Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2200 (5.4.1925)
- Date
- 1925-04-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I Sekte 6 Dien, Sonntag Tagesbericht. Nach der Feier. ^cm Dr. Nathan Korn» Leiter der Wiener Samntelstcllc der hebräischen Un ivcrsitatsbi bl iothek. Die Festwoche ist vorüber. Aberrausende Laben durch frummc? Defilieren am Grabe Dheedor Her.;ls und durch stürmischen begeisterten Zuruf in zahlreichen Festversammlurrgen ihr Bekenntnis zu dem neuen Werke am Skopusberge il>gelegt. Doch alles bliebe nur Lippenbekenntnis, folgte dem '-lusdruck der Freude und des Stolzes nicht die Lat! Die Voraussetzung zur gedeihlichen Entwicklung unserer Hochschule ist der Ausbau der Bibliothek. Eine Uni versitätSbibliochek kann nie durch die Universität allein er morden werden. Dazu ist keine Hochschule reich genug. In Staaten mit ausgcbildeter Staatsgewalt dient die Einführung aer Abgabe von Pflichtexemplaren der Förderung der Bibliothek. Wir haben keine Exekutive, di« ein« derartige Verordnung erlassen könnte. Aber eine höhere Exekutive, als es die LLaalsgeNxrlt darstellt, die Pflicht der Verantwortung für unsere Neuschaffung, mutz an ihre Stelle treten. In allen Ländern der Diaspora durchgeführt, wird sie imstande sein, das große Werk zu schaffen. Die von Tr. Josef C h a z a n o w i tsch, der fein ganzes Vermögen diesem Zweck« hi «gab, so daß er im Ärmerchause starb, gegründete Nationalbibliothek, die dann zur Universitätsbibliothek umgestaltet wurde, stellte der neu eröffneten Hoch^ schule im Jänner dieses Jahres 75.006 Bände zur Verfügung. Mit den Gaben, die anläßlich der Eröffnung gewidmet wurden, nt heute das erste Hunderttausend überschritten. Die Wiener Sammelstelle darf darauf Hinweisen, daß auch sie mit zirka 12.000 Bänden sich einstellt«. Daß es ihr ernwglicht wuwe, verdankt sie der -werktätigen Mithilfe des Weltverbandes der jüdischen Studentenschaft, dem jüdischen HochschuTauSschuß und dem zionistischen akademischen Landesverband sowie den Wiener B'nai-B'rilh-Logen. Besonderer Dank sei Herrn Kommerzialrat Max Klein gesagt, der die seetüchtige Verpackung aller Büchevspendcn unentgeltlich besorgt. Nicht zuletzt Dank allen Spendern. Sowie aber die bisherigen Institute in Jerusalem nur einen Anfang darstellen, darf auch nach dem Feste die Arbeit für die Bibliothek nicht aufhören! In jedem Hanse finden sich geeignete Bücher. Wem solche nicht zur Verfügung stehen, gebe seine Ablöse in Geld. Denn es müssen zur systematischen Ergänzung der Bücherbestände Werke angeschafft werden, die durch Spenden nicht erhältlich sind. Transport- und Versicherungskosten der gesanrmelten Bücher sind zu bezahlen. Die Eröffnung des den Namen Einsteins tragenden physikalischen Institutes soll eine FachbiAiochek vorfinden. Zu dieser Mitarbeit rufen wir alle Menschen, die Verständnis für das neu geschaffene Werk haben, auf und schließen mit den Worten B a lsours bei der Eröffnung der hebräischen Universität: „Bor allem aber müssen alle Juden dieses Werk des jüdischen Genius wrdern." * Alle Auskünfte erteilt bereitwilligst Dr. Nathan Korn, 16. Bez., Brunnengass« 34 (Tel. 29-1-28), der alle angemelheten Bücherspenden auch abholen läßt. sch« Literatur dieser Tage riesen in Moses Heß all jene Ideale wach, die ihm in seinem großväterlichen Heim eingeprägr wurden. Die infolge der italienischen Nationalöorvegung geltend gemachten Prinzipien der freien unabhängigen Nationalitäten, die einzig und allem die Grundlage und Quelle der Demokratie bilden können, lenkten Heß' Aufmerksamkeit auch auf die Judenfrage vom politischen Standpunkte aus. Der Nationalismus war ja ohnehin nach Heß' Ansicht Versöhnung und VÄkerfriede, die Judenfrage wurde daher für ihn eine wichtige, die, nach der italienischen, als letzte Nationalitätenfrage gelöst werben mußte. Die im Jahre 1840 vom Sekretär Napoleons des Dritten, Ernest Laharanne, erschienene Schrift „Ueber die neue orientalische Frage", in der er für die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina eintritt, hatte .Heß' Denkungsweise stark beeinflußt. Die Einsicht, daß die Reformbewegung Holdheims in Deutschland den inneren Gehalt des Judentums geschwächt habe, sowie die Fragen der Gleichberechtigung, die noch immer theo-- retffch auseinandergesetzt wurden, vevanlaßten letzten Endes Moses Heß zur Niederschrift seines „Rom und Jerusalem". Heß gelangte zur Ueberzeugung, daß die Juden als Menschen nie eine Gleichberechtigung erlangen, dagegen es als Volk viel eher erzielen können. Der Jude müsse vor allem sich dem Ackerbau widmen, was nur in seiner Urheimat möglich sei, denn „ein gemeinsamer heimatlicher Boden sei die erste Bedingung gesunder Arbeitsverhältnissc". Wenn auch mit der französischen Revolution die messianische Epoche der Menschheit begonnen 'habe, fo könne die Mettschheitserlösung nur durch eine Befreiung der Völker erzielt werden. Die jüdische Gleichberechtigung sei nicht im Wege der A s s i m i l a t i o n d e 8 jüdischen I n d i o i d u u m s, sondern nur durch nationale Befreiung zu erreichen. Das Judentum sei ,-vor allen Dirrgen eine Nationalität, deren Geschichte Jahrtausende überdauert, mit jener der Menschheit Hand in .Hand geht, eine Nation, die schon einmal das geistige Regenerationsorgan der sozialen Well war, welche heute, nach dem Bevjüngungsprozeß der weltgeschichtlichen Kulturvölker seiner Vollendung entgegenreift, mit der Wiedergeburt derselben ihre eigene Auferstehung feiert." Mt der ihm eigenen Geistesschärfe bekämpft Heß die _Wiener Mnr<,ei»;e?tu«st._ UmberfUStsfdern. In Leoben fand am 31. Mär; eine von der zionistischen Ortsgruppe veranstaltete Feier stat.t, in der Herr cand. ing. Ernst Fischer über die Bedeutung der hebräischen Universität stir das jüdische Volk sprach. Die Feier nahm einen schönen Verlauf. Dem Keren Hajessod wurde eine Spende überwiesen. Die Karlsbader Israelitische Kulbusgeinsinde beschloß. anläßlich der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem neben der 'bereits bestchcnden Zeichnung für den K c v c ii Hajessod für das Jahr 1025 weitere 3000 ffchech. Krone« diesem Fonds zuzuweisen. Aus dem Haag meldet I. T. A.: Der Rat der j ü d i s ch cii G c nt einde i n A nt st crda nt hielt aus Aulaß der Univcrsitätserössuung eine Sondevsihung ab und sendete ein Begrüßungstelegramm nach Jerusalem ab. Der Niederländische Z i o n i st e n bu n d und die niederländische z i o n i st i s ch e Studenteno r g a n i s a t i o n veranstalteten aut 1. April i u der A u l a d e r A m st e r d a nt e r Universität eine feierliche Kundgebung aus Anlaß der Eröffnung der Jerusalemer Universität. Es sprachen: Pros. Dr. L. O rüste in, Prof. Dr. S. R. S t e i n m e tz, Prof. Dr. H. I. W a t e rntann, Prof. Dr. D. Cohen. Mich in anderen Städten Hollands fandett Kundgebungen statt. Eine Botschaft Albert Einsteins an die jüdische Studentenschaft. Prof. Albert E i n st c i n hat als Präsident des Welt- Verbandes der jüdischen Studentenschaft die folgende Botschaft erlassen: „Der Woltverband der jüdischen Studentenschaft ist sich der großen Bedeutung wohl bewußt, welche die Universität in I e r u s a l e -nt für das jüdische Volk hat und noch mehr in der Zukunft haben wird. Es ist das erstemal, seitdem wir unter den Völkern zerstreut leben, daß die jüdische Gemeinschaft eilt Unternehmen zur Pflege d e r u n i v e r s e l l c n K ul: u r g ü t e r ins Leben ruft. Es beginn: als'F o r s ch u n g s i n st it u i. um später, wetin Valüftina ansgebaur sei:: wird, in eine L e b r ii tt i ü e r f i t ä . f i ch Mt vertvandeln. Heute leitet die jüdisch.' nt manchen Ländern geistige R o t. Wie i:: tev Universitär Jerusalem den ersten Swrlu - ne n e t ii: g e u S e lbständigkcit, deren wir bed'ürse.i, um diese Nor zu Äberwinden und die im jüdischer. Volke sachimmernten geistigen Kräfte zur Entfaltung ru bringen. Gez.:'Albert E i n -t e i u." sind Dr. HOFFBAUEftS ENTFETTUNGSTABLETTEN von bester Wirkung, angenehmem Geschmack, vollständig un» schädlich. Die Tabletten stellen eine schlanke, graziöse Figur her, ohne Diätzwang oder Aenderung der Lebensweise, prompte Gewichtsabnahmen. . Keine Schilddrüse! Depot; Kein Abführmittel! Apotheke HUGO BAYER, Wien, I. Wollselle 13/12 Vom VolVsge*undheii*amtbewilligtNr.'iW ManaohteaufienNamanOr.HofTbauer 6. April 1926 'Jlt. 2200 Palöftina aus drr Wembley-Aurftellaag INS. London (I. T. A.) Die Zionistische Exekutive ließ einen Raum von 300 Quadratfuß auf dem Terrain der britischen Reichsaustcllung zu Wembley im Jahre 1925 für einen Palästinapavillon reservieren. Der Raum wird vier Ab teilungen enthalten: eine landwirtschaftliche, eine Erziehungs-, eine E i n w a n d e r u n g s- und eine Berka ufsabteilung. Die Abteilung für Erzieh»ngSwescn wird Ausstellungsobjekte betreffend die hebräische Universität, das jüdische Schulwesen in Palästina. Literaturitnd Zet tungswesen enthalten. Ter Pavillon wird ein Jnfornta tionsbureau enthalten und auch ein Bild von der m e d tz i n i s ch e n Arbeit im Lande geben. Eine kleine Abteilung wird auch der Arbeit der internationalen zionistischen F r a u e n o r g a u i s a t i o n gewidmet sein. In der Einwanderungsabteilnng werden Objekte der jüdischen I n d u st r i e t ä t i g k e i t, der Bauaewerkschaft nsw. zu sehen feilt. Die jüdischen Künstler in Palästina vereinigen sich, um im Palästinapavillon zu Wembley auch eine Ans stelluug palästinensisch-jüdischer Kunst zu arrangieren. Na tionalfonds und Keren «Hajessod werden du Ausstellung zu Propagandazwecken benütze«. Der Palästittapavillon wird unter dem Protektorat der Palästtnaregterung und eines in London gegründeten Komitees stehen. Sie Lunge im Rönkgenbild vollftSudig fichtbar. In der letzten Sitzung der Gesellschaft der Aerzte ntachten die Dozenten Dr. O. B e ck (Klinik Neumann) und Dr. Nather (Klinik EiseMcrg) Mitteilungen über eine neue Methode, bei Welcher durch den Kehlkopf und die Luftröhre eine bestimmte Jodlösung in die Luttge eingeführt wird, die sich an den Wänden der Lunge feftsetzt. Durch die Einwirkung dieser Jodlöstmg wird auf dem Röntgctrschirm der Lungenschatten deutlich bis in die feinsten Verzweigungen sichtbar. Diese Methode, durch die die Atmung in keiner Weise behindert wird, ermöglicht es, die feinsten Veränderungen der Lunge im Röntgenbild deutlich zu erkennen. Dozent Beck demonstrierte einen von ihm konstruierten Apparat, durch den di« Jodlösung durch den Kehlkopf in die Lunge befördert werden kann, ohne daß der Kranke dabei unangenehme Sensationen empfindet. Der Leiter des Röntgeninstituts der Klinik Eiselsberg, Dozent Dr. Sgal i tz e r, zeigte in der Versammlung eine Reihe von Röntgenbildern. in denen die neue Methode bisher unbemerkte Krankheitsprozesse erkennen ließ. In der Diskussion über diese Mitteilungen, die mit großem Interesse ausgenommen wurden, betonte Hofrac Professor Schlesinger, der sich über das neue Verfahren beifällig äußerte, daß es den Patienten auch unmittelbare Erleichterungen bringe, indem sie mit der in die Lunge eingeftihrten Flüssigkeit auch Effer auswerscn, wodurch ihr subjektives Befinden sich bessere. * Das Wetter. Die kühle Nordluft ist weiter ins Festland eingodrunaen und hat Deutschland eine empfindliche Abkühlung gebracht. Oesterreich liegt noch im warmen Südstrom, so daß ev morgettS heileres Wetter hatte. Voraussage: Vorwiegend Hotter, leicht« Störung aus Nordwesten nicht aus ge schlossen. Assimilation und betont, daß nur die Ausgestaltung d e r e i g e n e n j ü d i s ch e n K u l t u r die jüdische Wiedergeburt und selbst das religiöse Leben der Juden neu beleben tvevde. Er bekämpft die Ideen derHaskalah- Bewegung, di« nur z-ur Auslösung der jüdischen Religion führen müßten. Bor allem sieht er eine Gefahr in den Anschauungen der sogenannten Missionsapostel, nach denen die Juden in der Diaspora die Ideen des Monotheismus zu verbreiten hätten. Mit besonderer Begeisterung spricht Heß von der Idee des jüdischen Monotheisnnts, die im. Gegensatz zum Hellenentum von der Einheit der Welt ausgeht, „denn die heiligen Schriften unseres Volkes sehen die Einheit Gottes 'trotz der Mannigfaltigkeit der Welt". Es sei daher notwendig, die jüdische Jugend wiederum mit dem Geiste des Judentums bekanntzumachen, um sie dem Volkstum näher ziu bringen, denn nur so wird uns die Restauration des jüdischen Staates in der rechten Weise vorbereitet finden." Einen breiten Raum widmet Heß in seiner Schrift der Behandlung der neu aufblühenden hebräischen Literatur sowie der Auseinandersetzung der Historischen Entwicklung des Judentums und Würdigung des Chassidismus. Heß ist in seinen Anschauungen durchwegs Atrhänger der Schaffung eines Kulturzentrums i n Palästina, denn nach ihnl werde die jüdische Wiedergeburt das jüdisch-religiöse Genie zum neuen Leben und die Juden mit dom Geiste der alten Prophetie beseelen. Er hat in seinen Briefen — die Form in der seine Schrift „Rom und Jerusalem" verfaßt ist — keine klaren Pläne zur Durchführung der Wiederherstellung Palästinas gebracht, er hatte viel von der „Alliance" erwartet, die ja die Versuche Kalischers und anderer propalästinensischen Vereine unterstützte. Besonders aber betonte er, daß eine Großkolonisation in Palästina nur dan-u möglich sein könne, lvettn sie von allen Mächten und Staaten geschützt werde. Obwohl Moses Heß in seiner Schrift die Jndenfrage von einer ganz anderen Seite hin aufgerollt hatte, hat seine Schrift auf seine Zeitgenossen keinen großen Eindruck gemacht. Die dantalige jüdische Presse widmete zlvar dieser Schrift eingehende Besprechungen, aber alle bekämpften die von ihm geäußerten Ideen. Tie sozialistische Journalistik und ihr hervorragendster Vertreter Johann Philipp Becker bekämpfte ebenfalls seine Anschauungen. Der Herausgeber der „Wiener Neuzeit" Simon Szanto wies zwar auf die „neuen Ideen dieser Schrift hm, begnügte sich aber nur mit dem Abdruck einzelner Auszüge. Philippsohn und Josef Lehmann lehnten glattweg Heß' Anschauungen ab und erklärten, die Judenstaatgründung für eine Unmöglichkeit. Einzig und allein die „Monatsschrift für die Wissenschaft und Geschichte des Judentums" würdigte Heß in liebevoller Weise und warnte, „den Verfasser eine Skmde früher zu bekäntpfen, ehe man ihn verstanden hat." Seit dem Erscheinen feines „Rom und Jerusalem" hatte Heß sich immer mehr mit jüdischen Fragen beschäftigt. Abgesehen von feiner französischen Uebersetzung der Grätzscheu Geschichte, bchande<lte er in einer Reihe von kleineren und größeren Aufsätzen Probleme aus dem jüdischetc Geisteslebe-n. Bor allent Ivar er bestrebt, die Uebersetzung der Geschichte der Juden Heinrich Grätz' zu Ende zu führctt. Obwohl ihm Heinrich Grätz politisch gang fevnstand, sah er in ihm den ersten jüdischen national gestimmten .Historiker. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete er in der „Ntonatsschrift für die Wissenschaft und Geschichte des Judentunts", in der er verschiedene Probleme jüdischer Roligionsphilosophi« behandelte. Politisch betätigte er sich in der sozialdemokratischen Bewegung. Wenn es auch Heß nicht gelungen war, mit seiner' Schrift eine entsprechende nationale Bewegung mtter den Juden auszulösen, so hat er doch der En> 'cklung des JudenstaatsgedankenS einen großen Dienst erwiesen. Er hat in seiner Schrift eine richtige Bewertung der Emanzipation der Inden geliefert und die eigentliche Gleichberechtigung mir in der Emanzipation der Juden als Volk gesehen. Die Möglichkeit der jüdischen Zukunft sah er nur in einer eigenen Heimat, in der nicht nur die Regeneration des physischen DbenS. sondern auch die Schaffung eines geistigen Zentrums und die Belebung der Ideen der jüdischen Prophetie zu erfolgen hatte. Als solcher war Heß einer der ersten, der das jüdische Problem, insbesonderS aber die Frage der jüdischen geistigen Renaissance vom Standpunkte der GeschichtSphilosophie behandelte. Dr. N. M.GelbeH