Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2183 (19.3.1925)
- Date
- 1925-03-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981268--22237-3009630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rr. 2183 Wien, Donnerstag Wiener Mornenzettnn«. 19. m<t% 1908 Sette 3 Hetde Donnerstag, 19.März, \8Vhr abds.,spricht im C JCf IV Q jA f 7 FAT der vor kurzem Palt\« Crossen Konzerthaussaal der bekannte Schriftsteller * E*i**M*Y Aj/Urfl t**lV $tina besucht hat,über »Neue Menschen auf alter Erde" Karten sind im Zionistischen Bureau, Wien, I. Bezirk, Kärntnerstrasse 28 (Telephon 77-4-85, 77-4-86) erhältlich Sie Budgetberatung der Wiener Wischen kemeinde. Provozierende Reden eines Nultnrsozialdemotrate«. - Energische Abwehr durch die übrige« Parteien. - Die Rede» Ir. Piaschter und gug. Strickers. - Ja» Budget angenommen. Jer neue tschecho-IIowakifche Sesaudte in Me«. Me die Politische Korrespondenz erfährt, hat die österreichische Regierung dem bisherigen kschccho-flowakischen Minister für soziale Verwaltung Gustav H a b r m a n das Agrement für seine Ernennung zmn Gesandten der bschecho-slowakischen Republik in Wien erteilt. Mataja» Romreise. . BunbeSnttniftar für auÄvärtige Angelegenheiten Dr. Mataja ist, wie schon ^richtet, nach Sizilien abgeveist, um dort zur Wiederherstellung seiner Gesundheit einen mehrwöchigen Aufenthalt zu nehmen. Die offiziöse „Agenzia di Roma" schreibt, die Reise erfolge haupisächlich zur Evhoilung, aber der Minister üverde hiebei auch die Gelegenheit benützen, sich mi t der italienischen Regierung zu besprechen. Italien messe dem Ausbau der Beziehungen zu Oesterreich besondere Bedeutung bei und habe nicht verfehlt, zur Sanierung das Seine beizutragen. Auch bei der letzten Genfer Tagung habe Scialoja diese Politik Italiens bekräftigt, und seine Erklärungen halben in Wien ein Echo der Befriedigung gefunden. _ Auflösung der Wischen Pfadfinderorganisation in der Bukowina. Czernowitz, 17. März. (I. T. A.) Die vumanifche politische Polizei (Siguranza) nahm im Lc'kal der Bukowinaer SchomrimOrganisation eine Haussuchung vor und versiegelte dasselbe. Es verlautet, daß die Behörde die Auflösung dieser jüdischen Pfadfinderovganisation verfügen wird. Diese Maßnahme hat hier große Verwunderung hervorgerufon, -da zweifelllos feststöht, daß die Schomrimorganisatlon sich niemals mit Politik abgegeben hatte. Man führt das Vorgehen gegen -die Schomrvm ^darauf zurück, daß ihre Organisation aus der allgemeinen rumänischen Pfodsinderorganisation ausgetreten ist. Repatriierung der Pogromfiüchtlinge in Beßarabien. Kischiinew, 17. März. (I. T. ft.) Die gemischte russische rumänische Grenzkommission hat sich endlich darüber geeinigt, de» in Beßarabien und im übrigen Rumänien weilenden ukrainischen Pogromflüchtlingen die Möglichkeit einer Rückkehr indiealte Heimat zu geben. Auf Grund dieses Beschlusses der Grenzkomm isiion forderten die rumänischen Behörden die ukrainischen Flüchtlinge auf, sich in di e Heimkehrerlisten einzutragen. Die FlüchNngsschutzkomitees wurden aufgefovdert, binnen drei Tagen die Listen all derer einzureichen, die nach Rußland Kurückzukehren wünschen. bin Riesenbrand in Tokio. 3000 Häuser eingeäschert. — 20.000 Obdachlose. Tokio, 16. März. (Wolfs.) Gestern nachmittags brach im Norden der Stadt ein Brand aus, der bald größeren Umfang annahm. Bis 10 Uhr nachts sind dem Brande einige tausend Häuser zum Opfer gefallen. Um der nach allen Richtungen sich ausbreitenden Feuersbrunst Einhalt zu tun, wurde Militär herangezogen, Die Bewohner der Stadt flüchteten auf die Straßen. Nach einer neuerlichen Meldung beträgt die Zahl der eingeäscherten Gebäude 3000. Die Zahl der Obdachlosen wird auf 30.000 Personen geschätzt. Nach langen Bemühungen ist es endlich der Feuerwehr gelungen, der Ausbreitung des Brandes Einhalt zu tun. Aus aller Wett. Washington, 17. März. (Reuter.) Der Senat bat der Er- Normung John Garibaldi Sarge nt 8 zum Geueralstaatsanwalt und Schurmaus zum Botschafter in Berlin zugestiimnt. Kairo, 18. März. (Tel.-Komp.) Rach einer Mol'dung aus Dschedda halben die Truppen des H e d s ch a s den Wahabi t e n eine schwere Niederlage beigebracht. Diese sollen 200 Tote verloren halben. Die Truppen dos Hodschas haben 9 Tote urrd 30 Verwundete. Kairo, 18. März. (Tell.-Komp.) Die Mörder des Sirdar halben, wie mitgoteilt wird, alle ihre Helfershelfer augegöben. so daß neue Verhaftungen vorgouoinmen wurden. Einige Verhaftete haben auch zugegrben, auch an anderen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Fairmont (Wostvirginia), 17. März. (Reuter.) Durch eine Explosion in einem K o h l e n b e r g w e r k e der Bethlchom Mm:6 Corporation sind etwa 5,0 B or ale n ie verschü tte t worden. Die Explosion war so heftig, daß m einem Umkreise von drei Meilen die Gebäude erschüttert wurden. Parts, 18. März. (Wolfs.) Der „Petit Puristen" meldet aus T i e n t f i n, daß der K u l 1 u s m i n i st e r von den P r ofessore-n der staatlichen Universität überfallen und durch Stock schlüge schwer verletzt wurde. London, 18. März. (Tel.-Komp.) An der Norbküste der Lanakinsel Jersey sind heute morgens mehrere starke Erdstöße verspürt, worden, die aber nur geringen Sachschaden verursachten. Die gestrige Sitzung des Vorstandes der Kultusgenreinde, in der die Budeget'beratungen fortgesetzt wurden, erfuhr durch die Provokation eines Mitgliedes der Fraktion für soziale Tätigkeit eine unliebsame Störung, die sogar zu einer zeitweisen Unterbrechung der Sitzung führte. Dr. Glanz heißt der freisinnige Sozialdemokrat mit dem überaus großen jüdischreligiösen Empfinden, welcher cs wagte, au der Reinheit der im Saale a-mveseuden Parteien — gemeint war die zionistische Fraktion — zu zweifeln. Als von den Mchrheitsparleien stürmisch verlangt wurde, daß sich Dr. Glanz in gehöriger Farn: entschuldige, weigerte sich dieser hartnäckig trotz des Zuredens seiner Klubkollegen, eine Erklärung abzugeiben. Er wollte von seiner Behauptung nicht erneu Deut Massen. Daraufhin verließen die Mchrheitsparteien demonstrativ den Saal. Die Zwischenrufe aus dem Nebenzimmer von ,-politischer Verleumder" und Brunnenvergifter" machten den Lärm so groß, d rß sich der Vorsitzende veranlaßt sah, die Sitzung zu unterbrechen Ms Dr. Glanz sah. daß er nunmehr vor leeren Bänken weitersprcchen müsse, ließ er sich, wieder auf Anraten seiner Klubkollegen, dazu herbei, eine Erklärung abzugeben, die aber von den meisten Anwesenden als „Dreh" bezeichnet wurde und es iu Wirklichkeit auch war. Dr. Glanz konnte dann seine langatmige, sich oft wiederholende Rede ungehindert fortfetzen. Er verteidigte die Einmischung der Sozialdemokratie in jüdische Knltusangelegenheiten als „Notwendigkeit", weil die große Partei die Juden schütze. Ms erster Redner setzte Gemeinderat Dr. Plaschkes seine vorgestern nachts abgebrochene Rede fort. Er betonre eingangs, daß das vorliegende Budget nicht mechanisch von dem vorjährigen abgeschrieben wurde, sondern jede einzelne Ziffer aatf Grund eingehender Berütstngen neu aufgssirllt wurde. Dafür gebühre allen denen, die daran mitgearbeiici hoben, der größte Dank. Redner verwahrte sich in sehr scharfer Form gegen die Vorwürfe, die die Redner der Partei für soziale Tätigkeit gegen das Sekretariat und insbesondere gegen den ersten Sekretär Fuchs gelb erhoben hatten. Sekretär Fuchsgolb ist'als Beamter eine wertvolle Kraft und vevdirm es wahrlich nicht, in solcher Weise behandelt zu werden. Er ist das Opfer einer Hetze, die gegen ihn von der Angestelltenschaft betrieben wird. ES könne nicht zugelassen werden, daß ein verdienstvoller Beamter m solcher Weise angeflegelt werde und daß einige Beamte der Kultusgomeinde — es sind dies die Herren Pick, Kaiser, Figdor und Genossen — die Anmaßung so wett treiben, auf Grunv lächerlicher Behauptungen den Beweis dafür vor Gericht erbringe» zu wollen, daß der gesamte Knltusvorstand korrupt sei. Redner betonte sodann die Notweudigkeit der Einrichtung eines Rechtsschuhamtes für die in ihren Rechten gekränkten Juden. Was den geforderten Ausbau einer neuen Bibliothek und eines Archivs anlange, so sei das auch feiner Partei immer am Herzen gelegen. Zum Kapitel Taxen und Gebühren führte Dr. Plafchkrs aus, daß seine Partei Hsne einer Erhöhung zustunmen würde, wenn chr die Gewißheit geboten würde, daß das eingewurzelte Trinkgeldshstem » endlich beseitigt würde. Die Angestellten der Kultusgememde seien mit den Angestellten der Gemeinde Wien materiell glerchestellt, es müssen aber auch alle Borausetzungen zutreffen. Was man einem städtischen Straßenbahnschaffner zuirauen dürfe, müsse aber auch für Rabbiner, Kantoren usw. gelten. Trinkgoldre werden aber nach wie vor in unerhörter Weise eingehoben. Redner hübe gerichtsovdnungsmäßig Nachweisen müssen, daß 45 Prozent aller Angestellten das Einfache oder Mehrfache ihres Gehaltes durch Kasualien beziehen. Diese Angestellten berufen sich darauf, es sei ihr historisches Recht. Damit müsse endlich aufgeräumt werden. Wenn dom Vorstand vorgoworfen wird, daß die Bewm'en noch keine Pensionsuormale haben, so müsse gesagt werden, daß die Vertreter der Beamtenschaft, Pick, Kaiser und Figdor, es! waren, welche die Beschlußfassung vereitelt haben. Untere Angestellten sind in jeder Hi-nsicht mindestens gleichgestellt den Angestellten der Gerne inde Wien, vielfach sogar besser gestellt. Die Wiener Kultusgemelnde weist bessere Peusionsbestiinmungen auf als irgend eine öffentliche Körperschaft. Für die tade'- lose Beamtenschaft soll alles Mögliche geschehen, jedem soll sein Recht auf angemessene Entlohnung werden. Die Beamten und Angestellten aber müssen sich von ihren ganz unverantwortlichen Führern befreien, die einen , ruhigen Betrieb unmöglich machen und die Gemeinde ebenso schädigen wie die ganze Beauvtenuud Anqeftellteuschast. Beamtensührer, die sich das erlauben, was die Herren sich bei uns hcransnchmen, werden nirgends geduldet, besonders nicht im sozialdemokratischen Nathans. R'cdner besprach dann die Kaschruth-, Mohelrrn- und Mikwuhfrage uud evklärte, die Mr^vah, das jüdische Bad, müsse wieder in die Verwaltung der Gemeinde zurückgebracht werden. Die Gebühren für die Mazzotherzeugung müßten für alle gleich sein, um den Wiener Bäckem und und Händlern nicht die Konkurrenzfähigkeit zu rauben. Sodaun befaßte sich Redner mit dem Kapitel Unterricht. Der Religionsunterricht in den Elementarschulen, aber vor allem auch in den Mittel« schuleit, müsse gründlich verbessert werden. Auch der Frage des Jugeudgottesdienstes inüsse größeres Augenmerk zrrgeweudet werden. Auf dem Gebiete des Friedhofs- und Beerdigungs- Wesens solle eine Vereinheitlichung Platz greifen. Das Begräbnis aller Inden müsse gleich feierlich fein und die Taxen feien von der Steuerleistuug abhängig zu machen. Gberrso müsse bei Trarlnngcn vorgegawgen werden. An dmn Spital der Gemeinde bemängelte Dr. Plaschkes, daß dort ein absoluter Mangel an jüdischen Pflegerinnen herrsche. Das Institut für jüdischr Pflegerinnenausbildung sei wieder zu eröffnen. Die Gemeinde soll in Hinkunft ihr Augenmerk dem jüdischen Kindevfpital und vor allem der Fürsorge in den städtischen Humanttätsanstaltert zuwenidsn. Redner setzte sich sodann für die Gewährung von Erleichterungen bei der Steuerzahlung durch Einräumung der Möglichkeit von RatenHahlungen ein. Auf die Wahlrechtsfragc übergehend, erklärte Dr. Plaschkes: Die zionistische Partei ff! für das allgemeine Wahlrecht,, gegen jedwede Seßlhaftigkeiismaßwahmen und für das passive Wahlrecht der Augestell: en. Merdings werden von der Mehrheit, des . Vorstandes schwere Bedenken dagegen geäußert, daß den Angestellten der Gemeinde dar passive Wahlrecht gewährt werde, da sie, durch ihre Führer irregeleitet, offenbar gegen den Vorstand und ddo leitenden Beamten Stellung nehmen. Mschließend führte Redner aus, daß seine Parier immer dafür sorgen werde, daß die Einheit der Gemeinde «gotoahrt bleibe und gab namens der zionistischen Kultusräte die EMärung ab, daß sie für das Budget aus der Uebertzeugnug stimmen werden, daß im nächsten Jahr der Weg zur ßüdischen Volksgemeinde weiter bcschritten werde, daß die jübffche Gemeinde als Teil der Gcsamtjndenheit der Welt an Ehre und Ansehen wachsen werde. Die Beschlüsse für den Keren Hajessod und die Begrüßung der Universitatseröfsnung in Jerusalem sind gute Ansätze zur Erreichung dieses Zieles, das allen Parteien am Herzen liegen müsse. (Lebhafter Beifall und Haudeklaffchen.) Als nächster Redner sprach Dr. Bader und nach Hm Dr. Glanz, wobei es zu den eingangs erwähnten unerquicklichen Szenen kam. Vorstandsmitglied Scharfstein befaßte sich sodann mit den Zuständen in der Schiffschule und der Versorgung mit Koscheöfleisch. Herr Dohann (Union) erklärte, daß die Bevölkerung zur S t e u e r l ei st u n g syste ma t is ch herangezogen werden müsse. Er forderte eine weitgehende Renovierung des Leopold st ä d t e r Tempels. Hierauf kam in spater Nachffttmde Oberbaurat Stricker zum Wort; er wendete sich zunächst gegen den Vorwurf, daß seine Partei den Einigungsbestrebungen zwischen Vorstand und Beamtenschaft entgegenstehe. Vertreter der Beamtenschaft haben gegenüber dem Kültusvorstand ein Benehmen an den Tag gelegt, daö jede sachliche Auseinandersetzung vechindert; hie Disziplinaruntersuchung gegen diese Beamten ist daher erklävlich. Redner befaßte sich sodann eingehend mit der Behauptung der Partei für soziale Füvsonge, daß sich die Jndenschajft hiiuter die Soziaildemokratie stellen müsse, bei der sie Schutz finde, Tie österreichische Sozia>ldvlnvkr>aitie 'ist den Inden gegenüber int allem Punkten ihrem Programm untreu geworden. Der Antisemitismus in roter Bluse ist größer als der der HakenkreUi-ler. In der Frage der Bodenständigkeit und der Hochschulfrage hat dir Sozialidanrokratie den Juden gegsmibev,? jenen, die «im sozialdemokra tischen Lager stchen, ebenso luic allen anderen, völlig versagt. An den Hochschulen iverden die jüdischen sozialdemokratischen Lehrer und Studenten genau so bchandoit wie die jüdischnatiolbalen. Einer so schwer kompromdtt'ievten Partei kann die Judenschaft nicht chpsn Schutz anvertrauen. Schutz bei anderen. statt bei sich selbst zu suchen, hat Mch den Juden stets Unheil gebracht. (Lebhaft«: Be-isall und Händeklatschen.)