Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-04-12 · Heft 2207 (12.4.1925) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2207 (12.4.1925)
Date
1925-04-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981292--22478-3009895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite S Wien, Sonntag fraget ^<»1^ -v 704 Schuhel mit eingebautem MBer*on“*GuimTii-Absatz Budapefter Mosaik. (Bon unserem Budapefter Korrespondenten.) Wahlluft weht in Budapest, milde,'laue Wahlluft, die -selbst auf die rauhesten, fast möchte man sagen, rohesten Gemüter mildernd, beruhigend wirkt. Die so oft verschobenen Wahlen für den Budapefter Gemeinderat haben begonnen, und die Juden mit ihren Stimmen haben wieder an Wert gewonnen. Der Reihe nach treten fetzt die Führer der einzelnen Parteien auf und man hört von ihnen wieder Reden, so verlockend süßlich, so unnatürlich wahr, daß man staunt, wie diese Politiker bisher anders hatten sprechen können, und so, daß man nicht begreift, warum ihre Handlungen diesen ihren jetzigen Reden immer entgegengesetzt waren? So hat der hohe kirchliche Würdenträger, Bolkswohlfahrtsminister Dr. Josef Baß, der rücksichtslose Förderer der R a z z i e n a u s „f r e m b e" Jude n, die mächtigste Stütze des Numerus clausus, wieder einmal die Stimme der christlichen Nächstenliebe gefunden, mit der er die Verdienste der Juden anerkennt nnb sie gleichzeitig „drohend bittet", der verruchten Demokratie zu entsagen und mit den Liberalen zu stimmen, die den Schutz und die Gunst seiner Regierung genießen. Die Liberalen von der Reaktion Gnaden! Es wird über diese Wahlen und ihre Bedeutung für die gesamte ungarische Politik noch manches zu sagen sein. Heute sei bloß die Tatsache registriert, daß die Vorgefechte bereits begonnen haben und die Juden noch immer keine Beweise dafür erbringet:, daß sie in dieser auch für ihr Schicksal entscheidenden Auseinandersetzung ihrer Aufgabe gewachsen sein werden. Tie ungarischen Juden stehen jetzt auch einem anderen schweren und wichtigen Problem gegenüber: der Wahl des Vertreters der Judenschaft des Landes im künftigen Oberhaus. Wie bereits berichtet wurde, hat Mmsterpräsident Graf B e t h l e n im Gesetze zugestimmt, daß die Judenischaft im Oberhause eine Vertretung 'habe, vorausgesetzt, daß die jüdischen Kultusgemeinden des Landes sich auf einen gemeinsamen Vorschlag einigen, worauf dann die Ernennung durch den Reichsverveser erfolgen würde. Diese Bedingung der Einigkeit unter den jüdisch« Gemeinden «wird allerorten, in jüdischen und nichtjüdischen politischen Kreisen, als eine derbe Ironie, eine teuflische Satire Bethlens viel belächelt. Vorläufig zeigen sich noch gar keine Anzeichen dafür, daß diese Vorbedingung von den Juden erfüllt werden wird. Aus der Diskussion über die Aufgaben des jüdischen Vertreters im -Oberhaus Hort man eher eine Resignation heraus. So fordert zum Beispiel der gewesene jüdische Justizmmister Abgeordneter Wilhsm Vazsonyi für die jüdische Konfession eine Vertretung von z w e i Mitgliedern, weil diese Zahl einerseits der Verhältnisziffer der jüdischen Bevölkerung im Lande entspricht und andererseits „auf diese Weise die taktvolle und Reibungen innerhalb der Konfession vermeidende Lösung der Frage gesichert «würde". Im übrigen will Vazsonyi den Aufgabenkreis des Mischen Vertreters auf Fragen, die die Konfesiion selbst betreffen, beschränken, währenihm jede allgemeine politische Stellungnahme von seinen Mandanten ausdrücklich untersagt werden soll. Aber auch Vazsonhi erblickt das wichtigste Moment in der gesetzlichen Anerkennung des Rechtes der jüdischen Konfession, im Oberhause genau so vertreten zu sein, wie die übrigen rezipierten Konfessionen des Landes. An eine Einigkeit kann wohl noch nicht gedacht werden, aber in neologen Kreisen wird bereits für die Wahl des Budapefter Oberräbbiners Dr. Simon H e- '?esi Stimmung gemacht, * ' Bor einigen Tagen erschienen zwei edle Ritter, Baron Moritz Kornfeld und Ritter Oskar v. Wahl, in der Budapefter Räbbinatskanzlei und meldeten ihren Austritt aus dem Judentum an. Baron Moritz hat wchl schon in der großen weiß-terroristischen Panik im Jahre 1919 öffentlich erklärt, daß er seinen jüdischen Glauben äbgestreift habe, aber bis zur Taufe war es nicht gekommen. Jetzt meldete er die Taufe an. Herr v. Wahl glaubte, seinem Rittertum noch eine schnoddrige ritterliche Abschiedsgeste schuldig zu sein, denn er erklärte herablassend: sollte die Kultusgemeinde unserer materiellen Hilfe bedürfen, so stehen wir ihr auch späterhin zur Verfügung." Der arme Rabbiner Dr. Siegmund G r o ß m a n n, zu dessen traurigen Wichten es gehört, solchen Rittern ohne moralische Furcht Rede zu stehen, antwortete scharf: , ,^Jch glaube nicht, daß die jüdische Gemeinde jemals in die Lage kommen wird, auf Sie angewiesen zu sein und von Ihnen etwas anzunehmen." Baron Moritz Kornfeld ist der Schwiegersohn und Ritter v. Wahl der Schwager des verstorbenen Großindustriellen Baron Manfred Weiß. Der Vater des Barons Moritz Kornfeld, der verstorbene Präsident der Kreditanstalt, Baron Siegmund Kornfeld, war Vizepräsident der Budapefter Kültusgemeinde. Er bestand darauf, daß in seinem Hause streng rituelle Küche gesiihrt werde, und zahlreich sind die Anekdoten darüber, wie Präsident Koru - selb, der am Schlüsse jeder Mahlzeit den Kopf bedeckte und daZ hebräische Tischgebet sprach, damit oft hochmögende _Wiener Moraeirzeititira._ Minister und Fürstlichkeiten, die bei ihm zu Gaste waren, in Verlegenheit brachte. Nun ist mit Baron Moritz Kornfeld auch der letzte Kornfeld-Sprosse im Hafen der in Horthy- Ungarn herrschenden Kirche gelandet. „Sic transit gloria Sigismund!!" witzelte ein ungarischer Politiker über diesen traurigen Abschluß eines Galuthkapitels. Kn. Ultimatum an Mussolini. Der Schrei nach dem Terror. Mailand, 11. April. „Cremona Nuova", daS Organ des faszistischcn Parteisekretärs Farinacci, veröffentlicht einen aufsehenerregenden Artikel als Antwort auf die Kundgebung der Opposition. Das Blatt schlägt eine gründliche Anwendung der faszistischen Gewalt- Methoden, die Einführung der Todesstrafe und die V e r b a n n u n g der Oppositionsführer Amendola, Albcrti, Turati usw., ferner die Verhaftung der Oppositionellen des Aventin vor, die unter Anklage der Verschwörung gegen den Staat gestellt werden sollen. In dem Artikel wird die Regierung aufgefordcrt, zu handeln, weil sonst die Partei innerhalb vierundzwanzig Stunden die Säuberungsaktion selbst besorgen werde. Morr und Hindenbmg. Wahlheilsbotschaften. Berlin, 11. April. (Tel.-Komp.) H'indenburg und Marx haben anläßlich des Osterfestes Aufrufe an das deutsche Volk erlassen, in denen sie ihr Programm für die Reichspräsidentschaft -darlegen. In dem Aufruf H i n d e n b u r g s heißt es: „Vaterländisch gesinnte Deutsche aus allen Gauen und Stämmen lhaben mir das «höchste Amt im Reiche angetragen. Ich folge diesem Rufe nach ernstester Ueberl-egung und in Treue zunr Vaterland. Mein Leben liegt klar vor aller Welt. Ich glaube, auch in schweren Zeiten meine Pflicht getan zu lhaben. Wenn diese Pflicht mir nun gebietet, auf dem Boden der Verfassung ohne Änselhen lder Partei, der Person, der Herkunft und de's Berufes als Reichspräsident zu wirken, so soll es nicht an mir fehlen. Als Soldat habe ich immer die ganze Nation im Auge gehabt, nicht die Parteien. Sie sind in einem parlamentarisch regierten Staate notwendig, aber das Staatsoberhaupt muß über ihnen stehen und unabhängig von ihnen für joden Deutschen walten. Den Glauben an das deutsche Volk und an den Beistand Gottes habe ich nie verloren. Ich bin aber, nicht mehr jung genug, um an eigen plötzlichen Umschwung^der Dinge zu glauben. Kein Krieg, kein Aufstand im Innern,, kann unsere gefesselte, leider durch Zwietracht zerspalte ne Nation befreien. Es bedarf langer, ruhiger, friedlicher Arbeit. Es bedarf vor allem der Säuberung unseres Staatswesons von denen, die aus der Politik ein Geschäft gemacht halben. Ohne Reinigung des öffentlichen Lebens und Ordnung kann kein Staat gedeihen. Wie der erste Präsident auch als Hüter der Verfassung seine Herkunft aus der sozialdentokratischeu Arbeiterschaft nie verleugnet hat, so wird auch mir niemand z umnten können, daß ich meine politische Ueberzeugung aufgebe. Wie der von mir hochgeschätzte Dr. Jarres erachte auch ich in der jetzigen Zeit nicht die Staatsform, sondern den Geist für entscheidend, der die Staatsform beseelt. Ich reiche jedem Deutschen die Hand, der natioual denkt, die Würde des deutschen Namens nach innen und außen währt und den konfessionellen und sozialen Frieden will, und ich bitte ihn: Hilf auch du mit zur Auferstehung unseres Vaterlandes." Dr. Marx tritt in seiner Wahlkundgebung dafür ein, daß es niemandem verwehrt sein dürfe, seinem religiösen Bekenntnis nach freien: Ermessen zu folgen, und erklärt ferner unter anderem: Das deutsche Volk hat zwei Aufgaben: Es nmß seine Freiheit erringen, um seine Wicht gegen 'die Gesamtheit der Menschheit erfüllen zu können. Die deutsche Verfassung, die der Präsident des Reiches ibeschwören mich, zeigt den Weg, das alte schwarg- - rot-goldene Symbol der gvoßdeutschen Einheit das Ziel: die Freiheit Deutschlands und die Mitarbeit dieses fwien Deutschland an einer glücklicheren europäischen Zukunft. Sr. Wirth in Men. Der ehemalige deutsche Reichskanzler Dr. Josef Wirth ist gestern in Wien eingetrossen; er bleibt einige Tage hier. _ Sie Aettrihzierung der Bundesbahnen. Wie die Innsbrucker Blätter weiten, sind die Mischen der: B u -u d e s b a h n e u und der Tiro t e r Wasserk r a f t w c v l e A.-G. seit einiger Zeit geführten Verhandlungen über den Bezug dorr elektrischer Energie $mu Betrieb der Strecken Innsbruck—Brenner, Innsbruck— Kufstein und Wörgl—Saalfelderl aus dorn Acheusoe-.Kraftwerk irr bcu letzten Tagen zum Abschluß gekommen. Danach werden die Bundesbahnen die zum elektrischen B etrieb dieser Strecken erforderliche Energie vonr Winter 1027-28 an aus dein A ch e u ) e c - K raft w«r k beziehen. Tie zu dieseru Zwecke erforderliche Errergie beläuft sich auf 26 bis 40 Prozent der Leistung, die das Achenfee-Äraftwerk nach Beendigung des gegenwärtig iit G*iug befindlichen Ausbaues zur Verfügung 'haben wird. 12. April 1925 Nr. 2207 _SPIELBÄLLE_ Gummimantel, Gummischuhe und Gummiwaren aller Art zu Fabrikspreisen! SPIRMANN & HOROWITZ Wien, II. Bez., Taborstrasse Nr. 11 b — Telephon Nr. 47-0-86 Einbruch beim Hilfskomitee für ungarische Flüchtlinge. -Ter Sekretär des in Wien, 7. Bez., Hermauugasse 2, untergebrachtcn Hilfskomitees für ungarische Flüchtlinge und Internierte erstattete am 2. d. die Anzeige, daß ein dem Hilfskomitee gehöriger Schreibtisch erbrochen worden sei, wobei mehrere Verzeichnisse über politische Flüchtlinge aus Ungarn und andere Schriftstücke entwendet worden feiert. Auf Grund der polizeilichen Erhebungen lenkte sich der Verdacht der Beteiligung an diesem Einbrnchsdiebstcchl auf derr urrgarischen Staatsangehörigen Alexander Mcszaros. Er wurde am 8. d. in einem Hotel in der LeopoldstM, wo er unter falschem Namen gewohnt hatte, verhaftet. Mcszaros, der jede Beteiligung an. dem Einbruch in Abrede stellte, wurde mit Rücksicht ans das belastett.de Ergebnis der Erhebungen dem Landesgerichte eingeliefc«»» Sie Bürgerschaftrfrage in Polen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Warschau, 11. April. Wie bereits berichtet, fäurcck zwischen dem Vizepräsidenten des Sejm und kW jitbijcfcu Deputierten Grüubaum und K i r s ch b r a u n Bcsprechtlngen statt. Bei diesen Konferenzen nahm breitett Raum die Frage ein, tvelche im Gebiete Polens ausässigeik Personen, die noch fremde Staatsbürgerschaft besitzet! (was in den sogenannten Randgebieten vielfach der Fall ist) die polnische Staatsangehörigkeit erwerben können. Von seiten der Regierung wurde der Vorschlag gemacht, die Erwerbung der polnischen Staatsbürgerschaft den Personen zu ermöglichen, die 1. aktiv -'.u der polnischen Armee gedient haben, 2. welche in P o I e n g e b o r e n sind. In den Ortschaften, wo die Dokumente der interessierten Personen verloren gegangen sind, werden besondere Bürge r ko mite es ius Leben gerufen werden^ welche die Aufgabe haben werden, Ort und Datum der Geburt sestzustellen, zu bestätigen unb auf Grund dieses Attestcs wird dann die- Staalsangehörigkeit den Betreffenden zuerkannt.' In diesen Kommissionen werden auch die Juden vertreten sein. Die jüdischer! Abgeordneten äußerten ferner den Wunsch^ auch den Reservisten, die nicht aktiv gedient haben, die Staatsangehörigkeit zu verleihen. Diese Frage' ist jedoch vorläufig noch offen geblieben. Weitere Konferenzen in dieser Angelegenheit 'find in Aussicht genommen. Die zahl der Sephardim in PalMna. Der /,Haola-m" schreibt: Nach einer Zählung der» feph^rdlschen Komitees sind von den 110.000 Inden Palästinas ungefähr ein Drittel, 37.700, orientalischen Ursprungs, sogenalmte Sephardim: persische, armenische, jemenitische, bucharischc, georgische, kurdische usw. Juden. In den Städten sind sie wie folgt verteilt: Ie r u s a l e tu 20.000, T e l - A w i w 6000, T i b e r i a s 4500, H a >i f a 3600, H cb ro n 270, Safed 125. In den Kolonien sind es zirka 3000, davon in Har Tow 1670 Duuam, 114 Seelen (bulgarische' «Sephardim); Jemenitenvrertel auf Nationallfondsboden: Schibath Zion bei Räschonle-Zron 16 Dunam, 70 Seelen; Jemenitenhäuser in N e ß Ztonah 11 Dunam, 30 Seelen; Schaarim bei Rechoboth 130 Dunam, 450 Seelen; Machneh Jehuda 'bei Petach Tikwah 91 Dunam, 507 Seelen; Nochlieil lbei Chedera 100 Dunam, 150 Seelen. Das sephardische Komitee gibt die Zahl sämtlicher Sephardim in der Welt mit 1,410.000 au. In Palästina gibt es eine Anzahl jüngerer Sephardim, wessche sich „Ehaluzinl hamisrach" nennen, darunter Gruppen, die schon sieben Jahre bestehen. Die neugegründete sephardische Organisation in Erez Israel, welche diese Zahlen tu ihrer ersten Versammlung mittoiilte, wird zweifellos zur Stär- Lnug dieses arbeitenden Elementes beitmgen, Wettrennen «ach dem Nordpol. Nach dein Nordpol findet in den nächsten Wochen ein wahres Wettrennen statt. Wie das „Berliner TagMatt" ans Oslo meldet, hat?linundfen für fernen Nordpolflng einen Konkurrenten erhälten, der noch vor ihm starten will, am Aluundseic Mvovzukoiiunelt. Es handelt sich um den jungen kanadijchctt. Flieger Alexander A l g a r s o n von Daneouver, der «bereits am 1. Mai mit einem Ssgvlfahrzeng von Liverpool aus nach denr arktischen Gebiet aufbrechen will, um von dort aus iu einem von der Firnta «Spencer and sons in HWibury für diesen Zlveck besonders erbauten kleinen Luft-, f ch i f s den Fing nach denc Pol anizntretvn. Das Luftschiff, das 160 Fuß lang ist und itn Durchschnitt nur 38 Fuß mißt, ist mit einer geschlossenen Gondel versehen, die Vier Passagiere airfnohmen wird. Algarson hofft, dm Flug zum Pol M g w ö l f S t u n d e n zttrücklegett zu können. A:tu plordpol soll eine Landung versucht werden, tooMtf der Flug nach Roine in Alaska fovtgeisetzt werden soll. Gleichzeitig wirb den Osloer Zvi-tlmgerr aus WcvWnWul gelneidet, daß der amerikMische Forscher Mac Millan eblttj Expedition zusain'illen-gobracht. hat, die am 15. Juni-nach dkM Nordpol staute»! will.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.