katalog ist durch solche Eingriffe in das Privatleben lexikalisch beschriebener Persönlichkeiten einigermaßen irreführend. Und die Volksbildung wird dadurch nicht gehoben, daß man verleitet wird, „Klapperstorchs Musterlager" mit Dr. Martin Luther versehentlich zu verwechseln. Einige weitere Verschiebungen hat bereits die Weltgeschichte besorgt, die Grenzlinien zwischen der Ruhmeshalle österreichischer Helden und der Verbrechergalerie sind nicht mehr so fest gezogen. Feldmavschälle werden vor Gericht gestellt, Prinzenmürder Pvmoip ist unter großen Festlichkeiten ausgegvaben und seine Lerche mit Weihrauch kräftig bestreut worden. Der Irrgarten, den das Panoptikum als besondere Sehenswürdigkeit eingestellt hat, blüht in weitverbreiteten Plantagen des kommenden Alltags, und die neuen Wege, die diese Anlagen närrisch verworrener Kulturen durchkreuzen, haben die Standorte Prinz Eugens und des Massenmörders Waniek verrückt. Die Distanz ist verkürzt worden. Präuschcrs Panoptikum, die sprichwörtliche Raritaten- und Monstrositätensammlung der Wiener, das Lehrmittollabinett des Gruselns, das die Wünsche nach bösen Traumen und Angstschweiß weitestgehend befriedigt, die Genüsse der Enthauptungen so wahrheitsliebend vermittelt und die Hingerichteten so lebendig wie nur überhaupt möglich darstellt, ist seit einem Menschenalter eine der besuchtesten Wurstelprater-Ausflugsstationen und eine der allerfröhlichsten Sonntagsvergnügungen. Hart 'beieinander wohnen Franziska Klein und taubenunschuldige Aschenbrödel, Märchenromantik und Lustmord. Eine moralische Kinderfibel hat plastische Gestaltung erhalten. Bor Jahren hat der Mann, den wir dort wie gebrochen am Totenbette seiner Mutter knien sahen, die um ihn so treu besorgte, früh verwitwete Frau zu ihrem tiefen Schmerze verlassen, um in jugendlichem Uebevmut und Leichtsinn < . . Ein tiesergreifender Augenblick aus der romantischen Geschichte Philippine Welsers ist hier dargestellt. . . Nachdem die Zwerge die Leiche Schneewittchens in einen Glassarg gebracht und im Walde aufgebahrt hatten, begannen sie über den Verlust des so heiß geliebten Schneewittchens zu klagen und zu weinen... Die jugendlichen Herzen geschwellt von idealen Hoffnungen und Erwartungen, eilen frohgemut die beiden Kunstjünger, begleitet von den Segenswünschen ihrer Eltern, in die Fernen, das zukünftige Ziel ihrer Herzenswünsche, die Meisterschaft in der schönen Kunst der Malerei, erreichen; auf der Reise, in der Fremde, lernt ja der Künstler gm meisten. . So viel holdselige, beruhigende Lieblichkeit neben Daumerr, schrauben, Stäupbefcn und den Martern des heiligen Bartholomäus. Neben Klapperstorchs Musterlager, das so sinnig mit einem Wanderburschen verglichen wird, der in .Hütten und Palästen als Erkenntlichkeit für die freundliche Aufnahme, ein kleines Andenken zurückläßt, die .Kindesmövderm Hummel, die, nebenbei bemerkt, zu den Terminen der Kindesmord-Gedenklage von ihrem Sohne hier, im Panoptikum, besucht wird. Die Sehenswürdigkeiten worden von den Brüdern Grimm und vom Scharfrichter gleich kulant bedient; aus dem Verbrecher- und .Hvldenalbum gleich reichhaltig gespeist. . . Sehenswert bleibt sehenswert. Der Raubmörder ist hier «ine Größe wie der Sieger, mag jener das Vorzeichen ,/heroisch" und dieser das Vorzeichen ,/rbschreckend" tragen. Alimeh, die Sängerin des Harems, eine vornehme Griechin mit Kind, Präsident Krüger; eine indische Schlangenbeschwörtzrin, Li-Humg-Tschang und Mademoiselle Cloquette am Trapez sind Katalognachbarn. Und den braven Li-Hnng- Tschang, den die Wiener Polizei niemals verfolgte, bewahrt eigentlich nur sein Zopf und fein chinesischer Schlasrock davor, nicht mit Anton Schönekl identifiziert zu werden. Wenn das Panoptikum weiterhin von Kavalieren, die kein; Anzüge zu nt ablegen haben, die Garderobe benützt und nach Luegers Salonrock Kopals Jägenutiforn» zum Gebrauchsgegenstand wird, dann dürftet» die .Heroen, ihres Ratio nalkoMms beraubt, wie die Steckbriefe aussehen. Wiener M,)raenzeiiitit§. „Tic Fnßbastonade in Persien", durch die entfallenden Nn'.tline-rn als „Fagd nach dein Glück", „Das Taume»- dangen im Gefängnis in Amenka" als „Gtößenwahn" ansgegebet» werdet,, während „Fangeisen" und „Femgericht" etwa an den Prozeß Prusch» erinnern. Ter Erfolg dieser Sammlung fommt ans der vierten Dimension. Selbst die Telepathie, die noch weit tu« timet' mit den Geistern verkehrt, hat die lebenden Bilder der Gehängten nicht um ihr Renommee gebracht. „Franz Schneider ans Mulengbach" sieht hier — zumal man nicht weiß, wie er ausgesehen hat — wirklich tute Franz Schmeider aus Neulengbach aus. Es wird von ihm bloß mitgctoilt, wie er gestorbetl ist. Hier aber ist er, im wohlverbreiteten Flimmerlicht, im Zwielicht zwischen. Diesseits ttiti) Jenseits, bloß scheintot oder lebendig begraben. Das Panoptikum lvird nicht mehr lange warten: Tann steht der Henker unter den Gehenkten: Lang, freiwilliger Hauptmann der Feuerwehr und Scharfrichter a. D., den die Republik um seinen .Hauptberuf brachte, wird, als wächsernes HinrichMngsdenkmal, den Prateratrsflüglertl der Zukunft zt» einer Gänsehaut verhelfet». Gaitenschirme, Gartenmobei nur eigene Erzeugung lör Restaarateore, KaKeetiusei, ‘ , UadMuser Spczial-Preisan Stellungen Gesonderte Gartenmöbel-Abteilung Reichhaltige Auswahl in allen Stilarten Erste und älteste Patent-Möbel-Fabrlk R.JAEKEL* Nacht. Ges.m.D.H. Wien, VI. MariaHIlferstr. Nr. 11 Sie Welt in fünfzig Zähren. Wie die Welt in fünfzig Jahren anssehen wird, darüber gl . der englische Gelehrte H. Gernback, Herausgeber von „Science and Invention" int der Zeitschrift „Tit-Bits" folgende phantasisvolle Schilderung: Als Jules Berne seine prophetischen Bücher schrieb, wurde er verspottet. Er „erfand" das Unterseeboot. Er ließ es sogar elektrisch antreilben. Aber als sein Buch erschien, hielt man seiu-eu Eiirftll für eine Utopie. Zwanzig Jahre später erfüllte sich seine Prophezeiung. Wenn wir fünfzig Jahre rückwärts schauen, erscheint es geradezu unheimlich, was für Fortschritte die Elektrizität gebracht hat. Noch vor fünfzig Jahren gab es kein Telephon, kein elektrisches Licht, kein Kino, keine elektrische Straßen- und Eisenbahn. Die drahtlose Telegraphie wäre noch vor fünfzig Jahren für ein Märchen gehalten worden und es hätte geradezu einen Lachstur,n hervorgerufen, hätte man damals versuchen wollen, ein Bild auf drahtlosem Wege votl New-Aork nach London zu senden. Wie wird die Welt tvohl in weiteren fünfzig Jahren aussehen? In den meisten Städten find die Verkehrs-Verhältnisse nachgerade unerträglich geworden. Es wird sich vielleicht als notwendig evtoeisen, eine ganz neue Ar t v o n S traß e n zu bauen, und zwar wird jede Stadt eine sogenannte G ürt clst r a ß e erhalten, die in mehreren Etagen übereinander angelegt sein wird. Die oberste Etage ist für leichte Personenftchrzettge, wie Motorräder bestimmt, die selbstverständlich elektrisch brtrwben werden. Die elektrische Kraftübertragung erfolgt mittels Radio, und zwar gilt das nicht nur für die Fahrzeuge, sondern auch für die Fußgänger, die auf elektr is chen Rollschuhen dahingleiten werden. Ein Draht, der dom Rollschuh zum Kopf oder zur Schulter des Fußgängers verläuft und ihn mit der R a d i o k r a f t l i n i e verbindet, genügt, um ihn mit einer mindestens vier- bis fünfmal so großen Geschwindigkeit fortzübewvgetl als dies hettte ntöglich ist. Unter dieser ersten Etage wird die elektrische Eisenbahn fahren, die eine im Vergleich zur jetzigen weitaus größeren Fahrgeschwindigkeit erreichen wird. Unter der Eisenbahn werden drei Trottoirs roulants nebeneinander verlaufen, von denen das erste mit einer Geschwindigkeit von nur wenigen Meilen pro Stunde, das zweite mit einer solche»! von acht bis zehn Meilen und das dritte mit einer Geschwindigkeit voll 12 bis 15 Meilen pro Stunde sich Vortvärtsbewegt. In fünfzig Jahren werden unsere Gelehrten •: .ch das Problem der B c c i n f I u j s n n g des Wetters gelöst haben, wenigstens soweit Städte in Betracht kommen. Mächtige Konstruktionen für elettri-chen Hochsreqnenzstrom werden auf den Dächern der höchsten Gebäude angebracht sein und Regruwvlketr zerstreuen oder erwünschten Regen heroorrusei^ 12. April 1925 Nr. 8207 Man hat oft die Frage erörtert, welche Wirkung IMfc drahtlosen § :ationen auf Lebewesen und Pflanzen haben. Derzeit kann man noch von keiner Wirkung sprechen, weil die Stationen nur eine geringe Kraftmenge anssenden. Aber in fünfzig Jahren, wem: Super-Radiostatioiien Millionen und Billionen von Kilowatts erzeugen ,verden, wird das Weltbild ein anderes sein, denn dann tverden die Hochfrequenzströme Einfluß auf alle Wesen ausüben. Die P f l a n z e n werden ein zehnmal rascheres Wachst n m erreichen, Versuche, die man mit Insekten angcstellt hat, haben ein unter dem Einfluß der Elektrizität beschleunigtes Wachstum ergeben, daher ist eine analoge Wirkung auch auf Tiere und schließlich auch auf den Menschen nicht ausgeschlossen. Und so wird möglicherweise in hundert Jahren oin sechsjähriges Kind unter Einwirkung der Elektrizität in der geistigen und körperlichen Entwicklung einenr achtzehnjährigen Jüngling von heutzutage entsprechen . . . Die Stadt der Zukunft wird ihre elektrische Kraft auf dom Radiowege von fernen Wasserfällen und von der Sonne beziehen. Heute gchen noch ungeheure Mengen an Energie ungenützt verloren, die man sammeln und auf drahtlosem Woge einer Zentralantoge zuführen könnte. So gehen 'bei den elektrischen Tastern 98 Prozent aller Energie verloren. In fünfzig Jahren wird man kaltes Licht anwenden und die Energie resülos ausnützen, statt sie durch Wärmeverschwendung zu vergeuden. Im Winter wird es in allen Gebäuden warm, im Sommer kühl sein. Die Häuser der Zukunft werden nach dem Svstein der Thermosflasche geheizt sein. Sie werden Toppelmauern haben, deren Zwischenräume mit Kork oder einem anderen schlechten Wärmeleiter ausgefüllt fein werden. Auch der drahtlose Film wird dann etwas Selbstverständliches sein. In einer Zentralstation wird ein Film aufgeführt werden und mittels Radio in die Häuser übertragen und dort ans Leinwand projiziert werden. In fünfzig Jahren werden wir auch sicherlich das „Tclephot" haben, das uns in die Lage versetzen wird, uns durchs Telephon z u s e h e n. La« Senf« Hockeytuknlrr. Genf, 11. April. Die heute abgehaltene zweite Runde der Länderkämpfe brachte folgende Ergebnisse: Frankreich schlägt die Ts che cho -Sloiw a ke 4 2:1 (0:1). Schweiz besiegt Ungarn 1:0 (1:0). Der verlorene Svarfinn. Früher eitunat galt Sparsamkeit in den Kreisen des Bürgertums und seines »bescheidenen Anhanges als utrbc» dingte und mibe,Zweifel,bare Tugend. E's war für b>cu Kleinbürger, den Kleinkaufmann, den geistigen Arbeiter sozusagen Ms absolut Gute. Der Mann pries es an der Gattin, der Heiratsvevlnittler anr Brautwerber, und wenn die Mutter lange und eingehend genug von der Bildung, dem »häuslichen Sinn und den Talenten des Töchterchens erzählt hatte, dann hieß es gewiß: und sparsam ist das Mädel... Freilich steht der Ruf, den Wiell schon seit aUersther genoß, mit dieser Begeisterung für die Sparsamkeit in einigem Gegensatz. Denn schon die ersten deutsche»» Reiscschriftsteller, die der allezeit lustigen Stadt an der Donau einen Be.such abstatteten, wußten van dem unmäßigen ,-Fressen und Saufen", von der unaufhövlichen Backhendel- -und Küchenseligkcit mißfällig zu berichten. Aber diese Schilderungen bezogen sich wohl vorn>ehtnlich auf das Lebett der großen Welt. In der „kleinen" Welt, jenseits des ,uon- >dainen Lebens hingegen herrschte Grofchenverehrung und das Leitmotiv war: wer den Kreuzer nicht ehrt, ist des Guldens nicht wert. Also ehrte man den Kreuzer aufs gewissenhafteste. Der SpavfanatiSmns der gstten Hausfrau »kanttte keine Grenze. Man zählte die Bohn-etr zunr Kaffee, lief in die enchlegensten Bezirke, wenn man glaubte, das Mehl dort mn fünf Heller billiger zu bekommen, und feilschte verzweifelt bei jedotn, auch dem unbedeutendsten Einkauf. Das ,^prix fixes", Ms in allen besseren Geschäften in Goldbuchstaben angeschvieben war, blieb meistens nur ein frommer Wunsch. Ehe sich der Hausvater zuttr Ankauf eines neuen Hutes oder Matrtels entschloß, galb cs U'mständliche Bevechnungetr, gründliche Beratungen, rlttd ganz gleichgültig, ob es sich um die Erwerbung eines Federmessers, eines Pelzrvckes oder einer Speisez>imnt,ereinrichtung hatldeltc, wußte man inuner, wie infeit mau „gehet»" wollte. Was jenseits dieser Grenze, der genau crvechneten Möglichkeitsgrenze lag, das war ganz einfach nicht vor- »Händen. Die Kriegsverhältnisse haben zunächst nur »eine gewaltige Steigerung des Sparwillens gebracht. Wahre Orgien der Einschränkung wurden gefeiert. Erst freiwillig, allmählich unter item Druck der Not. Auch den Leichtsinnigsten >hat der Krieg das Sparen beigebmcht. Wir «haben gelerttt, mit LebenAmitteln, mit Geld, ntit Sto»ffen, •mit Licht, 'Kohle, Seife, Ta'bak, Kaffee, mit Schreibpapier, Gnmmiibandeln und Ledersohlet» zu sparen, ivir haben gelernt, atts Zwiebelschalen »tmd Tomatenkousevveu Gulasch', fast zu bereiten Und .aus abgelegten Filzhüten Hausschuhe »herznftellen, Es war wie ein Fieberschauer der Sparsamkeit. Uttd jetzt ist er vorübergegangen. Ist vollstättdig, etrdgültig, ist „restlos", wie da's schöne Wort hieß, vorüber. Wir esse,» gut, reichlich »mb mit liebevoller Innigkeit, wir kleide»» »»ns, Fra»»e»t und Männer, nach der allerneneisten Mode und haben alle Wende-, Fävbe- und Umä»»devut»gsküttste vergesset», wir »füllen, unsere schütter gewordenen Wäschebestätldö auf, t»nd nehnren lieber feinen Batist, statt tlils wie ehedenr ntit BaumwollzeM dom MeOwje Me » 8277