Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2207 (12.4.1925)
- Date
- 1925-04-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2207 Wien, Sonntag Sie Haifische der gadeamifiloa. Mißbrauch der jüdischen Not. Aus Le mibe r g wird uns gemeldet: Uöber die sfchrVckliche Notlage der vielen Hunderten von verlassenen jüdischen Ehefrauen und über die Versuche der Rabbinate der größeren polnischen Städte, die moralische und wirtschaftliche Hilfeleistung für diese nnglück- Mchen Frauen durch eine Weltorganisation in die Wege zu leiten, ist wiederholt berichtet worden. Seit einiger Zeit machen sich nun die verschiedenen Missionsgesellschaften mit diesen armen Geschöpfen zu schaffen und bemühen sich, sie unter Ausnützung ihrer Notlage zur Taufe zu bewegen. Leider nicht ganz ohne Erfolg. Sie umschleichen die hilflosen Frauen, bieten ihnen Kleider, Natural- und Geldspenden an, verbreiten unter ihnen ihre heuchlerischen Tra>ltÄlein, in denen sie den verlassenen Frauen vor Augen führen, daß sie der beste Beweis dafür seien, daß die Juden an die Reinheit des Familienlebens vergessen, weshalb sie Gott verlassen habe, sie jedoch durch den Uebertritt zum Christentum retten wolle. Die vom Lemberger Rabbinat herausgegelbene Liste der Austritte aus dem Judentum enthält zum größten Teil die Namen solcher verlassener Frauen, die den Lockungen der Missionäre erlegen sind. Die seelenisängerische Tätigkeit der Missionäre hat erst feit dem Tage eingesetzt, an dem die amerikanischen jüdischen Organisationen ihre Hilsstätigkeit in Palen eingestellt haben. »in Wischer Ingenieur- und Lechnikerkongreß in Men. Die Alteu-Herren-Verbände des Kartells dev Zionistischtechnischen Verbindungen und Vereine in Wien-Brünn- Bielitz regen die Abhaltung eines Kongresses der j üdischen Ingenieure und Techniker aller Sukzessionsstaaten und Deutschlands, im Rahmen des im August laufenden Jahres in Wien tagenden Zionistischen Kongresses an. Dieser Kongreß soll allen Palästinaorientierten, «in der Praxis stehenden Ingenieuren und Technikern sämtlicher techuiischen Brauchen nicht nur Gelegenheit zu persönlicher Fühlungnahme und gegenseitiger Anregung geben, sondern hauptsächlich den Teilnehmern durch ausführliche Referate, welche von hervorragenden palästinensischen Fachleuten gehalten werden sollen, ein zuverlässiges B'W der Aufbaumöglichkeitm Palästinas in technisch-industrieller Hinsicht vermitteln. Zwecks Beistellung der entsprechenden Referenten haben sich die Initiatoren mit den kompetenten Institutionen in London und Palästina in Verbindung gesetzt. Es bst vorgesehen, zu diesem Kongreß auch die interesiierten Kreise der G r o ß i n d u st r i e einznladen, um ihnen Gelegenheit zu geben, sich über die industriellen Möglichkeiten Palästinas bei berufener fachmännischer Stelle zu informieren und um eventuell zur Verwirklichung verschiedener Palästina- Projekte praktisch Stellung zu nehmen. bisse schleppten Stücke von Tuch und anderen Stoffen weg, 'jene Bündel, in die sie allerhand Beute verwahrt hatten. So kehrten gar viele aus der Judenstadt zurück. Trotzdem nahm die Zahl der Plünderer nicht ab, im Gegenteil, sie wuchs wie eine Wasserflut. Hinter Joschkas Scharen wälzten sich beständig neue Menschenmassen ins Judenviertel, getrieben von Rachsucht und Habgier, und sie wurden von denjenigen, die aus dem Ghetto mit Beute kamen, mir noch ermuntert. Ihr wildes Schreien ertönte wie die Stimme von Rcmbtieren, die sich auf 'ihre Beute stürzen. Aber auch andere wagten es, sich in dieses gottlose Durche inander zu mischen, in diese Hölle, und deren Stimme klang anders als der Lävnl der Plünderer. Im St. Balentintor stand der Kaufurann Kviz*) mit einigen Ratslherren und dem Meister Johann vom tschechischen Kollegium. Sie versuchten, die in die Jndenstadt eilenden Wüteriche aufzuhallen, drohten ihnen, baten sie und redeten auf sie ein; auf ihren Befehl hielten einige neben ihnen stehende Büttel den Eindringenden ihre Lanzen entgegen. Mer sie wurden samt ihren Lanzen zur Seite geschleudert und die Wütenden überschütteten selbst die Ratsherren mit Drohungen und Flüchen. Die Pforte war bald wieder frei, denn die Ratsherren wurden samt ihren Bütteln weggefeigt. Aehnlich geschah es auch dem Kaufmann Kriz und dom Meister Johann. Diese aber kehrten nicht nach Hältst zurück, sondern gingen in die Judengasse. Im Inneren der Judenstadt war die Zahl der Morde und Vergewaltigungen nicht so groß wie an der Peripherie, aber die Nachricht von ihnen war bereits dort hingedrungen. Die Flüchtlinge brachten sie hin. Mehr noch als Vffc Mund erzählten von den Schandtaten ihre verstörten Blicke, ihre Klagen und ihr Händeringen. Da erkannten alle, daß ein Tag des allgemeinen Verderbens hereingebrochen sei, vor dom sie weder Haus noch Herd schützen könne. Sie vergaßen an ihr Gut, dachten nicht an das verborgene Gold, an Juwelen und andere Kostbarkeiten. Die Angst und der Erhaltungstrieb ließen sie nicht im Hause verweilen; und als sie sahen, daß sie sich zu Hause weder verteidigen noch retten könnten, ließen sie alles im Stich und suchten ihr Heil und ihre Zuflucht bei dorn, der so häufig ein Schild des Volkes von Israel gewesen war. Alles eilte zur Synagoge. Bei ihrer Tür stand als Wächter *) Kriz war ein reicher Prager Bürger, der mit anderen Gleichgesinnten die böhmische Kirchenreformation vorbereitete. Bon Widerwillen gegen die Mißstände in der katholischen Kirche erfüllt, verübelte er es den Dominikanern, daß sie den Pöbel gegen die Inden anfhehien. Wiener Moraenzettimg. 12. April 1925 Seite 6 In Anbetracht der notwendigen Vorarbeiten wollen die interessierten Verbände und Einzelpersonen ihre Anschrift ehestens bskanntgoben an: Ing. Paul Steiner, Wien, 4. Bez., Keilgasse 4. Brüder Scbiffmann II Taborstrasse 48 Telephon 47-1-79 Das bekannt billige Kaufhaus f Qr Jedermann Frühjahrsneuheit en ln orig, englischen Domen- und Herrenstoffen Domen- und Herrenufische Leinen- und Uelsswen öorhfinjen Und Teppichen Regenmäntel Enorme Auswahl in feinster Bett- und Tischwäsche, Modeartikeln, Seidenstoflen, Strumpf- und Wirkwaren. 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Es war mir noch nicht gegönnt, die Menschen der hebräischen Siedlung an der Arbeit zu sehen, die Erwecker des Emek, die Helden von Nahaläl, die Bezwinger der Sümpfe, die Großen, welche Fruchtevde aus den Tälern aus die toten, steinigen Hügel schleppen, bis frische Saat erstand, und Steine auf den Skopusberg, bis die hebräische Universität gebaut war. Aber ich habe das Glück, seit dem Tage ihres Erscheinens für eine Zeitung zu schreiben, deren Leser über den Jüdischen Nationalfonds, über seine ausschlaggebende Bedeutung für den Aufbau und die gesunde Entwicklung Palästinas heute nicht mehr unterrichtet werden müssen. Ich bin durch nichts legitimiert, von jenen zu sprechen, welche den Boden mit der Hände Arbeit erlösen (denn ich Mn nur im Geiste bei ihnen, und diese Legitimation ist nicht genügend). Aber ich sehe die Männer und Frauen, die Jünglinge und Mädchen, welche hier zu Lande das Löseg,eld holen, Tag für Tag sche ich sie und bin mit ihnen. Ich neige mich vor euch, ihr Sachwalter eines ebenso heiligen, wie bitteren Amtes. Oh, es ist leicht, sich hinzusetzen und uiederzuschreiben: Bewahret den neuen Jischuw vor Bodenwucher; sorget, daß jeder Chaluz, der die besten Jahre seiner Jugend für die Gemeinschaft in Lohnarbeit fronte, späterhin Bolksboden in Erbpacht erhält; daß der, der Knecht war für alle, Herr wird auf Ackergrund, der allen gehört; daß der städtische Arbeiter und Handwerker sich in gesunden, umgrünten Wohnvierteln an der Peripherie der Städte auf Nationalsondsboden ansiedeln kann; stellet schleunigst nationalen Grund für den gewaltig anschwellenden Strom der Ankomlnenden bereit; befreit euch von dem Kummer, von -dem drückenden Schuldgefühl, nicht. rechtzeitig Boden-, reserve für die nächsten Jahrzehnte gesichert zu haben. Oh, es fließt rasch ans der Feder und — es ist so beschämend, wenn man dir morgen bestätigt, daß es gut, kräftig, herzhaft, überzeugend ist, was du gestern niederschriebst. Oh, es ist unendlich schwer, hinzugehen, die Hand zu öffnen und die Münzen zu sammeln, die kleinen Münzen, deren riesige Anhäufung erst das Werk ermöglicht. Oh, es ist hart, die Gedankenlosigkeit, die Kleinmut, die Selbstgefälligkeit, die Engherzigkeit, den Geiz, den Egoismus, die Eitelkeit, die Gereiztheit, die Ungezogenheit der ,-Spender" zu ertragen und zu überwinden. der Schames Temchen. Alle, die vorbei kamen, sprach er an und' fragte sie, 0b sie nicht seinen Sohn Josef gesehen hätten. Aber niemand antwortete Hm, .denn niemand achtete in der Angst aus ihn. In ganz kurzer Zeit war die Synagoge gesteckt voll. Niemand suchte auf seinen Platz zu gelangen, man achtete nicht aus Geschlechtsnnd Altersunterschiede. Männer nnd Frauen saßen bunt durcheinander so wie die Schafe einer Herde, die während eines Gewitters gesammelt werden -und sich fest aneinander drücken und schmiegen. Ein Durcheinander von Stimmen erfüllte den Raum der heiligen Stätte. Die einen Ragten und jammerten, die anderen beteten laut zu Gott, diese riefen einander zu, jene wieder suchten ihre Angehörigen, die in der allgemeinen Verwirrung verloren gegangen waren. Und die gefundenen Kinder wurden in die Höhe gehoben und wänderten über die Köpfe der Versammelten hinweg aus einem Arm in den anderen. Beim Al-memor, in der Mitte des Raumes, lagen einige Frauen ohnmächtig und man suchte sie aus der Ohnmacht zu erwecken. Bei der mit hebräischen Buchstaben beschriebenen Wand standen einige Greise mit langen, weißen Bärten, in Gebetgewänder gehüllt; sie standen da, starr, unbewegt, in traurige Gedanken versunken, auf das Tranrigste gefaßt, stumpf vor sich brütend. Draußen war schon Tag, aber in der Synagoge war noch kein Ueberfluß an Licht. Unter dom mächtigen Gewölbe und in den Winkeln herrschte noch Halbdunkel. Einige auf Metallgerteu hängende Lampen leuchteten; aber bald verllor sich ihr Licht im Feuerschein, der von den brennenden Nachbarhäusern durch die hohen, schmalen, ans lauter kleinen, mit Blei gefaßten Täfelchen bestehenden Fenster hereindrang und sich in roten Streifen bald auf der Wand, bald auf der versammelten Menge hin- und herbewegte. In dom Schein erglänzte zeitweise die Goldstickerei aus dem kostbaren Vorhang vor dem Avon Hakodesch. Niemand hörte in dem Lärm, wie draußen die Tür zufiel, die Schamss Temchen in den: Augenblick zuschlug, in dem er aus der gegenüberliegenden Gasse einen Haufen wütender Plünderer hevvovbrechen sah. Cr verschloß die Tür mit allen Riegeln und öffnete sie auch nicht, als, nachdem er den Schlüssel umgedreht hatte, noch einige verspätete Juden a>tlangten, an die Mir klopften und flehentlich um Einlaß baten. Ihre bittenden Stimmen verstummten plötzlich. Noch einmal schrieen sie auf und schon erscholl ein Sturm wütender Stmlnwn. Die Christen waren da. Rabbi Abigdor Karo stand, im Gesichte ganz bleich, aber ruhig, sich wenigstens zur Ruhe zwingend, nebelt dem erhöhten Al-memor unb bemühte sich, das versammelte Volk zu beruhigen, ihm Mut zuzusprechen. Uber er sprach Mt yqW. Sobald draußen die Stimmen der Plünderer ertönten und in die Synagoge gedrungen waren, entstand in Hrem Innern ein Lärm vor Entsetzen, ein Klagen, eine schreckliche Verwirrung. Mütter drückten ihre Kinder an sich, Freunde und Verwandte umarmten einander.' Der Rabbi sank auf die Knie, breitete die Hände aus, erhob die Augen zum Aaron Hakodesch und betete mit lauter Stimme zu Gott. Da hörte man die Schläge der Kolben und Hacken, die aus die Synagogentür niederfielen. ,/Oeffnet!" brüllte man draußen. Der Schames Temchen faltete ferne nervigen und behaarten Hände ans der Brust, er stand gÄückt, war blaß und zitterte vor Aufregung, aber er öffnete nicht. Er stand unbewegt, nur seine Argen zwinkerten unter den dichten Augenbrauen, sowie die Schläge aus die Tür niedevfielen und nur halblaut, gleichsam für sich wiederholte er schnell: „Q, Schadai! O, SHadai!" Und dann wieder: Josef!" „O, Josef, mein Schn!" Die Streitkolben und Hacken arbeiteten unaufhörlich, je länger, um so heftiger uud wilder, und in ihre Schläge mischten sich Flüche und Dvchnngen der Angreifer. Plötzlich machte Schames Temchen eine heftige Bewegung. Die Türe krachte, sie erzitterte, sie gab nach. Noch ein letzter Krach uud sie flog aus foeti Angeln. Ein Strom von Rasenden wälzte sich in die Vorhalle. An ihrer Spitze der vierschrötige Jeschko mit einem Säbel in der Hand. Kaum hatte er einen Schritt nach vorwärts getan, blieb er auch schon stehen. Ein alter Jude, in einer Mütze aus Fuchssell, mit langen, weißen Haaren und Ebensolchem Bart trat ihm verzweifelt in den Wog und schrie, indem er die Hände aus'breitete:,/Zurück, ihr Unreinen! Das ist —" Da flog schon seine Mütze vom Kopfe, über das Gesicht und die weißen Haare rann das rote Mut und SchameS Temchen sank, che er zu Ende sprechen konnte, dem Jeschko zu Füßen, er, der treue Hüter des Gotteshauses, unweit jener Stelle, wo vor 50 Jahren sein Vater, der Schames Eistk, verblutet war.*) Die Menge flutete über seinen Körper hinweg hinein in die Synagoge, welche infolge der durchdringenden, herzzerreißenden Aufschreie und Klagerufe erzitterte. Und wie Jeschko mit denr langen, schwarzen Bart und blutigen Schwert in der Hand auf der Obersten Stufe der Synagoge erschien und neben chm seine Genossen, da stand Rabbi Abigdor Karo auf und er zerriß sein Gewand. Im selben Augenblick aber begann ein Morden, speit ärger als früher in den Gassen, und das Gotteshaus füllte sich mit Blut. (Aus dem Tschechischen übersetzt von Dr. Oskar Donath. Rlvm ähw**w* »u* Äcktt Sfc&aMt tut» Qmmm*"'