Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2193 (29.3.1925)
- Date
- 1925-03-29
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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NkM g_ fökit, Vvnnksg thek. Ursprünglich war diese Bibliothek unter dem Namen Nationalbibliothek bekannt. Die ersten Anfänge der Bibliothek reichen bis in das Jahr 1891 zurück und ihre eigentliche Gründung ging von der B'nai B'rith Loge in Jerusalem aus. Ter Initiator und eigentliche Schöpfer der Bibliothek war der vialistoker Arzt Doktor Chosanowicz. Im Jahre 1920 ging die Bibliothek in die Verwaltung der Zionistischen Organisation über, die den Amanuensis der deutschen Universitätsbibliothek in Prag. Dr. Hugo Bergmann, zum Oberbibliothckar bestellte. Don dieser Zeit an änderte sich der Charakter dieser Bibliothek und wurde zur „Bibliothek der Universität in Jerusalem" au-gestaltet. Während der letzten drei Jahre hat sich diese Bibliothek, wie bekannt, in ungeheurem Maße entwickelt. Sie zählt laut dem letzten statistischen Ausweis über 90.000 Bände. Leider hindert der ständige Geldmangel die weitere entsprechende Entwicklung und die notwendige Bereicherung der Bibliothek. In letzter Zeit ist auch die Frage der Errichtung eines elgenen BibliothekgebaudeS, in welchem auch die Hörsale und sonstige Einrichtungen der Universität untergebracht werden sollen, aktuell geworden. Für diesen Zweck besitzt. die Zionistische Organisation aus dem Wolfsohn- Fonds einen Betrag von 15.000 Pfund Sterling. Die Universitätsbibliothek gibt seit zwei Jahren eine eigene Vierteljahrsschrift für Bibliographie, „Kirjath-Sepher" heraus. Die Zeitschrift, die stets reiches bibliographisches Material und wichtige Mitteilungen über die Universitätsbibliothek in Jerusalem bringt, steht in wissenschaftlicher! Hinsicht auf anerkannt hoher Stufe. Universität und Unlverfltiits« bMiothek. Ju schlechten Zeiten die Hoffnung und in guten Zeiten Jas Maß nicht zu verlieren, ist die Aufgabe einer gesunden Partei. An dom Tage, an welchem in Jerusalem unter großen Feierlichckeiten die Universität eröffnet weiden wird, ist es unsere Pflicht, neben der aufrichtcgen Freude über das Erreichte auch kritischen Betrachtungen Platz zu gaben. Es wäre verfehlt, wenn wir Zionisten uns mit dom Bewußtftm begnügen würden, daß wir jetzt in Jerusalem eine Universität haben. Gerade an solchem Tage der Feier sollen wir uns zum Bewußtsein führen, daß der Weg noch tveit ist, bis wir in Palästina ein kulturelles Leben haben werden, das Raum bietet für die fruchtbare Anbeit einer jüdischen Nnidersität, die des Namens jüdisch und Universität würdig .sein soll. Es ist nicht die Aufgabe dieses Aussatzes, das palästinenirsche .Kulturproblom in seiner Gänze aufzurollen. Nur aus einiges sei beiläufig hingewieftn. Unseren niedrigen Schulen sohlen bis heut« Lehrbücher. Obwohl die letzten Jahre in dieser Bkyichung einiges verbessert haben und einige Lehrbücher erschienen find, ist noch lange nicht auch das Elementarste getan. Noch müssen wvsere Lehrer dreizehnjährigen Bulben, statt sie zu lehren, Lehrbücher diktieren. Die UnterrichtsstmÄe vergeht damit, daß der Schüler die Vorträge des Lehrers nachschreibt. Noch schlimmer ist es mit der Lektüre der Jugend. Die Nachkrregsjahre hohen.wähl eine ziemlich große An.^chl von Jugeick- Küchern gebracht, aber kaum haben sich -ic GeDverhältnissc normalisiert, als auf dom hebräischen Büchermarkt ein Still- ÜLnd eintrat. So wurde deutlich sichtbar, daß nur dadurch hebräische Jugendbücher in guten Ausgoben hergestellt werden konnten, daß sie in Ländern mir schlechter Balula gedruckt uud in Landern mit guter Valuta verbaust wurden. In der Rationakbkbliothok kann man täglich beobachten, wie junge Burschen und Mädchen um Bücher bitten und aus jedes Buch, das man ihnen vorweist, erklären, dies hätten sie - schon gelesen. Noch schlimmer ist es aber mit der wissenschaftlichen Literatur, welche die Voraussetzung für die Univerjitätsarbeit ist. Die hebräische Literatur besitzt bis heute keine elementaren Kompendien der wichtigsten Wissenschaften. Es gibt keine hebräische National- .„Göbt es schon selbftänÄ'gr Eriftm^err, bfe ihre SchuL-- zeit <&ci ihnen duvchgemracht haben?" „Ob es gibt! Gehen Sie nur herunter in die Stadt und fragen Sir nach dem besten Schllofser, oder nach dem qualiftzierte-sten Elektrotechniker, nach einein guten Tischler! Man wird Ihnen umbedimgt amferc gewesenen! Schüler Mnipfehlen." „Welches sind Ihre Erziehu-ngsmechyden?" „Unsere Schulen setzen an Stelle der nrechanischen lloborurrttlung fertigen Wisiettstoffes die ftlbftLrd'ge Eravbeitmpg m Beobachtung, Esperimont und cm: se-lbstgeferüA'ten Gerät. So zwingen sie zu cigencan Denken und so wlw die Arbe.'tt'schulc zur Erzwhu.ngHchwl'e. PaLstina hat Tatmenschem nötig, denn nur em freier, m sich gefestigter Tatmensch tarn sich im Kampfe gegen eine feindlich: Umwelt halten. Aber die Arbsit ist wicht die einzige Methode der Erziehung. Häufige Ausflüge nnd vor allem das gernernsame Sagerböbem dienen 'demselben Zweck: Ev iiehmng zum GemeinschaftSleberr. Ms einen besonders wichtigen Faktor dtzr Erziehung betrachtet die Direktion Turnen und Sport. Schr.n heute wird täglich getuvwt, tätlich auch gespielt und vor allem viel gewandert. Di« palästrni'ch« Pftvdsillderbowegung rst von Haifa ausgegangen und findet auch bis heute hier besonders liebevolle Möge." „Auf dem Hofe habe ich viele Schülerinnen gesehen. Me werden diese erzogen?" ,Z-ür Mädchen setzen wir eine spezielle Ausbildung ins Werk. In der Zeit der Werkstättenapheit der Knaben erhaven tüe Mädchen Unterricht in Küche und -Hausführung. Dieser hauSwirtschaftliche Unterricht wird im Zusammenhang mit höherer Schulbildung erteilt, Nur so wird das noch immer herrschende Vorurteil gegen Haus- »oivtschaftliche Betätigung ousgerottrt werden Krmen." ffrUntt MtreaenEnkkft. ökonomie, keine hÄräische Weltgeschichte und keine hebräische Ehonn«. Die Schwierigeren, welche dieser Mangel an Hilfs- Mitteln vor die Universität türmen wird, sind unendlich. Wir werden die größten Anstrengungen machen müssen, um der Gefahr zu entgehen, daß die Universität durch diesen Mangel an Lehrmitteln in ihrc-m Niveau herabgedrückt wird. Nie und nimmer werden wir zugeben, daß die Universität Jernfalrmö eine Universität fünften oder sechsten Grades ist. Aber da.)» wird es gewaltiger Anstrengungen bedürfen, dazu wird cs nötig sein, daß wir Kanäle schaffen, durch welche das Knlturleben der ganzen Welt nach Palästina flutet, uirftr eigenes Leben befruchtend, uns herausrcißend aus den Ächvarcken unlseres kleinen Löbens und den Gefahren des Levantinismus. Diesen Aufgaben wird vor allem die Bibliothek zu dienen haben. Wir tverden wohl kaum imstande sein, »lährend der nächsten Generation all das in hebräischer Sprache nachzuholen was uns fehlt. Obwohl cs die Aufgabe der nächsten Generation sein nvuß, unernrüdlich zu übersetzen — ja ich möchte hierin di« krüturellen Ausgaben der nächsten Generation sehen — so werden wir doch in der nächsten Zeit auch bei größter Anstrengmrg diese Aufgabe mit halb erfüllen können. Hier muß eine große Bibliothek ersetzen, was uns fohlt. Wenn wir dem jüdischen Wissenschaftler noch nicht seine eigene Zeitschrift geben können, welche ihn mit den Forschungsresultaten auf der ganzen Welt bekannt «rocht, so können wir ihm aus dem Wege der Bibliothek die großen Zeitschriften aller Völker geben und ihm dadurch die Gelogenheil schaffen, mit der wissenschaftlichen Welt in Kontakt zu bleiben. Wenn »oir dem Studenten seine wissenschaiftiliche Literatur noch nicht in hebräischer Sprache geben können, so wird es unsere Aufgabe fein, die beste wissenschaftliche Literatur all der Sprachen — englisch, franMsisch, deutsch, russischpolnisch uftv. — zu saimnÄn, welche der Student neben der hebräischen Sprache ^herrscht. Dir Lkffgabc einer solche»: Bibliothek ist unendlich schwieriger als die Ansga^be einer durchschuitlich-n europäischen odvr amerikanischen BrÄivIhsk, die im wesentliche,r nur für eint, höchstens $vci Sprachen oder KMuren zu sorgen hat. Wir müssen gleich füns oder sechs Kultuen bei uns heimisch machen und das mit Midtsln, die sicher kaum den fünften Teil des Brrdgets einer sehr kleinen europäischer Bibliothek barstellen. ' Ich habe absichtlich in diesom Aufsatz nnr vcn der Aufgabe der Biblioll-ek ün Zusammenhang mit dom Universitätsörtrieb gesprochen und nicht von ihrer zweite»! oder vielmehr ersten „Me vollzieht sich die Berufswahl?" „Ein Teil der Schüler fetzt ihre Studien am Technikum fort, für andere ift ein spezieller Kurs für Ausbildung als kaufmännische oder Regverungsbeamtc unter besonderer Vereinbarung mir den in Betracht kommenden Regierungsstellen eingerichtet worden. In diesern Kurs wird Arabisch und Englisch fest unterrichtet. Für die Mädchn ist dem sechsjährigen Studiengang ein Kurs angefügt worden, der soziale.HAferinnen auSbildet. Diejenigen, die den Drang zur landwirffchaftlichen Arbeit fühlen, beschäftigen sich in rmferm Kwuzoth ..." Bevor ich Abschied nehme, führt mich Dr. Bhvam wieder in den Bänken und notieren. An den großen, schwarzen Tafeln benrerke ich, in lauter h.bräischen Ziffern, durch mehrere Vortragssäle. Die Studenten sitzen schon eine mathenratische Aufgabe ... silkeker Ben'siehuda. Bon S. Meiselö. Anläßlich der Ervfftmng der hebräischen U-nivevsität in JeruÄlent geziemt es sich wohl, in Ehrerbietung und mit Tanigofühl eines Mannes zu gode»»Len, der in jungen Jahren den Ka»npf für die Begebung der hvbräischen Sprache ausgenommen und ihn unenttvegt und tapfer durch fein ganzes Lc>ben fortgcsiihrt hat. Er führte diesen Kcmrjff zuerst aller», als einzelner, mrd dann irr Gemcirrschaft mil einer inmrer zahlreicheren, stots »vachsenüen GenMnd«. Dieses Mannes Verdienst ist es, daß das hebräische Wort heute in Palästina und teilweise auch m den Länder», -der Zerstrcuurrg wieder lebendig ist. Bei idealen PiLirerr, die in der Folge -zu historischeir Wirklichkeiten werden, lominrt es häufig darauf an. toer das erste Äovl gebrochen, wer den ersten R>rff getan hat. Ztoischenvedne-r und .Ztviifchenvuftr SO. Mär; 1925 Nr. SM großen Aufgäbc: der Sammlung der jüdischen GsisteKschätze aller Sprachen. Wenn wir mt biese-m Tage der Feier crm'u Wimsch aus sprechen dürfen, so sei es der: daß die Universität, geboren antz dem Zusammenwirken von so vic<ben Klcktnrer» mcd Ächwierigkeiten -und Schmerzen, wie sie keine andere Universität der DM haben komrte, dieses ihres Ursprrmges würdig sei u>nd daß sie uns helft, niriversalistische jüdische ödultur in hrbräkscher Sprache §ir schaffen. Der Weg ist weit. Die Bibliothek ist die wichtigste Bor« onssetzung gn'r Erreichrmg des Zieles. Hugo Be rg'm an-n. Bor dem Bau. Die hebräische Univcrsrtäts- und püdifche NationaLbibliotliek -u Jerusalem. Wenn man die griechische und die römische K,rltr»r gegen* einander äbmißt, so wird man zwar fefttftclfccn müssen, daß die Römer ein diel dauernderes Reich geschaiffm und eine viel größere Machffülle vereinigt haben als selbst der ma>kedonische Exponerit der griechischen Heldenkraft. Die Römer haben rein äußerlich die ganze Kuilturwelt des Mittelmeeoes für ein haSbes Jahrtausend unter ihre Herrschaft gegwnngen. Die Griechen, deren politische Macht in Kleinstaaterei verfiel, tvurde»» ihnen Untertan und mußten für sie die kulturellen Güter hevgpben, die sie aus der reichen Fülle ihres unerschöMicheU Geistes schüfew Uitib doch verschwindet das gewaltige Römervolff neben den Griechen und zunral den Athenern im Urteil der menschlichen Gosell!scha>fl. / Der Wertmesser eines Poltöes mag in der Gegenwart in der Größe feiner politischen Macht und seiner mAitärHschen Stärkt liegen. Für die' Ewigkeit weiden Völker nach ihveatr Geiste <mib chrer Gesittung beurteilt. Die Erolberervölker müssen sich schließlich den Nationen anbegnemen, die von ihnen Zwar üdernmnden sind, deren Kultur aber der ihrigen überlegen blö'.bt. Auch dir Hebräer snrd einmal ein kraftvoller Erobererstamm gewesen. Sie mußten das Land, das sie von ihren Vätern exevbt hatten, wn starben Feinden erkämpfen. Räuiberische SvevüWer und kriegerische Wüste,chamme drängten dauernd herein und hatten, sich zum Teil im Lande seßhaft gemocht. Noch in späteren prophetischen Tagen hörte der Hebräer das Gcibrüll '&$■ Löwen im Lande, dessen er erst im Saufe von Jahchmiderterr sind Uebergcutgsnrenfchew die van Mit- und Nachwelt übergangen werden. lAieiser Ben-Jchuda lönnvn und dürfen wir »ticht übengeihen, denn er -tvar wiMich der evste, der zicr Wivderbelebuug der hsbräischen Sprache ganz -im 'wörtlichen Sinne das evste Wort gchprochcn hat. Er sprach es so, ails wäre es Muttechprache, M-Merlönt, und er sprach eZ zu ei>ner Zeit, als noch nkimimb daran gedacht hapte, das hebrävfche Wort aus der Schrüftlstarr« zu erlösen. Karmr aber hatte Ben-Johuda das erste Wort geifpwchen, so -wich eS nicht nuchr aus seinem Munde und aus d-mr Muude fsiner Kinde. Das irar belspielgeborld. Das war die Zelle, aus der Hebräisch als lebendige Sprache horvorginy. Elieser Be^tt-Jerhuda (eigentlich: Perlmann) wurde im Stadche« Luschki im Gouvernonumt Wilna am 21. Debelh 5618 (1858) geboverr. Seine Ef-tern -hielten ihn. frülMifig zmir fleißigen Stit-diu-nr -der Thora an, und der Gewinn dieftr streng religiösen Eyzichuug war «me gonaue Ke.irntnis der Grundlagen der hebräiifchen Sprache und Litevawr. Mit dreizehn Jahren be-zog Beir-Jehnda eine Jeschitva in Polozk, tinr sich gai»z den» Stalid'mnt des Talnrnd und dc'ö rabbinischen Schr'ftttmnS widmen. Der Leiter der Jeschiwah, Rabbi Josof Blt»-k>.'r, ein bndeuteitder Talmntdgelehrter rrnd ein „Maskil" im goheimen, fand an dom Knaben Gefalle»», gab ifyni EinzelnN'.crrr.icht in hebräischer Graqnlnatik und las mit ihm hier und da in der DL»m«rstunde, wo es ’ii'cbcr Tag noch Nacht ift, ein modernes »wm* hebräisches Buch. In -derfÄben Stadt fand Bcn-Jehuida auch einen väterlichen Freund in der Person ftines nachmaligen Schwiegervaters S. H. .Jonas, eines angesehenen Mannes, der einst ein Ltbawiffcher Chassid geivefe»» war und später in das Lager der Aufgeklärten Hbevging. In feinem Hause empfing Betl-Jchttda nvue gv'slige Anrogmrg, hier las er junt orstemnal dir Hcstr des „Haschrchar", derer: Inhalt starke,! Eindruck auf ihn mochte, hier Eelt er von ChemdchM Laboratorium der UnlvenUlt. - l r