Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2176 (12.3.1925)
- Date
- 1925-03-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Gkik r Men. Donnerskag_ Wiener MorBjfnzelittNS. fraget 704 Schuhel mit eingebautem vyBars9n*a*Giiiiini‘-Absatz Aus den letzte« Fahrender Monarchie Masaryk im Kampf für die nationale Autonomie. Bon Dr. Isidor Schalst. Im Jahr 1865 harte der Nanonalstätenstreit!n Lester» reich wieder einmal einen beunruhigenden Umfang angenommen. Die ParlameotSmaschine fnnknonicrte nicht, Ungarn machte Schwierigkeiten und das vom Wahlrecht ausgeschlossen« Proletariat forderte energisch seinen Anteil an der Gesetzgebung. Da entschloß sich die Regierung zu einer Erweiterung des Wahlrechtes. sic erhoffte davon eine allgemeine Beruhigung. In der Tat. der p^itrsche Kuhhandel, der nun einsetzt«, erfüllte alle politischen Parteien in vollem Ausmaße, galt es ja den sogenannten nationalen Besitzstand zu wahren. Alle unparteiischen Beobachter aber erkannten, daß das allgenreine Wahlrecht allein nicht die Lösung des österreichischen Problems sein könne. Ich unternahm es, in Freundes-kreisen die Ideen Adolf Fischhofs zn propagieren. Fischhof, der Achtuniwierzigerlegionär, hatte im Jahre 1969 in einer Broschüre „Oesterreich und die Bürgschaften seines Bestandes* der nationalen Autonomie das Wort geredet. Im Jahre 1882 versuchte er sein« Absichten in die Wirklichkeit umzusetzen und kam nach Wien, um eine Koalition aller freisinnigen Elemente aus allen Nationen auf Grund eines demokratischen und autonom istffchen Programms auszustcllcn. Meine Freunde entschlossen sich sofort zu einer politischen Aktion und eröffneten eine Vcrsaimnlungskanlpagne in ganz Oesterreich, die einen großen Umfang gewann. Ich begann mit einer Versammlung im alten Ronacher-Saal. Ich sagte dorr: „Oesterreich sind nicht die Deutschen, auch nicht die Tschechen, noch die PoLen, sondern alle guten Menschen, welcher Sprache und welcher Nationalität sie auch seien, die ihren Patriotismus nicht allein in der territorialen Gemeinsamkeit. sondern in der Gemeinsamkeit der A-ufgabe erblicken, alle Völker und Stamme dieses Reiches zur gegenseitigen Achtung und Duldung und prr gerneinschaftlichen und friedlichen Kltlturarbeir antzurufen." Tie Zionistische Organisation Oesterreichs, deren Vorsitzender ich war, akMierte meine Leitsätze. Aus dem Parteitag in Krakau wuche das neue Programm geschaffen. Dorr heißt es: Oesterreich, von verschiedenen Völkern bewohnt, deren Siedlungsgebiet sich fast ausnahmslos über di« Reichsgrenzen hinaus erstreckt, kann seine politische Existenz nicht auf der Idee des einheitlichen Nationalstaates, sondern nur auf der Idee des reinen Rechtsstaates gründen und muß deshalb seine Aufgabe gegenüber seinen Völkern darin suchen, deren Rechte und Freiheiten im Rahmen der Reichseinheit gleichmäßig anzuerkennen und ju fördern. Während ich in Krakau Werlte, traten in Wien die außerhalb der Zionistischen Organisation stehenden Politiker, die sich der nationalen Autonomie verschrieben hatten, ja einer Beratung zusammen, die mit Einsetzung eines politischen Komitees zur Erkampfung der nationalen Autonomie endete. Zirm Vorsitzenden wurde ich gewählt, zu Stellvertretern Abg. Masaryk und der gewesene Gemeinderat Lucian Brunner. Der Zionistischen Organisation wurde die Arbeit in Galizien und der Bukowina zugeteilt. Da wir v o r d e r e r st e n Wa h l in das Parlament deS allgemeinen Wahlrechtes standon, dachte ich zunächst an eine Ralliierung aller autonom ist isch gesinnten Faktoren, also der linksstehenden Polen, der Ruthenen, der Sozialdemokraten und der Juden. Dr. Viktor Adler, an den ich mich bezüglich der Sozialdemokraten wandte, erklärte, meine Bemühungen unterstützen zu wollen. Da aber über politische Angelegenheiten Galiziens nur die, polnische Sozialdemokratie zu entscheiden hätte, wolle er den Abg. Daszynski und Doktor Diamant nach Wien berufen. Ich forderte meine Freunde Adolf Stand und Dr. Braude ebenfalls aus. sofort nach Wien zu kommen. Wir traten zu mehreren Beratungen zusammen, di« Schlußsitzung in meiner Wohnung ergab völlige Uebereinstimmung. Die Tetailausführungen wurden den respcktivcu Komitees in Lemberg überlassen. Da wir in dieser ganzen Aktion kein Parteiinterrsse, sondern lediglich das Staatsinteresse fordern wollten, harte ich schon vorher denr damaligen Minister des Innern Grafen Bylairdt-Rheidt in mehreren Unterredungen von unserer Arbeit Kenntnis gegeben. Ich hatte alle Ursache, zu glauben, daß di« Regierung sich zu uns bekennen werde, daß sie aber' angesichts der ungeklärten politischen Verhältnisse nicht den Mut habe, öffentlich ein Engagement einzugehen, daS sie in offenkundigem Gegensatz $u den großen Parteien des Reichstages gebracht hätte. Ich hatte allen Grund, zu vermuten, daß die Regierung erst den Erfolg unserer Arbeit scheu wolle, bevor sie in irgend welcher Form zum Programm der nationalen Autonomie Stellung nehmen würde. Da ließ mich der Minister eines- Tages zu sich bitten, um mir namens der Regierung zu erklären, daß sie unser« Politik nicht unterstützen könne. Ich nahm diese Erklärung nur für ein« schöne Geste, denn die Aufmerksamkeit des allmächtigen Polenklubs war bereits geweckt worden. Es war aber mehr wie eine Geste. Es war eine wirkliche Absage, denn in einem zwei Tage darauf erschienenen offiziösen Commnnique wurde von meinen Besprechungen mit dem Minister, von unserem Programm und von der erfolgten Ablehnung Kenntnis gegeben. Damit war die Sache gefallen. Di« Dahlbewegung, die darauf einsetzie, zerstörte die vor» angegangene Arbeit. Sie brachte auch die Mitglieder deS Komitees zur Erkämpfung der nationalen Autonomie auseinander, das Parteiinteresse war doch noch immer größer als das Staatsinteresse. Masaryk und die vier jüdischen Abgeordneten waren im neuen Hans« allein Sie konnten nicht viel ansrichten. Es hatte sich auch viel geändert. Mar cs vor einem Jahre noch möglich, im Ministerium in der Wippliugerstratze über national« Autonomie zu verhandeln, unter dem Ministerium Biencrth lief man schon Gefahr, des Hochverrategezrchen zu werden, wenn man nur von nationaler Autonomie sprach. So mußten Masaricks Versuche scheitern, freundschaftliche Beziehungen mit Serbien und den Südslawen anzm knüpfen, so zerffattert« die Arbeit für die nationale Autonomie und hatte nur mehr literarisches Interesse. Zwölf Jahr« darauf» im Oktober 1818 hat die letzte österreichische Regierung den Völkern Oesterreichs die national« Autonomie angeboren. Allein cs war zu spät. Und so kam. was kommen mäht«. Die RelchsprSfideutschast. Dr. StinenS nimmt die Stellvertretung «tu. (Eigendienst der „Diener Morgenjeituny".) Berlin, 11. März. Der zur Stellvertretung des verstorbenen Reichspräsidenten berufene Präsident des Reichsgerichtes, Dr. Simons. ist heute mittag-' in Berlin eingetrcffen. Sein« durch die Reichsvcrfassung vorgeschrioLene Vereidigung fhtbct morgen mit 12 Uhr mittags i-n einer besondere» Sitzung des Reichstages statt. Me die Blätter melden, wird Dr. Simons für die Dauer seiner Amtszeit i-m Palais des Roichspräsidruien Wohnung nähmen. Die Rechtsparteien schlafen Geßler als gemeinsamen PrSstdentschaftskandiderten vor? Bei den Befprechungen des Ausschusses der Rcchtsgruppen mit den Vertretern des Zentrums und der Demokraten wurde erklärt, daß die Rechtsparteien an der Kandidatur Dr. I a r r e s festhasten, aber für den Fall, als das Zentrum, wi« cs He Demokraten ge kan haben, aus ein« eigene Kandidatur vernichte, bereit.seien, über eine gemeinsame Kandidatur der bürgerlichen Parteien zu beraten. Me das „Berliner Taaee-latt" wissen will, sei von rechtsstehender Seite als eventueller gemeinsamer Kandidat der ehemalige Reichswehrminister Gcßlcr genannt worden. Zentrum und Demokraten-hatten ans -diesen Vorschlag noch keine A n t w o r t erteilt. Das 3 c lt t x u nt steht, wie Ihr Korrespondent erfährt, dieser Ldandidatur mir schweren Bedenken gegenüber. I-m Auftrag der Ze-ntrumsfraktioN begab sich abends der Zeutrumsabgeordnete v. Gerard in di« Sitzung des Arbeitsausschusses der Rechtsparteien und teilte mit, daß für das Zentrum-die Kandidatur Iarres untragbar fei. das Zentrum aber auch für die Kandidatur Geßlers nicht eintrete n könne. Die Entscheidung in der Kandidaten-frag« wird nun erst, morgen mittags fallen. Diese' ungeklärte Situation gab mm zu Gerüchten Arrlaß, wonach zwischen dsn S o.3 ia! de m 0 k ra te n, den Demokraten und. dem Zentrum bereits Verhandlungen eingvleitct wurden, mit dem Ziele der Zurückziehung der sozialdemokratischen Son derka n dida tur und der Ausstellung einer gemeinsamen Kandidatur Marx'. Gbert und Rathenau werden weiter beschimpft. In der heui-igen Sitzung des preußischen Landtages entstand ein derarti^-er Tumult, daß die Sitzung unterbrochen werden mußte. Bei Behandlung der Interpellationen über das Dortmunder Grubenunglück ergriff der deutsch?ölkische Abgeordnete Kaiser das Wort, der den-Opfern der Katastrophe das größte Lob spendete und meinte, jeder einzelne von ihnen iS>ÄiWWM>WWW>WMWW>>WW>WWW>WWWWMWWW>W>WW>WW>WW>WWi Oesterrekhiidie Keren-Hajenod Aktion Mürz 1029 Juden, erfüllet eure Keren-Hajessod-Pflicht HEUTE Jiidtsohes Meeting in den Eiehensaien, X, Favoriiemtrasse. Kellner: Erau Anitta Müller*Cohen, Herr Dr. Eugen Felix und David Nobeazahl, Beginn präzise lj$ Uhr abends. Konteren* der födiaohen hamanit&ren Vereine des XX Betirkee im bitzungssaale des Klucky-Tempels, XX. Klucky* gasse 20. Referent: Herr Dr. N. M. Oexher. Beginn ^8 Uhr abends. Bitaooe de# Aeeeohmtes der Zion!« schoben Sektion für den Vl-Vlll Besirk in den Vereinsräumen, Vlil, Bennoplatz t. Tagesordnung D e österreichische Ke en. Hniessod Aktion. Referent: Herr Dr. Otto Abele«. Beginn prAziee Uhr abends. 12. Marz 1925 Nr. 8176 _SPIELBXUE__ Gummischuhe, Gummimantel und Gummiwaren aller *\rtru Fabrikspreisen! SPIRMANN « HOROWITZ Wien, fl. Rer., Taborstrasse Nr. 11b - Telephon sei mehr wert gewesen als beispielsweise ein Rat h e n a u oder Eber t, für dessen Beerdigung man drei Millionen übrig gehabt habe, während nran die HinterAiebenen der Berung-lückteu mit wenig abspciiste. Diese Worte riefen bei den Linksparteien ungeheure Erbitterung hervor, die sich in Leit heftigsten Zurufen geZen den Redner Luft machte. Ta der Präüden! keine Ruhe schassen konnte und es zn Tätlichkeiten zu kommen drohte, entschloß sich der Vorstände, die Sitzung zu unterbrechen. Re Rathenau-Mörder. Ein neuer Prozeß gegen einen Mordkompliect«. iEigenoienst der „Wiener Morgenzeitung" V Berlin, 11. Mär^ Wie die Blätter melden, Hatz der OberrcichsanwÄt es erbgelehnt, das Verfahren gegen detr Freiberger Fabrikanten Küchenmeister wegen Bei hilsc zurErmordung Rat Henau ö cinzustelleu. Nach den neuesten Dispositionen sollen die Verhaudlnngeit des zweiten Ra 1h e na u-M ordpr 0 z e s se s anfangs .Mai vor dem Staatsgerichtshof stattsinden. Wie noch erinnerlich, ist Küchenmeister der|en:ge. welcher für die „patriotische Tat", Rathenau zu ermorden, scm Auwmobi'l beigestellt hat. Die Mörder NaLhenans hat die deutsche Justiz, obwohl es ihr ein leichtes gewesen wäre. Äe ihr bekannten zwei Mordgesellen festzunehmen, absichtlich entwisel)en lasten: sie haben im Dorado aller Mordbrenner, Banditen und Herder, in Horthy-Ungarn, gastliche Aufnahme gefunden und weilen wahrscheinlich heute noch dort, tocrm auch offiziell angegeben wird, sie seien nach Italien ,/nrsgewandert^. Der erwähnte Küchenmeister war ins Nns-land geflüchtet, Äs es den Anschein hatte, daß die Gerichtsbehörden nicht toürden unthin können, gegert chn ein Berfahren ciuztrleiten. Da er nunmehr tvüÄer' 'in Deutschland ist, so weiß er wahrscheinlich» daß das bevor» stehende Berfahren nicht mehr als eine ©efte sein wird. §In saszistlscher Streit. Mailand, 11. Marz. (Tel.-Komp.) Der faszistisct^ Metallarbcitcrstreik hat sich heute von Brescia aus L 0 d i und Mailand ausgedehnt, wo die Arbeiterfchafl der Maschinenfabrik Bianchi in den Ausstand getreten rsh Eine Derjarmnikung der Streikenden beschloß, daß morgen auch in allen anderen Metallfabriken und Stahlwerken die Arbeit ruhen werde. Ferner soll von nwvgen a-n auch :n den Industrirorten der Umgebung Mailands gestveikt iverden. Den Mctallindustriellen von Bergamo wurde eine 24stündige Frist zur Annahme der von der faszistischen Gewerkschaft vorgeschlagenen Lohnverträge gefetzt. ' Ue Bevölkerung gegen die faerMche Mllij. Nom, 11. März. (Wolfs.) Soldaten der Natwnalmiliz, die sich in Syrakus nach Tripolis einichiffen wollten, haben in mehrere« Läden gegen deren Inhaber Uebergriffe verübt. Hierbei kam es zwffchen ihnen und der Bevölkerung zu Z u s a m m e n st ö ß e n, tvobei einig.' Personen verwundet wurden. Ser Kurvenaufstand. Angora, 11. März. (Havas.) AuMndffche Bgnden, dir die Dörfer in der Umgebung von D1 a r b e k i x besetzt halten, haben durch das Bombardement der Artillerie ernste Verluste cvlittcn. Die Maßnahmen zur Unterdrückung des Aufstandes sind verschärft worden. Kar Lnotengesetz. Die Mlldrrvngsanträge bis Dezember verschoben. Ans New-Aork wird uns geschrieben: Di« am 5. d. beschlossene Vertagung des Kongrestes der Bereinigten Staaten auf Dezember dieses Jahres vernichtete alle in südischen Kreiisen gehegten .Hoffnungen, daß es bald möglich sein würde, eine . Milderung der Einmanderuttgsvorschriften für gewisse Einwandererkategorien zu erreichen. Die von d«n jüdischen Kongreßmitgliedern P e r l m a u und D i ck st e i n oingebrachten Anträge, den in den europäischen Häfen gesttandcten Emigranten, die im Besitz von Einre-vsevisa sind, scwie den Frauen und Kindern von Rabbinern, die vor Juli 1924 ins Land gekomene-n sind, die sv-forüge Einreise zu erlauben, werden a>l>so v 0 r D ez e m b e r n i ch t z u r E r l e d i g u n g k 0 m m e n. ' Auch die Anträge auf Erleichterung der Einbürgerung früherer Einwanderer, denen nun das Recht gegeben werden soll, ihre nahen Verwandten, ins Land zu bringen, sind mithin vertagt. Gleichzeitig aber wurde auch die Beschlußfassung über den Antrag, wonach jeder Fremde, der ivegen Vergehens zu mindestens achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt wurde, sowie alle Fremden, die sich gegen das Abkoholenthaliungsgesetz vergangen haben und deswegen zu mindestens einem Jahre Gefängnis verurteilt worden sind, des Landes zu verweisen sind, verschoben.