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Wiener Morgenzeitung · 1925-03-05 · Heft 2169 (5.3.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2169 (5.3.1925)
Date
1925-03-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Okitr $ Dierr. Donnerstag Die deutschen Nationalisten, die als Erpvncnien der Krie.qsindustrie die Regierung besetzt halten, dockten rvoyl mit ihrem Garantieplan einer schlimmeren Diskussion zuvorzukommen. Aber sie haben nach außen nur das direkte Gegenteil erreicht. Nach innen rvar ihre Absicht die. der deutschen Bevölkerung zum Unterschied einmal sich im Gewände des Pazifismus präsentieren und sich auf diese Werse breitere Sympathien fiir die kommende Präsidentemvahl zu schaffen. Qb diese Spekulation gelingen wird, mag einsttveilen noch . dahingestellt bleiben. Die republikanischen Parteien haben sich freilich noch nidtf auf eine Kandidatur einigen können und verlieren viel Zeit. Auch die Nationalisten haben noch keinen Repräsentanten gefunden, aber sie sind ungleich rühriger und geschickter und verfügen zudem über den Agitationsapparat. Sie leiten den Kampf mit einer SchiedSgerichtsidec ein. Dieser Plan wird den Pilsen im Schafspelz nicht gelingen. Völkische gudenordmmg. Berlin, 3. März. Die deutschvölkische Freche! tspartoi lm proußischen Landtag hat in der Form einer „kleinen Anfrage" zwölf Anträge eingobracht, die darauf hinouSgehen, die feit 1. 2lugusi 1914 aus dem AuSlcmd nach Deutschland eingewanderten Juden ausMvcisen, zu cMrechten und .zu enteilen. Diese Anträge sind gezeichnet von den Ak^oordneten v. Brehmer, Wickle, Körner, WiegerShcrus rmd Stock und besagen: Die seit dom 1. August 1914 nach Preußen zugotvanixucti Angehörigen der semitischen Rasse sind unverzüglich als lästige Ausländer des Landes zu verweisen. ' ' ' Den ausgewogenen Angrhörigen der semitischen Rasse sollen nur die Werte zur Mitnahme in ihre Heimat belassen werden, welche sie nachweislich bei ihrer EiMvandenmg nach Preußen milgobvacht haben, und die überschüssigen Vor- -mügens- und Sachwerte zu beschlagnahmen. Die beschlagnahmte« Werte, bezw. deren, Erlös, sind als dem Volksvermögen unrechtmäßig entwendet 51t betrachten rmd diese daher dem Volke zuzufühven. Eine weitere Einwanderung von Angchörigeu der semitischen Rasse in proußlfches Gebiet ist für die Zrckuniftunmöglich zu machen. Die auf preußischem Gebiet mcgvtro>sfe:cen Angehörigen omer fremden Rasse oder eines fremden Landes sind unverzüglich aus Preußen cmsMveifen. Der Erlaß deS preußischen J-nnemnmrsters vom. Jahre 19W, der bezweckt, aasländerfeindliche Maßnahme« z« unterlasse« und die polizeiliche FvMdendchoaMung den jeweiligen außenpolitischen DcrhAimssen anJlMssen, findet ans die Ostjuden keine Anwendung. , Die von zugeltyanderten Angchörigen der semitischen Rasse (Stichtag 1. August 1914) bewohnten Wohnungen sind ja beschlagnahmen und deutschen Fluch!5m^n oder Rückwanderern zur Verfügung Al stellen. . Die Preußische Staatsbank. Pxst üfw. sollen angewiesen werden, den seit 1. August 1914 zugswandevten Angehörigen der semitischen Rasse gmndsätzlich feine Krcdi te zu gewähren oder sonstige Zahlungen zu leisten. Die preußischen Handels- und Gewerbökomravevn Werden veranlaßt, den feit dom 1. August 1914 zugewanderten Angehörige« der semitischen Raffe die bereits erteilten Gewerbe- «ach HandelserlaiAnisse (auch in bezug auf das Bankwesen) sofort zu entziehen. Die Börfenvovstande innerhalb des preußischen Ddacotsgebvotes werden dcchingehrnd angewiesen, die seit dem 1. August 1914 zugewanderten Angehörigen der foniitischen Rasse aus den Börsenvorständen zu entfernen und ihnen jede direkte oder indirekte Mitarbeit an Betrieb, Berwalduing und Abwicklung der Börsengeschäfte unmöglich zu machen. Ae vrrMche Krise. Berlin, 4. März. Nachdom der Plan Dr. Marx' zur BrDrrng einer großen Koalition von den Deutschnationalen bis zu den Sozialdemokraten im preußischen Landtag gescheitert ist, hat sich die Lage in Preußen noch insofern kompliziert, als auch die Lösung der Weimarer Koalition nicht mehr möglich erscheint. S e v e r i n g soll angeblich iwfcer Hinweis auf seine erschütterte Gesundheit Dr. Marx gebeten haben, von ftmer Person bei der Zusammensetzung des neuen Kabinetts abzus e h c ir. Die Mchtbetovligung Severings würde aber die Haltung der Sozialdemokraten gegenüber der ireuen Regierung stark beeinflussen, und es erscheint daher sehr schwer, eine Regierungsmehrheit überhaupt zustande zu bringen. Ae tzwanassonntagsnche kn Litauen. Kowno. 3. März. (I. T. A.) Der Innenminister erließ eine Verordnung an die Kroisch.fs betreffend die Durchführung der Zwangssonntagsruhe in Litauen. 8 -1 des Gesetzes wird dahiu komnrentiert, daß die Arbeitsruhevovschriften für Handelsuntern-chmmbgen, Fabriken uftv. aus solche Handtverker keine GAtigff it haben, die lischt an öffentlichen Plätzen arbeiten und deren Beschäftigung keinen Unternehmer- oder Jabrikscharatter trägt. Das heißt also, daß .Handwerker, die in i h r e r P r ivatwohnung bestellte Arbeiten ausführen, mich Sonntags arbeiten dürfen. Wiener Morgenzeitimg. >">. März 19Lü -:—.. Nr. ASS letzte Fahtt Ae rrauerfeieni. Berlin, 4. März. (Tel.-Komp.) Schon in dort frühen Morgenstunden begann der Zustrom der Bevölkerung zum LeicheiibcgängniS des Reichspräsidenten. Die Stmßen DertirrS tnrgen Trauerschmuck. Der Berkehr stockte schon m den Vormittagssttmden völlig. Den Auftakt der Feier bilidete das Anrücken des militärischen Ehrengeleites, das in geschlossenem Zuge zu dom Trauerhaus marschierte. Die Truppen nahmen vor dem Präsidcntenpalais Aufstellung. Die eigentliche Trauerfeier begann um 3 Uhr nachmittags im PrastdentenpülaiS. Der Sarg war im Arbeitszimmer des. Verstorbenen auf einem Katafalk ausgestellt. Bon allen Staatsoberhäuptern und Missionen waren prachtvolle Kränize am Sarg niedergelegt worden. In diesem Raum war das diplomatische Korps mrd eine kleine Anzahl geladener Gäste versammelt.. Die Gedenkrede hielt ReichskcNHlcr Dr. Luther. Nach einer Würdigung der staatSmä»mischen Verdienste Eberts richtete Dr. Luther die Mahnung an die Nation, das Anderrken des ersten deutschen Deichsprä sidenten, dessen ganzes Tun und Denken dem Woyle des Vaterlandes gewidmet fciwir, hoch in Ehren zu halten. Die Feier im Prasidentenpalais war um 4 Uhr nachmittags beendet. Es folgte der Trauerparademarsch der Truppen, wobei die Soldaten unter dem Befehl des Stadtkommandanten von Bevlin zü den Klängen der Trauermufik an der Bahre, vorbeidefilierterr. Der Tvauerkon'dukt nahm fodan« seinen Weg durch die WUHelanftraße und das Brandenburger Tor zmn Reichstagsgebäude, wo die Mitglieder des Reichstages und das Reichstags- Präsidium den Trauerzug auf der Rampe erwarteten. Als der Leichenwagen an der Rampe Vorfahr, trat Reichspräsident L 0 e b c vor und gab dem Toten das letzte Geleitwort in Namen der Volksvertretung. Während der Feier vor . dom NeichstagSgebäude kreisten Flugzeuge mit Tranerab Zeichen über dem Königsplatz und der Siegessäule. Der Platz um das Neichstagsgebäude tvar von einer unübersehbaren Menschenmenge besetzt. Mit den Abschiedsworten des Reichspräsidenten, nach denen die Meise „Ich hcvtt' einen Kameraden" erklang, und mit dom Marsch über die große Reichstagsrampe, deren eine. Seite von Mitgliedern des R-oichsibanne>rs Sch.va rz-Rot-Geld, deren andere von Chargierten der Studentenschaft mit Bannern, flankiert «wurde, hatte die Foier ihren Höhepunkt erreicht. Aber es folgte noch ein' ergreifender Moment, als der Sarg um 5 Uhr 20 Minuten an dom GarteNeiiigcvng des R e i ch S Präsidentenhauses in der Budapesterstru.ße für einen Augenblick anhielt, damit gleichsam der Verewigte so den letzten Abschied nehme von der Stätte, an der er sechs Jahre lang als der erste Präsident des . Deutschen Reiches gewirkt hat. Endlos waren die Schrien, die sich der Fahrt zum Potsdamer Bahnhof anschlossen. Auf Tvauevwagen wurden die gewaltigen Kranze mitgefahren, aus denen di« Farben aller Lander - hervorleuchteten. Bor dem Eingang zum Potsdamer Bcchnhof wurde der Sarg, der mit einfachem Dannengrün und der Reichsflagge bedeckt war, vom Loichenwigen auf den errichteten Katafalk gehoben. Hinter dem Sarge rvak das Reichsbanner ausgestellt. Unaufhörlich defilierten die Menschenmaffen in geschlossenen Zügen an dem Sarge vorbei. Gegen viertel 7 Uhr .wurde der Sarg vorn Katafalk gehoben und unter F.rkelbel-euchtnng in die Bahrchosballe gc Imgen, wo der Sonverzug bereit stand, in den der Sarg ansgenonunrn wurde. Tann konnte Friedrich Ebert seine letzte Fahrt in seine Heimat Heidelberg antreten, wo alles zu seiner endgültigen Bestatttmg doribereitet war. Laufend Unfälle, ein Todesopfer. Bei der Neberführung der Leiche des Reichspräsidenten zum Potsdamer Bahnhof kam es in der ungeheuren Mens-chrmnenge zu zahllosen Zwischenfälle n. Immer tviedcr versuchten die Meuschcmnassen, die Msper-vungen und die Polizerkette zu durchbrechen. Ne mentlich in der Nähe des Potsdamer Bahuhose's kc»nr es zu Z-usammenstößen mit der Polizei, die, um die Menge zum Znrückgehen zu deran-lassen, in sie -hin-einvitt. Wodurch viele der Neugierigen zu Falle kamen. Verschiedene Zufchau-er, hie Schlnvpfworte aus die Polize i a.ncstießen, tvtrrden verhaftet. Mehr als 3 0 0 P c r s 0 n c u wurden an dieser Stelle ohnmächtig. Etwa 70 P.r fonen mußten in KmNkeniwagen und ans Tragbahren fori geschafft werden. In der Unigcbilug des Reichstages tvaren in den dichtgedrängten Menscher.,nvassen die Unfälle besonders zahlreich. Tie Sanitätskolounen mußten an dieser Stelle in Mehr als 400 Fällen eingreisen. Es handelt sich in der Haupffache um Knocheubrück-e. Verstauchungen und Ohu machtsanfälle. Deshalb wurden bei den U n fallsta ti 0n e n über lausend Personen eingel.iefert. Eine -Frau, die sich in gesegneten Umstände n befand, wurde zu Boden geworfen und durch Fußtritte.so schwer verletzt, daß' sie starb. Vier andere Frauen, die sich ebcnsalls in gesegneten Umstün-den ltesanden, crliitten Ohrnnachtsanfälle uud. mußten vorzeitig ontbuuden werden. Hin Bvand. Als der Sarg mit der Leiche des verstorbenen Reiche" Präsidenten von dem vor dom Potsdamer Bahnhofsgebärlde errichteten Katafalk herumtergchoben wurde, nun in den. Sonderzug getragen zu werden, geriet, oi« Trauer^ flor mit einer MagnesiumfaM in Berü'hrung und dadurch in Brand. Ein Teil der .. Ausschmückung .des' ' Aa iafäIf 8 würde durch das Fouer v e v n i ch'te t, ebenso och Teil der Grölanden. Ehe -der Brand jedoch größere Ausdehnung annehmen konnte, wurde er anit Hilf« von Feuer-- löfchapparaten erstickt. Stahlhelms Trrruerfeier. Halle a. h. Saale, 4.'März. (Tel.-Komp.) Am Volts, trauertage entstanden lebhafte S t a h l h e l m t u rN u l t e. Eine An^'M Stahlheimzü^e durchzog die Stadt mit klillgetrdem Spiel unter Borantragung einer toten Krähe zur Verhöhnung des Reichsadlers. Als die Züge am GelverkschastS'hquse vorbeikamen, wurde die Krähe in dieses Haus hineingoworfen, der Trauerflor einer vePuMkauischen Fahne wurde herausgerissen und verbrannt. Einen sich da gegen zur Wehr fetzenden Reichs'bannermitglied wurde von einem Stahlhelmmann mit dem scharfen'S Pate-n ü-ber den Schädel geschlagen, so daß das ReichSbannermitgkied schwer verletzt zusammenbrach. fraget 704 Schuhe! mit eingebautem I,BOPSOJ1“-Qummi-Absatz Sie Mische« Minderheitsrechte in de« Sltftagte«. Ein Appell Luzzattis an den Völkerbund. Atom, 3. März. (I. T. A.) Senator Luigi Luzgatti, «der einstige Premierminister und mehrmalige Fimanzminrster Italiens, einer der besten WirtsihaftSkelmer der Gegenwart, richtete oimen dringenden Appell au den Völkerbund, in wolchom er die Forderung stellt, daß der tm Dtärz zusawmentretende Völkerbu-ndrat sich unt 'der Frage der jüdischen Minderheitsrechte in den osteuropäischen Staaten befaßt. Senator Luzzatti erklärt: Die Negierungen der Oftstaaten ignorieren die Rocht« der jüdischen Minderheiten trotz der feierlichen mündlichen und schriMchen DeNaw-tionen gegenüber dem Völkerbund, in denen sie sich vevpftichteten, den jüdischen Bürgern die Rechte einer nationalen Mndorheit zu gewähren. -Illsbesondere zeichnet sich Pvben durch eine VerletzUlNg der Minderhei-tsrechte aus; das ganze Verhalten der polnischen Regierung gegenüber den Juden in diesem Lande widerspricht dom Wortlaut und dem Geiste der Mnder.hvit'Mm.sÄ des.-Friodensvertrages. Luzzatti eltlärr, es fei hoch an der Zeit, daß der Völkerbund gegenüber den Regierungen der . vsteuWpäffchen Länder eine sostsre Haltnng einmmmt und sie zwingt, den übernonviNenen Borpslichtungen gegenüber den' nationalen Mitche-vheiten in vollem Sinne gerecht ßu werden. gsmet Pascha - tSrkifcher Premier. Konstantinopel. (Havas) Jsmet Pascha ist am der Bildung des neuen Kabinetts beauftragt worden. Tewfik Ruchür dürfte 'das Portefeuille des A e u ß e r n übernehmen. Die Operationen gegen die Kurden. Angora, 4: Marz. (Havas.) Die südlich von U r g u r operierenden Abteilungen haben sieben Aufständische festgenommen, die dom Kriegsgericht übergeben wurden. Da die telegraphischen Verbindungen mit E1guenimaden unterbrochen sind, ivurden militärische Streitkräfte nach diesem Gebiet dirigiert. Die im ausstäu Aschen Gebiet eingeleiteten Uniermhmnngen nehmen einen normalen Verlauf. (Die Leitung der Operatioiien l>tt Jsmet Pascha. Die Red.) Der französifche Botfchafter in Angora. Paris, 3. März. (Havas.), Mimsterpräsident Herriot hat den gewesenen Minister für die Kolonien, Sa rrau t, für den Posten des französischen Botschafters in Ang0ra designiert. Me die RaffeaschWer aarsehen. KörruptionSbefchuldigungen gegen Haller. (Eigxndienst der „Wiener Morgenzeitun^.) Budapest, 4. März. Gegon de>n Schöpfer des Gesetzes über den Numerus ola-usus in UiM-rn, -den gewesenen Minister für Kultus und Unterricht Stephan Haller, tvuvde von eiil-eur Abgeordneten eine -I n k 0 m p a t i 'b i l i tätsanzeige' erstattet. Die Anzeige gründet sich auf tivsi Artikelserie des „Btt§g".«in welcher eine fast endlose Liste der Betrügereien, Schwindelnnter- N e h m u n g e n und Unterschlagungen aufgezähst wird, die sich Haller in feiner Eigenschaft als Minister, Abgeordneter Md der unerbittilichste Führer tag

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