Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2205 (10.4.1925)
- Date
- 1925-04-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981290--22462-3009877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Wien, Freitag_ Ser voNttsche Kampf i» Italien. Dl« Atmosphäre -es Mordes. Rom, 9. April. In Faenza wurden gestern auf dem Korso zwei FaSzisten von einem Kommunisten aus dem Hinterhalt erschossen. Der ihnen zu Hilfe eilende Milizoffizier Graf Zauli-Nal-i.wurde schwer verletzt, worauf der Täter mit zwei Genossen flüchtete. Die Miliz wurde mobilisiert. Die Geschäfte wurden zum Zeichen der Trauer geschlossen. In Ca Pua wurde ein Soldat der Eisenbahnmiliz heute nachts, als er einen Diebstahl in einem Waggon vechindern wollte, ermordet. In Bari entstand zwischen FaSzisten und Frontkämpfern ein Jeuergesecht, wobei ein Faszist Vevwundet wurde. Die faSzistifche Presse warnt vor Repressalien wegen der Häufung von antifllsgistischen Morden ,und fordert strengste Handhabung der ordnungspolizeilichen Vorschriften gegen die Täter. Mussolinis Börsenkomprmniß. Rom, 9. April. Auf Grund von Vechandlungen zwi- K.a der Regierung und den Börsensensalen ist heute ein neues Dekret erschienen, das die mit Dekret vom 86. Februar vorgeschriebenen Abgaben bei Käufen auch auf Verkäufe von Wertpapieren und Valuten, ausgenommen Staatspapiere, erstreckt und bezüglich der Beschränkung der Zahl der Sensale verschiedene mildernde Uebergangsbe» sttmmungen trifft. Bis Ende April .werden die Abgaben bei Käufen und Verkäufen nur 5 Prozent des Wertes und dann stufenweise bis Ende Juli bis zu 26 Prozent betragen. Me mm die italienische Armee beleidigt. Ei« Verwandter Herriots in Norenz verhaftet. Aus Florenz wird berichtet: Ein durchreisender Franzose geriet hier in einen unwesentlichen Konflikt mit zwei italienischen Offizieren. Diese schickten ihm ihre Zeugen, die der Franzose jedoch nicht vorließ. Daraufhin veranlaßten die Offziere die Verhaftung des Fremden. Bei den geflogenen Erhebungen stellte es sich heraus, daß der Verhaftete ein naher Verwandter des ftanzSsischen Ministerpräsidenten H e r r i o t ist. ES ist E. D u n e t, ein hoher französischer Beamter. Ihm wird zur Last gelegt, die italienische Armee (I) beleidigt zu haben. Aus aller Wett. London. 9. April. (Havas.) Mustafa Ke mal Pascha wußte sich, wie »Matin" auSKonstantinopel meldet, einer Schutzimpfung gegenTollwut unterziehen, weil er in Angora von einem Hunde gebissen worden ist, der tollwütig sein dürfte. London, 9. April. (Tel.-Komp.) Aus Mexiko wird gemeldet, daß im Staate Durango ein neues Erdbeben verspürt worden ist. Die Stadt S o m b r e r e t e soll fast v ollständig z e r st 5 r t worden sein. Der Präsident der Republik ist in Begleitung mehrerer hoher Beamter nach der heimgesuchten Gegend abgereist, um die Rettungsarbeiten persönlich zu leiten. Budchnsi, 9. April. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Im Ra ab er Wahlbezirk, der nach dem Tode des ehemaligen Handelsministers Hegyeshalmy vakant geworden ist, wurde in der heutigen Stichwahl Karl N e m e t h gegen den Kandidaten der Christlichen WirtfchaftSpartei, Desider B a r e z y, gewählt. Rom, 9. April. Nach einer Meldung aus Meran wuvde im Ortlergebiet gestern abends ein E r d st o ß in der Dauer von fünf Sekunden verspürt, der von starkem unterirdischen Rollen begleitet war. Mierrer Moeaensettu««. Sr. Mataja in Rom. Ro«, 9. April. Bundesminister für AeußereS Dr. M a t a j a stattete heute vormittagdem italienischen Finanzminister de S t e f a n i einen Besuch ab. Hierauf besichtigte er die römische Kunstausstellung und insbesondere die österreichische Abteilung. Sa» Problem der »rotdreise«. Ein neues Verfahren gegen die Ankerbrotwerke. Der derzeitige Leiter der Ankerbrotwerke, Ministerialrat Dr. Sch Lader, wurde Dienstag als Beschuldigter nach § 2 deS Preistreibereigesetzes vom Oberlandesgerichts-- rat Dr. Wetz als Untevsuchungsrichtcr rindern vmtnen. Er war von der Statsan waltschafi mit dem Aufträge vorgeladen worden, „neue .Kalkulationen über die beabsichtigte Erhöhung auf 86 Groschen für den Laib Brot mitzubringen". Me Beschuldigung der Preistreiberei gegen Dr. Schlader gründet sich auf die am 2. d. bei allen Wiener Brotfabriken durchgeführte Preiserhöhung auf 82 Groschen für den Normallaib. Ser Bühnenverein gegen die Lustbarkeit»- abgabe. Generalversammlung des Bühnenvereins. Gestern begann die für zwei Tage anberaumte Generalversammlung des österreichischen Bühnenvereins, die von allen Wiener und Provinzcheatern durch Delegierte beschickt war. Den Vorsitz führte der Präsident des Bühnenvereins, Stärk, der zu Beginn der Sitzung den Tätigkeitsbericht für das abgelarrfene Geschäftsjahr erstattete. Der Bühnenverein Iveist einen Reingewinn von 499 Millionen Kronen guf, der aber fast zur Gänze für die notleidenden Schauspieler verwendet tvorden wird. Präsident Stärk befaßte sich sehr eingehend mit dem Wiener Theaterelend. Die Zahl der im abgelanfenen Geschäftsjahr zusammengebrochenen Theater beträgt elf, doch müsse man sich darauf gefaßt machen, daß noch weitere Betriebe dasselbe Schicksal treffen werde. Das Elend unter den Schauspielern ist infolgedessen unbeschreiblich. Sodann kam Präsident Stärk auf btc Lustbarke its ste >uer zu sprechen. Er wandte sich in scharfen Worten gegen die im Rathaus geübte Steuer- Praxis. Wenn von dort eingelwendet wird, daß die aufgeführten Stücke meist keinen Kultuvwert dorstellen, so müsse er daraus verweisen, daß nicht die Direktoren, sondern das Publikum das Repertoire macht. Der heutige PublikumSgeschmack geht eben nur nach leichter Kost, und diesem Geschmack muffe Rechnung getragen werden. Sodann kritisiert er das Freikartenunwesen sehr heftig. Es wurde konstatiert, daß in einem Theater am 22. Dezember eine einzige Karte zu regulärem Preijse verkauft wurde. Schließlich forderte der Präsident die baldige Einberufung einer Theaterenquete, die alle Mißstände auszeigen solle. Im Laufe der stellenweise sehr erregten Debatte wurde von Schauspieler Feldhammer (Deutsches Volkstheater) der Antrag gestellt, daß der Präsident des Bühnenverefns aus eine schauspielerische Tätigkeit verzichten und von der Organisation einen Gehalt beziehen sollte. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Der Versammlung lag eine Resolution vor, in der die Schauspielerschaft die Abschaffung der Lustbarkeitsabgabe für die Theater fordert. Der Besuch eines Theaters dürfe nicht als Luxusbedürfnis bezeichnet werden. Der Metall der Eingänge an Lustbarkeitsabgabe und selbst Reichs die gediegenste geistige Würze zu den erlesenen Gerichten der Speisenfolge. Es war eine neue Hagadah, die wir zu hören bekamen; die Gestalten der Erzählung wurden vor unseren Augen lebendig, das ganze, in tote Buchstaben gepreßte Schicksalsdrama des Volkes Israel rollte, in Sagen und Ueberlieferungen Meidet, lebenstreu, äc^end, stöhnend, siegestrunken jubilierend und hoffnungsfroh an uns vorüber. Und als wir uns alle schoben, um, wie zum Abschied, einander „lefchanah habaah bijevuschalajim!" („Im nächsten Jahre in Jerusalem!") zuzurufen, standett wir alle noch unter dem unauslöschlichen Änidruck der Schilderung Nathan Reichs von dem „Pessach der 3ulunft", der uns schon im nächsten Jahre in Jerusalem beschieden sein werde.' -r- Am Pessach des Jahres 5645 wollte der Seder des Nathan Reich nicht recht in Schwung kommen. Die an ihm so oft bewunderte Begeisterung konnte nicht durchbrechen. Wohl hatte er auch an jenem Abend einige geistreiche Exegesen in Bereitschaft, aber sie klangen so, als wäre er dazu verpflichtet, wie eine Bezahlung an dieHausfrau für das köstliche Mahl, dem er übrigens fast widerwillig zufprach. Erst am Schluffe, als wir die vielumstrittene Romanze dom Lämmlein, Ehad gadja, sangen, erstrahlte das Gesicht Reichs wieder; sichtlich froh, den Geber hinter sich zu haben, hob er die Tafel auf und wir enffernten uns nach kurzen Dankesworten an die Hausfrau au« dem gastlichen Haus. „Es ist furchtbar, lieber Freund," begann mein Lhasa r-Bachur sofort, als wir ai di Gaffe traten und den Weg zu seiner Wohnung einschlngen, „wenn man am Ende seiner Jugend, nach jahrelangem Denken nnd Grübeln über die Vergangenheit und Zukunft seines Volkes sich nicht anders retten konnte, als durch die Geschichte von Chao gadja. Einer bringt den anderen unt und zum Schluß bringt Gott alle um. Ist das der Schluß des Seders, der Geschichte? Ist es nicht entsetzlich, daß auch der Seder gewissermaßen mit ,Mku", mit ungelösten Problemen, mit einem großen Fragezeichen schließt?" „Dir muß ettvas Schreckliches zugestoßen sein, Nathan^ fett wir auseinandergingen," erwiderte ich. ,Ich merkte es an deinen Briefendaß sich schwere Ziveifel in dein Herz eingenistet haben, aber ich wollte es inicht zur Kenntnis nehmen, tveil ich im stillen hoffte, daß das nur Ausfluß der Ueberhebung deines scharfen Geistes sei und daß schließlich dein Glaube alle Zweifel überwinden werde." „Du hast recht, mein Junge. Mir ist Entsetzliches widerfahren. Ich befinde mich in der trostlosen Lage eines Liebhabers, der mit seiner Geliebten, ins Liebesnest eingespormen, lebt, den inneren Zweifeln an der Treue seines Liebs kein Gehör schenkt, aber bei der ersten Men Nachrede, die von außen an sein Ohr dringt, zusammenbricht . . „Du mußt dich schon deutlicher anSsPrechen und nicht in der talmudischen Bildersprache zu nrir reden, wenn du willst, daß ich dich ganz verstehe, Nathan." „Seit nahezu 20 Jahren lebe ich botvußt im Luftkreis von Bibel und Talmud, Midrasch und Agava. Ich fühlte mich wie ein Gladiator, der in der großen geistigen Arena die anderen an Kraft und Geschicklichkeit zu übertveffen sucht. Ich wollte nicht etwas anderes finden, als was von den Talmudisten bereits gefunden worden ist, mein Ehrgeiz erschöpfte sich gleich dem meiner Vorgänger darin, auf anderen Wegen, durch andere Methoden zu demselben Ergebnis zu gelangen. Ten Rundbau der Arena habe ich nie überschritten. Ich liebte meinen Glauben und glaubte an die Unerschütterlichkeit meiner Liebe. Meine eigenen Zweifel sind im Glauben und in der Liebestreue erstickt. Da trieb es mich Plötzlich aus der gewohnten Atmosphäre hinaus. Ich unterlag der Verlockung, auch andere Büchel, als die talmudischen zu lesen. Es war schrecklich, es war niederschmetternd. Gleich das erste Buch war eine „Geschichte des Volkes Israel", in dem alle Wunder, alles 10. April 1925 _Nr. 2206 der Wegfall von rückständigen Steuern könne im Budget der Gemeinde Wien keine Rolle spielen. Auch die Schauspielerschaft wende sich gegen die Schiebungen mit Theatern, fordere aber, daß die Gemeinde ordentlich geführten Theatern eine Existenzmöglichkeit schaffe. Die Debatte über diese Resolutton wird erst heute abgeführt werden. Am Schluffe der gestrigen Sitzung wurde zum Präsidenten Oberregisseur Stärk, zu Vizepräsidenten dp» Herren Strobl und Kur mann gawählt. Sampferjusammenstoß. Ein holländischer Dampfer gesunken. — 10 Matrosen «r» trunken. Amsterdam, 9. April. (Wolfs.) Nach Meldungen aus Vlissingen ist heute morgens in den Wislingen der aus fahrende holländische Dampfer „De jong Eaitharina" mit dem cinfahrenden englischen Dampfer „Clam Monroe" zusammerigestoßen. „De jong- Catharina" wurde im Mittelschiff getroffen und begann sofort zu sinken. Es gelang, 16 Mann der Besatzung zu retten. Vier Mann werden noch vermißt und sind wahrscheinlich ertrunken, während die Leiche n der übrigen sechs Mann geborgen werden konnten. Der englische Dampfer wurde in Vlissingen vorläufig von der Polizei unter Betvachung gestellt, da vermutet wird, daß der Zusammenstoß <ruf ein falsches Manöver dieses Schiffes zurückzusühren ist._ Srde und Geist. Ein Mann des Geistes war er, der Professor Hermann Schapir'a, dom unser Volk die Idee zu Zwei großen Schöpfungen verdankt:, den Nattona-ffonds wnb die Universität. Das ist kein Zufall. Die Galuch ist charakterisiert durch Zweiheit von Geist und Körper. Wirtschaftlich abnormal Pflegten wir einseitig das Geistige -und vernachlässigten als Volk das Irdische. Bis die Stunde unserer Befreiung schlug und wir instinktiv fühlten: Die Zweiheit muß der Einheit weichen. Unser Geist muß wieder lebendig »werden durch Berührung mit der eigenen Scholle. Der erste sichtbare Ausdruck dieser Verschmelzung wurde der alte A. D. Gordon. Er, dem es vergönnt war, als Pionier den wahrhaften Zauber der Arbeit auf und am heimattichen Boden durchzuküsten, prägte das Bibelwort von der Leiter Jakobi, die im Boden stecke und zum Himmel reiche, fast mystisch um, ex machte es zum Symbol unserer neuen Bewegung. Nun da der Keren Kajemeth, das Instrument, das den: ganzen Volke den heimatlichen Boden wiodvrgibt, in Not geriet, erwachten unsere Männer des Geistes in Evrz Israel, um das Volk an seine Pflicht sich selber gegenüber zu erinnern. Sie selbst, jeder auf seinem Gebiete, stellten ihr Können in den Dienst dieses Fonds. Sie, die Künstler und Gelehrten i m L a n d e, ahnen bereits »den Zusammenhangzwischen Erde und Wiederbelebung des Geistes und -daher übernahmen sie es, mit dom lebendigen Beispiele — dem einzig wirksamen im menschlichen Leben — dem Volke voranzugehen. Die Zusammenkunft der Künstler u n d G e l e h x - te n in Kivjeth Anawim »war eine Großtat, die moralische und die materielle Wivkung wird bestimmt nicht ausbleiben. Unsere „Bermans" (im Schnitzlerschen „Der Weg ins Freie") fühlen, je größer ihre ursprüngliche Kraft ist, desto intensiver die Tragik der nattonalen Entwurzelung. Echte -Bodenständigkeit gilbt es für das jüdische Volk sicher nur auf dom Boden Evez Israels, der Israel als Ganzem gehört. Uebernatürliche, um das ganze Folianten geschrieben, Hunderte von Lohnsätzen aufgetürmt wurden, in nichts zerrinnen. Weißt du, was es für mich bedeutete, als ich erfuhr, daß der Uebergang der Israeliten über das Rote Meer- Legende sei? Daß die zehn Plagen Fabel seien? . . . Und das Furchtbarste ist, daß ich diese Bücher, diese Abbildungen der ausgegrabenen Tontafeln, die mir meine Ruhe rauben, mit Heißhunger verschlinge und spüre, wie ich mich mit jeder Zeile, die ich in diesen Büchern lese, meilenlvett entferne von allem, was mir bisher heilig war . . Ich versuchte, Nathan zu beruhigen und zur Vernunft zu bringen, aber es half nichts. Er stand da, wie ein Mann vor den Resten feiner Habe nach einer verheerenden Feuersbrunst. Nichts war chm geblieben als der Fanatismus, mit dem er jetzt seinem Glauben nachhing, daß sein alter Glaube erschüttert sei. Es tagte bereits, als wir beide, der Debatte müde, ohne einander überzeugt zu haben zur Ruhe gingen.: * Ms ich in meine Universitätsstadt zurüKehrte, bat ich Nathan Reich, unsere Korrespondenz fortzusetzen. Er .möge doch bedenken, daß das Wunderbare an der Geschichte des Volkes Israel nicht allein die zehn ägyptischen Plagen und der „trockene" Uebergang übers Meer, sondern das Ziel der Wanderung, die Landnahme, fei, die die Söhn- Israels erst znm Volk Israel gemacht hat. Ich erhielt nie mehr einen Brief von Nachan Reich. Gleich nach jenem Pessach war er aus der Jcischiwah verschwunden. Seit 40 Jahren suche und forsche ich nach Nathan Reich. Ich studiere effrig die Namen und Herkunft der christlichen Missionäre, der großen Ersinder und Gelehrten, der blutrünstigsten Judenfresser, bisher bin ich noch nicht auf seinen Namen gestoßen. Was ist aus ihm ge« worden?