Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2200 (5.4.1925)
- Date
- 1925-04-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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SSÜÖ Men, Sonntag Wtenee MornenzeltnnA. SSM 15 «jhkptiertc und dadurch seiner höchsten Aufgabe, die ihm bis setzt gesollt wurde, nicht entsprochen hat. Der Vülkerbunb mutz esich als Gluck anrechnen, daß ihm diese Aufgabe von epochaler Bedeutung in -den Schoß fiel. Er hat ja das Mandat nicht selbst ausgearbeitet, sondern fertig in di« Hand bekommen. Hier hatte er ein reiches Betätigungsfeld gefunden, denn dieses Problem iist von Ewigkeitswert. Was er bisher geleistet hat, reicht beiweitem nicht an die Tragweite dieser Aufgabe heran. Der Bericht ist aber trocken und schlecht und man spürt keinen Hauch von dem Enthusiasmus, mit dem der Völkerbund gerade diese Aufgabe lösen sollte. Unsere Ausgabe ist es, den Völkerbund zu schützen, und deshalb wollen wir ihn aus die Fehler dieser Kommission aufmerksam machen. Wir müssen, wie Luther sagte, vom schlechtrnfovmierten Völkerbund zum besser informierten Völkerbund gehen. Ae Antwort ans de« dentschen Garantie- Vorschlag. Neue Verzögerung der Note. Lerliu, 4. April. (Tel.-Komp.) Das Organ Stresevranns, „Die Zeit", veröffentlicht in Sperrdruck unter der Ueberschrift „Verzögerung der Alliicrtenantwort" folgende Nachricht, die allem Anschein nach auf Informationen aus besonderer Quelle beruht: In deutschen Regierungskreisen hat man die Ueberreichung der Antwort der Alliierten auf die deutschen Anregungen über die Sicherheitsfrage für Ende dieser Woche, spätestens an: Samstag, erwartet, nachdem der französische Botschafter dem deutschen Außenminister im Namen des französischen Ministerpräsidenten von der bevorstehenden Ueberreichung der Note in Kenntnis gesetzt hatte. Anscheinend sind aber die an die deutsche Regierung wegen der Präzisierung ihrer Vorschläge gerichteten Fragen, die die Pariser Presse veröffentlicht hat, noch immer u mstritten. Bis zur Stunde ist irgend eine Mitteilung über die Ueberreichung der Note, die durch die Botschafter und Gesandten der Alliierten in Berlin erfolgen sollte, noch nicht angckündigt. Es scheint damit zu rechnen zu sein, daß sich die Ueberreichung der Note noch einige Zeit hinziehen wird. DerWechsel im franrösifchenFinanMiaifterium. Paris, 4. April. (Havas.) Finauzmimster de M onzie wird am Montag im Kabinett'srat die Grundzüge seines Entwurfes betreffend die finanzielle Sanierung, den er am Dienstag nachmittags der K a m m c r unterbreiten wird, darlegen. Der Minister erklärte Pressevertretern gegenüber, er könne gegenwärtig, solange der Entwurf nicht eingvbracht sei, keine Erklärungen abgeben, stellte aber mit Befriedignng feist, -daß die Haltung des W e ch s e l m a r k t e s als Berirauensvorschuß bezeichnet Werdern könne. Der Minister fügte hinzu, er habe niemals beabisichtigt, die Berfolginng der Steuerhinterziehungen zu mildern, und sei entschlossen, an eine praktische Lösung der Finanzprobleme heranzutreten. Er befasse sich gegenwärtig mit einem Entwurf, wodurch die Eingängeaus den Kriegs gewinn steuern gesteigert würden. Die Lage des Kabinetts Herviot. Das ganze Interesse der politischen Kreise ist fetzt aus die für Dienstag einbernfene gemeinsame Beratung der vier Fraktionen des Linkskartells konzentriert. In dieser Beratung wird das Schicksal des Kabinetts Herriot Gruß an Brandes. Von S. Meisels. Bor kurzem erst habe ich in der „Wiener Morgen- Kitung" — aus Anlaß der Neuansgabe seiner alten und des Erscheinens seiner jüngsten Werke — Georg Brandes und sein geistiges Schaffen eingehend gewürdigt. Nun bietet die Anwesenheit Brandes' in Wien, wo er in den nächsten Tagen einen Bortrag über ein jüdisches Therna halten wird, Gelegenheit, in einenr Mchkrag, der zugleich ein Willkommgruß und eine Ehrenbezeigung für den greisen Gelehrten sein soll, noch einiges über diese machtvolle, vielseitige, geistbefruchtend 'wirkende Persönlichkeit auszusagen. - . ist b'Nisches Gebot, das hohe "Alter zu ehren, und jüdischer Brauch, dein ragenden Gneist zu huldigen. In unsere Verehrung für Brandes mischt sich ein Gefühl der Bewunderung für den Mann, der sich seinen jugendfrifchen Geist bis ins Greifenalter bewahrt hat und zugleich ein Ges>M berechtigten Stolzes, das er unser ist. Ja, dies ,-Er ist unser!" sagen wir mit Stolz, aber mit ebensoviel Selbstverständlichkeit. Denn die Zeiten sind glücklicherweise endgültig vorbei, wo man cs manchem großen Juden als Verdienst anrechnete, daß er Jude geblieben war. Einem Großen nachvühmen, daß er das Primäre in sich nicht verleugnet ha^t, heißt einen Löwen loben, hast er kein .Hase geworden ist. Das Judesein ist das Primäre, weil cs die Geburt bedingt, und in ihr ist die Grundform gegeben zu allen weiteren Entwicklungen. Es liegt dctrin jene geistige Bedingtheit, die das freie Schaffen eher fördert als hemmt, die -nicht in. der äußeren Form, sondern int inner» Sinn des Geschaffenen sichtbar wird. Gerade bei Georg Brandes läßt sich diese geistige Bedingtheit mit Leichtigkeit Nachweisen. Wenn es wahr ist, daß Einheitsstreben die Tugend des jüdischen Geistes ist, so bewährt sich diese Tugend bei Brandes in ganz hervorragendem Maße. Brandes' ganzes Streben ist auf Einheit, Vereinigung, Bindung gerichtet. Man entschieden lverdcn. das heißt, cs wird sich zeigen, ob das Kabinett für die Sa n i e r u ngs v o r la g e und für die Ernennung eines Geschäftsträgers am Vatikan ans eine Mehrheit in der Kammer rechnen kann. Der franMche yndentenftretl. Schlägereien im Quartier Latin. Paris, 4. April. Im Verlauf des heutigen Nachmittags -am es zwischen streikenden Studenten und einer Gruppe von Studenten, die dem Streik feindlich gegenübcvstehen, in den Straßen des Quartier Latin zu unbedeutenden S ch l ä g e r e i e u. I ümerikas I I nahrhaftes 1 ivfrischungsmjtiei wird ab heute verabreicht: EISCREME Hubertushof Cafe Europc Cafe Gartenbau Cafe Graben Cafe Haag Cafe Habsburg Cafe Herrenhof Cafe Hietzingcrhof Caf6 Ilion Cafe Lurion Cafe Louvre Caf£ Dreherhof Cafe Museum Cafe Egkher Cafe Priickl Cafe Elsahof Cafe Reichsrat Cafe Rudolfshof Cafe Splendide Cafe Vindobona Cafe Westbahnhof, ' Cafe Weghuber Cafe Zentral Schöner’s Restaurant Czarda, Prater Kärntnerhof Sträusselsälc Schlosshotel Kobenzl' Meierei Krieau Hohe Warte (Colin!) Meierei Hübner, Stadtpark; Meierei Tivoli; Meierei Neuwaldegg; Schöne Schäferin, Prater; Rudolfshöf, Grinzing; Meierei Tirolergarten und Menagerie Schönbrunn; Freudenau Rennplatz und in vielen anderen Cafes und Restaurants. MILCHINDUSTRIE A.-G. Hiibner's Kursalon Cafe Alserhof Cafe Arlon (L. W.) Cafe Atlantis Cafe Belvedere Cafe Bürgertheatcr Cafe Capua Cafe Carlton (Bar) Cafe Casa piccola Cafe City (Bar) Cafe Döblingcrhof hat Brandes einen großen Europäer genannt; er ist es, 'wie vielleicht kein zweiter von ihm, wie vielleicht kein anderer neben ihm. Er ist durch alle Bezirke europäischer 'Geistigkeit geschritten, er hat alle Strömungen im geistigen Europa nach ihren Breiten -und Längen durchquert und aus all den vielen, immer wieder zurückgelegten, nahezu ohne Unterbrechung fortgesetzten literarischen Wanderfahrten hat er jenen Geist l>eimgeb rächt, den nra« gemeinhin europäisch nennt. In diesem Geiste schns er seine Werke, in denen sich wiederum der europäische Geist mit allen feinen tausendfachen Strahlenbrechungen in einheitlicher Gestallt widerspiege'lt. Der europäische Geist .in Brandes' Werken iist schon an ihrer Sprache zu erkennen. Die Werke von Georg Brandes sind in alle europäischen Sprachen übersetzt, aber in keiner ist die Uebersetzung recht anzumerken, in jeder wirkt der Ton einheimisch. Woher das wohl komme» mag? Es kommt daher, weil Georges Brandes der einzige Schriftsteller der Gegenwart ist, der eine europäische Sprache schreibt. Wie er der einzige ist, der 'wirklich eine europäische Literaturgeschichte geschrieben hat. Den von Goethe geprägten Begriff einer Weltliteratur hat er, soweit die europäischen Literaturen in Betracht kommen, aus seiner Abgezogenheit herausgehoben und ihm eine greifbare Ge-, stalt gegeben. Fast jeder Nation und jedem Volke hat Georg Brandes etwas geschenkt. Seine Literaturwanderungen waren echte Entdeckungsreisen. Den Norwegern hat er ihren Ibsen entdeckt, den Schmedeu ihren Striudberg. Er hat die Größe Nietzsches zu einer Zeit erkannt, als sie in Deutschland noch kaunl geahnt wurde. Neber das geistige Polen hat er eines der bestell und fesselndsten Bücher geschrieben. Ein Blick in seine „Hanptströmuugen" zeigt uns, aus lvie- 1 vielen Kulturen dieser Marin gespeist wurde mit) nach wievielen Richtungen dieser umfassende Geist seine Lichtstrahle»l sandte. Es ist in anderen) Zusammenhänge. an dieser Stelle bereits erwähnt worden, daß die Werke von Georg Brandes neben ihrem literarischen Charakter auch eine politische s. Äpm V3ZÖ Sie ReichsprWentenrvahl. Dr. Marx Kandidat der Weimarer Koalition — Jarres Kandidat der Rechte«. (Eigcndienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 4. April. Die Parteien der Weimarer Koalition (Sozialdemokraten, Zentrum, Demokraten) haben gestern, wie bereits berichtet, die Aufstellung des Zcntrumsinitgljedes Dr. Marx als gemeinsamen Kandidaten für den am 26. d. stattfindendcn zweiten Wahlgang beschlossen. Noch gestern abends haben zwanzig Vertreter 'der drei Parteien den Antrag zur Aufstellung der Kandidatur Dr. Marx' an den Reichs w a h l l e i t e r gerichtet. Diesem Antrag ist ein Schreiben Dr. Marx' beigegeben, worin er sich zur Annahme der Kan'didatur bereit erklärt. Da die Versuche der Rechten, eine gemeinsame ^bürgerliche" Kandidatur zu schaffen, gescheitert sind, werden die Rechtsparteien Dr. Jarres als gemeinsamen Kandidaten aufstellen. Die Kommunisten stellen einen eigenen Kandidaten auf, sie nominieren wieder T ha e bemann. Der Kampf des Rechlsblocks gegen Dr. Marx. Der Reichsblock hat folgendes Communique ausgegcbcn: Die Verhandlungen des Reichsblocks führten zu dem einmütigen Beschluß, den Kampf gegen die von der Weimarer Koalition aufgestellte Kandidatur Dr. Marx' geschlossen mit aller Kraft auszunehmen.. Die endgültige Proklamation des Reichsblocks erfolgt am Mittwoch. Einige Blätter führen die Verschiebung der Proklamation darauf zurück, daß die Dout-schnatioualen sich ftir ein» Kandidatur Hindenburg eiusetzen. tzin posthumer Kbert-Prozeß. München, 4. April. (Wolfs.) Wie der „Völkische Kurier" meldet, wird am 16. d. vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig ein neuer Prozeß wegen Beleidigung des verstorbenen Reichspräsidenten Ebert zur Verhandlung kommen. Angeklagt sind unter anderen der Hauptredakteur des „Völkischen Beobachters", Alfred Rodenherg, der Leiter der Völkischen.Rednerschule in München, Friedrich Plümer, und der Schriftleiter des „Misbacher Anzeiger", Prof. Stempsle. Es handelt sich um das Verhalten Eberts während des Krieges. Der Leipziger Tscheka-Prozetz. Der Staatsanwalt beantrgt Todesstrafen. Leipzig, 3. April. (Wolfs.) Im Tscheka-Prozeß 'beantragte Reichsanwalt Dr. Reumann heute abends gegen die Han'ptangeklagten N e u m a n » und S k o b l e w ski .wegen vorsätzlichen Mordes im Faste Rausch, beziehungsweise Anstiftung dazu, die Todesstrafe, wegen der übrigen Fälle insgesamt sieben bis fünfzehn Jahre Zuchthaus sowie dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte, gegen die Angeklagten Po ge, Marktes und S z e n wegen Mittäterschaft T o d e s st rase und acht, beziehungAweise neun, beziehungsweise vier Jahre Zuchthaus, gegen die übrigen Angeklagten nach den: Gesetze zum Schütze der Republik Strafen von zwei Jahren bis zu sechs Jahren sechs Monaten Zuchchans und zehn Jahren Ehrverlust, ferner GefängniAstrafen von zehn Monaten bis zu drei Jahren. Tendenz besitzen. Eine ipolitische und ideale Tendenz. Indem Brandes die verschiedenen Geistesströmungen zu einem gewaltigen eücheitlichen Strom vereinigt, rust er gleichzeitig die europäischen Geister auf, durch Einigkeit, durch Verbrüderung die wertvollsten Güter Europas zu wahren. Im Geistigen gibt es keine Trennungslinien, keine vollkommene Ilnabhängigksit; dcr ist eins vom anderen abhängig, da bezieht sich eins aufs andere. Und ist es gleich nicht volle Absicht, so ist es ebensowenig ganz ein Zufall, daß Brandes fall alle Repräsentanten der europäischen Menschheit zu sich geladen und ihre Bildnisse in feinem Heldensaal ausgestellt hat. Schier unübersehbar ist die Zahl der schaffenden, ft'chrenden!, kämpfenden Männer, deren Leben und Wirken Georg Brandes geschildert hat. Und noch in bete letzten Jahren hat er seine Galerie mit drei überlebensgroßen Bildern der Größten bereichert: er stellte neben „Rembrandt" seine)! „Voltaire" und neben diesen — „Goethe". Es war vorgesehen, 'daß auch Georg Brandes an der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem teilnehme und dort einen der ersten Vorträge halte. Auf ärztliches Geheiß mußte der greife Gelehrte die geplante Palästinareise aufgeben. Aber er ließ es sich nicht nehmen, eine weniger beschwerliche Reise nach Deutschland zu nmcheu. Vorige Woche war Brandes nt Berlin und hielt dort einen Bortrag; in dieser Woche kommt er nach Wien und wird hier, wie bereits berichtet, über ein jüdisches Thema sprechen. Es bedeutet einen unverlierbaren Gewinn, einen Repräsentanten der Wissenschaft, einen Künstler in seinem Fach und dazu einen großen Menschen zu sehen u>nd sprechen zu hören. „Wir köiulen einen großen Menschen nicht betrachten, und sei es auch nur oberflächlich, ohne ettvas durch ihn zu gewinnen; es ist gut und ersprießlich, ihm mähe zu sein. Der große Nketlsch ist nicht wie. eine künstlich entzündete Lampe, sondern wie ein tlatürliches Gestirn, in dessen strömender Lichtquelle alle Menschen fid) wohlfühlen." Diese schönen Worte Carlyles dürfen aull) auf Georg Brandes angewandt werden.