Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2193 (29.3.1925)
- Date
- 1925-03-29
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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*& 2193 Statt, Sonnig pm Zentrum des jüdischen Stammes erhob, so sollen auch w r ei» gerstiges Zentrum, ein „altnou Jnbneh" schaffen, das uns verewigt. Trotz aller Dezentralisiemngsbestrc düngen WM unser Stmnm eine Einheit bleiben. Selbst OrganijatLonen, welche für die Trennung avbeiien, z. B. die Aguda, dienen der VeveinheMichnny Israels. Es gibt jedoch verschiedene Arten von Einheiten. In meinem Buche zeigLe ich, daß nur eine wahrhaft historische Einheit eine organische ist, welche allen Arten des Judentums ihre Sonderexistenz wahrt und sic dennoch auf der Gmndlage des Gcsamtjudaisnms einigt. Nur die 'Jhtftitr des J udenbrms und die Geschichte der Juden kann ein Zerrtvmn, wenn auch nicht für alle, so doch für die meisten Juden werden. 2. Der geistige Panjudaismus. Eine ZentwalaLadenri« soll sich auf der Grundlage des Alljudentums ovheben. Der Ausdruck Alljudentum Hai keinen politischen Inhalt, deutet m keiner Weise <mf einer Absicht geistiger Unterdrückung anderer Völker hin. sondern eS gilt, die Juden, die eine ech-- nifche Einheit bilden, durch den Gefftesschatz, den sie besitzen, zu einer ethischen Einheit zu gosta'lten. Echnisch sind alle dieienigen Juden, in dovon Adern jüdisches Bürt fließt, kulturelle Juden sind alle, deren Bewußtsein mehr oder weiniger ein jüdisches ist, und deren Unbewußtes von jüdischem Geiste beherrscht wird. Wenn sich nicht alle, die jüdischer Abstammung sind, zur mosaischen. Konfession zählen können, als politische Nation betrachten wollen, fast alle können als kultuvefle Einheit genommen werden, alls ein Stamm, der seine eigene, eigenartige, wenn auch vielfach variierende Kultur besitze, die als besonderer Zweig am Geistesbaunne der Menschheit gelten kann. Ich darf hier nicht aus die Lehren Dudnovs und des Achad haam eingehen und Klatzkins Standpunkt behandeln; in meiner Schrift suchte ich zu zeigen, warum ich den Ausdruck JabnehiSmus wähle, welcher auf eine Auffassung hinweist, die das Hauptgswicht aus das Kullurelle legt, aber das Religiöse nicht vernachlässigt mid das Politische nicht negiert. JabnehiSrnus deutet auf die Fä-- higkeit des Judentums hin, nach den Anforderungen der Geschichte, vorschiedenartige Formen anzunehmen, ohne sich ganz zu ändern. An Stelle des Tempels kam das Lehvhaus, an Stelle Jerusalems Jabneh, an Stelle der Könige und Priester, Mitglieder des Synhedriums und Gelehrte. Das Heiligtum zu Jerusalem war das Symbol eines priesterlichen Judentums, der Talmud das des rabbimschen Systems, der Pvophetismus das eöner fortschrittlichen Bewegung, Zion das eines politischen Jrldentums und Jab- «eh das eines kulturellen Judentums. Rabbi Jochanan ben Sakkai verneinte nicht di^anderen Formen und Werte, suchte aber in erster Reihe im Kulturellen die Rettung der Juden. 3. Die Mission einer Kulturumon Israels. Eine jüdische Akademie wird selbstredend eine Akademie suii generis sein, da Israel ein Volk suii generis ist, eine originelle Mischung von Konfession, Nationalität und Kultur. Die alljüdische Akydolp.'.e wird die Mission einer Kulturrrnion vollbringen, auch eine Vereinigung aller Geschichtsepochen vollziehen. Der Titel „Synagoge nmgna" wäre vielleicht zur Bezeichnung dieser Institution geeignet, wir ziehen jedoch die Benennung dlkademie vor, die zugleich das Kulturelle und das Moderne zu betonen vermag. Die Jabneliakadenrie soll eine Gclchrtengestllschaft sein zur Förderung verschiedener Zwecke unseres Geisteslebens. 4. Das Wesen der Akademie. In der Pa.'ästinanummer „Der Welt" zu Köln, 1910, suchte ich vor allem zu zeigen, was die Akademie ni ch t sein darf. Sie darf sich nicht in eine Synode verwandeln, welche über religiöse Fragen, die Moinungsvevschiedercheiten ausweisen, urteilt; sie darf keinen politischen Charakter annehmen, sich nicht auf palästinensische Tätigkeit beschränken, darf nicht einem hebräischen Exklusivisnms verfallen. Dieselbe soll oine univevstttjüdische Kulturinstitution werben. Sie soll ihren Hauptsitz i» Jerusalem haben; diverse Sektionen der Akademie 'könnten auch in verschiedenen Orten der Diaspora chr Htzim crufschlagen. Das Hebräische ist ihr Hauptovgan, aber sie darf die Tatsache nicht außer Acht lassen, daß die jüdische Kultur, die sie zu fördern hat, auch in anderen Sprachen zum Ausdrucke gelangt. Ueber die Hauptfelder der Tätigkeit der Jabnehäkadmrie, über Wissenschaft des Judentuyrs, Literatur her Juden und jüdische Kunst hahe ich ausführlich in me'mer Broschüre geschrieben, auch den'Versuch der Aufstellung eines literarisch-kulturellen Progrannns gemacht, welches Ich freilich jetzt teils erweitern, teils ändern müßte. . . 5. Die Jabnehakadcmie ist noch mehr als eine Gelöhvtengesellschaft zu literavischen Zwecken oine Institution, di« ander« Kulbuvinstrtutionen ins Leben 'ruft. Ich beschränke mich hier darauf, diese Mission der Akademie bloß M erwähnen, ohne aus sie näher. oinzugohen, weil dieser Punkt zu großen Diskussionelt Anlaß geben kann und her Realisiemng des Projektes Hindernisse zu schaffen verniag. 6. Als praktisches Programm gilt die Erkenntnis, daß di« Organisation der Jabnehakadomie den Bedürfnissen der Gegenwart, den Ueberliesevungeu der Vergangenheit und den Hoffnungen der Zukunft entsprechen muß. Biele beftmtien >ie Möglichkeit einer solchen Organisation, manche wie Nordau und Lazarus di« Tunlichkeit. Mein Optimismus findet jodych in den Entwicklungserschernungen unserer Epoche stine Begründung. Der Sieg des Geffteszionismlzs. hie Rlefenfortschpitte des HebräiSnms. die Gnjstchung der ynipersttät zu Jexusalom ermutigen zur Hoffnung auf die Realisierung des Akademiegedankens. Die durch die Ereignisse dertzWeltgeschichte gewonnenen Rechte der Erhaltung unserer Kulturgüter auch in der Diaspora als Min» oerheMvechte verlangen gebieterisch nach einer kulturellen AutorM der Gesamtjudenheit. dl« einen rntcrterritoriellen Charakter, aber keinen national- und iuternational-politi- Wiener Mvraenzeitung. 29. März 1925 Seriell Verwaltungsgebäude in Nahalal. scheu hat, das heißt, von keiner fremdstaatlichen Orgarusation auSgeht. Eitle Jäbnohakadcmie würde die stau Bedürfnisse unserer .Zeit nach außen wni> nach innen vollständig entsprechen. 7. Ein« JabnehaLadeuüe sollt« durch eine Äonrmist sinn ins Loben gerufen werden, bestehend a) einerseits aus den Vertretern unserer Kultur, b) a.udrers«t§ aus den Führern unserer GroßorMmsationen. In der c) würden die Leiber der Hochschulen der Wissenschaft des In. dentmirs, der Rabüinevsemmare, ohne Unterschied der Richtung, der Jeschirvoth wie der Universität zu Jerusalem der Spitze die Hauptrolle habem In.der Kategorie b) würde wohl dom Orden B'ne Brich, der eine versöhnende, der. einigende Aufgabe in der Judenheit hat, eine große Roll» zusallen. Die Führer der Großgemeinden wie die erstklassig gen Förderer der Wissenschaft, LitevaMr und Kunst würden beim Aufbau dieses HeÄgtnmes einen wesentlichen Anteil haben. Ueber di« theoretische Grundlage und praktische Durchfühmng dieses Projektes einer mrüernen Jabmhakadomie läßt sich viel sagen. Diese SLizzicrilug soll bloß der Gruß der in dieser oder in anderer Fvr.ni, in naher oder fernerer Zukunft sicherlich entstehenden Akademie an die Universitär zu Jevusälom sein, «deren Eröffnung Gesamtffrael feiert. Sa« hebräische llnlerrichtswesen in AezZia!. Bon Ch. D. Schachar, Jerusalem. ■ .Die Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem ist flie Krönung des vollständigon Sieges der hebräischen Sprache»:)» allgemeinen und des hebräischen Unterrichtes im besonderen. Zaghaft und unsicher wie die ersten Gehversuch« des Kindes waren die ersten Schritt« des hebräischen Unterrichtes noch vor einigen Jahrzchn-ten, und nur die tapfere Willenskraft einiger begeisterter Geistesheldou einerseits und der Seherblick enchusiastischer Träumer aus der anderen Seite vermochten das vor unseren Augen erstanden« Wunder — di« Errichtung von Lehranstalten zur Rciuerhaltung und Bervollkommnung der hebräischen Sprache in allen Zweigen des allgemeinen Wissens — zur Wahrheit zu machen. Zur selben Zeit, da der größt« Denker, den unser Volk besitzt, Achad Haam. seine Zweifel darüber äußerte, ob es. möglich sein werde, allgemeine» Wissen in hebräischer Sprache zu erwerben und aus diesem Grunde bereits geneigt lvar, zuzustimmen, daß dies« Disziplinen, „solang« die hebräisch« Sprach« sich hierzu nicht eignet", in einer europäischen Sprach« gelehrt werden, verharrten di« Lehrer mit bvwundcvnngÄvüvdiger Zähigkeit auf ihrem Standpunkt, warfen sich mit Fleiß und Eifer aus di« Pflege, Verfeinerung uns Bervottkoiunuiung der Sprach«, damit sie sich zur Sprache des Unterrichtes von der untersten bis zur höchsten Stuse, vom Kindergarten bis zur Universität eigne. Di« Wiederbelebung der hebräischen Sprache gehört zu den größten Versuchen, di« jemals im Leben der geschichtlichen Völker unternmtvmön wurden. Und daß dieser große Versuch gelungen ist, ist vor allem der hebräischen Schule zu danken. Di« nach Gruppen und Gemeinden geteilten Juden in Ersz Israel, die di« verschiedenen Sprachen der Galuthländcr sprechen, aus denen sie gekommen sind, bilden dank der hebräischen. Sprache,, die si« vereinigt und ff« von der übrigen Bevölkerung als. «in in semenn Lande wohnendes Volk mit eigener Sprache unter-, scheidet, einen einigen einheitlichen Bund. Jetzt, da wir vor der Verwirklichung des Zieles, das-wahrend vieler Jahre bloß von Schwärmern erträumt wunde, da .wir-Zeugen des großen Geschehens in unserem Kstltnrlsben sind, ist es wohl am Platze, wenn auch nur m knappen Ziffern utzd kurzen Umrissen, di« Bilanz unsexer bisherigen Arbeit, ans dein Gohret«. des Unterrichtes zu ziehen. Di« erste zionistische Organisation, di« sich dem: UnterrichtSwesen in Erez Israel gewidmet hat, war das Komitee ChawSwvi Zion in Odessa. Dieses Komitee grültdete im Jahre 1992 ein« Mädchenschul« in Jaffa, später Schulen in einigen Koloivien in Judäa und im Jahr« 1912 di« Lührevinmnblldungsaustalr auf den Namen Lewinski irr Jaffa. Alle übvigen im Lande tätig gewesenen Schulen lagen in den Händen von Organisaftcuen aus verschiedenen Ländern, von denen jede bestrebt war, di« Sprache ihres Landes zu verbreiten und die Kinder in ihrem Geist unterrichten zu lasten. Nach dem Drachen- Lampf (Ende 1913) eröffnet« di« Zionistisch« Organisation ihre ersten Schulen. Damals wurde der Waad hachnnich, di« Unterrichtskomntistion, als Institut, dem die oberste Leitung der Lchltlen in Er«; Israel obliegt, goschaffen. Diesem Waad ■ hachimich gehörten an di« Vertreter des Zentralverbandes der /ehrer, der Ziouistischen Organisation und das Komitee der choivewei Zion. Die Ausgaben und die Bedentung des. Waad;achimich stiegen ganz besonders zur Zeit des.Weltkrieges, als Amtliche Ber-bindungen mit den: Auslande völlig unterbrochen waren. Di« illotlage, in der sich eiuige Schulen befanden, zwang sie, sich an den Waad hachilrrich zu wenden, dem zur Deckung seiner Auslagen ontsprechende Beträge zur Beringung standen. Mit der'Eroberung des Landes durch die Engländer gingen sämtlich« Schulerr der Esra, der Kolonien und di« Schulen der Orthodoxen Nezach Israel in den Besitz der Zionllstischon Organisation über. Mit der Erweiterung des Arbeitsgebietes ergab sich die Notwendigkeit der Schaffung eines einigen Erzichungsdepartentents durch die zionistische Leitung (zu jener Zeit das Delegiertenkomitee Waad Hazivim). Diese Abteilung wnvde aus «irrem der zionistischen Leitung verantwortlichen Leiter und zwei Inspektoren — einem für di« allgemeinen Schrrlen und einem für die Schulen der Orchodoxen — zusammengesetzt. Die Schulaustaltcn der Ziouistlschen Ovganisatwn umfassen gegenwärtig sämtliche für eine kulturelle Siedlung erforderlichen Unterrichtszweige: Kindergärten, Volksschulen (Dorfschnlen und städtische Schulen), Mittelschulen (Gymnasien, Realschulen.'Handelsschulen), Lehrerserninarieu, Vildungsanstalten für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen, Fachschulen (für Kunst und Musik) und Gewerbeschule». Das Technikum. das sich zum Ruhme auf dem Karmel erhebt und besten Eröffnungsfeier wir vor kurzem begingen, und die Universität auf dem SiopnÄberg, zu dessen Eröffnungsfeier die Zionisten und überhaupt die Juden der ganzen Welt rüsten, vervollständigen den Bau des kulturellen und Erziehungswevkes m unserem Lande. Die folgende Tabelle veranschaulicht am besten die Ausdehnung und Entwicklung des hebräischen ErziohungHwerket vom Jahre 1913 (der Zeit der Gründunig des Waad hachimich) zum Jahr« 1924: Jahr Anstalten Lehrkräfte Schüler 1913 12 91 1.064 1914 34 192 3.315 1915 30 214 3.955 1916 38 25b 5002 1917 41 288 5 273 1918 94 535 10.172 1919 110 584 11230 1920 137 605 12830 1921 131 574 12.456 19 2 118 . * 497 11.963 1923 132 438 11534 1924 118 444. 12.815 Vom Jahr« 1913 bis 1920 stieg die Zahl der Schwer von etwas über 1000 aus fast 13.000. Von diesem Jahr angefangen sinkt di« Schülerzahl, wenn auch nicht in auffallender Weise, doch imimerhin in einem Maße, das auf alle, die rm SchulwerL m unserem .Lande einen der Grundpfeiler des Zionismus erblicken, nicderdrückend wirken muß. Di« Ursache dieses Rückganges ist verständlich und liegt klar zutage. Si« liegt in den Redukt-wnen und Ersparungen, die die Zivnistii sche Organisation in dop vier Jahreir nach dem Waffenstillstand im Unterrichtsbndgei vornehmen mutzte^ Der Anteil der Zionistischen Organisation an den Kosten des Unterrichts- Wesens sank von 108.600 ägypt. Pfund rm Jahr« 1920 auf den gegenwärtigen Beitrag von vnSgosamt 63.000 ägypt. Pfund. Di« plötzliche Herabmmderung um 40 Prozent inerhalb so I kurzer Zeit mußte notgedrungen das Schulwesen iu ein« seö.