Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2168 (4.3.1925)
- Date
- 1925-03-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gew 4 Wien. Mittwoch SStener Moeftenzekttms« 4. März 1926 Vor einigen Tagen verließ Deborah ihre Wohnung, irrte einige Zeit anr Ufer -es Dnjestrs umher, dann war ' sie sich in den Strom, -essen Wellen sie sofort verschlangen. Angeblich soll zwei Tag« vor Ausführung -es Selbstmordes KratE in Ha-liez gewesen sein und mit Deborah ein« Unterredung gehabt haben. In Hattcz hat das tragische Ende der schönen Delvrah große Bestürzung -he worae m sin. Der Chacham ftrie'-t bei den Karaern eine viel größere Rolle als der Rabbiner bei den Juden. Cr wird w'e der Hchepriester für heilig gehalten und ist der epZemlich« Führer der Gemeinde. Man wird daher die Erregung verstehen. die die Tragödie in der kleinen Kavaevgsmvlride erzeugt hat. Ser Mord an Amalie Leirer. Der Vater der Ermordeten verhaftet. AuS Budapest wird uns berichtet: Spät nachts wurde der Vater der ermordeten Amalie Leirer, der 63jährige Lorenz Leirer, unter dom dringenden Verdacht, seine Tochter ermordet zu ha-ben, verhaftet. Die Verdachtsmomente gegen Lorenz Leirer stützen sich darauf, daß er für den vermutlichen Tag der Ermordug seiner Tochter sein Alibi bisher nicht genau Nachweisen konnte. Ferner wird von verschiedenen Personen 'behauptet, daß Amalia Leirer sich wiederholt ihnen gegenüber beklagt habe, daß ihr Vater sie mit Liebesa n t ragende st ü r m t e. . Das Mädchen, welches der dreimal geschiedenen Che de's Lorenz Leirer entstammte, war in früher Jugend vom Vater wegyekommen und erst vor ein paar Jahren wieder mit ihm in Verbindmrg getreten. Es wird als möglich bezeichnet, daß Leirer seine Tochter überwältigen wollte und sie, als sie sich ivehrie. im Affektum gebracht hat. Als Indizien dienen hierfür zunächst die Feststellung bei der Obduktion, daß mehrere Fingernägel der Ermordeten abgebrochen waren; ferner die Aussage nwhrever Personen, -aß Leirer zur kritischen Zeit ein englisches P f l a st e r im Gesicht getragen hatte, wahrscheinlich um Kra tzw u nde n zu verbergen. In der Wohnung der Ermordeten sowie in der des Lorenz Leirer wurden englische Pflaster von gleicher Qualität gefu-nden. Es wird ferner als auffAlig bezeichnet, daß Leirer sich zwei Monate lang um seine Tochter, mit der er Ns zum 22. Dezember, wie nachgewiesen wurde, täglich zujammenkam, nicht gekümmert hat. Er hatte überdies überall das Gerücht verbreitet, seine Tochter sei verreist.. Beim Verhör gab er an, er sei zur kritischen Zeit mehrere Tage krank getvesen, ohne jedoch einen schlüssigen Beiveis dafür goben zu können. Bei seiner Verhaftung gebärdete sich Leirer überaus aufgeregt, nach dem ersten Verhör brach er vollständig zusammen. .Hellte vormittags wurde in der Wohnung detz Lorenz Leirer eine Hausdurchsuchung vorgenomanen» die jedoch kein nennenswertes Beweis material zutage Orderte. Der alte Leirer leugnet nach wie vor Hartnäckig, seine Tochter ermordet und beraubt zu hüben. Große AUderdlebkWe in ßer Novenhagener Glyptothek. Nach einer MÄdrvng des .Berliner Tageblatt" auS Kvpenl,azen ü't.dovt aus der Wniglichon Glyptothek eine Reihe wertvollster Bilder gestohlen worden. Es handelt sich irm einen Bchucher, der die Bilder während der Besuchszeit aus oem Rahmen schnitt. Bisher konnte eine Spur des Täters noch nicht gefunden werden. Die Tante erhob Augen und Arme, gleichsam in mitleidigem Protest gegen den Irrsinn ihres Neffen» der Menschen sah, die nicht da waren. - Als sie gegangen war, blickte er stumpf um sich. Er dachte an die Worte der HauSmeisterin. Dann erinnerte er sich plötzlich an das Körperlose des Phantoms. Nein, •poma war. nicht wgewesen! Er hatte geträumt! Er ging auf rmd ab in der Stube, Ne von dem grauen Himmel schlecht beleuchtet war. Plötzlich wälzte er die Augen heraus. Ach! Tos Fach mit den Briefen, für gewöhnlich geschlossen, stand offen, die Briefe waren zerstreut und einer, just am Rand, war eben heruntevgofallen. — Der Käfig, der gestern an einem Nagel hing, stand aus dem Fensterbrett — ulld aus der Stuhllehne hing eine Weiße Federnkvcmfe. Ihre .Halskrause, seit ihrem Abschied verschwunden, weil sie sie mitgenommen hatte. Und was war das? Er atmete biß Lust ein. Das Zimmer duftete. War das nicht das rüsa Parfüm, daß sie benützte? Ja. ja. Er senkte verwirrt die Zlugen. Gewahrte auf den Kacheln Fußspuren, von kleinen Schuhen aufgedruckt, die durch schmutzige Straßen gegangen waren. Er lachte und «ott-uti.'. ,/Si« ist zurückgekohrt! Ich 'habe sie wirklich gesehen! Wir tverden wieder zusammen leben." Es war wahrhaftig eine Vision. Dennoch kehrte die Frau zurück. Kehrte später zurück, an einem regnerischen Vormittag, als er wie taub und blind schlies. — Die Vision war ein Phantom gewesen, allein sie hakte ihre Begründung, weil sie ein paar Stunden später wirklich kam, um ihre Sachen zu berühren, um leise mit ihren Briefen;u sprechen, um den Käfig «wiederzusehon, um die Stube mit ihren Duftzu füllen wie eine Blum«. und um zu der- Enden, daß sie eine Auferstehung wünsche. (Aus dem Französischen von G. R. S.) Rr. 2168 hebräische Universität tu Serusalem. Sin Schreiben Prof. SIcsmnnd Freuve. Der berühmte Wiener Gelehrte hak anläßlich der bevorstehenden Feier der U n i v e r- LitätSeröffnuna in Jerusalem an m Präsidenten deS Zionistischen Aktionskonvitces, Oberrabbiner Dr. ChajeS, das folgende Schreiben gerichtet, in welchem er ein warmes und herzlich'- Bekenntnis zu dem großen Gedanken der jüdischen L.hrstätte auSsprlcht. Die Historiker haben uns gesagt, daß unser kleines Bott die Vernichtung -seiner staatlichen Selbständigkeit ,mr -dadurch überstanden hat, daß es darauf die höhere Wertung auf feine geistigem Güter, stine Religion und fein Schrifttum zu verlegen begann. Nun erleben wir, daß dieses Volt die Aussicht, feinen väterlichen Boden mit Hilfe einer weltbeherrscherdm Macht wieder zu gewinnen, feiert durch die Gründung einer Universität in -seiner alten Hauptstadt. Eine Universität ist eine Stätte, an der die Wissenschaft gelehrt wird, -die sich über alle Unterschiede der Religionen und der Nationen hinaussetzt, an der die Forschung betrieben wird, die der Menschenart zeigen soll, inwirwe-it sie die uns umgebende Natur verstehen und sich unterwerfen kann. Ein solches Unternehmen ist ein ehrenvolles Zeugnis für die Entwicklung, zu der sich unser Volk in zwei Jahrtausenden schwerer Schicksale durchgerungen hat. Ich empfinde es schmerzlich, daß -meine Kränklichkeit nvir verbietet, die Erössnungsfover der jüdischen Universität irr iJent-faleim als Mitanwesender zu erleben. Sie Borbereltungen zur SrSffnung. (Eigendienst der Wiener Mvvgenzeitung".) Jerusalem, 28. Februar. Der Umbau des alten Hauses der Universität Jerusalem ist nunmehr beendet; die Zimmer und Säle wurden für ihren Ztreck hergerichtet. Der Bau des neuen zweistöckigen Gebäudes geht seiner Vollendung entgegen. Die Lavsratorlen werden bereits eingerichtet, die Maschinen» Instrumente und Arbeitsgeräte, die zur Abteilung Prof. Federgehören, wurden bereits aufgcstellt. Viel« Beamt« und Hörer haken in. dieser Abteilung ihre Tätigkeit bereits aufgenommen. Für die judaistische Abteilung, die sich gegenwärtig noch in den Räumen der Abteilung Professor Feders -befindet. wurde gegenüber der Universität ein Haus gemietet, das ganz für die neue Abteilung bestimmt ist. Man ist jetzt dabei, das .Haus, das zehn Räume hat, mri-- zubauen und für sein« Destim.m'.rng cinzurichten. Im Hofraum der Universität arbeiten gegenwärtig etwa 80 Arbeiter. Ein Teil von ihnen führt den Bau zu Ende, ein anderer Teil ist nuit den Aufrämungsarberten beschäftigt. Der Rest arbeitet an dem Bau des Amphitheaters, das für die Eröffnungsfeier der Universität hergorichter wird. DaS Amphitheater wird sich in einer natürlichen Senke des Vorplatzes de's Universitätsgobäudes befinden und die Form eines Halbkreises haben. Von diesem Platz arrs hat man eine wundervolle Aussicht aus das Gebirge und das in der Ferne erglänzende Tote Meer. Zu beiden 'Seiten der Senke -befindet sich genügend freier Platz, den die Universität erworben hat. Das ganze Grundstück des Instituts umfaßt etwa 100 Dunam. Gegenüber der Universität, jenseits der Straße, liegt ein "Terrain, «das ebenfalls zur Universität gehört und auf dem die Nationalbibliothek evbau-t werden soll. Das Amphi-iheater wird aus Beton gebaut. In seiner Mitte wird sich ein Katheder besiu-den. Es wird mehr als 2000 Plätze fassen und kann bei Bedarf auch noch erweitert werden. Es soll in Zukunft ständig für Volksversammlungen und große Festlichkeiten benützt werden. BBBIMBBBa Ier Schmetterling. Eine wahre Geschichte. -Bon Else Lasker-Schüler. Klaus sagte, er sei tot. Aber ich hob den kl-ernen, verirrten Schmetterling von der Düne aus und sagte ihn Molschen meine Hände, ein warmes Häuschen. Ab und zu hauchte ich durch die Fiugerspalten etwas Jaliwind hinein, aber die armen SchmetterlMgsGügol blieben verdorrt, die einmal, von der Farbe der'Zitrone, wetteiferten mit den Strahlen der Sonn«. Und mein Freund Klaus fragte mich, ob ich etwa, beabsichtige, da8 tot« Tierchen zum Leben zu erwecken. Ich nahm es wortlos mit mir nach Hanse in den Garten, wo »nein Begl-süer und ich zu speisen pflegten, nahe der Osts-ae; man horte sie rauschen biS in ihrer kleinsten MuschÄ. „SE&eimt sie doch eine Merle aulfhöven möge zu rauschen" und mein Schmetterling in Frieden erwachen könne aus dem Rofenblattz das ich ihm glättete, bevor ich ihn daraus niodevlegte neben meinem Teller des gedeckten Tisches. Ab und zu hauchte ich über ssin verendendes Körperchen ihm Odem ein, ihn auszuevwecken. Außerdem hatte die Sonne heute Geburtstag und erwartete ihn im Goldlleide und Silberschuhen. Nöberall hm glitzerte eS festlich. Ihr kleinster Verehrer, ja, ob sie eine Ahnung davon hatte, daß er zu ihr im Froudeneifer strebend, verunglückte und von einer Fußsohle geguorscht wurde? „Freilich will ich den lieben Gott spiolen," betonte ich ernschaftig meines Tischgenossen spöttÄnde Frage, ,-wie vermag ich sonst meinen gelstmtbenen Schmetterling zum. Lüben aufzuerwecken?" Ich sühttc tatsächlich aus ollen meinen Poren, di« dem kloinen Toten Odom oinsloßten, Gott strömen. So müßte ein Mensch dem anderen den lieben Gott schon aus Erden zu ersetzen trachten, das hieße, sich ganz auSge'brn, sich vollenden, Gott Ehre machen, sein EbenlbAd leuchtend bestrahlen und es nicht verzerren — an eigener Seele. Und verantwortlich sind wir für sein Der und Mühen und VerkveWen seiner Blume, die man -wicht in den Kchricht zwischen Lumpen und Scherben -werfen, aber sie hinter dam Za»m denr Erdreiche wisdergebeü sollte. Selbst den Stein müssen wir preisen, der unseren Schritt aufrecht evhAt -und uns trägt von Ort zu Ort. Ich atmet« wieder ganz behlvts-win, und Klaus stellte mir, wenn auch zunächst lächelnd, stiinen Odrm zur Voofügrmg, dann hauchte er leise über den SchmettrUlmg nachdem er aus schlanker Finger Rittersporn eine schützende Hecke um unseren heAigen Falter stocht. »-Und wir erwarteten beide aqüf Knien das Erwachen dos klemsten LayamS vor dem Rofengew>L>l>be sich wieder birgonden Bk-mneEattes. Der Klaus gestand nvir, daS das Abc der Schulstunde einst ihm diosclllbe Schwierigkeit zu lernen vorurfacht«, die Grundlage der Derständiguing, wie der Odonr der SchöPfungSsturvdc das Wunder der LebendiBeit, die Atmung, die nicht oingcha'tten, Ungchovfamr gogry das Uvgesttz, bedeute und die einzige Sünde ssi gegen Gottvater! — Der Tod! „Er Hai sich bewegt . . Unlsichlbar noch, mm lganz deutlich, süine Mhle-r kostoten trärvme-risch vorerst noch voin Rosa des Rvsensastes. Wir guckten uns, der MmiS und ich, zagend in die Mvgrn eine!! WclndevaugnM-ick, der sich MS der ewigen Treue eriimem möge. Ich atmete eirven lmvgen, warmen Atomgug über m-cin Schmetteckingsgeschöpf, der noch an seiner Lebrndigwerdung fchtte. Ich liebte ja den gelben Gaukler schon leidenschaftlich als Kind, spielte nvvt ihm durch die Lust dah'm° fliegenö, tvo ich ihn ge!v-ihrt-e. Cr lvar ja rn-ein Ebenbild und das Borwunder des jüngsten Tages, an denr wir unter Gottes Geduld von ihm wieder zmn Löben erweckt werden auf dem -blauen Tische der Ewigkeit. Ayf einmal erhob sich unser Schmetterling im Nu — seine Flügel begannen sich zu ent sMen, übten sich, zwei herrliche Gelvbschleier; er war ja ein Zitwwenling —, hob sich odemlleicht, mein Odem schwebte . . . heilig, selig . . . höher wie eine geweihte große Kerye schon über dom weißen Mahle, wahrhastig strahlengerade zum goldenen Geburtstag — unser Schmetterling — in den Himmel hinein. Tierverbrechen unv ihre Sühne. Die Handlungen von Tieren gegen die Menschen snrd aus ,Ldützlichkvi'tsvücksichten" genau studiert werden; doch wurde es nicht der Mühe für lwert gehalten, die Handlungen der Tiere g e g e n e-i n a n d e r zu beobachten oder sie imch ihrer -nroralischen Wertung -vm Tierreich zu bsu«rtsllen. Dennoch wäre es interessant, gewisse vevbrechorische Handlungen der Tiere mit solchen der Menschen zu vergleichen, die als kriminell bezeichnet werden. DaS Tier und der Atensch, sagt Gall, sind gleicherweise für Zorn, Haß, Aerger, Schrecken, Eisersucht -organisiert. Der bekannte Tierpshcholog Roman es weist den höchsten Tieren (Affe, Elefant, Hund) außerdem -noch die Empfindungen von Scham, Reue, Lustigkeit, Putzsucht, EiteWoit, Verstelluing, sowie einen mtb-esti-m-mten Grad von Moralität nach. Wir lassen die Nichtigkeit dieser nach menschlicher Analogie getrossenen Klassifikation von Hivnf-mcktionen dahingestellt und halten uns nur an die allgemein anerkannten elementaren tierischen Instinkte des Nahrungs-bedürfnisses, des Geschlechtstriebes -und der Mutterliebe, -auf -devorr anormale Steigerung oder Entartung sich die meisten verbrecherischen Handlungen der Tiere Awanglos zurückfühven lassen. Menu der Hunger sich fühlbar inacht, nehmen alle Tiere ohne Unterschied >den Kampf nms Dasein auf. Wir wissen -aber und haben uns auch den am vollkommensten häu-slich eingerichteten Tieren gegenüber darauf eingerichtet (getvenute Futternäpfe, „Kripperr^, daß sie sich gegenseitig -das -Futter stehlen und darüber rn Streit geraten. Bei einigen gesellig Lebenden Tieren (Wölfen» Ratterr, Ddaulwürfen) geht dieser verbrecherische Hang so weit, daß sie nicht selten schwächere Individuen derselben Art als Jagdbeute betrachten. Ja, bei niederen Tieren, Bienen, Ameisen und anderen, gibt es sowohl einzelne isoliert -le'bende Jrrdividuen -wie ganze Banden, die nur vom Raub der Vorräte -ihrer Artgenossen leben. Was den zstvoiten der -obenerwähnten Triebe anbelangt, so ist es -ja allgemein bekannt, «daß überall, selbst u-rtter den sonst friedlichsten Dieven (Wiederkäuern, Tauben Usw.) die erbittertsten Kämpfe um den Besitz der Weibchen, stattfinden. Dabei zeigen -nlanche Arten oiuen Grad der Wildheit, der sie bis zur Tötung ihres eigenen Partners führt. Buffon führt hierzu den Zeisig an, der nicht nur das Weibchen öfter tötet, sondern auch dessen Gier zerbricht und frißt; andererseits pflegen manche Spinnen daS Männchen nach geschsbon-er Bsgatttlug Mt töten, wenn eS diese»! nicht gelingt, sich beizeiten in Sicherheit zu bringen. Hierher ge- 'höron auch die zahlreichen wohlvevbürgten Fälle von „Strafgerichten" die bei Störchen uud anderen in Einehe i MWW