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Wiener Morgenzeitung · 1925-04-10 · Heft 2205 (10.4.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2205 (10.4.1925)
Date
1925-04-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wiener Mor^rrzEurrg m. Aprir tm Nr. 2208_ " Wtet, Freitag_ dm unter uns wetteifern miteinander in der Aufopferung, um durch ihre Allheit dom Boden neues Leben einzuflößen, Stvahen KU bauen, Gebäude ansßulfuHven und die nach den Grundsätzen der neuesten technischen Errungenschaften voNommensten Maischinen in Bewegung zu> fetzen. Wir leben mit unseren Nachbarn, den Arabern, in Frieden und Eintracht. Wollen wir in diesem Lande, daS das Geburtsland unseres BoAes ist, uns einen Platz erringen, so wollen wir dies nur mit Mitteln der Kultur, der Arbeit und des Friedens tu». In Erez Israel wurde zum ersten Male der Gedanke an den ewigen Frieden, dem der Völkerbund znstveibt, geboren. Unsere großen Propheten waren die ersten, die das erhabene Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich seWst! auSfpvachen. Reicht das alles noch nicht dazu hin» daß unser Volk Mitglied des Völkerbundes werde, so hege ich doch die Zuversicht, daß das noch eintreten wird. Unser Volk weiß mehr als alle anderen Völker, dm großen Wert der Arbeit zu schätzen, die die wertvollen Schöpfer und Führer des Völkerbundes leisten. Ich bitte Herrn Professor Rappard und seine Kollegen, die Versicherung unserer hohen Verehrung entgegenndhmen zu >wollen. _ llniversitiitsseiekn. Die Feier in Berlin. Aus Anlaß der am 1. d. in Jerusalem erfolgten. Eröffnung der hebräischen Universität veranstaltete die Zionist ische Vereinigung für Deutschland am Montag den 6. d., abends, in der Hochschule für Musik zu Berlin eine Feier, die sehr eindrucksvoll verlief. Der große Saal war überfüllt. Der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herr Kurt Blumen selb, begrüßte die Versammelten, insbesondere die Vertreter der jüdischen Gemeinde zu Berlin und des Rabbrnats. Die erste Begrüßrmgsansprache hielt im Namen der jüdischen Gemeinde zu Berlin der stellvertretende Vorsitzende derselben, Herr Dr. Msred Klee. Er sagte, jeder Jude könne sich beglückwünschen zu dem, was erreicht worden ist; die Tatsache der Jerusalemer Universität nrüsse jeden Juden mit Stolz und Hoffnung erfüllen^Die Universität ist erst ein Anfang, sie ist noch nicht fertig, ebenso Wie das jüdische Volk noch nicht fertig, sondern e i n e w i g s i ch entwickelnder Organismus ist. Wir wüschen, daß die Universität und das Volk nie „fertig" werden, sondern sich ewig nach aufwärts entwickeln. Im Namen ider hebräischen Kulturorganisation Tarbuch hielt Herr Dr. Max Soloweitschil eine zündende Ansprache in Hebräisch, in der er ausfi'chrte, cs sei nun der Tag angebrochen, aus den das jüdische Volk gewartet hat; die jüdische Kultur hat nun wieder einen festen Boden, aus dem sie wachsen und gedeihen und sortwirken werde bis an das Ende der Geschlechter. Im Namen der Lehranstalt und der Akademie für die Wissenschaft des Judentums sprach Dr. Chaim T o r c z y n e r. Die Jerusalemer Universität wird den in der Zerstreuung Lebenden Juden die geistige Harmonie wiedergeben. Ms Vertreter des Kartells jüdischer Verbindungen sprach Herr Paul Hirsch, der ausführte, die Universität wird den jüdischen Studenten, die in vielen Ländern entrechtet und in ihren Studien behindert sind, eine Heimat geben; trotzdem wird dort für nationale Engherzigkeit kein Raum sein, sondern die jüdische Universität wird allen offen stehen. Herr Kurt Blumenfeld würdigte dann die übermenschlichen Anstrengungen Dr. Ch. Weizmanns bei der Errichtung der Universität. Heute den 6. d., sagte der Redner weiter, sind 50 Jahre seit dem Tode von Moses Heß vergangen. Heß war Sozialist und zugleich national suhlender War ist aus Nathan Reich geworden? Eine Pestacherinnerung von Jakob Krausz. Am Pessach des Jahres 5645 nach Erschaffung der Welt habe ich meinen Chasar-Bachur, meinen Korrepetitor Nathan Reich, zum letztenmal gesehen. Für die in der Etymologie der jüdischen Volksidiome weniger Beschlagenen fei hier die Einstreuung gestattet, daß „chäsar" im Hebräischen unter anderem auch „üben", „wiederholen" bedeutet und der „Chasar-Bachur" nichts mit „chafir", Schivein, wie es der boshafte, seichte Bolkswitz halben will, zu tun hat. Nathan Reich war der gesuchteste Chasar-Bachur in der Jeschrwah. Er war erst 24 Ihre alt, beherrschte aber das ganze talmudische Gebiet wie ein Meister sein Instrument und hatte überdies die seltene Fähigkeit, den Anfänger und Fortgeschrittenen mit gleich sicherer Hand durch die Jrrgänge des schweren Studiums zu leiten und ihn, unaufdringlich wie ein fröhlicher Weggenosse, die unüberwindlich scheinenden Hindernisse bezwingen zu lassen. Was seinen Wert als Korrepetitor jedoch besonders erhöhte, :var seine vornehme Art, angemessenen Abstand zwischen sich und seinen Schülern sowie den unwissenden Bürgern der Judengasse herzustellen und sich dadurch ein Ansehen zu sichern, dessen sich nur noch der Rabbi rühmen fcurfte. Das Aeußere stets sauber und gepflegt, vermied er es, seine unangezweifelte Frömmigkeit zur Schau zu tragen. Ob er m der Synagoge betete oder über seiner Gemara saß: er blieb ruhig, ohne jede Geste, seine Gesichtsmuskeln meisternd, die Gedanken nach innen gewendet, stets darauf bedacht, eins seelische Verbindung zwischen seinen: Herzen und dem, dem sein Sinnen eben jetzt galt, Herzustetten. Nathan Reich war ein Fanatiker der talmudifchen Lehre. Er glaubte an den Talmud wie der junge Mensch an den Gegenstand feiner Liebe glaubt. Ihn: war das Talmudlernen das Wiederdurchleben der Zeit, in welcher 4*0 HochgervSchs von sehr feiner Süße. V* Champagnerflasche K 44.000 einschließlich Flaschen, aller Abgaben Inllüs Meinr Jude. Er lehrte uns, wie nationales Bewußtsein mit dem weitesten Freiheitsbegriff vereinbart werden kann. Indem man heute der hebräischen Universität als einer Stätte der Freiheit des jüdischen Geistes gedenkt, muß man auch Moses Heß' gedenken! Zum Schlüsse hielt Martin Bub er, gleichsam als Beitrag zu Forschungstätigkeit der Jerusalemer Universität, einen Vortrag über „Das messianische Mysterium". Anknüpfend an die im Jasaia, Kap. 54, ergreifend gezeichnete Gestalt des unbekannten und unerkannten Leidender: wies er nach, daß der messianische Gedanke im Judentum sich in der Gestalt 'des verborgener: Dulders, der die Sünden und die Leiden seines Volkes und der Menschheit aus sich nimmt, verkörpert. Ein Festakt in Mirnchen. München, 6. Aprll. (I. T. A.) Die Zionistische Ortsgruppe München veranstaltete zu Ehrer: der Universität in Jerusalem einen Festakt, der von allen Schichten der Münchner Judenschaft stark besucht war. Es spräche,: die Herren Dr. E. Strauß, Dr. Nahun: Gold m a r: u, Herr A r g a s i sowie Oberlandesgerichtsrat Pros. Dr. Ne u m eyer, erster Vorsitzender der Kultusgemeinde namens der jüdischen Gemeinde. In Sofia. Aus Sofia wird uns geschrieben: Anläßlich der Gründung der hebräischen Universität in Jerusalem veranstaltete die jüdische Gemeinde in Sofia am 1. d. in der Zenträlsynagoge eine große Feier. Ter Vertreter der Sofioter Otaaisnniversität, Prof. Zlatarsky, beglückwünschte die jüngste Alma Mater und gäb trei Hoffnung'''der akademischen Welt Bulgariens Ausdruck, die erste hebräische Universität werde nicht nur ein Zentrum der Wissenschaft und des Unterrichtes, sondern auch eine Wiege der Wahrheit, des Friedens und der Solidarität sein. Nach Pros. Zlatarsky hielten die Professoren C a h e n und K o h e n Ansprache»:. Die Feier war auch mit einem künstlerischen Ereignis verknüpft. Zum ersten Male wurde vom Chor der Synagoge irn großen Stil und mit vollendeter Kunst klassische Musik vorgeführt. Sämtliche Zeitungen hoben die glänzende Leistung des Chors hervor, der Kompositionen von Professor Sulz er, Haydn und Händel zu Gehör brachte, sowie die musikalischen Qualitäten des Dirigenten Zadikoss, des ersten Wegebahners der Oratorienmusik in Bulgarien. Dern Ausschuß der jüdischen Gemeinde in Sofia wurden von sämtlichen kultureller: Vereinen des Landes sowie von den offiziellen Behörden Adressen überreicht. der Talmud entstand; in seiner Seele ging immer von neuem der ganze Prozeß von Analyse und Synthese des Aufeinanderplatzens der widerstrebenden Ansichten, der Beweisführung für und gegen eine Anschauung vor sich, die oft unter den schwersten Kämpfen rn schwerwiegenden Entscheidungen ihren Abschluß fanden. Oft entrang sich der Brust Nathan Reichs ein schwerer Seufzer, wenn er ans eine Entscheidung stieß, die er wohl anders getrosten hätte. Dann schlug er das Buch zu, unterbrach den „Schiur", die Lektion, und ging in die Stadt oder auf die Wiese, um seinen rebellischen Gedanken zu entrinnen. Er hatte Angst vor den austteigenden Zweifeln an feiner Geliebten . . . * Es war mehrere Jahre, nachdem ich die Jeschiiwah verlassen hatte, um mich anderen Studien zu widmen. Der Abschied von meinen: Chasar-Bachur fiel uns beiden sehr schwer, Nathan Reich gab mit das Geleite bis zum Bahnhof. Wir sprachen über gleichgültige Dinge, kein Wort der Ermahnung, die einer Moralpredigt ähnlich wäre, kam überfeine Lippen. Äls wir auseinander gingen, bat er mich bloß, seine Briefe, die er mir gerne schreiben würde, immer zu beautworten. Auch diese Bitte kam zaghaft, ängstlich über seine Lippen, wie wenn er fürchtete, schon damit den ersten Schritt zur Untreue gegen seinen Glauben an den Talmud zu tun. Wie ich später erflchr, lvar es die Angst vor sich selbst, vor seinen Zweifeln, die nach Ausdruck rangen, ein Zitterr: vor den: Bekenntnis, das man nur niederschreiben, aber nicht auszusprechen wagt. All dies drückte sich in den häufigen Briefen aus, die dann von Nathan Reich an mich einliefen. Ir; dem strengen, schwerfälligen, talmudifchen Hebräisch, das eher geeignet ist, Gedanken vermuten zu lassen als klar «uszudrücken und so die endlose Menge von Kommentaren, Erklärungen und Disputationen zun: Talmud verr:rsacht hat. schrieb Reich in jedem seiner Briefe ganze Abhandlungen über den Stoff, , durch hW er jich eben durchzuwinden versuchte, Ein furcht- Zn Kopenhagen. Die israelitische KulttuSgemeinde in Kopenhagen hieK am 1. b. einen Festgottosdienst ab. Oberrabbiner Dr.M. Friediger wies in seiner Rede ans die große kulturelle Bedeutung der hebräischen Universität hin, die er als Wahrzeichen des Friedens zwischen den Völkern und Religionen feierte. — An die Universität wurde von der Gemeinde ein DegvüßnngStelegramm gerichtet. Gvüße aus Sowjetvußland. Jerusalem, 6. April. (I. T. A.) Das Komitee der hebräk« scher: Universität erhielt Begrüßungen jüdischer Gruppen aus Kiew rmd anderen Städten Sowjetrußlands. m jüdische Rationalbibttothek. Gin Geschenk bet tschecho-slowakischen Regierung. Die tschecho-slowakische Regierung, welche -bereits vor Over Jahren der jüdischen National- und Universitätsbibliothek wertvolle Bücher gesandt hatte, spendete neuerlich eine Sammlung von Büchern über die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der tschecho-iflowcckischen Republik während -der letzten Jahre. Lar Wische Schulwesen in Poren. Erhöhung den staatlichen Subvention. — Der Regierungsentwurf zur Regelung des ZÄdischon Schulwesens. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 9. April. In der letzten Sitzung der Budget« kormnission des polnischen Sejm wurden die staatliche n Subventionen für das jü dis che Schulwesen in Polen beraten. Bisher hat der Staatsbeitrag 10.000 Zloty jährlich betragen. Die jüdischen Abgeordneten im Ausschuß beantragten eine Evhöhung der Subvention auf 700.000 Zloty. Dieser Antrag wurde ab ge lehnt, der Jahresbeitrag für das jüdische Schulwesen jedoch über Antrag des Budgetrefeventen im Ausschuß auf 100.000 Zloty jährlich erhöht. . ' Bei der sodann in Angriff genommenen Beratung des Budgets des Ministeriums des Innern 'beantragte der jüdische Deputierte G r ü n banm entsprechend dem § 104 in der Verfassung die Aushebung des in Galizien bestechenden Verbotes des Gebrauches der hebräischen oder jüdischen Sprache in öffentlichen Versammlungen. Dieser Antrag wurde a b g e l e h n t. Ebenso fand ein Antrag Grüubaums, die Jahr- und Wochenmärkte in den Städten nicht am Sabbat anzusetzen, weil dadurch die jüdische Bevölkerung, welche Handel betreibt, geschädigt werde, keine Mehrheit ir: der Kommission. Für die morgen stattfindende Sitzung der intcvmimstriellen Kommission für die Randgebiete steht die Beratung eines Regierungsentwurfes für die Regelung des jüdischen Schulwesens in Liesen Gebieten bevor. Das von: Unterrichtsmmister Stanislaw Grabski entworfene Projekt sieht die Schaffung von jüdischen allgemeinen Schulen gleichen Typs wie die polnischen vor. Die Unterrichtssprache soll auch polnisch sein, überdies soll auf Kosten des Staates nebst dem Religionsuntevicht auch Unterricht in jüdischer Geschichte und jüdischer Wissenschaft in hebräischer Sprache erfolgen. Schulfreier Tag soll der Samstag sein. In Pvivatschulen solchen Typs soll auch hebräische oder jüdische Unterrichtsspra.chl» zulässig ein. 'bares Ringen mit all den Geistern, welche in den zwölfbändigen Traktaten gebannt sind, sprach aus diesen' Briefen Reichs, das Geknatter des Schnellfeuers gegen die uneinnehmbar scheinende Festung und gleichzeitig die lähmende Angst des Stürmers vor dem ersehnten Sieg, die Furcht, die niedergerungene Bastille könnte auch ihn, den Stürmer und Sieger, unter ihrem Schutt begraben. ,^Trkul" Mt diesem talmudifchen Merkwort, das die Anfangsbuchstaben der Worte „Tischbi jetarez kuschjoch ubaajoth" (Tischbi, die Personifizierung des Messias, wird die ungelösten Fragen und Einwände lösen) birgt, rettete er sich vor seinen eigenen Zweifeln, dem Stürmen und Drängen seiner Seele zurück in die engumzäunte Schanze des Glaubens, der Liebe und Treue . .j ■ * Kurz vor Pessach des Jahres 5645 erhielt ich von Nathan Reich die Einladung, die Pessachtage als sein Gast in der Jeschvwahstrdt zn verbringen. Dem Brief lag auch die Bitte der Frau Mirjam Sonnenschein bei, die Einladung anzunehmen, dg sie auf mich als den „Zehnten" an beiden Sederabenden rechne. Das war allerdings nicht zu verachten, denn die Sederabende im Hause der Mirjam Sonnenschein, der Witwe nach dem reichsten und angesehensten Juden der ganzen Gegend, waren gesellschaftliche Ereignisse ersten Ranges, von denen man in der Judengaffe von einem Pessach um anderen sprach. Mrjam hielt die alten Familientradition, am Pessach bei jeder Mahlzeit zehn Talmudgelehrte zu Gast zu sehen, auch nach dem Tode ihres Mannes Abraham Sonnenschein heilig; da sie keinen Sohn hatte, der an Stelle des Verstorbenen den Vorsitz beim Seder hätte führen können, übertrug sie dieses Ehrenamt dem gelehrtesten, frömmsten und geachtelten Bachur der Jeschrwah, Nathan Reich. War schon der kulinarische Teil des Abends das Höchste und Beste, was die Küche einer Jüdin vom Geiste Mirjam Sonnenscheins zur Verherrlichung des schönsten jüdischen Farnilienftstes auf den TM zu zaubern vermag, so war dßx SMx Sforifrm

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