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Wiener Morgenzeitung · 1925-04-12 · Heft 2207 (12.4.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2207 (12.4.1925)
Date
1925-04-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sk. 2207 Wien, Sonntag Wlenee Mok<*enzettu«A 12. April 1925 Seile 3 Berliner Häuser Durchführung von Verkauf und Hypotheken Bankhaus J. Pinkas Wien, I. Hessgasse Nr. 7 Telephon 56-30/VIII 10944 Bodenpolitik und Nationalfonds. Von Adolf Böhm. Zum ersten Atale seit Begründung des Keren Kajemeth l'Jsrael ist auf der Londoner JahreskouferenA 1920 eine Debatte Wer die bodenpolitischen Aufgaben des Zionismus geführt worden. Damals wollten die linken Parteien, daß nur der Keren Kajemeth l'Jsrael das Recht haben sollte, Boden in Palästina zu kaufen, indes die Verfechter der sogenannten ,-Privatinitiative" jede Beschränkung des freien Bodenwertes bekämpften. Aber auch die Vertreter der linken Parteien haben in jener Debatte vor allem ein Moment besonders hervorgehoben: daß nur die Kolonisation auf Kcren-Kajemethl'Israel-Boden die jüdische Arbeit in den Siedlungen garantiere. Von einer bodenpolitischen Aufgabe des Keren Kajemeth l'Jsrael im Sinne der ,/Bodenreform" war kaum die Rede. In den von der Jahveskonserenz angenommenen Thesen, die von de Lieme und mir ausgearbeitet worden waren, wurde jedoch klar ausgesprochen, daß der Jüdische Nationailfonds der Träger der jüdischen Bodenpolitik in Stadt und Land ist und daß er unter anderem auch berufen wäre, der Sp e k u l a t i o n entgegenzuwirken. (These 2.) Diese bodenpolitische Aufgabe wurde aber von der ganzen zionistischen Oeffentlichkeit ignoriert. Ja selbst hervorragende Vorkämpfer des Keren Kajemeth l'Jsrael haben in Propagandaaktionen mit keinem Worte davon gesprochen, daß her Keren Kajemeth l'Jsrael möglichst viel ländlichen Boden zu Kolonisatronszwecken erwerben müsse. Die Vorgänge in den letzten Monaten haben endlich der Zionistischen Oeffentlichkeit die Augen darüber geöffnet, daß die Bodenspekulation in der Stadt und vielleicht auch auf dem Lande die größte Gefahr für unser Siedlungswerk ist. Es ist reichlich spät für diese Erkenntnis. Schon im Winter 1919-20 hatte die damalige Exekutive einen Atdvrsorh Council in London eingesetzt, in deni auch Sir Herbert Samuel faß, welche Körperschaft eine Reihe von bodenpolitischen Gesctzesvorschlägen ansarbeitete. Aber schon der erste Versuch, sie in Palästina ins Werk zu setzen, scheiterte an dem Widerstand nicht nur der arabischen, sondern auch der jüdischen Vertreter (Aufhebung der Land Ovdi-imnce 2). Nur vereinzelte Stimmen gegen diese Haltung der jüdischen Vertreter erhoben sich in unserem Lager. (Siehe Palästina-Beilage der „Jüdischen Rundschau" vom 12. Mai 1922.) Hie und da wurden neue Vorschläge gemacht, aber das Kapitel Bodenpolitik blieb ohne Interesse. Vielleicht ist es einer der Gründe dafür, daß vor allem die Administration Palästinas bodenpolitische Gesetze erlassen müßte, was aber auf gewisse Schwierigkeiten stößt, die teils mit tett Machtverhältnissen int Lande, teils mit dem undemokratischen und ungerechten Gemeindewahlrecht (so hat zum Beispiel Jerusalem trotz jüdischer Mehrheit eine Stadtvertrctung mit jüdischer Minderheit) zusawmenhängen. Bei dieser Sachlage i:ft es für die Juden schwer, isolierte Maßnahmen zu verlangen, deren Auswirkung ungewiß ist, solange auch andere Reformen noch nicht durchgesetzt sind. Auf diese Seite der Frage kann hier nicht näher eingegangen werden. Dagegen könnten ohneweiters die zionistischen Institutionen dazu verhalten werden, eine planmäßige Bodenpolitik 51t führen. Die P. L. D. C. (Landkaufsgesellschaft), ihre Verkaufsgesellschaft „Meschek" und der „Zionist Commonwealth", die alle unter zionistischer Leitung stehen, müßten verhalten werden, jede Spekulation nrit den Ländereien, die sie erwerben, zu unterlassen und sich in den Dienst eines von der Zionistischen Palästinaexekutive zu entwerfenden Planes zu stellen. Dr. Ruppin hat zwar kürzlich erklärt, daß dies schon in einem Fall (Schaffung einer Bodenreserve für Tel-Awiw) gelungen sei, aber andere Nachrichten lassen cs immer noch) als zweifelhaft erscheinen, ab nicht von diesen Gesellschaften auch weiter ein wahlloses Allsbieten von Parzellen zu sehr hohen Preisen erfolgt. Es fragt sich, welche Stellung 'bet Keren Kajemeth l'Jsrael einnehmen soll. Er allein gibt unter allen Umständen', die Gewähr, daß der Boden, den er einmal besitzt, der Spekulat'on entzogen und nur in -nationalem Sinne verwendet wird. Auf die Gesellschaften, auch wenn sie unter Leitung von Zionisten stehen, haben wir doch meist nur moralischen Einfluß. Deshalb ist die Stärkung des Keren Kajemeth l'Jsrael das wichtigste Mittel, um der Bodenspekulation entgegenzuwirken, aber der Keren Kajemeth l'Jsrael muß auch die richtige Politik führen! Soweit es sich um länd.-chen Boden handelt, ist darüber nichts zu sagen, da der Keren Kajemeth l'Jsrael feit Jahren seine Mittel dazu verwendet, um solchen zu kaufen und zu verpachten. Es ist auch sehr wenig Gefahr, daß die Gesellschaften, welche ländlichen Boden besitzen, damit spekulieren können, denn die großen Kosten der Ansiedlung, die Schwierigkeit der Betriebsführung, das Fehlen von Agrarkveditinistituten, die geringe Rentabilität der Kolonisation, die in jedem Fall erst -nach Jahren eintreten kann, verhindern jene Möglichkeit. Nur dort, wo es sich int bestimmte, wichtige Punkte, namentlich in der Nähe der Städte und dergleichen handelt, ist sie vorhanden. Es ist zum Beispiel sehr zu bedauern, daß Afule, der Boden auf dem die zentrale Stadt des Emek erstehen wird, von ,Meschek" dem Keren Kajemeth l'Jsrael quasi weggekauft wurde. Anders aber steht es. mit der st ä d t i f ch e n Bodenpolitik. De Lieme hat schon 1920 betont, daß der, Keren Kajemeth l'Jsrael im Umkreis der Städte billiges Gelände als Reserve kaufen muß, aber im heutigen Direktorium ist die Meinung darüber geteilt. Es ist jedoch mtbedmgt notwendig, daß der Keren Kajemeth l'Jsrael städtische Bodenpolitik betreibt. Hier -kann, wenn rechtzeitig eingegriffen wird, mit verhältnismäßig geringen Mitteln sehr viel erreicht werden. Früher oder später wird der Keren Kajemeth l'Jsrael ohnehin 'dazu gezwungen, städtischen Boden zu kaufen, um dem größten Notstand abzuhelfen, und muß -dann bedeutend höhere Preise zahlen. So war es mit I Lloyd Triesfino / Triest Regelmäßiger Passagier* und Warendienst von TRIEST nach iiciuiöi'mimuiiiimuiinituumimi Aegypten, Türkei Dalmatien, Griechenland, Syrien, den Sehwarzen« Meer«Hfifen, Indian und dam fernen Osten Generalagentur: Wien, I. Kärntnerring ö dem Boden für Machusarei Diroth, dem Viertel, das für die Juden, die nach den Unruhen 1921 aus Jaffa nach Tel- Awiw flüchteten, gebaut wurde, so ist es jetzt mit den Sch'chunoth Owdim, den Arbeitersiedlungen in der Nahe der Städte, sür die der Keren Kajemeth l'Jsrael Boden zunächst bei Tel-Awiw kaufen muß. Von größter Wichtigkeit wäre es in: gegeuwärtigen Moment, für eine Bodenreserve in Haifa vorzusovgen. Diese Stadt hat eine außerordentliche Entwicklungsmögli'chkeit, und sobald der Hafenbau begonnen werdet: wird, ist auf das Einsetzen einer stürmischen Bodennachfrage zu rechnen. Noch ist es Zeit, und obzwar die P. L. D. C. gerade in der Nähe von Haifa schon eine Reche von größeren Grundstücken besitzt, die zum grüßten Telle schone bebaut sind, muß der Keren Kajemeth l'Jsrael für die un-1 mittelbare Stadterweiterung eine größere Fläche sichern. Es ist der Einwand erhoben worden, daß der Keren Kajemeth l'Jsrael, wenn er städtischen Boden kauft, damit das Angebot verringert und dadurch selbst preissteigernd wirkt. Es ist nicht recht einznsehen, wie das gemeint fein soll. Der Keren Kajemeth l'Jsrael nimmt doch den städtischen Boden nicht nur aus dem Markt, sondern er führt ihn den Erbpächtern zur Bebauung zu, erleichtert also denjenigen, die Häuser bauen, aber nicht mit dem Boden spekulieren wollen, die Niederlassung, da sie nicht Geld in Grunderwerb stecket: müssen. Ebenso lwivd die Preisste-igerung sür den restlichen Boden nicht nur nicht gefördert, sondern ihr so lange entgegengewivkt, als der Keven Kajemeth l'Jsrael selbst Boden zu bloßem Erb-. Pachtzins zu vergeben hat. > - Für jene Kreise, die den Boden zur Spekulation kaufen wollen, wird allerdings das Angebot verringert. Aber die Spekulation selbst, die Hoffnung auf einen großen ' Gewinn, wird erschüttert, well letzten Endes doch nur derjenige Erwerber iwerden kann, der auf dem Grunde baut, und ein solcher wird nicht gefunden werden, so lange der Keren Kajemeth l'Jsrael Boden in Erbpacht zu vergeben hat. Die Erfahrung mit der städtischen Bodenpolitik, dort wo sie großzügig durchgeführt wurde (zum Beispiel in Mm), beweisen die Richtigkeit dieser Argumentation. Im konkreten Fall handelt es sich übrigens gegen- 'wärtig einfach darum, ob Zion Commonwealth ein bestimmtes Stück Baden behalten soll, mit dem er spekulieren könnte, oder ob der Keven Kajemeth l'Jsrael es von ihm! erwirbt und der Bebauung zuführt. sehn Fahre nach Perez. Anläßlich -es zehnten Todestages des Dichters. Als Jtzchäk Leib Perez in: ersten Kriegspessach starb, begann er gerade in Europa, wie man es so nennt, einen Namen zu bekommen. Europäische Berühmtheit hängt jetzt sehr tzng mit Konjunktur zusammen, und davon hat anch, so bedauerlich diese Feststellung ist, der Fall des europäischen Ruhmes Perez' keine Ausnahme gemacht. Es gab nämlich zu Beginn des Krieges eine Art Konjunktur für das Jiddische, die Volkssprache der Judeuheit im Ostet: Europas. Die sprachliche Aehnlichkeit mit dem Deutfcheu, die ja bis heute dazu führt, daß jeder von EisenbahncoupeWitzen genährte Handluugsreisende Werturteile über das Jiddische abgibt und seine sogenannte Geistigkeit damit ansmutzt, diese sprachliche Achnlichkeit wurde tzon der deutschet: Kriegspropaganda dazu benützt, eine Brüderlichkeit zu konstruieren, welche mit liebenswürdig ausg'ebveiteten Armen bereit war, jüdisches Kulturgut in beit Bereich deutschen Pioniertums einzubeziehen. Damals rückte Perez itts europäische Schrifttum ans, nachdem jahrelange Bemühungen Matthias Achers, denselben Perez durch meisterhafte Uebertragungen den: deutschlesenden Publikum bekannt zu machen, ergebnislos - geblieben waren, nachdem noch kurz vorher irgend eilt Reinhardt-Schabse! Hugo Zuckermanns von Perez selbst als unübertrefflich bezeichnete Uebersetzung der „Nacht aus dem alten Markt" als dichterisch unzulänglich und das Werk selbst als verfehlt hatte bezeichnen dürfen. Heute, zehn Jahre nach des Dichters Tode, ist mit vielen anderen Konjunkturen auch die Jiddischkonjunktur verflossen, und es darf sich, da der ewige Gegensatz die Seit erhält» ein ebenso unwissendes wie betriebsames Tagschreiberlein leisten, Perez als den jüdischesten Schildever des Volkslebens zu bezeichnen, der dem Volksleben, das er schilderte, eng verbunden war. In Wirklichkeit ist Perez unser denen, welche die klassisch bezeichnet« neue jiddische Litaratl« repräfvntiemi^ der evwPäiMte^ der DiKtxr mit dem stärksten Ressentiment gegen die Ghettoenge, und seine Dichtung immer wieder ein Ruf, die beengenden Mauern uiederzureißen. Freilich ist dem Dichter niemals klar gewesen, wie die Bezirke der Freiheit beschafsen sein sollen, zu denen er führen wollte. Sein erstes größeres Werk, die Ballade „Manisch", welche ihn berühmt »machte, hat den gleichen Zug verbitterter Revolte, die keine neue Möglichkeit vor Augen steht, wie sein letztes großes Mters- Iverk „Die Nacht auf dem alten Markt", in dom der Versuch, den drückenden GM zu stürzen, als Dfchtertraum einer Nacht erscheint. Und doch war es Perez, dem es durch sein dichterisches Werk gellang, Bahnbrecher zu sein, auf dem Wege zur Erweiterung des Mischen Kulturinhaltes in die Sphäre einer Profankultur, zu jener Erweiterung, die einzig und allein in den schweren Stürmen der letzten Jahrzehnte, als der alte jüdische Gott in seiner Rolle als Kultkrfaktor bedenklich abgebraucht wurde, dem Judentum, dort wo es Bolksmasse ist, die Kraft gegeben hat, zu dauern und sich für eine neue Volksdauer im eigenen Laude vvrzübereiten, geistige Kräfte für den Aufbau dieser Heimat zu schassen, welche ebenso notwendig sind wie die körperlichen und ulateriellen, ja sie erst beseelen und 'beflügeln. In solchem Sinne ist Perez der europäischeste unter den Dichtern, die die Mische Volkssprache in dem Jahrhundert hervorgebracht hat, da sie, aus der unterirdischen Phase ihres Kulturwirkens befreit, das Licht der Welt erblickte. In diesen: Sinne eines Europäertums, dessen echte und wahre. Kultur immer nach Erweiterung ihres Inhaltes strebt, sind auch die Werke Perez' geschaffen, in denen er den schöpferischen -Gedanken im Chassidismus, seine VoWbeseelung wiedergibt; det: gleichen Geist atmen jene Erzählungen des Dichters, in denen er als erster in der ganzen neuen Literatur der jüdischen Volkssprache das Wesen der jüdischen Frau, den sozialen Druck, der auf ihr lastet und früh bett Freudenquell ihres Lebens verschüttet, in künstlerische Fort:: gefaßt hat. Der soziale Druck in: Ghetto, er war stets das Lieblingschema der dichterischen WMm Mez', W dom er inMW Mder MÜckWM und das er in unendlich vielen Variationen behandelte. Der Sozialismus des Dichters, welcher der Dutzendg Listigkeit schlecht nachgeahmter jüdischer Parteischulen stets den Anlaß gibt, Perez als eine Art sozialistische Brunnenfigur gmi' bekränzen, ist allerdings recht eng umgrenzt; er ist -das am wenigsten Europäische in dem geistigen Wesen dieses Dichters, denn ihm fehlt die umfassende Kraft, über die Wolksgrenzen hinauszugehen, gleichzeitig aber jene glücklicherweise klassenhafte Beschränkung, welche sich geistig so oft in Beschränktheit manifest'lert. Man hat oft von einem verschwomnrenen Bildungsideal gesprochen, welches dem Dichter Perez irgendwie in seinem Werk vorschwebt und es angeblich drückt. Gerade ' das, was als Manko bezeichnet wird, hebt in Wirklichkeit j das dichterische Werk Perez', und macht es noch heute, ^Lauern, da zehn Jahre nach seinem Tode verstrichen sind, > nracht es dauern für die Zeit, da Perez, dem heute eine! Art Kollektivdenkmal ans dem Warschauer Friedhof ent-! hüllt wird, jenes Denkmalin Erez Israel erhalten wird,, das er sich in einem Gespräch selbst wünschte, jener einfache! Stein in einem jüdischen Pantheon, auf welchem hie! Worte stehen: ,J!tzchak Leib Perez — ein jüdischer j Dichter." Perez stand am Anfang einer neuen Mischen Epoche; er tvußte nicht, wohin sie führt, aber er fühlte, daß nur eine neue jüdische geistige Kraft, ein neuer geistiger Impuls 'das Volk erhalten kann. Sein dichterisches Werk spürte unaufhörlich den Wurzeln nach, denen. dieser neue Geist entsprießen könnte. Dies mag freilich keinem Bildungsi'deal entsprechen, weil es weit mehr istt Erneuerung eitter Volkskultttr aus ihren alter: Quöllen,, tncht un: zu bilden, sondern unr zu schaffen. Heute, zehn! Jahre nach Perez' Tode, ist diese Arbeit der Erneuemng< ,.der Verbreiterung des Kulturinhaltes kräftig und zielsicher I geworden. Um so stärker ist sie mit dem verknüpft, was' Perez' künstlerisches Lebenswerk in sich Wetzt: Dem Hinäbsteigen zu den Müttern. Wien. Siegfried S'Kmitz. . » , lU'W

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