Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2207 (12.4.1925)
- Date
- 1925-04-12
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Men, Sonntag Wiener Moraenzeltuna. 12. April 1825 Seile 1 Nr. 2207 Las Vorwort. Don S. Meiftls. Ein Vorwort ist immer ein 'Nachwort, das man dem Werk vorausschickt. Beim Vorwort wird dreierlei verwechselt: die Bezeichnung, die man ihm gibt, die Zeit, in der es entstanden ist, und der Ort, wo es gedruckt erscheint. In der Regel wird das Vorwort geschrieben, nachdem das Werk bereits fix und fertig vorliegt; zeitlich ist also das Vorwort als das Schlußwort anzusehen, das der Verfasser seinem Buche mit auf den Weg gibt, räumlich aber »imint es die erste Stelle im Buche ein. Das ist alter Verfassevbrauch und dazu ein recht sinniger. Das Vorwort ist das Empfehlungsschreiben, mit dein das Buch sich einführt, das Schriftstück, mit dem sich der Verfasser legitimiert, und cs ist Mich, Empfehlungsschreiben und Legitimation zuerst vorzuweisen, bevor man das Wort, worauf cs ankommt, gesprochen hat. So betrachtet, steht das Vorwort im Buche wohl am rechten Fleck. Aber auch vom technischen Standpunkt ist die Verwendung des Geleitwortes als Buchpforte durchaus gerechtfertigt. Denn Vorwort 'und Einleitung sind, bildlich gesagt, des Buches Tor und Tür. Tür und Tor sind das Letzte am Bau und stehen doch am Eingang. Es gibt Bücher, denen ein Vorwort, und solche, denen eine Einleitung zum Geleit beigegeben ist; es gibt indes Werke, die beides, Vorwort und Einscitung, haben. Daraus ergibt sich von selbst der Schluß, daß zwischen Vorwort und Einleitung streng zu unterscheiden ist. Die Einleitung führt in das Buch ein und bereitet auf seinen Inhalt vor; sie ist entweder ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Buches oder eine Art von Leitfaden, der zu den verschiedenen, in Kapitol und Abschnitte äbgezweigten .ma-nrilgfachen Gedankenwegen hinführt. Im Vorwort dagegen knüpft der Verfasser die ersten Beziehungen zum Leser an; er macht darin gewissermaßen eine Verbeugung vor dem Leser und stellt sich ihm vor und gibt ihm bei dieser Gelegenheit in ein paar kurzen Sätzen imtb und zu wissen, ms welchem Grunde und zu welchem Zweck er sein Buch geschrieben habe. Mithin: >die Einleitung ist sachliche Begründung, das Vorwort ist persönliches Bekenntnis. J>n der Einleitung bezieht sich der Verfasser auf fein Buch, int Vorwort — auf sich selbst. Deshalb ist bei Bekenntwisschriften, die ohnehin nur in Beziehung auf den Verfasser geschrieben sind, das Vorwort eine überflüssige Zugabe, hingegen ist ein wissenschaftliches Werk ohne Vorwort imic rin Haus ohne Fassade. Es ist, als sei in die «Akauer ein Loch geschlagen, durch 'das mau durchfällt, statt einen Erngaug zu passieren. Ein wissenschaftliches Werk kann das Vorwort nicht entbehren. Zur ,-vovwortlosen Literatur" (wenn mir diese Neubildung gestattet ist) gehören vor allem die Bücher und Werke schöngeistigen Inhalts. Bei Gedichten, Dramen, Illovellen, Romanen und allen sonstigen literarischen Erfeugnifsen, die der Begriff des Schöngeistigen umschließt, ist das Vorwort nicht nur überflüssig, sondern sogar störend. Schöngeistige Werke sind künstlerische Anlagen mit freien Zugängen; eine Pforte würde ihr Aussehen nur verschandeln. Gewiß, auch Dichter haben mitunter zu ihren poetischen Werken Vorworte geschrieben. Heinrich Heine hat sehen Gedichtband mit einem Vorwort versehen. Heine durfte es tun. Don Heines Vorwort ist ein Vovgesang» eine Ouvertüre zur nachfolgenden klingenden Musik. Und noch etwas: Jüdische Wissenschaft und jüdische Geschichtsforschung wurden in verschiedenen Ländern, in verschiedenen Sprachen geschrieben. Abgesehen von 'Werken in der deutschen Sprache find in der letzten Zeit monumentale Werke in englischer Sprache hinzugekommen. Es genügt, den Namen Professors Schächter und sein Werk „Die Rabbiner und Mystiker von Safed" zu nennen. SM viel wurde auch in französischer, in jüngster Zeit micg in italienischer Sprache geschrieben. Und in welcher Sprache nicht? In der russischen und selbst in Polen wurden nicht nur wichtige Monographien in polnischer Sprache herausgebracht, man versuchte sogar eine polnische Zeitschrift für jüdische Wissenschaft herauszugeben. So ist die jüdische Wissenschaft zerstreut wie die Juden selbst. Der jüdische Gelehrte oder Schriftsteller, der die jüdische Geschichte studieren will, muß alle Sprachen der Welt kennen, und keiner sorgt dafür, daß das alles in einer Sprache, die alle Juden verstehen, zusammengefaßt werde. Selbst die wichtigsten Quellen wurden wie Volkserzählungesi ohne Erläuterungen herausgegeben. Geschichte in Dokumenten. In der großen jüdischen Bibliothek des jüdischen Seminars in New-Gork zeigte mir Dr. Marx ein Kabbalabuch, auf dessen erster Seite der Verfasser, ein portugiesischer Jude, mit eigener Handschrift das folgende Erlebnis ausgezeichnet hat: „G esternwar ich in Lissabon, w o s o v i e l e, viele Juden in „Gottes Feuer" verbrannt wurden. U n t e r ihnen befand sich auch m e i u guter Freu»b und ich wartete, bis das Feu o r v er lösch t w a r u n d a lle f o r t geg a n g e n w a r e n, u n d a l s e s f i« st e r w a r d, s a m m e l t e ich seine Gebeine aus dem Feuer, um sie in jüdischer Weise zu bestatten." Dieses kleine Erlebnis des portugiesischen Autors gibt uns einen hundertmal stärkeren und klareren Begriff von der Inquisition als die hunderte Bücher, die über sie geschrieben wurden. Unsere historischen Dokumente sind nicht in Stein gehauen, nicht in Bronze gegossen und auch nicht in Gebäuden verkörpert. Wurden Juden von irgendwo vertrieben, wurden unsere Schulen und Synagogen niedergebrannt und den: Erdboden gleichgemacht. Einige wurden (wie in Portugal) zu Kirchen und Klöster verwandelt und. wurden dadurch bis mbewÄmten Quofttdf en. u. $• Sr* S&jd'JKa Sjalbpdiutae i toaun IS BoxcaWVChevr. vahmengenäht Meistens aber hängt bei bevorworteten Dichterwerken das Vorwort mit der Dichtung nur Ifiofc zusammen. Man denke nur an Schillers Vorwort zur ,Mraut von Messina" oder an Hebbels Vorwort zur „Judith". Von den lebenden Dichtern ist Berrrcrrd Shaw fast der einzige, der zu jedem seiner Dramen ein Vorwort schreibt. Ein Shawsches Vorwort ist indes, genau betrachtet, gar kein Vorwort, sondern ein selbständiger Essay voll sprühenden originellen Geilstes, eine Vorrede, die neben denr Drama .ihren Eigenwert bebesitzt. Bei Shaw ist es schwer zu sagen, ob das Vorwort das Stück oder das Stück das Vorwort erläutert. Ansonsten aber macht ein Dichtwerk mit Vorwort den Eindruck einer schönen «Fran mit falscher Perücke. Es ist klar, daß die hier gegebene Begriffsbeistimmung, die ich mir auf Grund zahlreicher Vorworte und Einleitungen zu den verschiedensten Büchern und Werken gebildet habe, nicht in alten ffiUen gleichmäßig zutrisft. Häufig saßt der Schriftsteller den Begriff des Vorwortes enger oder weiter. Manches Vorwort ist gewollt unpersönlich gehalten und manches wird lediglich als eine Art Kopfstück hingesetzt. Bei manchem Vorwort hat man den Eindruck, als sei es geschrieben worden, eben weil es Herkommen und Sitte ist, zu einem Buche ein Vorwort zu schreiben. Nicht selten auch übersteigt das Vorwort das Maß einer Einleitung. (Zum Beispiel: Eine der letzten Ausgaben von Ludwig Büchners ,Kraft und Stoff" hat ein Vorwort, das nahezu den Dritteil des ganzen Werkes heute erhalten. Das eine oder andere Baudenkmal ist wie durch ein Wunder von der Verheerungswut der Feinde verschont geblieben (Worms und Prag). Die Grabsteine der Friedhöfe wieder wurden aus der Erde gerissen und für den Bau von Stadtmauern oder Festungen verwendet. Als die Mainzer Festung nach dem Versailler Friedensschluß geschleift wurde, stieß man auf jüdische Grabsteine aus der Zeit Rabbi Salamon Jizchalas (Raschi), die in die Mauer eiugefügt waren. Kein Winkel auf dem Erdenrund war sicher und fest genug, um in ihm eine Erinnerung an unsere Vergangenheit bis auf unsere Tage erhalten zu können. Unsere Dokumente sind als geschriebenes Wort erhalten geblieben. Auf Pergament, in einer Megilla oder als Klagelied in einer Kinah, in einem „Pinkas" genannten Protvkollbuch oder als Handschrift aus dem Deckel oder Respektblatt eines Buches. Mangels Verständnisses für die Bedeutung solcher Aufzeichnungen wurden sie, wenn sie veralteten, auf den Dachboden der Synagogen getragen, in den „Schemoth-Kasten", d. h. in den Kasten geworfen, in welchen: lose Blätter religiöser Bücher gesammelt wurden, damit nicht etwa vorkommende Gottesnamen mit Füßen getreten werden. In Rußland und Polen war es Sitte, solche „Schemoth" auf dem „guten Ort" zu vergraben, und wer weiß, wie viele wertvolle Dokumente auf solche Weise für immer verloren gegangen sind. Professor Schächter fand auf seiner im Austrage der Cambridger Universität vor zwanzig Jahren durchgeführten Studienreise in einer alten Synagoge von Kairo eine Sammlung von Schriften von außerordentlicher Wichtigkeit nicht nur für unsere Geschichte, sondern auch für die Geschichte des Christentums. Er bereicherte die Apokryphenliteratur mit dem original hebräischen Text (Ben S'wa) und fand u. a. die Bestätigung des spanischen Briefes au die Chasareu. Wir wissen, daß in den alten jüdischen Siedlungsplätzeu des Orients noch viele solche „Genisoth" in den Synagogen vorhanden sind. Wir haben von einer solchen Genisah in Bagdad Kenntnis, die noch immer der wissenschaftlichen Erforschung harrt und wahrscheinlich Dokumente in sich birgt, die geeignet wären, Licht in die Geschichte jüdischen Lebens in dieser märchenhaften Stadt in den verschiedene»: Zeiten zu bringen. *; umfaßt.) Im allgemeinen wird dem Vorwort nicht vdek Bedeutung beigemessen; vom Autor nicht, vom Leser noch weniger. Aber gleichviel, ob denr Vorwort mehr ober 'wenig Bedeutung zukommt, Beachtung verdient es auf jeden ^all. Dem Biographen, dem Psychologen, insbesondere heM Literarhistoriker sagt es so mancherlei. « Für den biographischen, psychologischen und literaturgeschichtlichen Wert des Vorwortes möchte ich einige wenige Beispiele heranziehen und wähle zu diesem Zwecke aufs Geratewehl etivelche Bücher aus. Eine eigenartige Erscheinung war der österreichisch« Dichter und philosophische Schriftsteller Bartholomäus Carneri. Eine seiner bekanntesten Schriften „Der moderne Mensch" ist mit Einleitung und Vorwort versehen. Die Einleitung sängt folgendermaßen an: „Die vorliegenden Blätter handeln von der Lebensführung und sind dem modernen Menschen gewidmet." Damit ist Inhalt und Zweck des Buches klar und deutlich umschrieben. Im Vorwort aber heißt es: „Bei der Lebensführung läßt sich wohl ein Ziel bezeichnen: den Weg dahin nimmt jeder in Gemäßheit seiner Eigenart. Ich bin diesen Weg gegangen. Daß ich — von Leiden über das gewöhnliche Maß 'hciimgcsucht — das Leben schön gesunden habe und es heute, im siebzigsten Jahre, nach schön finde, spricht für diesen Weg." Schlicht und ergreifend ist der Schluß des Vorwortes: „Dieses Buch, in das ich mciit ganzes Herz, recht und schlecht, wie es ist, niedergelegt habe, der Oefsentlichkeit zu übergeben, hätte ich ohne diese paar empfehlenden Worte 'Nicht übers Herz gebracht." In diesen knappen Sätzen ist der ganze Carneri enthalten, der Mann von starkem Geiste, der Siebzigjährige, der alles Erdenleid überwindet und das Leben bejaht. David Friedrich Strauß' „Voltaire" ist ein Abschnitt aus seinen literarischen Denkwürdigkeiten als Vorwort beligegeben, das uns über die Entstehungsgeschichte der Voltaire-Biographie eingehend unterrichtet. Bei einiger Kenntnis der Persönlichkeit Strauß' 'wäre die Annahme wohl berechtigt, David Friedrich Strauß halbe aus einer unabweislichen Notwendigkeit heraus die Lebonsgeschichte des Weisen von Ferney geschrielben; er. habe gar nicht anders können, als diese Biographie schreiben. Aus dem beigegebenen Vorwort jedoch erfahren wir, daß den letzten Anstoß zur Abfassung der Voltaire-Biographie eine „Dame von «lebhaftem Geist und umsassender Bildung" gegeben «hat. Im Jahve 1871 wurde Strauß mit Prinzessin . Alioe, der Gemahlin des Erbprinzen Ludwig tarnt Hessen, der zweiten Tochter der Königin Viktoria und des Prinzen Albert, iin Davmstadt bekannt. Jetzt erst, nachdem er diese Bekanntschaft gewacht hatte, drängte es ihn, „etwas über Voltaire niederzuschveiben, um es der Prinzessin vorzulesen", ein Gedanke, der, nach seinem «eigenen «Geständnis, etwas Verlockend«es für ihn hatte. (Die Entstehungsgeschichte von Strauß' ,-Voltaire" erinnert mich an die Entstehungsgeschichte von Moses Mendelssohns ,/Phädon". Nach Kayserling hat Moses Mendelssohn seinen „Phädon" geschrieben, um damit «ine um die Fortdauer ihrer Seele bangende deutsche Fürstin zu trösten und zu' beruhigen. Auch Kants „Träume eines Geistersehers" haben wir zum großen Teil dem adeligen Fräulein Charlotte von Knobloch zu verdanken, deren „edle Wißbegierde" Kant mit seiner Abhandlung befriedigen wollte.) Es würde sich durchaus verlohnen, noch andere Vorworte als Beispiele «hevanzuziehen. Man brauchte da wahrlich nicht lange zu suchen, denn die Beispiele, die «man an- Die jüdische Universität in Jerusalem, als freie wissenschaftliche Anstalt, frei von jedem einseitigen, religiösen oder lokalpatriotischen Einfluß und auch vom Einfluß der Rabbinerseminare, als wissenschaftliche Zentrale Besitz des ganzen Volkes in der gesamten Diaspora und in Erez Israel, ist die einzige Institution, die berufen ist, die Mission, die Geschichte der Juden in allen Ländern der ganzen Welt zu erforschen, auszusühren. In jedem Land, wo Juden leben, sind Vereine von jüdischen Gelehrten zu schaffen, die die Geschichte der Juden an Ort und Stelle zu erforschen hätten. Diese Arbeiten sollen durch die zentrale wissenschaftliche Anstalt filtriert, geläutert, vom Licht der historischen Wahrheit durchleuchtet werden. Die jüdische Universität in Jerusalem wird wissenschaftliche Expeditionen in alle Orte, wo Juden gelebt und in den Kulturen der Völker tiefe Spuren hinterlassen haben, entsenden, um in den Archiven Dokumenten jüdischen Lebens und jüdischen Leides nachzuspüren. Die jüdische Universität wird die Aufgabe haben, die jüdischen Quellen mit entsprechenden Erläuterungen herauszugeben und schließlich aus allen Sprachen und Weltliteraturen alle von jüdischen Gelehrten auf diesem Gebiete geleisteten Arbeiten zu sammeln und in eine allen Juden zugänglichen jüdischen Sprache zu übertragen. Das ist eine Arbeit, die nicht von einem Teile de8 Judentums allein, sondern vom gesamten Weltjudentum durch Anstrengung seiner geistigen Kräfte, im Wege einer zentralen Bildungsanstalt geleistet werden kann. Diese Anstalt wird das gesamte Judentum in allen seinen Schattierungen und Richtungen repräsentieren und einem höheren Zweck dienen. Das, hoffen wir, wird die jüdische Universität werden. 1 ' Und vergessen wir nicht, daß jüdische Geschichte nur ein Zweig jüdischer Wissenschaft ist. * Als die Juden das Land verließen — erzählt die Legende —, verlangte ein Tanaite vom Sieger eine jüdische Akademie, die, wie er glaubte, das Judentum erhalten und ihm die Unabhängigkeit eines Vaterlandes ersetzen werde — Jäbneh. Jetzt, da die Juden ins Land zurückkehren - ist ihre Ausgabe, ein neues, modernes Jabneh zu schaffen/ ~ Mit Jabneh Meten wir, mit Jabneh fangen wir ach