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Wiener Morgenzeitung · 1925-03-04 · Heft 2168 (4.3.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2168 (4.3.1925)
Date
1925-03-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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f5 .**£^45 Me. IIR Mm. MWSB Sas «Merrdorfer Panama. Li« Kkage gegen GNnr- und Genosse«. Di« SttmtSamvaltschaft hat gestern dem Landes- Hericht 1 in Wien in der WöllerSdvrfer Angelegenheit die Anklage übermittelt. Sie richtet sich gegen Pit- «er, Sklarz, Neuhöfer und Helmut Neu mann. Geheimrat Adolf Pochwadt, der gestern in Wien ein-- tvaf und noch am Vormittag vom Untersuchungsvichter einverncamnen wurde, hat sich als Privatbete iligter mit seinen Ansprüchen dem Verfahren gegen Sklarz angeschlosten. Wie wir erfahren, hat auch der Bu nd mit seinen Ansprüchen gegen die Beschuldigten sich dem Strafv« rfahren angeschlossen, soweit diese Ersatzanffwüche durch den Ende des vorigen Jahres mit der Metallum- Gvuppe vereinbarten Ausgleich nicht verloren gegangen find. Die für heute ombenrfene BerwaltungsvatSsttzung der WöllerSdorfer Werke A.-G., auf deren Tagesordnung sich der Punkt „Stellungnahme zu der durch die Zurückziehung der Ehrenbeleldigungs!klape geschaffenen Sachlage" befand, ist durch einen Brief des Präsidiums auf lUNbesttmurte Zeit vertagt worden. _ Unterhaltung Mer die Ursachen der Wirtschastrkrlse. Me die Chvi-stlichsoziale Nachvichtenytzutvale erfährt, findet Freitag den 6. d., voruuttags, im Bundeskanzleramt eine Konferenz statt, die den Zweck verfolgt, die U r sa che n der gegenwärtigen Wirtschaftskrise zu erörtern. Zu dieser Konfereny ist eine Reihe führender Persönlichkeiten geladen, darunter Vertreter -der Landwirtschaft, der Industrie, des Gewerbes und der Kaufmannschaft, der Präsident der Ocsterveichbschen Nat'wnalbaNk, Vertreter des Ba-nikenverbandes, der Wiener Arbeiterkämmer sowie der Präsident der Berwaltungskonnniffiion der österreichischen Bundesbahnerr. Weiter sind auch V e rtreter de rpol i ti scheut Parteien zur Teilnahme an dieser Konferenz geladen. Der Anrgealandvertrag. Budapest, 3. Marz. (Urig. Tc-l.-Korr.-Bur.) Die NaßionaLversammlung hat heute den Gefetzentivurf betreffenden zwischen Oesterreich und Ungar n abgeschlossenen Staats vertrag über das gegenüber den in den Oesterreich angeschlossenen Gebieten wohnhaft gewesenen Staatsangestellten, Pensionisten, Witwen und Warfen M befolgende Verfahren ohne Debatte im allgemeinen und tu den Details angenommen. Ebenso wurde der mit der österreichischen Regierung am 8. Novemiber 1824 abgeschlossene Vertrag betreffend Steuer«ngelegen Herten ohne Debatte angenomrnen. La akademische Senat der UaiverfttSt gegen die SlaMeaag de« DottoMel« an der Hochschule fSr Welthandel. Der akademische Senat der Universität Wien hat sich Muevliich mit der Einführung des Doktortitels am, der Hochschule für Welthandel befaßt und einstimmig den Beschluß gefaßt, gegen diese geplante Einführung Stellung zu nehmen. Begründet wird der Beschkrß mit der Erwägung, daß die Hochschule für Welthandel keine Staatsanstalt ist, iaß die dort wirkenden Lehrer in ihrer Mehrzahl selbst n-icht jenen wissenschaftliche» Gr ad besitzen, den sie an die Kandidaten verleihen sollen, daß auch von den Hörern dieser Anstalt Bfcwt Wotywiittftm«.'_ nicht die Vorbildung als unerläßliche Vorstufe der Doktorwürde verlangt wird wie von den Hörern aller anderen Hochschulen. Es würde aus diesem Grunde eine Promotion von minder qualifizierten Person«» drohen, die das Ansehen des Doktorates gänzlich entwerten irrttßte. rer Sttelt am den Brotpreir. Auf Einladung des MmisterSv Dr. R e s ch fand gestern vormittags im Ministevzbmmer des Parlaments zimschen den Vertretern der Brotfabriken und der Bäckergenossenschast eine Besprechung statt, an der auch die Abgeordneten Heinl und Streernwitz lei-lnahmen. Nach längerer Beratung wurde vereinbart, rnorgerr vorrnittags im Ministerium für Wal« Verwaltung in Lohnverhandlungen einzutreten. «in SNrutsch bei Rottemuanu. Unterbrechung des EisenbtchnverkeyreS. Me der Grazer „Arbeiterwille" ans Rottenmann berichtet, ist an der Bahnübersctzung bei der Haltestelle Rottenmann eine große Erdmasse in der Breite von acht Meter abgerutscht und 'hat den Bahndamm in der Hohe von einem Meter verschüttet. Der Schnellzug Nr. 602 ist rmr durch die Geistesgegenwart eines Arbeiters vor einenr Unglück bewahrt worden, der sechs Minuten vor Einfahrt des Zuges den Erdrutsch bemerkt und sich iim letzten Augenblick mit dent Bahnwächtor verständigt hatte. Bon Scilztal aus ist ein Hi lsszug nach Rottenmann gebeitet worden. Der Eisen- -bahuverkehr wird durch Umsteigen aufrechterhalten. Kurplätze kür Minderbemittelte in Badgastein. In der Kuvaafftaft der Oestarveichischvn Gesellschaft vom Roten Kreuz in Badgastom sind für den ersten, am 4. April beginnenden 24tä,glgc>u Turnus noch einige Plätze zu vergaben. Ausgenommen werden minderbemittelte. krttbedürftige Männer ilnd Jra-nm unter besonderer BeriüäsichtiMMg der nrtelleLwellen Kreise. BerpIegskosterr 8 Schilling täglich, wobei die Kosten für Wohmmg. Verpflegung. äMÜiche BchmMung rrnd Bäder inbegriffen sind. Die Unterbringung erfolgt in ztvei- oder dre-ibettigen Zimmrern. Anmeldungen haben ibeimSanitntsririserat der Oesterreichi-schen Gesellschaft vom Roten Kreuz, 1. Be;., Mklchgasse 1, 2. Stock, von 9 Uhr vormittags bis 1 Uhr mittags zu erfolgen. JEDE Probewafchen"^ rühmten Preis K 140.000 Hausfrau erhalt beim . , Waschapparat «> »Waschllesl« »m Mittwoch de» 4. Mär; \ Donnerstag -en 5. Marz } 7,4 und 5 Uhr nnd Freitag den ®. März I im Restaurant »Grüner San«"» V«. Marlahllferstrotze 5« den beliebten Palent-Windeapparat windstrong zum Reklamepreis von K 30*000 Generalvertrieb für Cu r o p ar PreißlerSMayer,Wie», SlI.Mariahilferstr.sk Patent in allen Kulturllaalen angemeldet WiederverkLufer werden gesucht Keine Filialen i.««-. ms .-■■****** S» S Tagesbericht. «eae BodenkSufe de» gSvischen Ratkonalsondi. Wie uns ans Jerusalem berichtet wird, Hai der Jüdische Mtionalfonds (Keren Kajemech l'Jsrael) in den letzten Tagen weitere 25.000 Duuam Boden erwarben, und A.var 17.000 Duuam im Emek Israel und 8000 Duuam in Judäa. Somit ist es front Nationaffonds gelungen, von den 100.000 Duuam, die er im lausenden Jahre 5685 zu erstehen geplant hat, bereits jetzt, urit den früher in diesem Jahre gekauften Landstrichen, 66.300 Dunant zu erwerben. Mit den noch zu erwerbenden rund 35.000 Duuam wird der Bodenbesitz des Fonds tuntb 200.000 Duuam betragen, also das Doppelte als zu Ende des vergangenen JahreS. Die Mineralschätze des Loten Meeres. Wie der „Haavetz" berichtet, wird die britische Regie» runy dieser Tage eine Bekanntmachung veröffentlichen, worin zur Einreichung von Vorschlägen für die Ausbeutung der Mineraffchatze des Toten Menses eingeladcn wird. M SfeiestragSDie der KarSerin. Bor kurzem hat in der kavaftischeni Gentemdc Ha« liez der Selbstmord einer jungen Frau, Deborah Mordkowicz, ungeheures.Aussehen erregt. Die Selbstmörderirr tvar die Tochter des Chachams ,der Karäergemeinde, und lvas die Sensation u-och erhöhte, ist Ler Umstand, daß Doborah Mordkowicz in derr Tod ging, woil ihre Eltern nicht zubießen, daß sie einen I <u d e n, urit dem sie innige Liebe verband, heirate. Diese Liebestragödie lenkt wieder die AuftnerLsantkeit auf die tiefe Kluft, die Mischen 'dem kleinen Häufle-in von Karnern und dem Judentum klafft. Die Karäer, die bloß die Gesetze der Dhora anerkennen, das gesamte spätere Schrifttum jedoch ablehnen, evklärerr, die eigeuNchen richtigen Juderr zu sein. Die Gesetze der heiligen Schrift und die in chr festgesetzten -Festtage halten sie sehr streng ein. Der Gegensatz der Karäer zum Judentum artete oft. in offene Feindseligkeit aus. Zur Zeit des Zarismus haiben die -in Rußland lebenden Karäer durch ihre unnatürliche Judenfsindschaft erreicht, daß die gegen die Juden erlaffenen Rechtsbeschränkungen auf sie kerne Anwendung fanden. Selbst als die Juden in der Nachbarschaft der Karäevsiedlungen von den Huligaüs pogvomiert wnrd-en, stellten sich die Karäer auf die Seite -der Pogrom- Helden^ Da die Karäer nur untereinander heiraten, stertben sie allmählich aus. Heute dürfte es in Rußland und Galizien nicht mehr als etwa 30.000 Karäer geben. Eine der ältesten Karäevgemeinden befindet sich in Haliez in. Ostgalizüen, wo sich auch die Tragödie der Chachamstochter abgespielt hat. Debovah Mordkowicz >lvar ein bildschönes Mädcheu, als sie, um der Stickluft in ihrer Umgebung zu entrinnen, zu einer Derwandten nach Lemberg fuhr. Dort verkehrte sie in den inteMgen-terr jüdischen Kroiftn und lernte einen jungen Zionisten namens Leon Kratnik 'kennen und lieben. Das jüdische Leben und die jüdischen Ideale gefielen ihr außerordentlich, und als sie Mcksolig heimkehrte, eröffnebe sie ihrem Vater ihren Herzenswunsch, den jungen Juden zu heiraten. Der kavaitische Chacham tvar über diese Zumutung seiner Tochter entsetzt. Sie wurde streng bewacht und schließlich gezwMtgen, das Weib eine's strengg-läubigen Karäers zu werd e n. Deborah wurde schwermütig, und auch als sie ein Kind gebar, hatte sich ihr Gemütszustand nicht gsbeffert. bin Traum. Bau Henri Barbuffe. Und allnrählich machten sie sich voneina-nder los. Warum? Um nichts. Weil die Liebe keine Dauer hat. Während sie einander immer besser uird bester verstanden, zerzcmkten sie sich zum Schluß. Ein Streit brach los, der -rllvm ein Ende machte. ,,8eb' wohl!" rief Harm-. ,Mute Nacht." Me ging, m ihr Tuch gehüllt, zwei erstarrte Tränen in den Augen. Ilnd der Arbeiter, der an eine Mauer gellchnt stand, blickte ihr haßerfüllt und siegesbewußt nach. Niemand harrte feiner am Abervd!beim Ausgang der Fabrik; er-atmete .freudig auf. Und als er am Ende der langgestreckten Vorstadt in das Haus Nummer 23 oirrbog, rieb er sich die Hände. Er durchschritt den Hausflur, der Umvisse hatte wie ein Skelett, durchschritt den laugen» gepflasterten Gang, den ein hölzernes Geländer und eine alte Mauer umrahnrten, durchschritt den rau-chg-eschwä^ton .Hos, über besten drei Stufen sich eine verglaste Tür befand. Er betrat die Stube, 'wo sie sich so -häufig verborgen' hatten, um einander so vielerlei zu sagen-. Betrachtete die große Wüste der kleinen Stube. Ging hin und 'her, im Halbdunkel stolpernd, in -das sie sich fo oft versenkt hatten. „Um so besser", sagte er, mit der .Hand, die rauh ivar von der täglichen Arbeit, an seinem Schnurrbart zupfend. „Um so bester!" Dennoch verbitterte er. Pflegte rnü'de zu sein- und hatte Augenblicke rasender Mut. Grner gcrillgfügigeu Sache halber hätte er Boden in dem kleinen, schntal'en, in einen Winkel der Tür-kengasse goklemntteu Laden, beinahe erwürgt. Er stritt über Pol'tik, heftig und boshaft. ,MaS fehlt dir, Gemrd?" fragt« rnan ihn. Dante Lea, .Hausmeisterin in N-umnwr 33, die von Zeit zu Zeit die verglast« Dür öffnete, um nach Hm zu sehen-, ward tteforgt infolge der Gerüchte und befragte ihn. Er machte -ihn Angst mit seiner germtzelten Sttrn. Er ging nicht mchr ins Wirtshaus und hielt sich so viel als 'Mvgflich in feiner verwaisten Sttrbe auf. Dort saß er gegetrüber dem trüben Dicht der verglasten Tür und sah aus, als erwarte er jemand. Wahrhaftig, er wartete auf sie. Was hatte sie oniderswo zu suchen? Nein, es war unmöglich, daß sie nicht 'wenigstens später einmal guvückkehrte. Die Möbel, die sie einst zufällig gekauft hatten, die rote, glän'.-ende Kredenz, vier Stüll/v aus gebogenem Holz, ein Tisch, mit Wachslei-nwand bezogen, Keß die Leere hervortreten, die sie hintertasten hatte. Änd den gleichen Eindruck machte der Käfig mit den Vögeln-, die so verlassen lvaren, daß sie ausisahen wie Kinder. Gerard ^begann zu »varten, die Fäuste an den Schläfen mrd begriff nicht, wo -die Flüchtige den Mut hernahm, ihre Mtvesenheit fo auszudehnen. Abends zündete er nicht die Lampe an und versank in .das Dunkel der Stube. Ein, ztvei Wochen verfl-offeqt, Hana kehrte nicht zurück. Er fragte diesen, fragte jenen, tvas utit ihr geschehen war, versuchte zu psoisen, machte augeuOvinkernd Klatschereien. Man erzählte ihm tmefenderloi Einzelheiten, die emartlder gegenseitig widersprachen. In Wirklichkeit wußte niemand ettvas. Er hörte auf mit den Deutelt zu sprechen. Später tvandte er sich gew-dütvegs au sie, das heißt, er erwartete sie untätig und voller Sehnsucht. Eines Nachts, in der letzten Februarmicht — als er in einem Winkel saß, wie m erneut Steft, sah er, daß sie etwa um 11 Uhr oder um Mittevnach erschien. Sie öfftvete lotfe die Tür. Glitt in die Stube. Man sah sie fernnt, ihr Kleid tvir grau, ihr Antlitz perlgrau. Sie glich dem Abend, der in die Nacht hinübergleitet. Sie erreichte die Mitte der Stube; dort zög.erte sie, taumelte. Gr sah, daß sie stand, konnte jedoch die Bewegungen ihrer Füße nicht sehen. Sie näherte sich den Möbeln, öffnete die Fächer der Kredenz, wo di« Briefe sich befanden, neigte sich über sie. Papiere knisterten. Dann drehte sie sich u-m, machte zwei Schritte, hob den Kopf -und blickte nach dem Käfig umö dem Nest, wo drei Böglem zitterten, die so frisch ausgebrütet wa-ren, daß ihre Flügäl noch wie Aermchen aussahen. Sie nahm den Käfig herunter, um ihn gut zu sehen und stellte ihn aufs Fensterbrett. Er hielt den Atem an, hingeriffen von dem Wunder ihrer Wiederkehr. Aber all-- mahlich richtete er sich mit kvaimpfhaften Bewegungen aus. Mit einer plötzlichen Anspannung aller Kräfte erhob er sich und schritt toum-efotS), mit ouSgebveitoteu Armen, auf die Frau zu. — Aber feine Hände berührtest em zerbrechliches Gebilde. Er ries nach ihr. Seme Stimme erreichte die Zurückweichende nicht. Als verwandle sie sich in einen Engel, vernahm sie ihn nicht. Bemerkte ihn nicht, ging vorüber, floh, verschwand bei seiner Perührtmg. Sie war allem und er war allem. „Verdammt!" -W er begriff, daß er hu Wachen geträumt (fcute, stöhnte er mit herabhängenden Armen; da-nn fetzte er sich a»tf den Tisch, die Ellbogen auf die Wachsleinwand gestutzt. Cr bedeckte das Antlitz mit den gefaltetou Händen und verfiel schließlich in einen tramnlosen Schlaf, still.!vi« ein Toter. Als er erwachte, war es ^bereits Dag; es fehlte nicht viel zu Mittag. Das Wetter war schlecht, es regnete. Ja, aber sie war dagetvefen! Er rieb sich 'die Augen nnd begann Plötzlich zu lachen. Die verglaste Tür öffnete sich nnd Lea schob ihr grobes, runzliges, altes Gesicht.herein. Aus seiner Stumpft heit erwachen^ blickte er sie an: ,^Hana ist heute in der Nacht zuvückgekehrt", sagte er. „Aber nein, nein, mei» Lieber," rief die Ha'Usmeisterin. „Sie war nicht hier, denn ich 'habe die ganze Nacht über niemandem geöffnet."

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