Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2193 (29.3.1925)
- Date
- 1925-03-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ctffc t Wien, Gonntag 1 *.... ■■«... ...— ....in Ktf« Universität fit Fernstem, die, ein Zentrum der For. chvng und ein geistiges Laboratorium, die Sorge für das irdisch« Wohl sicherlich nicht an die legte Stelle rücken wird «nd kn der di« Juden ihre wundervolle Senduna nicht der. zeffen werden, di« Wirklichkeit zu erfaffen »nd sie bis zum Göttlichen zu erheben. Sic iMte täte 6Me. Von Albert Lhomaß» Präsident des Internationalen Ar^eitS« ambcS des Völkerbundes. „Völker -wandeln dem Lichte zu." JesaiaS. Mit einem hohen Gefühl der Hoffnung und der Freude begrüße ich die Universität in Jerusalem. Wahrend der düstersten Stunden des Krieges erschien es unS (mag sein, daß eS Chimäre war. aber immerhin war es unser Glaube) möglich, von neuem eine friedliche Mensch« h.Ü zu organisieren und zu gestalten. Seit jenem Augenblick ist mein leidenschaftliche- Interesse für jenes mutvolle Bestreben des Zionismus erwacht, besten Werl von der Geschichte als «ine der außergewöhnlichsten Taten, die jemals trotz der vielen Hindernisse in so kurzer Zeit vollbracht wurden, gewertet werden wird. Der Zionismus schuf, meiner Ansicht nach, nicht nur die Möglichkeit, unterdrückten Volksmassen ein« Zuflucht, ein neues HKm zu bieten, sondern er erschien mir auch als ein paradoxer und gleichzeitig eindringlicher Ausdruck des Rechtes aller Völker, zu leben, sich zu sammeln, zu behaupten, ihren VolksgeniuS in feiner Reinheit zu verkünden und die ihnen zukommende Rolle in der Menschheitsfamilie auszufüllen. Von diesem Gesichtspunkt aus erschienen mir der Zusammenschluß der einen, di« egoistische Zurückhaltung der anderen, selbst die tatsächlichen Schwierigkeiten bei einer Ansiedlung zwischen den bereits in Palästina lebenden Völkerschaften, die Rückkehr nach Zion als ein großartiges Werk, dessen Erfüllung allen Menschen, die von der Friedensidee beseelt sind, am Herzen liegen muß. Eine Nation hat jedoch nur dann einen Staat, nur dann das Recht aus ein eigenes Leben in der nrodernen Welt, wenn sie entschlossen ist, gewiffenhaft im Gefüge der Gesamtmenschheit und für sie zu arbeiten. Was nützte die Wvederaufrichtung und Wiederbelebung von Nationalitäten, wenn sie nicht ihre Pfl:cht fühlten, der Menschheit in der Erkennung ihrer wahren Aufgabe behilflich £1« urw sich der Einheitlichkeit der Menschheit bewußt zu werden? Die Jerusalemer Universität, die natürliche Frucht der zionistischen Bewegung und der Liebe Israels zu seinem Geburtsland, wird die MöKichkeit bieten, die Rolle eines Volkes, das, vielleicht als erstes, die fruchtbarsten Gedanken der sozialen Moral verkündet und, ein tiefdringender Sämann, seinen großartigen Traum, ft inen segensreichen Willen in die Welt streute, sowohl was sein« Vergangenheit und mehr noch seine Zukunft betrifft, ins volle Licht zu setzen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die Menschen, die heute mit so viel Wagemut in Palästina ein Zentrum für jüdisches Leben schaffen, denken nicht daran, dort einem agrestiven Nationalismus zu neuem Leben zu verhelfen. Wenn sie ihren Fuß wieder auf den geliebten Boden der Propheten fetzen, denken sie an nichts anderes, als die Kraft zur Forderung des Rechtes und dcr Gerechtigkeit wiederzuerlangen, auf die die zusammengebrochene Welt nicht ohne Hoffnung im Herzen wartet. Noch ein« andere Aufgabe harrt der Erfüllung durch die Universität. Die Zivilisation der Juden wurde in einer Welt der Luden geboren. Ihr Leben entsprang der Gegensätzlichkeit und dem Haß der Raffen, und im Kampf wurde sie vollendet. Ist es nun rn unseren Tagen, da die Menschheit peinlich bemüht ist, den Weg zur Versöhnung, und zwar zur Versöhnung in Gerechtigkeit, zu finden, nicht die vornehme A-usaabs der Universität, vor allen anderen mit dem guten Beispiel vovanzugehen? Di« hebräische Universität wird die Brück? zwischen dem Morgenland und dem Abendland bilden. Es wird ihr Streben fein müssen, diese zwei Welten durch das Wissen zu verbinden, wie unsere Universität in Straßbuvg trotz aller Vorfälle in der Vergangenheit dazu berufen ist, das unmittelbare Jntelligenzband zwischen Frankreich und Deutschland zu bilden. Jerusalemer Universität! Die zwei Worte, die den Titel zu diesen Ausführungen bilden, enthalten das bewunderungswürdigste Programm. Jerusalem, daL Symbol des Glaubens an das neue Heim, der unerschütterlichen Hoffnung auf die Menschheit und die menschliche Güte, der Körper gewordene Ausdruck des höchsten Ideals, das die menschliche Seele zu erfassen vermag. Universität, ein Tempel, wo der Mensch mit dem Menschen zusammenarbeitet, um einem Ideal Wirklichkeit, Leben einzuflößen. Die gesamte zivilisierte Menschheit muß heute di« Universität in Jerusalem als einen Friedensdom begrüßen, i» dem der jüdische Geist nach Mmzig Jahrhunderten des Kampfe- und der Leiden daran geht, fein auf die Vereinigung der Wclt gerichtetes ideelles Konzept, seine wunderbare prophetische Kraft und die Fähigkeit, inmitten der Wirklichkeit sein« Beschaulichkeit nicht zu verlieren, von neuem zu bekräftigen. GUMMISCHUHE^ SpielWHe, Gummimäntel und Gummi» waren aller Art au Fabrikpreisen! SPIRMANN & HOROWITZ Wien, H Bes., Taborstrasse Nr. 11 b — Telephon Nr. 47-0-86 Wiener M«k«,einel1uirq._ Lord Balsam in den jüdischen Kolonien. t Der aravische Generalstreik zusammengebrochen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Jerusalem, 27. März. Lord Balfonr, welcher von Tel-Awiw aus einige jüdische Siedlungen, darunter die Ackerbauschule in Mikweh- Israel besucht hat uuv Überall begeistert empfangen wurd«, kehrt heute nach Jerusalem zurück. Zugleich mit Lord Balsour ist der Präsident der Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow in Erez Israel angekommen. Unter den zur Erö'f-: "^sscier der Universität eingetroffenen Festgäsicn kcst-dct sich auch das frühere Oberhausmitglied D'Avigdor Goldsmith. Der von der Arabischen Exekutive proklamierte Generalstreik ist vollständig zusammengebrochen, Handel und Verkehr funktionieren normal. Die versuche, unter den arcchischen Schüler» eines RegierungSeolleges einen Schülerstreik zu inszenieren, wobei einige Schüler dem Direktor des College, einem christliche» Araber, einen beleidigenden Brief sandten, hatten keinen Erfolg. Die Schüler, welche versucht hatten, den Streik zu propagieren, wurden ausgeschlossen. Die Regierung hat an die Beamten, Lehrer und Studenten eine Warnung ergehe« lassen, der arabischen Streikparole Folge zu leisten, widrigenfalls sie ihrer Aemter verlustig gehen würden. Ein paar Kommunisten haben anläßlich der Anwesenheit Lord Balfours Flugblätter herausgegeben, in denen Balfour und die Zionisten als Vertreter des englischen Imperialismus bezeichnet werden. Zwei Kommunisten, welche derlei Flugblätter kolportierten, wurden verhaftet. Eine Einladung an die Araber. * Der Nationalrat der Inden Palästinas (Waad Leuim) hat eine öffentliche Kundgebung an die Araber gerichtet, worin sie eingeladen werden, an der Feier der Eröffnung der hebräischen Universität als einem palästinensischen Fe st teilzunehmen, zumal di« Tore dieser Universität allen denjenigen, welche Wissen erwerben wellen, offtnstehon werden. Die Universität hat — so heißt es in der Kundgebung weiter — die Aufgabe, die Renaissance der Volker des Orients zu fördern und soll Juden -und Araber, die einst in einer gemeinsamen Kultursphäre geschaffen haben, wieder vereinigen. Die Kundgebung schließt: Kommet, semitische Brüder, di^ Tore unseres Tempels stehen euch offen!" Gaste aus Amevika. RoM, 28. Mar^ In Neapel ist gestern ein amerikanischer Dampfer mit 400 nach Palästina reisenden Juden angekommcn. Die Bertvetnrig der Brünner Universität. Wie uns aus Brünn berichtet wird, sind a's Vertreter dcr Brünner Masaryr-Univ-ersität der Dekan dcr medizinischen Fakultät o, o. Prof. Tr. N e u m a n y und Dr. Rudolf V a n y s e k nach Jerusalem abgereist.' Eine Kundgebung der Brünner Kultusgemeinde. Dtzr Vorstand der Brünner jüdischen Kultusgemeinde hat a-us Anlaß der Universitätseröffnung am 25. März eine öffentliche Festsitzung abgehÄten, in welcher die Absendung einer telegraphischen Kundgebung nach Jerusalem beschlossen wurde. In derselben Sitzung wurde der Beschluß gefaßt, daß die Brünner Kultusgemeinde (welche bekanntlich als eine der ersten jüdichen Gemeinden noch im Jahre 1920 eine aus fünf Jahre verteilte Zuwendung von 50.000 tschechischen Kronen an den Keren Hajessod abgesührt hat) es auch dem neugewählten Ku-ltnsvorstand zur Pflicht macht, alljährlich dem Palästinaaufbaufonds 10.000 tschechische Kronen ab. - führen. Die Wiener Gevbardimaemeinde zur Universitätseröffnung. Der Vorstand der türkischen Israelitengemeinde (Sephardim) in W i e n hat in seiner am 28. Marz stattgohabten Sitzung anläßlich der Eröffnung der Universität ome Glückwunsch- und Danke's kundgebnng für die Schöpfer dieser Kulturtat beschlossen und ein Begrüßungstolegramm nach Jerusalem sowie ein herzliches Glückwunschschreiben an das Wiener Zionistische LandeSkomitee gerichtet. Begrütznngstelegramme aus Wien. Anläßlich der U-niversitätseröffnuing langten aus Wien von der Vereinigung jüdischer Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler H a r u a ch ein von deren Präsidenten Felix Salten und Sekretär Dr. Z. F. F i n k e lstei» gefertigtes und vom Verein Zukunft ein vom Vizepräsidenten Kommerzialrat Paul Karpeles gezeichnetes Glückwunschtelegramm ein. Baron Alfons Rothschild in Alexandrien. Der Chef des Wiener Hauses, Baron Alfons Rothschild, ist in Alexandrien eingetrofsen, um in Aegypten kurzen Kuraufenthalt zu nehmen. Ob er der Unipersität'seröffnung in Jerusalem beiwc'hneu wird, steht noch nicht sch. __ 29. M8rz 1925 '' St, IfCf Tuchhaus „Miinz“ Wien I. Srflgass* 4 undnJCramargassa 11 ftotentafmairttM 11-11 empfiehlt sich den P. T. Damen und Herren aut Deckung des Frühjahrs- und Sommerbedarfes ln Original englischen Stoffen Für reelle und solide Bedienung bürgt wein Renommee _ 10932 Unsere llniversttSt. Von Prvf. Dr. Chaim Weizmann (Präsident der Zionft stischcn Weltorganisation). Was ist die Bedeutung einer hebräischen Universität- Deiche Funktionen soll sie erfüllen? Woher ihre Studenten nehmen? Welche Sprache sprechen? Auf den ersten Blick erscheint es paradox, daß in einem Lande, das nach so einfachen Dingen wie Pflügen, Straßen und Hafen schreit, wir mit der Schaffung eines Zentrums geistiger und kultureller Entwicklung beginnen sollten. Aber es ist kein Paradoxon für den, der die jüdische Seele kennt. ES ist wahr, große soziale und politische Probleme stehen noch vor uns und verlangen von uns ihre Lösung. Wir Juden wissen, daß, wenn wir dem Geist den vollsten Spielraum geben, wenn wir ein Zentrum für die Entwicklung des jüdischen Bewußtseins haben, wir dann gleichzeitig die Erfüllung unserer wirtschaftlichen Bedürfnisse erreichen. In der dunkelsten Zeit unseres Seins haben wir Schutz und Obdach hinter den Mauern unserer Schulen und Lehrstätten gefunden, und der gemarterte Jude fand in der Hingebung an das Studium jüdischen Wissens Hilfe und Trost. Mitten in all der schmutzigen Armut des Ghettos standen Schulen der Gelehrsamkeit, wo Scharen junger Juden zu den Füßen unserer Rabbiner und Lehrer saßen. Diese Schulen und Lehrstätten dienten als große Reservoirs, wo während der langen Jahrhunderte dcr Verfolgungen eine geistige Energie aufgestapclt wurde, die einerseits uns half, unsere nationale Existenz zu erhallen, und andererseits zum Wähle der Menschheit Blüten trieb im Augenblicke, da die Mauern des Ghettos fielen. Die Weisen von Babylon und Jerusalem, Maimonides und der Gaon von Wilna/ der Linsenschleifer von Amsterdam und Karl Marx, Heinrich Heine und Paul Ehrlich sind einige Glieder in der langen, ungebrochenen Kette geistiger. Entwicklung. Eine hebräische Universität! Ich nehme nicht an, daß irgend jemand hier eine Universität in Jerusalem anders j denken kann als hebräisch. Die Forderung, daß die! Universität hebräisch sein soll, beruht auf den Werten, die die Juden dür Welt von diesem Lande aus übermittelt' haben. Hier in der- Gegenwart von Anhängern der drei großen Weltrcligionen, die mit manchen Verschiedenheiten ihren Glauben auf den Herrn, der sich selbst Moses zu erkennen gab, gründen, angesichts dieser Welt, die ihre Grundlagen in dem jüdischen Gesetze hat, die die hebräischen Propheten verehrt und die die großen seelischen und geistigen Werte anerkannt hat. die daS jüdische Volk ihr gegeben hat, ist die Frage beantwortet. Die Universität soll das jüdische Volk anspornen, zu weiterer Wahrheit vörzudringen. Bin ich zu kühn, wenn ich Heus«, hier, inmitten det Hügel von Ephraim und Judah. meinem Ueberzeugung äusdrücke, daß die Propheten Israels nicht völlig untergegangen sind, daß unter der Äegis dieser Universität hier Hie göttliche Kraft prophetischer Weisheit wieder aufblühen wird, die einst unser war? Die Universität wird der Brennpunkt der Wiederherstellung unseres jüdischen Bewußtseins sein, das heute infolge seiner Zerstreuung über die Welt so schwach ist. Unter dem atmosphärischen Druck dieses Werkes wird unser jüdisches Bewußtsein sich ausbreiten können, ohne schwach zu werden, unser Bewußtsein wird wieder entflammt und unsere jüdische Jugend wieder aus jüdischen Quellen gestärkt werden. Da es eine jüdische Universität sein soll, kann wohl die Frage ihrer Sprache kaum gestellt werden. Ich hübe von der jüdischen Universität gesprochen, deren Sprache hebräisch sein wird, ebenso wie französisch an der Sorbonne oder englisch in Oxford. Natürlich werden andere Sprachen, alte und lebende, an den betreffenden Fakultäten unterrichtet werden; wir dürfen erwarten, daß unter diesen Sprachen dem Arabischen und anderen semitischen Sprachen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden wird. Obwohl die hebräische Universität in erster Linie für Juden bestimmt ist, so wird sie natürlich Menschen jeder Rasse und Religion liebevoll willkommen heißen. „Denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden." Neben den gewöhnlichen Fakultäten, und Instituten, die eine moderne Universität bilden, wird es bestimmte Wissenschaftszweige geben, deren Verbindung mit unserer Universität besonders angebracht sein dürfte Archäologische Forschung, die so viel von der geheimnisvollen Vergangenheit Aegyptens und Griechenlands enthüllt hat, hat noch ihre Ernte in Palästina einzubringen, und unsere Universität ist bestimmt, auf diesem Gebiete eine wichtige Nolle zu spielen. Zuletzt sei noch auf eine sehr wichtige Bedeutung unserer Universität hingewiesen. Unsere Universität muß, während sie das höchste wissenschaftliche Niveau einhält, gleichzeitig allen Klassen der Bevölkerung zugänglich sein. Ter jüdische Arbeiter und Bauer muß dort eine Möglichkeit finden, in seinen freien Stunden seine Bildung auszubauen und zu erweitern. Die Türen unserer Bibliotheken, Lesesäle und Laboratorien müssen allen weit offen liehen. So wird die Universität ihren wohltuenden Ein-