Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2186 (22.3.1925)
- Date
- 1925-03-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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f Nr. S18S V'SN Wlener Morqenzetti»««. tzS. Mrs MS TeW 6 Ae ßröftnMg der debrAschea UniveksljSt. ÄSeizmann und G«kosow «ruf dem Wege nach Palästina. London, 21. Marz. (I. T. A.) Ter Präsident der Zionistischen Weltoraanffation Dr. DH. Weizmann und der Präsident der Zionistischen Executive Na>hunr Sokolow reisten am 17. d. n.m 9 Uhr morgens von London nach Palästina ab, um der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem am 1. April bei-Mochnen. Man nimmt an, daß sie in Neapel mit Lord Balfour zufammentvefstn werden. Die Vertretung der Vereinigten Staaten. Rew-Aork, 21. Marz. (I. T. A.) Das Departement für Auswärtiges der Vereinigten Staaten beauftragte den Konsul der Vereinigten Staaten in Jerusakem, die Regierung bei der Evöffmmg der hebräischen Universität offiziell zu vertreten. Festkommers der Wiener jüdischnation«rlen Verbindungen. Die jüdisch-akademischen Verbindungen K a d i m a h, Un ktas und Makkabäa veranstalten am Samstag den 23. d. um halb 9 Uhr abends im Festsaal des Hotel Continental einen Festkommers 'der gesamten zionistischen akademischen farbentvacwnden Studentenschaft. Eintritt ausischließlich nur für geladene Gäste. Ae Waffernot k« PMftkna. Jerusalem, 21. März. (I. T. A.) Der Mangel an Wasser infolge des Ausbleibens von Regen nimmt in Palästina immer ernstere Formen an. Die Ravbinäte von Jerusalem und Jaffa haben den 16. März als einen Fa st-und B u ß e tag proklamiert. An diesem Tage wurden in allen Synagogen Bittandachten mn Regen abgehalten. Die Wasserreservoire Jerusalems vermindern sich trotz strenger Rationierung in beunruhigender Weise. Die Foldfrucht verkümmert. Angesichts des erwarteten großen Touristenstromes wird die Lage als besorgniserregend angesehen. Die Regenperiode in Palästina dauert gewöhnlich von Mitte November bis Mitte April, so daß befürchtet wird, daß die Chancen eines starken Regenfalles, durch den die Zisternen ungefüllt werden könnten, vorüber sind. Crdbebenkataftrovhe in IHint. Eine Stadt zerstört. Berlin, 21. März. Der ..Lokalanviger" Meldet aus Nsw-Aork: Rach Funkmeldungen aus Schanghai hat sich im Novdwesten der Provinz Arr-Nan ebne furchtbare Erdbebenkatastrophe ereignet. Tie Stadt Ta li fu, die etwa 80.000 Einwohner zählt, wurde vollständig zerstört, da dorn Erdbeben eine Feuer§-> 05 r u n ft folgte. Unter den obdachlos umhevirreuden Einwohnern spielten sich ergreifende Szenen ab. Die Zahl der Toten ist noch nicht bekannt, dagegen steht fest, daß-, tausende Personen verwirrndet wnvden. Ein Erdbeben in Quebec. New-Iork, 21. März. (Wolsf.) Nach hieher gelangten Meldungen wurde in Quebec ein Erdbeben verspürt, das die Häuser stark erschütterte. Der angevichtete Schaden ist unerheblich. Die Wirbelsturmkatastrophe in Illinois. Chikago, 20. März. (Wolfs.) Wie gemeldet wird, sind im Staate Illinois noch weitere Ortschaften von der Sturmkatastrophe hoimgosucht .worden. Ueberlebende erklären, daß sich die Zerstörungen innerhalb einiger Minuten abgespielt haben. Die Sensationshyanen. Rew-Aork» 21. März. (Tel.-Komp.) In dom vom WirbePurm heim^esuchten Gebiet sind Tausend e. v o n Touristen emgetroffen, die von den Rettungsmannschaflen gewaltsam vertrieben werden müssen, >weil sie die Rettungsarhoiten behindern. Die Lage ist immer noch kritis ch, da völliger Mangel an LoüenSmiiteln -und anderen Bs^arfsgHgen>stän>den herrscht. Ueberdies besteht nouestens UeberschwemmungSgefahr, da der Wabafh, ein Ne>bon>flüß des Ohio, über die Ufer getreten ist. Ser Arlervmagraph im Alveuverrin. Neue Propaganda der Völkischen. Aus Berlin wird uns berichtet: Nachdem die Berliner Sektion des Deutschen und Oesterreichischen Altzen- Vereins durch die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes die Einführung eines Numerus clausus bei_ Aufnahme von Juden geibilligt hatte, treiben jetzt die vMischnatimalistischen Kreise eine intensive Propaganda für die Einführung des Arierparagraphen, das 'heißt für den völligen Ausschluß von Juden. In einer von mehreren nationalistischen Zeitungen veröffentlichten Notiz heißt es zum Schluß: „Hoffentlich sind wir im nächsten Jahre so wert, daß wir auch in der Sektion Berlin den Arierparagraphen einführen können. Jeder werbe bis dahin tüchtig und suche zwecks Erreichung dieses Zieles soviel völkische Mitgl'kd.'c wie möglich in die Sektion hineinzubvingen" . Mische MbSrml Am 7. Nissan (1. April) erfolgt die Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem. Rach unendlicher Wanderung baut sich das Wische Ball in seiner Urheimat eine eigene Hochschule. Erez Israel, von jüdischen Armen zu neuem Leben erweckt, soll auch das geistige Zentrum des Volkes werden. Den historischen Moment würdig zu begehen, ist auch Bedürfnis der Wiener Judenschast. In der Stadl, in welcher Theodor Herst wirkte, wollen wir anläßlich der Eröffnung der hebräischen Universität Herzls Grab aus dem Döblinger Friedhof besuchen, und dem toten Führer, eingedenk seines unsterblichen Werkes, unseren Gruß entbieten. Der Grabgang findet Sonntag den 29. d. statt. Jüdische Mitbürger! Beteiligt ench an dieser denkwürdigen Manifestation. Das Präsidium des Zionistischen Landeskomitces für Oesterreich: Dr. Jakob Ehrlich. Dir. Siegmund E p l e r. Dr. Leo G o l d h a m m e r. Dr. N. M. Gelber. Sie aMemittschen ÜRoralQelliett. Der Defraudant Jascha Chomietz. Aus Warschau melket I. T. A.: Der wegen seiner blutrünstigen Judenhetzc in ganz Polen «berüchtigte „Professor" Jascha Chomietz wurde aus der ant-iseinitischen Rozwojorganisation ausgeschlossen, nachdem sich herauspestelli hat, daß er Rozwoigelder unterschlagen und für sich verwendet hat. Bela Szasz geächtet. Bor einiger Zeit kam der Ungar Bela Szasz nach Klausenburg und begann hier eine Zeitung herauszugeben. Die jüdische Tageszeituidg „Uj Kclet" wies darauf hin, daß Bela Szasz derjenige war, der in B-udapest den nngerechtfertigtertveise wegen Spionage verurteilten 23jährigen Inden Imre Klein vor dessen Hinrichtung durch den Strang schwer gequält 'hat. Jetzt steht cS für alle fest, daß an Jmre. Klein ei» Justizmord begangen wurde. Er war im Kvicgsamt in Budapest angestellt und genoß das Vertrauen seiner Chefs. Aber cm Kollege, der später in Wahnsinn verfiel, bezichtigte ihn hochverräterischer Handlungen. Jetzt wurden diese Angaben nachgeprüst und Jmre Kleins Unschuld steht zweifellos fest. Derselbe Bela Szasz beteiligte sich auch an den Quälereien gegen den jüdischen WevnhäMer Landau, der diesen Brutalitäten erlag. -Jetzt sind sich, so schreibt „Uj Kelet", alle Journalesten Transsylvaniens, Juden und Nichtjuden. darin einig, daß zwischen ihnen und diesem Bela Szasz keine Gemeinschaft zu bestehen halbe. Szasz ist der Verachtung preisgegeben und wird wohl bald Transsylvanien vevlaffen müssen. Die Oesterreichische Keren-Hajenod Aktion mirde über Beschloss des Exekutivkomitees bis zum 28. März verlängert! Jüdische Mitbürger! Die .Repräsentanz der Wiener israelitischen ■Kultusgemeinde hat in Erkenntnis der Bedeutung des . jüdischen Kolonisationswerkes in Palästina für das gesamte Judentum dem wichtigsten Finanzinstrument des Aufbaues, dem Keren Hajessod. den Betrag von 20.000 Schilling gewidmet. Folget dem Beispiel der altehrwürdigeu Kultusgemeindevertretung! Denket an die heroischen Leistungen der jüdischen Pioniere in Erez Israel! Stärket die Arbeitsfreude, die Zuversicht unserer herrlichen palästinensischen Jugend durch wahrhaftige Opferleistungen! Sie bauen Strassen, eutsumpfen das Land, de» stellen den Acker, errichten Städte. Gebt ihnen Mittel für Saatgut und landwirtschaftliches Gerät, für Einwandererheime und Spitäler und sorgt für die Lehrer ihrer Kinder! Zeichnet für den Keren Hajessod! Das Wiener Bureau des Keren Hajessod be- . findet sich U Kärntnerstrasse 28, Telephon Nr. 77-4-85, 77-4-86. * L/j KUNEROL Schel Pessach HCD *?t9 Sehet Pessach 100% reines Fell aus Kokosnüssen Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwflrden des Herrn Oberrabbiners 8. B. E h r e n f e I d, Mattersdorf Sin schwarzer Gentleman. Bon Paul Enderling. Wenn sich dir Mister JenKns' quadratfußgroße bvauw schwarze Pfote entgegenstreckt, überlegst du es dir ein ganze Weile, ob du deine Rechte da h'meinlegst; denn es ist so unwahrscheinlich, daß sie unqerquetscht daraus herv^rgeht. Aber die Augen lachen so kinderfvoh, diese Augen, die wie weiße Knöpfe in dem Mchrengesicht sitzen. Ans San Dcmingo geboren und dreißig Jahve aus Soe. Die Wellen aller Ozeane haben nach ibm Keine behielt ihn. Jetzt ist er am Ziel all der Wünsche, die ein Schiffsikoch hat; er hat ein Letal in Sankt Pauli. ..In einer engen, dunstigen, menschenleeren Gaffe. Abends zittert von der Reeperbahn her das Licht der elektrischen Lampen, vibriert der Lärm der dort durcheinanderbrodelw den Menschenmaffen. „Willy?" „Well." Und er gießt ein. Mir und sich. Und schlürft mit hochgezogenen Augenbrauen. Aber das Zeug schmeckt schrecklich nach Petroleum. Ich würge und würge. Die Wände ringsum sind mit Zeitungsausschnitten tapeziert. Grellfarbige amerikanische Karikaturen, exotische Landschaften, senttmentale Szenen, Porträts — aber nichts Obszönes. Keine Spur der Tapete ist zu entdecken. Ganz kraus wird einem von all dem bunten Zeug. Nun aber durch einen langen, schmalen Gang ' ins Allerheiligste. Hier ist alles ,>echt". Stimmung, Milieu. Binsenmatten an den Wänden. Speere, Schilde. Keulen, Assagais. Ausgestopfte Papageien. Alligatoren, Ochsenfrösche, Dotenschadel. Auf dem größten schwankt die abgerissene Krempe eines Zyliuderhutes wie ein Heiligenschein. In der Ecke am Stammtisch sitzen die Stamnlgäste, amerikanische wie englische Kapitäne. Gußeiserne Gestalten. Lautlos starr. Griffe nicht ab und zu die Hand zum Grogglas und käme nicht die süßduftende Wolke aus ihren kurzen Pfeifen, man hielte sie für. leblose Wesen. Aber die scharst«, kleinen, blitzblauen Augen unter den beuteligen Lidern sehen sicherlich alles: es sind Augen, die den milchigen Dunst des Kanals durchdringen. Plötzlich erhebt sich einer von rhnetr, tritt auf die ,/Bühne" und legt los. Singt mit unerschütterlicher Ruhe .fabelhafte fongs. Jede Strophe beginnt: ,,'t was a young man in Baltimore" oder „in Calcutta" ufw. Was dem Jüngling da passiert ist, läßt sich auf Deutsch schlecht sagen-— Der stutzende Ernst und die pviesterliche Würste des 'Sängers wirken so zwerchfellerschütternd. Immerhin, er ist Gentleman: als ein Frauenrock sichtbar wird, bricht er kurz ab und ist nicht zu einer Fortsttzung zu bewegen. Ein hagerer Bursche, mit billiger Eleganz gekleidet, nimmt am Nebentisch Platz. Neben ihm ein schlankes Blondinchen mit Augen, o, mit Augen: Rostttt hat solche Augen gemalt. Sie sieht ängstlich zu ihm auf. Wie ein Hund, dem eine Dress,tr eingeprügelt werden soll. Mir fällt aus. daß Jenkins „ihm" nicht die Hand g'bi. Da steht er aber schon auf der Bühne. Das Kabarett — ich habe nur in Paris bei Aristide Bruaut ein echteres gesehen — tritt in fein Recht. Jenkins singt, in Hemdärmeln, mit eingebeultem Zylinder auf dem Schädel, ein übermütiges Lied von einer „miffis Dan". Alles heult den Refrain mit. Am lautesten ein junger NiMr. den einige junge Kausleute eifrig darin unterstützen. In den Pauten spuckt Jenkins scheinbar aus, fängt es in der Luft und steckt es in die Tasche. Er ist nicht ganz sabonfah'lg, dieser Schwarze. In das BeifallLk'atschen am Schluß klingt, der heftige Worlt Wechsel vom Nebentisch. Der Hagere redet erregt auf die Blonde ein. Er spricht mit heiserer, kognakverbrannter Stimm«. Das klingt so infam. Ihre Augen irren umher. „Alles, Teile, nur das nicht-" Mich überläuft es kalt, als ich begreife: in diestm kleinen Raum, in dem sich drei Erdteile „Guten Tag" sagen, prodrtziert sich die europäische Bestie, die unsere Kultur, unsere famose Kultur herangezogen hat. Da — ein unterdrückter Schrei. Er hat sie geschlagen. Die Seeleute blicken scharf hm. Jenkins hat sich echoben und geht langsam auf den Tisch zu.