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Wiener Morgenzeitung · 1925-04-04 · Heft 2199 (4.4.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2199 (4.4.1925)
Date
1925-04-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr.S1SS Wen, SamSttbg Mienen I. AM IM) -er Lispostttonslonvs des Kartoffelvriaren. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budaprst, 8. April. Der Abrechnungsausschuß der Nationalversammlung beschäftigte sich gestern mit einer Anzahl ungeklärter Ausgaben der Kriegs, und Revolutionsregierungen sowie der Szegediner und Araber Gegenregierung. Dem Ausschuß big auch ein Bericht üb^r die seinerzeit viel besprochene Kartofselaffäre des Ernährungsministers Prinzen Ludwig Windischgraetz vor. Aus dem Bericht des Rechnungshofes geht hervor» daß im Jahre 1917 500 Waggons zum Export bestimmter Kartoffeln erfroren waren. Ernährungsminister Prinz Windischgraetz verfügte daher die Vermahlung der gefrorenen Kartoffel zu Kartoffelmehl, welches er im Auslands durch die Kartoffelzentrale verkaufen ließ. Prinz Windischgraetz bedang bei dieser Transaktion einen Gewinn von 10 Millionen Kronen dem Staate aus, mit der Absicht, daß dieser Gewinn für die Verbesserung der Ernährung der Staatsbeamten verwendet werde. Ter Verkauf des Kartoffelm.hles erbrachte jedoch einen Reingewinn von 13,900.000 Kronen, wovon 10 Millionen Kronen im Sinne der Verfügung des Minist, rrates für den in Aussicht genommenen Zweck verwendet wurden. Den Ueberschuß von 3,900.000 Kronen behielt Prinz Windischgraetz, ohne vom Mintsterrat dazu ermächtigt zu sein, als Dispositionsfonds zurück und deckte daraus die Ausgaben der u n g a-. rischen Propaganda in der österreichischen und deutschen Presse. Als Windischgraetz im Oktober 1918 zum Sektionschef im gemeinsamen Ministerium des Aeußern ernannt wurde, nahm er einen Restbetrag von 1,120.000 Kronen nach Wien mit und verwendete dieses Geld für die von Windischgraetz einaeleitete Prrssepropaganda im Auslande für die Zwecke der Monarchist!- schen Restauration in Oesterreich und Ungarn. Der Ausschuß nahm den Bericht zur Kenntnis, betonte jedoch, daß er das Vorgehen des damaligen Ernährungsminist.rs, was die Verwendung der 3,900.000 Kronen anlangt, nicht billigen könne, obwohl andererseits der gute Glaube des Prinzen Windifchgraetz, im öffentlichen Jntevesss zu handeln, nicht anzu-: zweifeln sei. Die Berechnungen der Wiener gegenrevolutionären ‘ Gruppe (135 Millionen Kronen, die den K o m m u n i st e n abgenommen worden sind, wovon etwa 70 Millionen in die Staatskasse flössen) sowie die Verrechnung der Araber und Szegediner gegenrevolutionären Regierungen wurden zur Kenntnis genommen. Brau»—wieder preußischer MiuisterprSsiüeut. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 3. April. Im Landtag wurden bei der Wahl des Ministerpräsidenten 432 Stimmen abgeg.ben. Franz Nemstschke 8 Sotinl U f f Klavlor-und Hatmonlum- I * Rlakllta-iH-ili UMÜ UUkMIlall I vg? Klavier- und Harmonium- I Rtabliasamcnt and Ulhimull I Wien, l. IMwtlil« Mf. 71 IÜ40 / Tdlttifion YAd-StHHu Braun erhielt 220, Peters 170 und Pieck 40 Stimmen, ungültig war eine Stimme, ein Stimmzettel war leer. Die. verfassungsmäßige Mehrhei beträgt 216 Stimmen. Braun ist demnach gewählt. Womit ihr sündigt... (Eigcndicnst der „Wiener Morgenzcitung".) Prag, 3. April. Mit Rücksicht auf die beschränkten Raumverhältnisse in den. Hörsälen, Seminaren und Laboratorien der Hochschulen hat das Unterrichtsministe r i u m an die Rektorate die Aufforderung gerichtet, sich darüber zu äußern, in welcher Form der Raummangel mit der Z a h l derHörerin Einklang zu bringen wäre. Praktisch bedeutet dies eine B.schvänkung der Aufnahme neuer Hörer, also eine Art Numerus clausus. Die deutschen Universitätsbehörden sind in höchster Erregung, weil sich einmal ihr Mittel gegen sie seM wendet. Sie Malariabelümpfung in 8rez Israel. Eine Enquete des Völkerbundes. Genf, 3. April. .(I. T. A.) Die Mala ria kommt s s i o n der Gesundheitssektion des Völkerbundes geht jetzt daran, eingehende Untersuchungen über die Verhältnisse der Malariaseuche in Aegypten, Palästina und Syrien angustellen. Die Untersuchungen beginnen im Mai und enden im September. Es hand.lt sich darum, die beste Methode zur Bekämpfung der Malaria in den gefährdeten Ländern herauszufinden. Die jüdWe Autonomie in Lettland. Riga, 3. April. (I. T. A.) Die öffentlich-rechtliche Kommission des lettländischen Sejm braßte sich am 28. März mit dem Projekt der jüdischen Autonomie in Lettland. Die Kommission lehnte die die religiösen Funktionen der jüdischen Gemeinden betreffenden Satzungen, die von der Kommission jüdischer Deputierter ausgearbeitet wurden, ab. Die Deputierten Rabbiner Nurock (Misrachi) und Herr Dübln (Agudas Jisroel) traten in längeren Ausführungen für die Forderungen der orthodoxen Judenheit ein. Die Deputierten Lazarsohn (Zeire Zion) und Dr. Maisel (Bund) brachten die Wünsche der^ .weltlichen 'Organisationen' der jüdischen Be-völkerung zürn Ausdruck, die «in groß .s Gericht aus eine kulturelle Autonomie legen. Die orthodoxen Vertreter erklärten, daß sie im Plenum gegen das ganze Autonomiegesetz stimmen werden. Neuerlicher Mikgaug der Getreidepreise fat Amerika. New-Aork, 3. April. Die rückläufige Kursb «»- weg-nng auf den verfchiedemn Getreidemärkten der Union machte heute weitere Fortschritte. Am hiesigen Platze büßten die Weizenterminpveise bis zu 4.5 und die Mai-Preise bis 6.37 Cents pro Bushel ein. In Chikago betrugen die Einbußen für Weizen bis zu 4.5. für Mais bis zu 7,12, für Hafer bis zu 2,75 und für Roggen bis zu 7,37 Cents Pro Bushel. In ähnlichem Ausmaße waren auch die Abschwächungen in Winnipeg. Zn erwähnen sind hier die Einbußen für Roggen, die bis zu 9 Cents Pro Bufheil nachgaben. Der tommmMche Streik in Mhrisch-Sstra«. MSHrisch-Oslr-u, 3. April. (Tsch-chs-flow. Preßbur.) In der Metall- und der chemischen Industrie ist der kommunistische Streikgescheitert. Es streiken nun-- mehr nur noch eine geringe Anzahl von Arbeitern. In den Freistadter Eisenwerken wird in vollem Ausmaße gearbeitet. Bei der Firma Jäckel stehen um noch wenige Arbeiter im Streik. In der Wratimauer Zellulosenfabrik arbeiten von 270 Arbeiter bereits 160, bei der Firma Ostrak (Odersurt) ist der Streik vollständig beigelegt. In den TrzYnitzerEisen werken wollte ein großer Teil der Arbeiterschaft die Arbeit wieder aufnehmen, doch die vor den Toren der Werke angefammelten Frauen hinderten die Arbeiter an der Arbeitsaufnahme. Einige der Arbeiter verließen den Betrieb. In der M e t a l lu n d ch e m i s ch e n I n d u st r i e streiken nunmehr kaum zwei Prozent der Arbeiterschaft. Auf -den G r u b e n der Ferdinands-Nordbahn, auf den Gruben Franz. Hubert und Heinrich wird normal gearbeitet. In den Kokereien wird normal ge« arbeitet. Im Witkowitzer Revier wird normal in -den Gruben Luise, Hlubina, Salomon und Jda gearbeitet. In den Kokereien wird normal gearbeitet. Bei der Berg- und Hütten Werks geselkschaft arbeiten die Ignaz-Grube sowie die Kokereien, mit Ausnahme der Salm-Grn'be, normal. Auch auf der Hohenegger-Grube ist heute früh eine größere Anzahl von Arbeitern eingefahren. , . Inland. Parlamentsferien. Mit der gestrigen Nationalratssitzung wurde di« W i n t e r s e s s i o n des Parlaments b e e n de t. Das Haus nahm die dritte Angestell te na bba-unovelle nach kurzer Debatte an, ebenso das Gesetz.über ^praktische Ausbildung der M a g i st e r der Pharmazie und über die praktischen Prüfungen für den Apothekerberuf. Beide Gesetze wurden auch nachmittags S1 2 S i| W> || I 1 1 I A || W* || Juden essen zu Pessach nur FÜNF MILLIONEN.Manischewitz-Mazzoth Rahels Weine». Bon Selma Lagerlöf. Die berühmte schwedische Romandichterin besuchte im Jahre 1934 Palästina- und schrieb aus ihren Eindrücken vom Besuche des Grabes Rahels die folgende Skizze. Mitten in der Miltagsstille, während ich und ein paar ludere Hausgenossen auf der Veranda saßen und plauderten, hörten wir einen sonderbaren Laut die Luft durchschueiden. Er war sehr stark und wild, doll Angst, Schmerz und Raserei, und zugleich so fremd und ung.wohltt, daß wir einander im erstell Augenblick erstaunt ausahen, ohne zu verstehen, was es war oder woher er kam- Hastig durchliefen unsere Gedanken alle Möglichkeiten. Das konnte nicht der so seltsam und unheimlich klingende Schrei eines Pferdes sein, das angebunden steht und vor Durst vergeht. Auch war es k.'iner der zorn-.grn Schreihälse des . Waldes, weder Fuchs noch Uhu tvaren imstande, einen solchen Laut zu entsenden. so gewaltsam und rauh, daß er wie ein Widerhall aus vergessener Urzeit schien. Es tvar nicht ganz unmöglich, daß «der Schrei oder das Brüllen od.r wie man es nennen wollte, von irgeudoinem Menschen ausgegaugen war, der sich verletzt hatte. Aber es war die Stunde des Tages, wo die Arbeitsleute Mittagsrast hielten. Die Mähmaschilley rasselten nicht draußen ans dem Acker und k.ine schwevbeladenen Wagen bewegten sich zwischen Feld und Hof. Es konnte kaum ein Unglück in dieser Stunde geschehen sein, die der Rlche gewidmet war. Die furchtbare Hitze, die in diesem Sommer lähmend über der Erde brütete, herrschte auch an diesem Tag. Sie verbrannt« noch immer das Gras ans dem B^den und die Blätter auf den Bäumen, sie sog das Wasser der Bäche und Quellen an sich und drohte den ganzen Talkessel vor uns in eine braungebrannt« Wüste zu verwandeln. Der rauhe, mächtige Ruf, den ich eben gehört hatte, tvar mir so unerklärlich, daß es mir in den Sinn kam, es sei die Klag« der großen Natur, der v.-veinte Jami,verschrei der Scholle und der Pflanzen über ihr unerträgliches Lerden. Während wir noch vor Staunen und Verwunderung still blieben, ließ sich der furchtbar« Laut noch mmol hören. Mit unbarmherzigem, unerträglichem Grimm erschütterte er die Lust und schnitt in die Ohren, schmerzhaft wie ein Folterwerkzeug. Als er nun zum zweiten Male ertönte, stürzten alle, die rin'gs um mich saßen, fort, um zu ergründen, was dies war. Ich allein blieb sitzen. Ich hatte das unklare Gefühl, daß ich etwas Aehnliches schon einmal gehört hatte. Ich neigte den Kopf und legte die Hand über die Augen, um besser in dem verborgenen Raum meiner Erinnerungen forschen zu können. Sogleich wurde ich in Gedanken in große, offen« Gefilde versetzt. Ein grauw.-ißer, steiniger Boden wogte in wohlgefovmten Hügeln auf und nieder. Hin und her, wie oi« Falke, der in woUerchohem Flujg Beute sucht, schwebte die Erinnerung über diese Gegenden, die sie noch nicht beim Namen nennen konnte. Auf einem Abhang wuchsen feuerrote Anemonen und auf der Spitze eines Hügels stand oin^kleiner Hain von bleichen, schattenlosen Okiven. Ich wußte nun, an diesem Orte, wo ich einen Laut gehört hatte, ähnlich dem, der soeben in meinem Ohr erklungen war, hatte ich auch feuerrote Frühlingsblumen gesehen und immergrüne Laubbänme. Er mußte also sehr-weit weg in der Welt liegen, sehr fern von Vermeland uud Schweden. Die Erinnerung spähte und forschte, um Dunkel und Vergessenheit durchdringen zu können, und ganz'plötzlich, -durch eine unerhörte Anstrengung, brach es zur Klarhrit durch.. Ich sah mich selbst und meine Reifegenossin in einem großen alten Landauer fahren, -der einmal, vor sehr -langer Zeit, als Galawagen in irgendeiner Gvoßstdt gedient haben mochte. Wir fuhren an Unmengen von roten Anemonen: vorbei, über eine breite, prächtige Landstraße einer mauerumkränzten Stadt zu. Ich erkannte den Wagen. Es war eines Mer ausgedienten Fuhrwerke, wie si« von den Droschkenkutschern in Palästina vermietet werden. Ich erkannte -den Weg wieder die Umgebung, die mauevumkränzte Stadt. Ich hatte all dies gesehen, als ich vor vielen Jahren von Jerusalem nach Bethlehem veist«. Auf dem Rücksitz des Wagens sitzt unser syrischer Dragornan. brau» im Gesicht, einen roten Fez auf dem Kopfe. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf «in kleinesweißes, von einer niedrigen Kuppel überwölbtes Haus, das ganz einsam in einiger Entfernung vom Wege liegt. Es ist ohne Fenster und gleicht diesen allgemein vorkommeuden Grabkammern, die die Einwohner des Morgenlandes ihren vielen Heiligen zu errichten pflegen und die wir an den verschiedensten Orten gefunden haben, bald weit weg in der Wüste, bald mitten in einer Stadt oder einem Dorfe, bald wie hier an einem Wege, auf dem eine Meng« Menschen vorbeiziehen. Der Dragoman erzählt nun, daß dieses kleine Häuschen Rahels Grab ist, und zugleich beteuert er uns. daß dies keine leere Vermutung ist. sondern ein-e wirklich bewiesene Wahrheit. Gelehrte Män-uer haben über die Echtheit fast aller heiligen Stätten gestritten, aber me über diese. Es ist kein Zweifel, das ist die Stelle, wo Jakob, der auch Israel genannt wird, seine Lieblings-frau begaben hat. kurz nachdem sie ihm seinen Sohn Benjamin gebar, gleichsam zum Ersatz für einen anderen Sohn, den er auf der Wanderung durch die Wüste von wilden Tieren zerrissen wähnte. Wir werden beide ein bißchen atom-los bei dom Ge< danken, was dies bedeutet. Hier iKitte eine schöne Nom-adenfrau ihre Ruhestatt durch eine Reihe von Jahren gehabt, deren Lände niemand an-zugeben wußte. Hier ruhte sie, lange bevor ihr Sohn Josef ein mächtiger Mann im Lande Aegypten geworden war. lauge bevor eine Kömgs-burg in Mykene aufgerichtet wurde oder eine griechische Flotte über das Meer gezogen nwr, um Troja zu erobern, und hier schlief sie noch, ohne daß -das Grab in Vergessenheit gehüllt oder von Zevstörungsfucht gekränkt worden wäre. Der Dragoman erzählt uns, daß in früheren Zeiten» ja bis in unsere Tage, wie -der eine oder andere zu berichten tveiß, jedesnral, wen-n ein Unglück über Israel herembrechen sollte, We-inen und Klagen aus diesem Gra-be ertöne. Hier -hatte die Stammutter der Juden in der Nacht vor jenem Tage, wo die kleinen Schu>ldlosen in Bethlehem ermordet wurden, ihre Jämm-erruse erhoben. Von hier hörte man ihre Klage über das Tal hinauAströmen. an jenem Abend, bevor Jerusalem zerstört wurde und das unermeßliche Tal Hinnom sich bis zum Rande mit den Leichen seiner Söhne -und Töchter füllte. Und viel« Male forther haben sowohl.die Einwohner Bethlehems wie -re

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