Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2206 (11.4.1925)
- Date
- 1925-04-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Grit« I Wien, Vam-tag knu --- - ■ - - - .■■ -— Iteberfall auf Touristen. (EtgeMenst per -kadio.) rr. Jerusalem, S. April. Di« alljährliche PestachfeKr da Kemein-e der Samaritaner auf dem Berge Garisim wurde durch einen Ueberfall der Araber aus N a b l u s gestört. Ein Zug von etwa tausend Person««, zumeist Mische Touristen, wurde von dem strmttisierlen Pöbel mit einem Stein regen empsimgen. Mehrere Personen wurden verletzt, einige davon schwer. Ne PalSstinaeiuwanderung im MSrr. 30W Immigranten. (Ligsndisnst der „Wiener Morgenzeitung") Jerusalem, 9. April. Nach den statistischen Echedüngen sind im März dieses Jahres 3000 jÜ «discheEinwände rer zum Zwecke der Niederlassung nach Erez Israel gekommen. Die Zahl der im März eingelangten Touristen ist noch nicht genau sestg-cstellt. Die Einwandevu-ng hat im März ein« sehr starke Erhöhung erfahren, da sie gegenüber dem Februar, wo 1919 Personen einwanderten, um mehr als 1000 Immigranten gestiegen ist. Re zionistische Position. Der Jerusalemer M^Korrespondent der Diener ,/Reichspost" berichtet über die Bvlfour-Tage: Seit einigen Wochen hat die arabische palästinensische Presse eine neue heftige Offensive gegen die zionistische Politik Großbritanniens im Heiligen Lande eröffnet. Diese Kundgebungen der öffentlichen Meinung gegen die Regierung der Mandatsmacht wurden durch die Nachricht hervorgerufen, daß Lord Balfour nach Palästina kommen solle, welcher englische Staatsmann von den Arabern wegen seiner berüchtigten Deklaration 1917 in erster Linie als verantwortlich betrachtet wird, Palästina den Juden preisgegeben zu haben. Infolgedessen hat «ine neü« revolutionäre Erregung die Araber ergriffen und die eingeborenen Palästinenser, ohne Partei- und Relrgions« unterschied, haben ihrem „Todfeinde" mit einem Bolksprötest geantwortet. Mer alle Proreste und Demonstrationen haben wieder mir bewiesen, daß eine Protestopposition niemals etwas erreichen werde. Der Zionismus, obwohl er noch eine so kleine Minderheit im Lande ist, hat trotzdem schon die ökonomische, industrielle, kommerzielle »wd kulturelle Herrschaft gewonnen, und die koloniale Politik Englands begünstigt ihn sehr gern, weil ein überwiegender politischer Einfluß der Juden in Palästina den W«g sichert, her die englischen Kolonie« Afrikas mit den britischen Besitzungen in Asien vereinigen soll. Demgemäß erleichtert bet britische Oberfommissär in Jerusalem die Einwanderung der Zionisten nach Palästina auf jede Akt. Trotz der Einschränkungen des Völkerbundes kommen noch immer nach Haifa und Jaffa monatlich etwa 3000 Juden. Und Dr. Weizmann, der internationale Präsident des Zionismus, wollte, daß jedes Jahr wenigstens 50.000 Glaubensgenossen nach Palästina kämen. So können wir nicht mehr daran zweifeln, daß, wie ein zionistischer Führer zurzeit versicherte, binnen zehn Jahren Palästina von den' Juden ganz beherrscht werden wird. Wir glauben aber, daß es unrecht sei, nur England aüein für die jetzige Situation im Heiligen Lande veraittwörtlich zu machen. Weil, wie vor kurzem der Cardinal Bourne, Erzbischof von Westminster, erklärte, auch die anderen Alliierten gleichzeitig daran schuld sind, daß Balfour sein« Deklaration m Kraft setzen und dadurch die Magna Charta der nationalen Wiederherstellung des jüdischen Palästina auf internationaler Grundlage sanktionieren konnte. Wir möchten dazu nur bemerken,--Haß der ,^8olksprötest" gegen den Urheber der „berüchtigten Deklaration^ an dem politischen Verstand der Araber gescheitert ist. Dar für Lord Gie Adv esse des Stwdtrates von Tel-Atviw. Die Adresse, in welcher der Stadtvat vott Tel-Äwiw 2M Balfour seine Ernennung zu-m Ehrenbürger der ersten jüdischen Stadt in Erez Israel bekantttgibt und die aUläßtich des festlichen Empfanges Balfours im Rathaus von Tel-Äwiw durch den Bürgermeister Disengoff in hehraischer Spräche verlesen würde, hat fönenden Wortlaut: Seit zweitausend Jahren wird das DE Israels in allen Ländern ftiüer Zerstreuung bedrückt und mit Sehnsucht blickt es aus. das Land, aus ivelcheim es mit Gewalt verbannt wurde. Dieses L<aub, Evez Israel, war ihm stänftktz däs Shrübol alles Heiligen und Erhabenen, denn in iW wutde die MstiM geboren, hat sie ihre Sprache, ihre AkekigM Und ihre Geschichte gebildet Und entwickelt. Unter MsM blauen Himmel lebten unsere Könige, Richter und Propheten,, die den Glauben an einen Gott, die Liebe und BkWerlichfti't zwischen den Menschen und den allgemeinen Frieden unter den Völkern verkündeten. Zu allen Zeiten unser«- Exils bewahrten wir in unferem Herzen die GefÄM der Lieibs tlüd der Treue für dieses historische Ge- ÄMMtnd, Utit Welchem jede Faser unserer nationalen Seele eng verknüpft ist, und niemals schwand uns die Hoffnung auf die Rückkehr nach Zion. In allen unseren _Wsener _ Gebeten zum Gotte Zions und in allen unseren innersten Gefühl«», an unseren Festen und Trauertagen standen Jerusalem und Erez Israel immer an erster Stell«. So schweben wir Getterationen hindurch zwischen den Röten und Verfolgungen der ZevstMinNH und dom Traum der Erlösung und der Rückkehr nach Zion, bis öl« KuM der Wiederbelebung und der Erlösung in Israel laut wurde, das Volk von einem Sude der Welt zum anderen erwachte Und sich ermannte, zurückzukechren in sein geschichtliches Geburtsland, di« Wüsteneien ünfzuibauen und sich und seinen Nachkommen ein Denkmal zu setzen in dem Lande, das der Ewige den Vorfahren verheißen hat. .Ihnen, edler Lord, wurde das historische Glück zuteil, «in« d« Verkünd« und Wegbereit« der nationalen Wiederbelebung de- DEZ Israel zu fein. Ein treuer Gesandter Ihres erleuchteten Volkes, das die heiligen Schriften mit Lrebe umgibt, di« Propheten hochschätzt, und Ihres erhabenen Königs, der allen unter seiner Fahne, der Fahne Großbritanniens lodenden Völkern den Frieden gibt, haben Sie der ganzen Welt Ihre erhabene Deklaration, die historische Balfour- Detklaration, kundgetan, durch welche uns vor den Völkern und Staaten unser großes menschlich-nationales ‘R<\*4 das Recht auf das Geburtsland, bekräftigt wurde. Und nun setze» Sie Ihren Fuß auf diesen Boden, der von allen Völkern heilig gehalten wird, und Sie Hörnten mit eigenen Augen das Land schen, das, seitdem e-s nach seinen Söhnen trauert, wüst geblieben ist und nun zusammen mit seinen Kindern und Erbauern zu neuem Leben ertvacht; nun können Sie es mit eigenen Augen sehen, daß alle die Plätze, an denen wir uns sefffetzen, mit dem Schweiße unseres Angesichtes und mit der Aufopferung unserer Seele und unseres Körpers zu jugendlicher frischer Blüte gebracht wurden, wie einst in uralten Zeiten. Und Sie werden die Uoberzeugung gewinnen, daß die Balfour-Deklaration nicht vergeblich war, daß die glanzenden Siege des englischen Heeres, durch welche das Land vom Joch der Türken befreit wurde, nicht vergebens waren und daß das britisch« Mandat, durch welches die Brüder, die ln der Diaspora schmachten, unter den Schutz des britischen Staates gebracht wurden, nicht nutzlos geschaffen wurde. So möge Ihre Ankunft in diesem Land für uns und unsere Geschlechter in allen Zeiten gesegnet sein! Bon hier werden Sie auf den Berg Zoftm in Jerusalem, der göttlichen Stadt, kommen und in wenigen Tagen den Tempel der Wissenschaft, di« erste hebräische Universität, eröffnen, deren Tore wie einst das Haus, das Salomo, König von Israel, am Berg Moviah zum Gebet für alle; Völker erbaut hatte, de» Söhnen all« Völker nnd Nationen offen stohen werden und von dem L-ehve und Wissen hkrvovgehen wich, wo neben den höchsten Errungenschaften der menschlichen Forschung auch die Ideen der Propheten in der Sprach« der Propheten gehört werden sollen. Möge dieser Dag ein segensreicher sein für die Geschichte, möge mit ihm eine Neue Epoche . beginnen, die Epoche des Lichtes aus dem Osten, in welchem der Namen Balfour glänzen wird wie der Name Cyrus,der aus allen Blättern der Bibel von uraltsn Zeiten herWerglänzt. Mtöge an Ihnen, Lord Balfour, der Segen des Propheten wahr werden: Mögen sich die Hiunnol öffnen und aus den Wolken Gerechtigkeit kommen! Möge sich der Boden erschlichen und ihm Heil und Recht entsprießen. Dies ist der Gruß, den wir Ihnen im Namen der neuen Stadt Tel-Awiw entbieten, die ihren raschen Auffchwuug nlit der Bälsour- Dsklaration begann und jetzt von Tay zu Tag iiritmc mehr gedeiht und einen großen Teil der Einwanderer änzie-ht. Wir freuen uns unendlich, Sie, verehrter Lord, in unserer Mitte zu sehen. Namens der Stadt Tel-Äwiw drücke ich unseren tiefempfundenen Dank für die Ehre Ihres Besuches aus. Diese ganze große Gemeinde, die sich gedrängt fühlt, Ihnen ihre Verehrung, ihre Liebe und ihren Dank alz dtzm großen Politiker, der uns die historischen Rechte unseres Bott« wiederhergestellt und ihm den Weg zu seinem Geburtsland geatmet hat, auszudrücken. Zum Zeichen unserer Dankbarkeit drängt es uns Bewohner von Tel-Awiw, Ihren Nämett, der bereits in der Weltgeschichte mit goldenen Lettern verzeichnet ist, auch in der Geschichte unserer jungen Stadt M verewigen. Der Stadtrat von Deil-Awiw hat deshalb beschlossen, eine der neuen Straßen, di« soeben im Bau begriffen sind, mit Ihrem Namen zu benennen und Sie zum Ehrenbürger der Stadt Tel-Äwiw zu ernenne». Wir bitten Sie, verehrter Lörd, uns durch die Aunähme dieses Beweises unserer Liebe ehren zu wollen. Merrelch und der Bölkerbund. Der H a u p t a u Z s chu ß des österreichischen Naiiönalrates wurde für Mittwoch lden 15. d. um 4 Uhr nachmittags zu einer Sitzung eiNbevufen« Tagesordnung: Bericht der Bundesregierung betreffend die Boränbeiien für d i c V ö l k o r b u n d t a g u n g. Wie die Politische Korrespondenz erfährt, tritt das KoUtrollkomitee anfangs Mäi. dSs Finattzkomitee am 4. Juni, der V ö l k c r b u n d r a t am 10. Juni -usamMn. _iltCHtiMB *t. m Di« vom BundeSkanzl« inspiriert, „Christ!ichsoziaG Nachrichtenzentrale" gibt zu der ziemlich unvermittelt« Einberufung det HauptausschusieS mMufig folgenden Kommentar: ES hcnM sich Nicht darum, daß Mitglieder der Bundesregierung zur nächsten Völkerbundtagung nach Genf gehen sollen» noch weniger darum, etwa eine neue Entscheidung über die Beendigung der GanierungSaktion und der völkerbundkontroll« seitens des Bölkerbundrates herbe kzuführen. Alles, waiS hierüber vereinbart werden konnte, fei in dem Ueberernkommen vom September vorigen JayreS bereits enchal-teu. Seither seien die meisten Punkte de- ReformprogrammeS, die im September als Vorbedingung für di« Beendigung der Kontrolle bezeichnet worden sind, bereits durchgeftihrt. Der Mst werde wohl AS zm Tagung des Dölkerhundrates erledigt sein. Nachdem nunmehr airch die' Krisene r s ch e i n u n g e N, die unsere Volkswirtschaft im vorigen .Jahr« zeigte, überwunden sind (?), sei deutlich zu erkennen, daß die Schwierigkeiten, untör denen die österreichische Wirtschaft noch immer leidet, nicht nur indemVevhaltenOe st erreiche selbst begründet seien. Es besteht daher auch kern Zweifel, daß Oesterreich nach Beendigung der SaniemngSaktron ohne Rückfall in eine Defizitwirtschaft bestehen können werde. Andererseits können dies« Schwierigkeiten auf die Dauer nicht vollständig behoben werden, Wenn nicht in den wirtschaftlichen Beziehungen der europäischen Staaten untereinander Aenderungen eintveten. Oh und itt welcher Form die Regierung in dieser Richtung Schritte unternehmen soll, beschäftigte diese bereits seit längerer Zeit. Der Hauptausschuß sei offenbar einberufen worden, um auch den politischen Parteien des Nationalrates Golegettheit zu gsben, zu der erwähnten Frage Stellung zu nehmen. Die zitiere Korrespondenz zollt schließlich der Regierung Anerkennung, daß sie frühzeitig daran denke, was nach der Beendigung des Sanierungswerke- und zu seiner Ergänzung getan werden könne. Ksenftadt - Hauptstadt de« Burgenlander. Wie bi« Korrespondenz Weiß erfährt, habe sich die Regierung dafür entschieden, Eisen st ad t, wo beretts der burgenländische Landtag tagt, nunmehr auch zum Sitz der Landesregieritng de- DurgsnlandeS zu machen. Zu diesem Zweck, wird in Eisenstadt ein Regierungsg e b ä u d e Mit eiMM Kostenaufwand von zwölf Milliarden Kronen errichtet werden. Diese Entscheidung ist auch Mr den Kurort Sauerbrunn von Bedeutung, da bishtt die Landesregierung dort untergebracht nd zahlreiche für die Kurgäste lbeftimmte Billen und Wohnungen für die Landesregierung und deren Beamte mit Beschäm belegt worden waren. Lafsalle, der Jude. Zu serne-m 100. Geburtstag (11, Apvik) Von S. MeiselS. Wie in vielen hervorragenden Persönlichkeiten, die aus dem Ghetto hervorgegangen sind, sieht Israel Zangwill auch in Ferdinand Laffalle einen edlen Ghettoträumer, der den Traum besierer Zeiten und glücklicherer Menschen geträumt hat. Za-ngwill hat diesen Ghettoträumer in einer meisterlichen Novelle „Der BolkSboglücke^ wahrhaft künstlerisch gezeichnet. Aus dem rühm- und tatenreichen Leben Feroinand LassalleS hat Zangwill indes nur das letzte Ka- Jitel behandelt, nämlich jene LiebeSepisode, die wirklich nur eine kurze Novelle «tH einem tragikomischen Abschluß lvar. Das Liebesverhältnis Ferdinand Lasialles zu Helene v. Donniges war in seinen letzten Auswirkungen kein Drama, -weil es aller großzügigen Momente der Tragödie enibchrte, auch kein Roman, denn der Faden der Handlung war zu dünn und zu kurz gesponnen und riß ohne fortchreitende Entwicklung jäh ab; es war lediglich eine jener eltsawen Und wunderlichen Begebenheiten, die zu des Lejetts Unbegreiflichkeiten zählen. Als Meister, der sich in :>« Beschränkung zeigt, M unS Zangwill eine packende Schilderung vom Untergang des großen Volkstribuus, und indem der Dichttzt auf das Ende züeilt und mehr bei der Liebesgeschichte als bei der Lebensgeschichte seines Helden verweilt, bleibt « uns eigentlich den Ghettoträumer chuldig — Lassalle, den Juden.» Lafsalle, der Jude, ist der junge Ferdinand Lassalle, m SohU des reichen Seidenhändlers Lasial in Breslau, in besten HauS noch mancher jüdische Brauch nach Altvätevweise geübt Und der alte jüdische Familiensinn gehegt Und gepflegt wurde. Det Im Hause Lassals war man noch >aräuf bedacht, in der Gemeinde als gute Juden zu gelten, Mt junge Lassalle selbst war ein echter und rechter Jude,!ier, wie Hermann Oncken in seiner Biographie „Lassalle" Mit Nachdruck hervorhebt, „stolz daraus hielt, ein gut?r Judi: zu sein, auch wenn er, wie sein« Familie, die frei- Witzett Ralbiöitter bevorzugte, uüo das Zere-monia-lgesetz UiHt allzu streng beachtete". In seinem Elternhaus scheint Lastakle sin LiMingSsöhnchen gewesen zu sein, dorn man alles gewährte, was er wollte; die, LiM aber, die ihn da umgab, hat er später mit Liebe gelohnt, mit echt jüdischer Kindesliebe. Der yervvvstechendste jüdische Wesenszug au Lafsalle war ft ine Kindes- und Bruderliebe; er war etn überaus Örtlicher Sohn und liöbender Brüder. In seinen Briefen m die Eltern spricht er immer von don „ange-beteten Metü" und von tat „goldenen Rickchen", seiner einzigen Schwester. In der Weihnachtswoche 1840 eilt der Leipziger tzandvlMMr Ferdinand LastaUv nach Breslau, um die