Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2197 (2.4.1925)
- Date
- 1925-04-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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' St. HW ffiBfe», DxiMrSI-g ~ _ Sie UniverfitSt und die Wett. * Bon Ludwig Lewisohn. Ez war von allem Anfang undenkbar, -aß es irgend ei» Zentrum jüdischen Lebens, jüdischer Arbeit ohne eine Lehr, mtd Unterrichtsan'siait geben Knute. Denn Literatur und Studium, und in der neueren Zeit auch die Wissenschaft, sind für den jüdischen Geist eü.vas Instinktmäßiges und Unausweichliches. Es wäre unjüdisch und unsrerseits unnatürlich gewesen, mit der Gründung unserer Universität nach der Analogie des Volkslebens anderer Völker zu warten, bis sich hierzu die Notwendigkeit ergeben hätte. Für uns hatte sich dieses Bedürfnis g'eichgeikig mit unserer Diedevbestedlung,des Landes überhaupt eingestellt. Leben und Lernen sind in unserem Geiste unzertrennlich. Deshalb richtet man in Jerusalem instinktiv seine Schritte gegen jene Höhen des Skvpus, auf denen die ersten Anstalten der Universitäten standen. Aber auch in den entlegensten Kolonien fühlte ich, wie die Vision jener Höhe auf meine Sinne einwirkt. Die Universität erschien dort als Zentrum, das einen verbindenden Einfluß ausübt, als ein Brennpunkt, in dom alle Härten, Opfer und Hoffnungen unseres ganzen palästinensischen Lebens in vollster Schönheit und Beständigkeit entflammen müssen. So erscheint denn die Eröffnung unserer Universität im Lande Israel als der natürliche Strom unseres Lebens daselbst, der reine Ausdruck alles dessen, was dieses gefumde, hoffnungsvolle Leben in sich birgt. Für die Welt jedoch hat die Universität die Bedeutung einer anderen, schwerwiegenderen, weniger klaren, aber desto eindringlicheren Botschaft. Es ist nicht meine Sache, über das jüdische Studenten- Problem an den europäischen Universitäten zu sprechen. Aber dieses Problem ist in den Mittel- und Hochschulen Amerikas gleichfalls vorhanden. Wenn auch in einer subtileren Form. Aeußerlich gesehen, gibt es, besonders an unseren großen, staatlichen Hochschulen weder irgend einen Druck noch Ausschließungen. Bei öffentlichen Paradeanläffen werden der jüdische Mitbürger und der jüdische Sdudent gepriesen und willkommen geheißen. Prüft man jedoch das aladomische Leben näher, so findet man bald heraus, daß die wirkliche Duldung nur um einen Preis — um den Preis der servilen Assimilation erlauft werden kann. Hwb für mich ist Assimilation alles, was zu unserem Wesen «und Charakter in direktem Gegensatz steht. Die studentischen Bruderschaften schließen Juden aus. Deshalb haben jüdische Studenten in völliger Nachahmung der christlichen Verbindungen eigene Bruderschaften gegründet. Die Mischen Fraternitäten, „Zeta Beta Tau" zum Beispiel, -lecken ihre Namen, gle'ch den mchtiüd.ischeu, von griechischen Losungsworten ab. Am Abend spielen die jüdischen Verbindungen Iaz; auf Banjos. Sie nehmen mit großem Eifer an athletischen Wettkämpfen und an athletischen Veranstaltungen teil, die als Maßstab und Norm für die Wichtigkeit der Universität gewertet werden. Sie kultivieren mit befondever Sorgfalt eine englisch-amerikamsche Gleichgültigkeit fürs Studium. Ihr natürlicher jüdi'cher Charakter wird entwurzelt. Aber d?.s Spiel, das sie führen, ist dasjenige einer servilen Assimilation, nur wenigstens zum Teil eine erniedrigende soziale Anerkennung zu erlangen. Diesen jungen Leuten kommt es nur selten in den Sinn, daß die Idee einer Lehr- und Lernstätte mit einem Wort, einer Universität, eine charakteristisch jüdische Idee. ist. Sie sind es hauptsächlich, denen ich die Vision^ das Wesen und die Funktionen der hebräischen Universität am Skobusberg und die Botschaft näherbringen will, daß sie es durchaus nicht nötig -haben, assimilatorische Parasiten an einer Institution fremden Ursprunges zu sein. Eine Gruppe von Männern in Amerika dachte eine Zeitlang an die Möglichkeit der Errichtung einer jüdi'chen Universität irgendwo in den Vereinigten Staaten. Diese Männer dürfen keinesfalls als. Flüchtlinge vor der weistlichen Kultur angesehen werden, sie sind auch durchaus nicht Freunde einer engeren exklusiven Nationalisierung. Die Universität, wie diese Männer sie planten, wäre unter gleichen Bedingungen jedermann ohne Unterschied des Geschlechtes, der Rasse und des Glaubens zugänglich gewesen. In jener Universität würden die Inden sich die Weltkultur als Juden aneignerr, sie -würden sie ihren jüdischen Bedürfnissen und Instinkten entsprechend ummodeln und umbilden. Ebenso wie die große zivil!sator'lche Tradition ihre. englische, deutsche und französische Verkörperung bat, ivürde sie dann ihre jüdische Verkörperung erhalten, die nicht mur für das Judentum, sondern für d'e ganze Welt zur Bereicherung diente. In Wirklichkeit besitzt das Judentum bereits diese Vevköpevurvg, aber unser Verhalten ist noch immer ein heimliches. Jüdische Denker und Gelehrte halten es noch immer für notwendig, mit ihren Beiträgen unter fremdem und eigenem Namen zu Paradieren. An diese Dinge dachte ich, als ich unter den Bäumen des Skopus stand und in lveiter Ferne die silbernen Fluten des Jordans, das glühende Schild des Toten Meeres und darüber hinaus die moabitischm Hügel bewachtste. Die Universität, die wir hier in Palästirm errichten, hat eine weit über Palästina hinausreichende Bedeutung. Ihre Stimme muß in der Zerstreuung gehört.werden und ihr Beispiel dort Nachahmung finden. Je größer sie wird, je fruchtbringender sie gedeiht, desto bezwingender wird ihr Beispiel sein. Ihre Funktion besteht nicht bloß darin, den Ausdruck der geistigen Kräfte im Lande Israels zu bilden Md in einem Brennpunkt zu sammeln, sondern den Geist tzanzev Generationen von Juden von der widersinnigen ' Mlener W^rMMssiiMA. '_ Würdelosigkeit der -Unterwürfigen Asstmilitülivn zu befreien. Ich hoffe auf den Dag, an dem jüdische Universitäten in allen großen Zentren jüdischen Lebens sich an die Universität in Jerusalem wenden werden, wie die Lehranstalten der gesahnten englischsprchenden Welt sich an Oxford, ihre beispislgerbende und noch -numer führende Mutter, werden. Gilt Begrüßungsartikel für Sber> rabblner Sr. ßbajes. Die gestern hier eingetroffene Nummer des hebräischen Tagblattes ,Zaavez" in Tel-Awiw enthält einen vom Chefredakteur Dr. M. G l u ck s o tt geschriebenen Leitartikel zur Begrüßung des Wiener Oberrabbiners Professor Dr. CHajes. Der Artikel ist eine ausgezeichnete Würdigung Dr. Chajes' als Gelehrten, dem die Wissenschaft Ideal und Selbstzweck ist und der deshalb auch auf feinem Spezialgebiet der Bibelforschung bleibende Werte geschaffen habe. Auch als Oberrabbiner von Wien sei Dr. Chajes das Musterbild eines echten selbstlosen jüdischen Führers, der durch sein Vorbild veredelnd wirkt. Der Artikel weist aus die großen Verdienste Dr. Chajes' auf dem Gebiete -es jüdischen Erziehungswesens, der sozialen Fürsorge und schildert den Wiener Oberrabbiner als den demokratischesten geistigen Führer der zweitgrößten Judengemeinde, bei dam jeder Rat und Hilfe suchende Jude stets einen mitfühlenden Vater findet. Als Präsident des Zionistischen Aktionskomitees hat Dr. Chaje's sich in den kritischosten Momenten als ein Mann bewährt. dessen in allen Lagern anerkannte Autorität und rasche Erfassung der Situation die Gegensätze auszugleichen imstande ist. Der Artikel schließt: „Und nun kam er zu uns, um unsere Arbeit und ihre segensreichen Ergebnisse persönlich in Augenschein zu nehmen und mit uns teilzunehmen an der Festesfreude anläßlich der Eröffnung der Universität. Der jüdische Iischuw i n E r e z Israel 'begrüßt den hervorragenden Gast mit aufrichtiger Freude. Aber diese Freude ist nicht ungetrübt. Es schmerzt uns, daß er nur auf kurze Zeit zu uns kam. Wir hätten ihn so gern ständig unter uns gewußt. Wir bedürfen so sehr eines Führers mit dem weiten Blick, dem tiefen Verstand und den herrlichen persönlichen Eigenschaften, wie sie Doktor Chajes eigen sind. Wir hatten ihn so gern an der Spitze unserer Universität als deren ersten Rektor gesehen. Aber wir geben diese Hoffnung nicht auf, und ist die Zc-i't hie für noch nicht gekommen, soho>ffen wir, daß sie nicht mehr ferne sei..." * > Wie uns aus Jerusalem gemeldet wird, verläßt Oberrabbiner Dr. C HTä'je s, der überall in Erez Israel mit großen Ehren ausgenommen wurde, heute das Land und wird noch vor Pessach wieder in Wien eintvesfen. Professor Eduard Rosenthal tritt von seinem Lehramt zurück. Berlin, 31. März. (I. T. A.) Der Staatsrechtslchver, der Thüringischen Landesuniversität, Geheimer. Iustizrat Pros. Dr. Eduard R o s e n t h a l, der erst vor kurzem sein Mandat zum Thüringer Landtag niedergelegt hat, ist mit dem 1. April d. I. von seinen akademischen Pflichten ent-; bunden worden. Wie erinnerlich, hat Professor Rosenthal, der der Schöpfer der thüringischen Staatsverfassung ist und mehrere Jahre Präsident der demokratischen Landtagsfraktion war, in einem. Briefe an politische Freunde erklärt, die unaufhörIi ch e H e tz e . d e r -Re ch t sparteien ge.gen ihn a»ls Juden hätte ihm jede Politisch? Betätigung verleidet. 2. April im Seile 8 KUNEROL Zettel Pessach NVL Zettel Pessach 100% reines Fett aus Kokosnüssen Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners S. B. E h r e n f e I d, Mattersdorf Sie politische Arbeit der zionkrmns. Errichtung von Vertretungen in Genf und Rom. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Sofia, 31. März. Der gegenüvärtig hier weilende Generalsekretär der Londoner Zionistischen Exekutive, Herr Israel Cohen, teilte in einem Gespräch Ihrem Korrespondenten mit, daß die Politische Vertretung der Zionistischen Exekutive in Gens unter der Leitung des Herrn .Dr. Viktor Jakobson ihre Tätigkeit bereits ausgenommen hat. Demnächst wird eine Politische Vertretung in Rom eingerichtet werden. Herber seine Eindrücke in den Balkan ländern sagte Herr Cohen: „Ich überzeugte mich, daß der Zionismus auch hier eine lebensvolle Bewegung geworden ist. Der Drang zur Auswanderung nach Erez Israel umfaßt allmählich nicht nur die Zionisten, sondern auch Menschen, die bis vor kurzem unserer Bewegung fern standen. Diese Eindrücke erhielt ich in Zagreb und Belgrad, in Achen und Saloniki und ebenso in Bulgarien." Aus die Frage, ob Herr Cohen besondere Eindrücke von den s e p h a rdischen Juden gewonnen hat, bemerkte er folgendes: „Das einzige, was mir negativ ausgefallen ist, ist der Mangel an Organisation bei diesem Teile, unseres Volles. So zum Beispiel bilden die zionistischen Vereine in Griechenland keinen gemeinsamen Landesverband. Sonst fand Ich überall ein gesundes Nationalgefühl und einen starken Willen für den Ausbau Palästinas." Zum Schluß sprach Herr Cohen auch über seinen kurzen Aufenthalt in Konstantinopel: „Die Bewegung in der Türkei ist ganz lahmgelegt. Die Ursachen sind nicht bei den Juden zu suchen, sondern in anderen Momenten politischer Natur, die wir vorläufig nicht beseitigen können. Es ist allerdings bedauerlich, daß gerade das türkische Judentum, das so viel Kraft und Energie besitzt, heute der großen Aufgabe des Judentums fern stehen muß." . Sie Universitittsselern in Bulgarien. Sofia, 31. Niärz. In ganz Bulgarien wird am ersten Pessachtage, dem 9. April, von den Kultusgemeinden gemeinsam mit der B'nai B'rith-Loge und den zionistischen Organisationen die Feier der Universitätseröffnung in Jerusalem begangen werden. Ae Personalfteuernovelle. ErmMgung der Boreinzahlungen. Der Nationalrat nahm gestern die Per f o n a lsteuernovelle (Reform der Körperschasts- und Erwerbsteuer) nach den Beschlüssen des Finanzausschusses in zweiter und dritter Lesung a n. Der Berichterstatter Dr. Gürtler hob die grundsätzliche Aenderung der Steuerskala hervor, durch die das steuerfreie Existenzmin-imium erhöht und die niedrigsten : Stufen der Einkommensteuer wesentlich Hinaufgesetzt werden. Er schloß mit folgender Erklärung: Für jene Gruppen ein kommen ste-uerpflich tiger Personen, die durch die Perfonalstmernovelle 1925 in einen niedrigeren Steuersatz fallen, wird die Regierung entsprechende Verfügungen wegen individueller Ermäßigung der Voreinzahlnng erlassen. Nächste Sitzung: Heute um 10 Uhr vormittags. Aenderung der Strneradrugrtabellen. Nach dsm neuen- Personalstouergesetz erhält der Finanzminister die Ermächtigung, das Institut der S t e n e r e i n h e i t aufzuheben und alle im Personalsteuergesetz durch Stellereinheiten allsgedrückten Beträge im Verordnungswege jdurch Schillingbeträge unter Wochenlohn zur Auszahlung gelan-- Sieuerabzug . gender Betrag von bis Schilling 29 60 71 86 71.87 118.01 11202 mt« 158.17 215 5« 215 57 und darüber 1% S% 8% 8' % 4% Doppelwochenbezng znr Auszahlung gelangender Betrag von bis Schilling 59.20 148.72 11-1.78 224.03 224.08 804 38 30-. 4 431.13 13 und darüber Zugrundelegung &§ derzeitigen Wertes der Steuereinheit (1,2 Schilling) zu ersetzen. Gleichzeitig erfolgte eine Erhöhung des 'steuerfreien .Einkommeuminimums auf 1400 Schilling sowie eine Hinaussetzung der Grenze der ersten Einkonrmenftufe auf 3500 Schilling und jener der zweiten Einkommenstufe auf 5300 Schilling. Diese Aenderungen treten -beim Steuerabzug rückwirkend vom l. d. in Kraft. Das Bundesministerium für Finanzen wird daher in den nächsten Tagen eine entsprechende Aenderung derSteuerabzugstabell^en im Bundesgesetzblatt zur Berlautbavlmg bringen, wonach der Einkommensteuerabz-ug bei allen v om 1. d. an allkgezahlten Dienstbezügen unter Anwendung der folgenden neuen Steuerabzugstabelllen durchznführen sein wird. Für die am Ende der lausenderr Woche zur Auszahlung kommenden Wochenbezüge ist, sofern die Lohnverrechnung auf Grund der alten Tabellen bereits durchgeführt wurde, erst bei der Auszahlung des nächsten Wochenlohnes die Richtigstellung des Steuerabzuges für die erste Aprrlwoche durchzu,führen. Ebenso ist eine Richtigstellung 'bei den bereits aw 1. h. ausbezahlten Monatsbezügen vorgunehmen. Monatsbezug zur Auszahlung gelangender Betrag von bis Schillttig 138.36 811.40 811.41 485.89 485 40 659.88 659.89 #84.11 984.12 mch dariib« Steuerabzug!'/. 3°/» b'L. 8.6°, 4°/° Steuerabzug 1'/. 2% 8% 8.6% 4%