Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2204 (9.4.1925)
- Date
- 1925-04-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6tHe B Me«. Dsnnerßl«- Rta IttwtwttfiHHf, s. «PM1SS8 «r. 9801 SchSnbnmu fit alle. Schönbrunn: Gegenwart des blühenden FvühlmgsgarttnS, darin bröckelndes Prunkschloßgemäuer aus einer versunkenen Welt. Innen BerwesnrrgSdust von Jchr- Hunderten. Konserviertes Museum: Blaues, weißes Zimmer, Gobell'ms, Deckengemälde. Portrats Kaiser Josefs, Maria Theresias, Napoleons Bett und Todeslager seines Sohnes, die große Galerie, feenhaft beleuchtet und als Miginakhoftafel für 60 Personen gedeckt, Franz Josefs Schreibtisch, wo „Weltgeschichte" gemocht wurde, des alten Kaisers Sterbebett, Zitas Schreibzimmer und Empfangssalon, des letzten Kaiserpaares Schlafgemach — der sympathischeste Raum, weil er schlicht -ist, wie fiir Bürgersleute von Geschmack —, dann wieder Gemälde, Maria Theresia mit sieben Kindern, mit elf Kindern, wer kennt sie noch, die verstaubte Vergangenheit der Namen und Jahreszeiten, die sie „G«s ch i ch t e" nennen. Ein kalter -Hauch weht durch die Räume und das Gespenst von Mil- Nonen unbekannter Schicksale. Draußen aber grüßt lachende, warn« Frühlingssonn«. * Nach dem Umsturz polterte di« Revolution auch gegen Schönbrunn. Es gelang halbwegs, die Kunstschätze von ungeheurem Werte zu retten. Die Hofgärten wurden geöffnet und in verstärktem Maße im Ministerium für Handel und Verkehr, wie Bundesminister Dr. S ch ü r f f gestern ausführte, tarn.« gearbeitet, Schönbrunn als öffentlichen Besitz auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gewächshaus, Palmenhaus und Menagerie befinden sich wieder in vorzüglichem Zustand. Durch Einhebung einer Eintrittsgebühr wird ihre Erhaltung und die der Schauräume gesichert. Die Gebühren Md viel niedriger gehalten «a,'ls in anderen Städten. Die Inneneinrichtung des Schlosses ist derzeit wieder in dem Zustand wie unter Franz Josef. Allerdings, 1600 Räume wurden verwertet. In Schönbrunn sind außer den Schauväumeu und vevschiedeatcn staatlichen Stellen 23 0 Mietparteien untergelbracht. Der Schönbrunner Park ist heute der einzige im französischen Stil volliständig naturgetreu erhaltene Garten Europas. Der b o t a n r s ch e G a r t e n und die Gewächshäuser stehen in der Fülle exotischer Pflanzen in Europa einzig da. Das im Jahre 1883 edbaute Palmenhaus ist sowohl seiner Größe als auch seiner architektonischen Schönheit nach das schönste Glasaus des Kontinents. Die Palmen gedeihen besonders gut. Seit Bestand des Hauses, das ist seit 52 Jahren, mußten bereits sechs Palmen gefällt werden, weil sie den Hockten Punkt des Palmenhaufes erreicht hatten. Auch derzeit befindet sich dort eine solche Palme, die mit ihrem Wipfel das Dach zu sprengen droht und daher mit Drahtseilen gebogen werden mußte. Die Menagerie hat durch Krieg und Zusammenbruch schwer gelitten. Diele Tiere mußten getStet werden, andere, so die sämtlichen Raubtiere, gingen in einer einzigen Nacht an „Ersatzfutter" infolge Fleischvergiftung zugrunde. Im Winter 1921-22 war die Zahl der Tiere von 3200 aus etwa 600 Stuck gefunken. Der Tievbestand, welcher Ln der letzten Zeit stark ergänzt wurde, hat nunmehr wieder gegen 2000 Kopfe erreicht. Di« Menagerie besitzt heute wieder Raubtiere in hervorragend schonen Exemplaren, wie Löwen» Tiger, Leoparden, Pumas, ein« prachtvolle Bärensam-mlunq, eine lobenswerte Kollation kleiner Raubtiere. weiterS Antilopen. Hirsche (darunter wunderschöne weiße), Zebras, Mähnenschafe, zahlreiche Affen, Elefanten Leider Arten, eine reiche Sammlung von Einhufern und Wiederkäuern wsw. Außerdem überaus wertvolle ZuchtbestLnde an RApserden, Steinböcken. Dtzarziegen und Wisente, die durch Abgabe der überzählten Zuchtprotakte einen überaus einirägslichen Tauschverkchr ermöglichen, die Grundlage Kr den Wiederaufbau bilden. Die Menagerie kann heute wieder Äs eine sehenswerte Tiersamnvttmg bezeichnet werden. i * Man geht durch den Tierpark. Wölfe eilen unermüdlich im Käsig hin und zurück, suchen zum tausendsten Mal« an Tag den Weg zur Freiheit und rütteln enttäuscht und grimmig gegen die Stangen. Löwen blicken unendlich ruhig und verächtlich über das Publikum. Assen jagen quecksilbern und verbittert durch ihre» Raum. Alles übrige Getier vegetiert ergeben. Der Abend kommt. Man verläßt den Park. Die Silhouette des Schlosses hebt sich träumend und wie ein verklungenes Märchen in der Dämmerung ab. Der Blick verweilt kn Gedanken bei der glänzenden Schloßtasel, die im Blumenschmuck für Pfingsten für alle offen stchen wird. _ AMIug in Baden. E Die Frühjahrssaison in Baden bei Wien hat begonnen. Nicht nur die Wiener, die Baden gewisiermaßen als zu ihnen gehörig betrachten, sondern auch ein internationale- Publikum im vollsten Sinne des Mortes bekunden durch ihren Besuch, daß Baden bei Wien die Hemmungen der Kriegs- und Nachkriegszeit längst überwunden hat. Gastfreundlich öffnet diese von der Natur so verschwenderisch bedachte Stadt allen, welche Heilung oder Erholung suchen, ihre Pforten. Die Stadtverwaltung hat als obersten Grundsatz proklamiert, daß es m einem Kurort von internationalem Rang wie Baden keinerlei politische, nationale oder konfessionelle Reibungen geben darf, daß Baden allen gehört, die es lieben oder es brauchen. Dre vorliegenden Anmeldungen und Anfragen lassen erkennen, daß Baden schon in der Frühjahrssaison mit einer großen Frequenz zu rechnen hat, für die eS vollständig gerüstet erscheint. Ae Morde in de« Mldem von Szatmar. Beilnn der üeintt-f an 27. Avril. ftfltUie der Seit mehr als einem Jahre hält der »Jakl Jakob Reinitz" die Judenheit Siebenbürgens in Atem. Der Händler Jakob Reinitz in Szatmar, der Frömmsten einer in der dortigen Mischen Gemeinde, wurde vor säst zwei Jahren unter dem Verdacht des neunfachen Raubmordes verhaftet. Die Poliztt dreier Staaten, Rumäniens, Ungarns und der Tschecho-Slowakei, ist mit der Untersuchung der Mortasfäre Reinitz beschäftigt. Reinitz soll unter dem Vorivande von Geschäftsabschlüssen, besonders von Valutengeschifften, die nicht lange nach dem Umsturz in den Grenzgebieten der drei genannten Staaten gang und gäbe waren, neun Mrsonen in die Wälder d.r Gegend gelockt, ermordet und beraubt haben. Die Anschuldigung gründet sich auf die Angaben von Verwandten der vermißten Personen, welche diese in Gesellschaft des Reinitz gesehen haben «wollen. Daß Mord dieser vermißten und verschwundenen Personen dorliegt, konnte nur in einem Falle ftstgestellt werden. ES wurde nämlich in einem Walde die Leiche des Hermann Groß, eines angeheirateten Verwandten des Reinitz, aufgefunden. Die Staatsanwaltschaft hat vorläuifig nur im Falle Groß die Anklage gegen Reinitz erhoben. Reinitz wird aber auch der Ermordung des Eugen Rosmarin in Reszegrplskott und der KaufleuteSchmuck, Lebowiez, Leichter und Nußbächer im Bankoer Walde bei Kaschau beschuldigt. Die so lange «währende Untersuchung ergab bisher nur Indizien. Reinitz selbst bestreitet alle ihm zur Last gelegten Mordtaten. Der Mann führt im Gefängnis eine streng rituelle Lebensweise, . lernt, betet und beteuert seine Unschuld. Die Polizei von Miskolez verhört gegenwärtig den Kaufmann Nikolaus Reimann, den sie auch verhaftet hat, da er beschuldigt wird, ein Komplize des Reinitz zu fein. Auch Reimann beteuert, daß er an den Mordtaten unschuldig sei. Er kannte, wie er angab, zwei der verschwundenen Personen, und zwar den Rosmarin und den Nußbächer persönlich, gibt auch zu, mit ihnen verschiedene Geschäfte gemacht zu haben, und hat auch bezeugt, daß Nußbächer an Balutenschmuggeleien des Reinitz beteiligt sei. Es sind auch noch andere Personen unter dem Verdacht der Mittäterschaft in Hast genommen worden, aber die eingehendsten Untersuchungen haben bisher das Dunkel, «welches über der Affäre Reinitz schwebt, nicht lichten können. Es ist fraglich, ob dies durch den Prozeß geschehen wird, der voraussichtlich zwei Wochen in Anspruch nehmet wird, da der Staatsanwalt etwa 60 Zeugen-und die Verteidigung (Reinitz «wird von dem rumänischen Rechtsanwalt Dr. T itu s und dem jüdischen Rechtsanwalt Dr. Borg!da verteidigt, die beide behaupten, von der Unschuld ihres Klienten überzeugt zu sein) 40 Zeugen hat laden lassen. Ein rumänischer Journalist, der vor kurzem dir Famitte des Jakob Reinitz in Szatmar ausgesucht hat, gibt von diesem Besuch folgende Schilderung: Auf einem zerknüllten» von Tränen benetzten Schreibpapier hebräische Hieroglyphen — ein« leidende Frau liest einen Brief. Wie sie den Brief liest, glätten sich auf. ihrem leidendurchfurchten Gesicht die Furchen, die Frau ist ein?» Augenblick vielleicht auch glücklich und über die schon anderthalb Jahve währenden, vielleicht nie vorübergehenden Leiden huscht der Blick der Mutterliebe . . . Aber nur einen Augenblick wird diese Phalanx des Schmerzes durchbrochen — dann folgt in dem Brief ein Satz, ein Wvrt genügt und die nächsten Satze gehen in einem Meer von Tränen unter. Die Frau des Jakob Reinitz liest den Brief ihres Sohnes. MS Palästina kam jü^er Brief, wohin sich vor einigen Monaten der junge Bursche begab -7 der von allen Söhnen vielleicht die unglückseligste Erbschaft von seinem Vater übernommen hat. - Aeinit betenert seine vllschnl». - Bei «er SnsdliHtctt. 18 Jahre ist dieses Kind alt, das schreibt, es werde heirate« und seiner Mutter und seinen Geschwistern aus der Holle helfen, in der sie leben müssen. „Gestern war ich in Hebron, bei den heiligen Gräbern — schreibt der Knabe —, dort ruhen unsere Vorväter Jakob und Abraham, und nicht weit von ihnen unsere Mutter Rahel. Ich habe bei ihren Gräbern gebetrt, ich bat Gott, er möge Euren Leiden helfen . . Das Lesen erstickt in den Tränen, die gebrochene Frau kann nur nach einer längeren Pause fortfetzen . . . „Meine t.uren Geschwister, folgt dem Wort« der Mutter» die am meisten leidet auf dieser Erde, seid gut, mein Auge ist voller Tränen. . Frau Reinitz hält eS nicht weiter aus. Sie greift an ihr Herz, sie weint nicht, aber das ist dann noch ein fürchterlicherer Anblick. „Mein Gott, das ist das einzige, was mich am Leben hält. Ich kann noch immer nicht glauben, daß es die Mahv heit ist, waS uns umgibt. Ich fühl« alles, wie einen bösen Traum, aus,dem man einmal aufwachen muß ..." Eine langsame Ruhe, man Hort nur das an die Seele greifende Röcheln d:r Mutter, das langsame Weinen der Kinder. Ich muß es offen heraussagen, ich «bedauere, diese Familie, bedauere sie auch dann, wenn Reinitz wirklich gemordet hat, denn nicht die im Walde gefundenen Leiche» sind die fürchterlichsten Opfer, sondern diese Frau mit dem gebrochenen Herzen, diese erschreckten sieben Kinder» die eine so entsetzliche Erbschaft angetreten haben. Aber hat Reinitz wirklich gemordet? Denn auch diese Frage ist noch nicht gelöst worden. Die 26 Seilen umfassende Anklageschrift enthält keinen positiven B.weis, und so hoffen die unglückliche gebrochene Frau und diese sieben Kinder. WaS hier noch das Leben hält, ist die Hoffnung. Nur mehr zu einer Hoffnung, zu einer blassen Hoffnung geworden ist in diesem Haus« das, was noch vor anderthalb Jahren glühender Glaube war. Vor anderthalb Jahren war ich hier, als die große Tragödie abrollte, und ich erinnere mich, mit welchem aufrichtigen Glauben, unmöglichem GerechtigkeitSwunsch Gott zum Zeugen gerufen wurde für die Unschuld des Familienvaters. Jetzt? . .. Eine unglückliche, nur ein Traumleben lebende gebrochene, wunschlos« Frau ist die Fra» des Reinitz geworden, ihre erschrockenen Kinder sitzen neben ihr, ohm ein Wort zu sagen, als ich sie frage, ob denn die Anklage überhaupt wahr sein könne? - Die Kinder schweigen u«nd mit ihnen schweigt die Mutter, die Gattin, di« nach einigen Sekunden wieder an ihr Herz greift und haDohnmächtig die Worte hervorstößt: WaS weiß ich? . . . Ich glaube es nicht . . . Bis zu meinem letzten Blutstropfen, bis zu meinem letzten Atemzug werde ich es nicht glauben . . . Heute nachmittags haben wir gebetet. Bei jedem Satz öffnet« mein Töchterchen das Gebetbuch, in dem es heißt, selig sind, die wissen, daß Gott all ihre Handlungen kennt ... Erinnerst du dich» Mütterchen? jeden Samstag nachmittags ließ er uns diesen Satz beten . . .? AlS trauriger Refrain stürzen die Tränen von neuem hewor. Was weiß ich? Ist eS denn möglich daß ein Mensch der so religiös war, wie er, derlei Grausamkeiten begehen konnte? Jede Frage kommt mir grausam vor. aber soviel Grausamkeit hatte diese Frau zu erdulden, soviel Grausamkeit auch diese Kinder; vielleicht war ihr Vater zu ihnen am allergraufamsten. Und sie sagen das fürchterliche Wort: Wenn er gestorben wäre, wie anders Ware alles. ES ist fürchterlich. WaS ich sage, ich weiß eS, aber ich sage eS, ich beneide die Frau Groß. Diese Frau Groß, die die Frau des Jakob Reinitz beneidet. ist die Witwe jenes Hermann Groß, den' man im Walde zu Raghbanya gefunden hat. Schekelaufmk der zionistischen Srekuüve. Gesinnungsgenosse n! Unvermindert an Umsa-ng Bedeutung sind die Ausgaben der Zionistischen Organisation. Sie ist der Träger dezionistischen Ideals und der Verkünder der nationalen Cinheit des jüdischen Volkes. Sie ist die.Stimme, die die Schläfer in allen Ländern weckt und sie zum Bewußtsein ihres jüdischen Volkstums znrückbringt. Sie 'ist die. Schöpstrin u«nd Bertreterm des Gedankens einer jüdischen Wiedergeburt in.der historischen Heimat. Sie nährt und baut das neue Palästina, sie unternimmt es, im Namen des gesamten jüdischen Volkes zu sprechen und zu handeln für sein Ziel, das die Wiederausrichtung des nationalen Lebens ist. Wir wollen, daß diese Organisation, deren höchster Ausdruck der Kongreß ist, ihre Arbeiten mit Würde und'Erfolg erfüllt. Wir wollen, daß sie stark an Autorirät, weitreichend und mächtig in ihrer Propaganda ist und daß sie das ganze, wredere.r-tvachen-de jüdische Volk in sich vereinigt. Der Schekel ist das Symbol der zionistischen Gesinnung. Er bezeugt, daß der individuelle Zionist sich seines Verantwortungsgefühls gegenüber der Gesamtheit bewußt wird. Er ist das Fundament, aus dem unsere Organisatieii auf0e6afti Erweitert dieses Fundament, machet es allumsassendi Lasset es nicht zu einer engen Plattform werden, aus der nur ein Teil unseres Volkes Platz finden kann. Dringet das ganze, selbstbewußte jüdische Volk in die Reihen der Zionistrschon Organisation, indem ihr die jetzt fernstehenden Kreise zur Entrichtung deS Schekels gewinnt. Unsere Position und unsere Zukunft als Zionistische Organisation hangt zum größten Teil von der Kraft und Eindringlichkeit ab, mit der wir unsere Reprässntationsfähigkell bezeugen. Die zionistischen Verbände, die Führer der Zionistisch« Organisation werden aufgosorvert, Zeugnis abzulegen, daß fl, sich der großen Ausgabe bewußt sind, indem sie. ohne Zeit zu ^verlieren, an eine wirkungsvolle Propaganda herantreten, uw dje jüdischen Kreise, die unserer Sache mit Sympathie gegen, übelstehen, sich uns aber noch nicht angeschlossen haben, -ul Verstärkung unserer Reihen zu gewinnen. , Jeder Landes- und Sonderverband, jeder Verein uw jeder pflichtbewußte Zionist sollte sich von nun an bis -uw Schlüsse des Schekeljahres mit ganzer Kraft. Intelligenz un» Enthusiasmus der Gewinnung von Schekelzcchlern widme«. , Dies ist das Werk, zu dem wir euch aufrufen. J«n raschem Fortschritt gewinnen Mir die Sympckhie« derjenigen Personen und Gruppen, die einst dem Palästinagedanken gleichgültig oder feindlich gegenüberstanden. Der Zeit« tzunkt ist nahe, a» welchem sie bereit sein werde», in direkt«