Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-03-29 · Heft 2193 (29.3.1925) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2193 (29.3.1925)
Date
1925-03-29
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981278--22335-3009738
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 2193 Wien, Sonntag Wiener Morgenzettung. 29. März 1925 Seite 9 Oberkommiti&r Sir Herbert Samuel und die übrigen Festg&sie bei der Feier der Betretung Jerusalems. . 'y/K* F - /r* Herr wurde. So lauge das Volk tat Lande sah. war es von feiMichen Völkern und Kriegen umbrandet, mrd die Heldentaten. die jüdische Kämpfer in allen Jahrhunderten vowvacht Haiden, von den Zeiten Josuas bis zu .den Makkabäern und dem ffiäten Bar-Kochba, gehören zu den großartigsten Waffentaten der Weltgeschichte. Und doch verschwindet viel mchr als bei allen anderen Stämmen der Welt, viel mchr auch als bei den Hellenen, gerade bei den Hebräern das politische Geschehen neben der Geschichte deS Geistes und des Herzens. Israel ist das Volk der Kulturgeschichte katexochen! Das jüdische Volk will, trotz sei,rer starken physischen Kraft, trotz der großartigsten Heldentaten aller Zeiten, durchaus nur nach seinem kulturellen Bestände beurteilt werden. In diesem Sinne ist es natürlich und entspricht ganz und gar dem Geiste der jüdischen Geschichte, daß das neue Israel im Lande Altisraels in erster Linie mit der Wiederherstellung seiner Gesittung und dem Wiederaufbau seiner Kultur beginnt. In diesem Sinne ist die scheintote hebräische Sprache zu einem kraftvollen Leben erwacht. Ein ganzes Schulsystem entsteht und hat schon begonnen, tiefe Wurzeln im Lande zu schlagen. Die geistige Exzentrizität unseres Stammes, die im Galubh nur natürlich ist, ist in Palästina im Schwinden begriffen. Ter natürliche Schwerpunkt in kultureller Hinsicht im jüdischen Lande schafft ein geistiges Zentrum des zerstreuten Volkes und stellt die seelische Harmonie Israels wieder her. In diesem Sinne hat die neu entstehende Universität iu Jerusalem eine viel größere Bedeutung als die Schaffung irgend einer Hochschule in irgend einem Takle der Welt oder bei ircjcitfb einem Volke. Die Universität ist nicht die Krönung des kulturellen Gebäudes. Sie bedeutet nicht die höchste Schule über einem System von Bolks- und mittleren Schulen. Sie ist vielmehr der geistige Exponent der gesamten Kulturentwicklung des jüdischen Volkes der Neuzeit und sie ist zugleich nicht das Dach, sondern die unerschütterliche feste und breite Grundlage aller Kulturarbeit im jüdischen Orient. Die kulturelle Höhe eines Volkes findet aber greifbaren Ausdruck nicht bloß in der Güte und Bortreflichkett seiner Schulen und Universitäten, sondern auch, und fast noch mehr, in der Sorgfalt, die es seinem Bibliothekswesen zuwendot. Alle die großen Seefiege, die die britische Nation errungen hat, aller Kriegsvuhm und alle militärische und politische Tüchtigkeit, die das britische Imperium zur größten modernen Macht erhoben halben, reichen nicht an das Ehrendenkmal heran, das die englische Nation in der Mitte der Stadt London besitzt, an den großen, kulturellen Schatz, den das British Museum vor allem in feiner einzigartigen Bibliothek besitzt. Die Bibliotheque Nationale in Paris, die Library of Congreß in Washington, die Staatsbibliothek in Berlin, die Hof- und die Universitätsbibliothek in Wien und überhaupt alle die großen wissenschaftlichen Bibliotheken übertreffen mtib überdauern allen Ruhm des Krieges und der politischen Erfolge. Diese nationalen Bibliotheken enthalten zugleich den von einem Volke sichtbar aufgespeicherten Wissensschatz. Sie sind das unentbehrliche Rüstzeug, die nationale und allgemein menschliche Wissenschaft zu erhalten und zu immer größerer Höhe omporzuführen. Und Bibliotheken sind nicht bloß das Handwerkszeug des wissenschaftlichen Geistes. Sie sind zugleich die Schule der Erwachsenen. Wenn aber andere Völker in dem festen Boden, auf dem sie vereinigt sind, in der lebendigen Sprache, die alle ihre Minder sprechen, und in hundert anderen äußerlichen Dingen vereinigt sind, so wird auch noch nach der Wiedererringung unseres alten Heimatlandes ein nicht minder bedeutender Teil unseres Volkes in Amerika, Rußland und anderen Ländern verstreut bleiben. Und so wie das jüdische Volk dringend eines physischen Schwerpunktes in Palästina bedarf, so und noch viel mehr, muß dem jüdischen Geistes- und Ge-mütslöben ein neues Zentrum im alten Hermatlande geschaffen werden. Dies war das Empfinden, das Dr. Josef Chazanowicz dazu bestimmte, den Gedanken zu fassen, die vevstrenten Glieder des jüdischen Geisteslebens aller Länder und aller Zeiten in Jerusalem zu sammeln und in einer Nationalbibliothek der jüdischen Kultur eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte zu schaffen. Im Jahre 1892 hat Dr. Chazanowicz in Anlehnung an die kleirre Beveinsbücherei, die ein paar nach Jerusalem getvorfenen Gelchrten für ihre eigenen Zwecke zu gründen begonnen hatten, die Grundlagen der Nation,albibliochek errichtet. Damals war zwar schon der Plan einer Universität in Jerusalem ausgesprochen worden. Er war zuerst in Odessa geboren und dort Prof. Hevnrann Schapira in Heidelberg propagiert worden. Bald darauf war auch in Jaffa der Vorschlag gemacht und der Oeffentlichkeit unterbreitet worden, als Vorbereitung einer späteren Universität zuerst einmal das minimale Bech Szefer Jbvi in Jaffa zu einem ersten hebräischen Gymnasium oder Lyzeum auszubauen. Aber die Gründung Dr. Josef Chazanolvicz' und ebenso die Schaffung der Bibliothek Soha'ar Zion in Jaffa hatte mit der Idee einer Universität noch nichts zu tun. Erst spater, als die von Dr. Chazanowicz gesammelten Schätze durch die Eigenwillig'keit der zeitweiligen Verwaltung dem jüdischen Dolksganzen verloren zu gehen drohte, wurde von anderer Seite der Vorschlag gemacht, seitens der Zionistischen Organisation als Vertreterin des jüdischen Bolkes, aus den Namen des Nationalifonds als der rechtlich greifbaren Institution eine jüdische Nationalbkbliochek zu gründen, die vor allem di« Grundlage zu der Möglichkeit einer Universität schaffen sollte. Dieser Vorschlag wurde vom 7. Kongreß angenommen und führte zur Schäftung einer Bibliothekskomnnssion der Zionistischen Organisation, der die Aufgabe gestellt wurde, die Arbeiten für eine NationalbiMothek vorzubereiten. Ms aber im Jahre 1913 auf dom 11. Zionrstenkongreß *m Wien der Beschluß gefaßt worden loar, der Gründung der Universität näher zu treten, und eine Universttätsk-ontmission mit der sofortigen Einleitung der nottoenbigen Schritte betraut war, hat diese Kommission als erste Nottvendigkeit die Schaffung einer Universitätsbibliothek erkannt. Diese sollte sofort begründet und später die Sammlung von Dr. Chazanowicz in sie überführt werden. Auf Vorschlag von Dr. Chazanowicz und M. M. Ussisch-!in wurde der Schreiber dieser Zeilen beauftragt, sich bereit zu halten, als Direktor dieser Bibliothek so bald als nröglich nach Jerusalem zu gehen und vorher von Berlin aus in Form einer Sammelstelle die organisatorischen und wissenschaftlichen Vorarbeiten für diese Tätigkeit einzulerten. Die in diesem Sinne eingerichtete Hauptsammelstelle in Berlin, die nach wenigen Monaten ihre Tätigkett cmfnehmen konnte, hatte bereits einige sehr lvertvolle, hauptsächlich medizinische Bibliotheken zusammengeb rächt, als der Krieg diese Tätigkeit unterbrach und sie auf ein Minimum beschränkte. Unmittelbar nach Abschluß des Waffenstillstandes wurde diese Arbeit wieder ausgenommen und der Unterzeichnete von neuem in seinem Aufträge bestätigt. Ein Jahr später gelang es unter den nunmehr völlig veränderten politischen Verhältnissen, mit dm bisherigen Inhabern die von Dr. Chazanowicz znsammengebrachten Sammlungen auf die Zionistische Organisation 51t übernehmen und die Anfänge der Nationalbibliothek in Jerusalem mit der vorbereiteten Univevsttätsbibliothvk in Berlin zu einem wirksamen Jnstttnte zu vereinen. Als Stellvertreter des Direktors und als sein znkünstiger Direktovialassistent wurde einstweilen Dr. Hugo Bergmann aus Prag nach Jerusalem entsandt. Seit dieser Zeit hat die Sammlung von Büchern in allen Ländern einen außerordentlichen Aufschwung genammm. Die Agitation dafür wurde besonders von Berlin aus betrieben, wo jetzt die Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek die Trägerin dieser Tätigkeit ist. An ihrer Spitze stehen Sanitätsrat Dr. Gustav B r a d t, der der offizielle Letter der Akademie für die Wissenschaften des Judentums ist, sowie Prof. Dr. Wbert Einstein als Vorsitzende und der Schreiber dieser Arttkels als Schriftführer. Es ist gelungen, in einer ganzen Reihe von Ländern ähnliche Gesellschaften zu gründen und rationell geführte Büchersammlungen zu organisieren. Wenn im Juli 1929 eine erste Sichtung ergab, daß ungefähr 17.000 Bände in einem notdürftigen Katalog eingetragen waren, so hat die Bibliothek heute nicht weniger als rund 85.000 Bände, und eine im nächsten Monat von Berlin aus erfolgende Uebevseudung von Büchern wird wahrscheinlich das erste Hunderttausend der Bände vollmachen. Die' weitaus wichtigste Frage für die Bibliochek ist aber feit langem die des Baues eines würdigen und sachgemäß errichteten ausreichenden Gebäudes. Es ist golungen, die Wolffsohn-Stiftung dazu zu bestimmen, daß sie zum Andenken an den verstorbenen Präsidenten David Wolftsothn ein Wolfffohn-Haus errichten will, unr in ihm die Universitäts- und National» bibliochek uutevzubriugen. Am 21. Sch'bat 5682 wurde zwischen ihr und der Zionistischen Exekutive der denkwürdige, gültige der Tochter des .Hauses, einem gebildeten Mädchen, das später seine Gattin wurde, dem ersten Unterricht w Russisch und Französisch. Auf Anregung des Herrn Jonas ging er nach Dünaburg, wo er in das Realgymnasiuim eintrat. Er lernte fleißig, machte Fortschritte, entfernte sich alllnählich von: Judentum, kümmerte sich iveuig um die jüdische Literatur, noch weniger um die hebräische Sprache, uitd wurde schließlich, gleich allen anderen Gymnasiasten jener Zeit, Sozialist, Marxist, Revolutionär. Mit achtzehn Jahren schlug er sich durch nach Paris. Hier studierte er Medizin, trieb aber daneben mit Eifer sprachwissenschaftliche rmd sozialpolitische Studien. Es ist sicher ein Zufall, aber ein ganz merkwürdiger Zufall, daß die folgereichsten Ideen der jüdischen Renaissance in der Weltstadt Paris geboren wurden. In Paris schrieb Hevzl seinen „Judenstaat" und in Paris schrieb Ben-Jehuda seinen ersten Artikel zur Frage des jüdischen Nationalismus. Und bei Herzl ebenso wie bei Ben-Jehlrda hat ein historisches Ereignis den Renaifsancogodanksn wachgernfen. Bei Hevzl war es, wie allbekannt, die Dreyfus- Affäre; bei Bon-Jchuda aber to»r es, was freilich weniger bekannt ist, der russisch-türkische Krieg. Während des vusfisch-türki schon Krieges brachten die russischen Blätter ausführliche Erörterungen über den Begriff der Nation im allgemeinen und über die russische Nation und über die Stammesverrvandtschaft der Russen mit den Bulgaren int besonderen. Diese Aufsätze erweckten in Ben-Jehuda allerhand Gedanken. Er begann sich zu fragen: Was ist das erne Nation? Was heißt man Stammesvertvandtschast? Und was sind wir. wir Juden? Das Ergebnis solcher Besinnungen war die Idee der Wiedergewmrmng von Erez Israel und der Umgestaltung des Hebräischen aus einer Sprache des Judentums zu einer Sprache des jüdischen Volles, zur Volkssprache. Namentlich die Idee, die hebräische Sprache wieder aufleben zu lassen und zur Volks- und Unrgangsspvache zu rnachen, nahm in ganz gefangen.. In ihr erkannte er seine Mission. Wie bei allen großen Persönlichkeiten, die Großes planen, lvar auch bei Ben-Jehuda seine letzte Tat sein erster Gedarlle, nämlich: die Abfassung und Herausgabe eines allgemeinen hebräischen Wörterbuches. Mit dem Feuereifer eines Alannes, der sich einer ge- Uxrltigen Lebensaufgabe bewußt ist, schritt nun Ben-Jehuda an die Ausführung seines Planes. Er begann seine Jugendstudien aufzufrischen und wandte sich wieder der Thora und dom Talmud zu, den Talruudkomutentaven, der Kasurstik, der Philosophie und der Poesie des Mittelalters, der ueuhebrä.schen Literatur. Er gab das medizinische Studium auf, heiratete die Tochter seines väterlichen Freundes Jonas, verließ Paris und nahm seinen ständigen Wohnsitz in Jerusalemt. Er wurde der Lehrer seiner Gattin, die ehemals seine Lehrerin gewesen lvar, er lehrte sie hebräisch sprechen und sprach mit ihr nur hebräisch. Und als seine Gattinin jungen Jahren starb, heiratete er ihre Schnxster: die Mühe uni das Hebräische in seinem Heim begann von neu-'m. und von neuen: mit Erfolg. In Jeru.a befreundete er sich mit dom. Schriftsteller Jechiel Michael Pines und nrachte das Hebväischsprechen zur Bedingung seiner Freundschaft. Seine vier Kinder hörten bis zu ihrem fünften Lebensjahre kein-antares Wort als tag Hebräische. So war das Haus Ben-Jchutas in Jerusalem das einzige Judenhaus in der ganzen Welt, lvo mir hebräisch gesprochen wurde. Gute Freunde, die mit guten Ratschlägen nicht kargen, rieten ab, meinten, er versündige sich au seinen Kinderner mache sie untauglich fürs praktische Leben. Ben- Jehuda mußt« schlver um sein Dasein kämpfen, tas Hohngelächter der Freunde, den Haß der Frommen ertragen, er wurde von Chafsidim verfolgt, von den Rabbinern in Acht und Bann getan, von den Zeloten der türkischen Regierung donunzievt, er 'wandert« ins Gefängnis und ertrug tar Unbilden noch mancherlei. Aber Ben-Jehuda blieb unerschütterlich und wich nicht um Haarbreite von dem Wege ab, tan er eingeschlagen hatte. Wie mit tarn Wort, so suchte Ben-Jehnda auch in Schrift für seine Ideen zu wirken. Im Jahve 1882 kam Ben-Jehuda nach Palästina, 1883 gab er unter tarnt Titel „Melvafsereth Zion" eine Monatsschrift für Palästinakunde heraus (diese Zeitschrift erschien äls Beilage zu dom von Israel Beer Frumkin herausgegebenen Wochenblatt ,Hachawazelolh"), von 1884 bis 1889 leitete er die Wochenschrift „Hazewi", später war er EhofrodakKur einer der größten hebräischen Tageszeitungen in Jerusalem. Zusamimen mit David Aellin, der jetzt Bürgevmeiftor in Jerusalem ist, gab er ein hebräisches Lesebuch „Hamikva" heraus, zusammen mit Lffschütz einen hebräischen Abreißkalender, außerdem veröffentlichte er „Sepher Erez Israel", ein Buch über Geographie, Klmmtologie, Flora und Fauna Palästinas. Danebelt widmete er sich mit wahrem Bienenfleiß seinem großen Lebenswerk, beut „Milon haschalem", dem Gksaurttvörierbuch der alt- und neuhobräischen Sprache. Eilt garli'es Atellschenlobelt ulterlnüdlichor Avbeit hat Clieser Ben-Jchllta tarauf verwendet, "alle Wortformen und Wortbedeutungen, alle Fachwörter urld Kunstausdvücke, tas reiche alte Sprachgut lmd den gesamten neuen Wortschatz zusallmiellizutragen und einen Thesaurus der hebräischeit Sprache int vollsten Sinne zu schaffen. Und als Elieser Beti-Jchnta im Jahre 1921 in Jerusalem starb, ta war sein Lebenswork, tar „Milotr" von Aleph bis Thaw zu Ende geführt. Mt diesem „Milon" ist einem einzeln«.» gelungen, .was sonst nur A'katamie>n oder vereinigten Sprachgese llschaften zu ge tingelt Pflegt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.