Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2163 (27.2.1925)
- Date
- 1925-02-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2163 Wien, Freitag fcffor Kalinowsky, wies die Angriffe der reaktionären Redner auf die jüdischen Staatsbürger zurück imd betonte, die Mischen Forderungen auf dem Gebiete des Schulwesens und der Kultur seien gerecht. Man wirft den Juden vor, sie feien während der polnisch-ukrainischen Kämpfe neutral gewesen; die gleichen Vorwürfe könnte man gegen viele Polen erheben, die gegenwärtig hohe Stellungen im politischen Leben einuchnien. Ich kann keineswegs ein Verbrechen darin sehen, wenn sich die Juden a n internationale I n st i t n t i c n e n wenden. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist von Tragik d u r ch w e b t, die Inden sind über der ganzen Welt zerstreut und es ist nur natürlich wenn sie -ei m Völkerbund Schutz suchen. Wenn auch zur Zeit der rusiisch-polinschen Kümpfe einige wenige Juden mit den Betschewiken synkpathisierten — übrigens taten dies auch Polen —, so stehen andererseits zahlreiche Alte des Patriotismus seitens der jüdischen Jugend in Polen dem gegenüber. Die Mische Studentenschaft der freien Universität, deren Rektor ich damals war, trat korporativ freiwillig in die polnische Armee ein. Sowohl das Staatsi ii t e r esse a l s a u ch di e Gerechtigkeit heischen die Erfüllung der gerechten jüdischen Forderungen. Senator Rabbiner Rubin stein erwiderte seinerseits auf die Angriffe insbesondere des Senatsmitgliodes Frau Sche bcko, die die Frage stellte, warum die Juden Polens nicht ebenso treue Bürger ihres Landes sind wie die Juden in anderen Ländern. Diese Vorwürfe, sagte Senator Rubiustein. sind oft genug widerlegt worden. Jedoch ich möchte mir eine andere Frage gestatten: Warum ist das Verhältnis der polnischen Gesellschaft zu der: Juden weit schlechter als das Verhältnis der Gesellschaft zu den Juden in anderen Lände r n, die doch auch nicht frei von dem antisemitischen Gifte sind? Ueberall tritt der fortschrittlich gesinnte Teil der Gesellschaft der Judenhetze energisch entgegen; in unserem parlamentarischen Lalen haben wir ein solches Hervortreten seitens der Polnischen Demokratie bis jetzt vermißt. Die Rede des Prof. Kalino wst'y ist eine erfreuliche Ausnahme. In den Nachbarländern Litauen und Lettland, die doch viel kleiner sind als Polen, besitzen die nationalen Minderheiten ihr eigenes Schulweeir, welches vom Staate erhalten wird. In Litauen und Lettland wandten sich die p o l n i s ch ch Minderheiten mit Beschwerden an den Völkerbund. Wenn eine Minderheit in Polen das gleiche tut, so wird das als Landesverrat ange seihen. Nach Schluß der Diskussion überreichten die Vertreter der rechten Parteien einen schriftlichen Protest gegen den Vorsitzenden Prof. K a l i n o w 's k y. der „es gewagt hat, den Mischen und den polnischen PatriMAmus aus eine gleiche Stufe zu stellen". Hitler an Ludendorffs Sette. München, 86. Februar. (S. K. B.) Der völkische Beobachte r", der heute 3-uirt erstenmal wieder erschienen ist und als dessen Herausgeber Adolf Hitler zeichnet, veröffentlicht einen Aufruf Hitlers an die ehemaligen Augehörigen der natio nalsozial «istif ch e u deutschen Arbeiterpartei, in dem es unter anderem 'heißt: Als euer einstiger Führer rufe ich mit dem heutigen Tage die Partei, die wir in viereinhalb Jahren aus dem Nichts geschaffen haben, aufs neue ins Leben. Ich verspreche den Parteigenossen, in einem Jahre Rechenschaft darüber abzulegen, ob die Partei wieder zur Bewegung wurde oder ob die Bewegung als Partei erstickte. In dem Aufruf heißt es bezüglich der Persönlichkeit Ludendorffs, daß die nativnalsogwlistische Bewegung ihn für immer als treuesten und uneigennützigsten F r c u n d verehren werde. In der gleichen Nummer erlaßt Hitler „Grundsä tz l i ch e Richtlinien für die Neuaufftelluug der >nat'ion-ailifpzialist>schen deutschen Arbeiterpartei", worin es heißt: „Die gesamte Kraft der Bewegung sei gegen den furchtbarsten Feind des deutschen Volles anWisetzen: Judentum und M a r x i s m u s." Eine kommunistische Wssesabrik. Berlin, 26. Februar. (Wolfs.) Nachdem es der Polizei Klüngel: war, die Zentralpaßfälscherwerkst ä t t e der K. P. D. ausßuheben, hat sich die Partei bemüht, eine Wevkstälte ähnlicher Art wieder eiuzurichten. Nun ist auch diese der Polizei iu die Hände gefallen; sic befand sich in Treptow und iwir izoch im Ausbau begriffen. Die Polizei beschlagnahmte eine große Anzahl von anktlichen Formularen, Paßformularerr und Geschäftspapieren mit dcm Aufdruck verschiedener Firmen. Es wurden mehrere Verhaftungen vo-rgenomnteir. Irr Leipziger Tscheka-Prozeb. Leipzig, 86. Mbvuar. (Wvlff.) Zur heutigein B^.h.urdsturg des Tscheka-P rohestes lvarerc außer den offiziellen Verteidigern, glich die Wahlverteidiger wieder anwesend. Dr. S kt m t -e r erschien etwas .später, ohne a>m Betreten des Saales behindert.zu werden. Auf Antrag des Rechtsanwaltes Dr. Roseufeld verließen die offizteilen Verteidiger den Saal. - Der Angeklagte Meuß sagt cmts, daß er Seeckt beobachten sollte. Bon „Erledigen" habe Neum-ann nicht gesprochen^ Daß die Gruppe int Besitz von Sprengstoffen und Waffen güwefen fei, habe er nicht gewußt. Das Paket mit Bazillen habe Neumann in seine Wohnung gebracht, ohne jchoch über den Inhalt Wiener Moraenzeitung. etwas zu sagen. Bon der russischen Botschaft habe er nichts gewußt. Daß er von Neumann den Auftrag erhielt, den als Spitzel verdächtigen Wetze! zu beobachten, nicht aber ihn zu erledigen. Als er im Herbst in der Zeitung von der Vorhaftung der Gruppe geliefon hake, habe er sich belnüht, von der konrmunistischen Reichstags- und Landtagsfraktion Hülse zu erhalten. Die Abgeordnei e n hat teil aber von der ganzen Tätigkeit Reumanns nichts gew ir ß t. _ ReichswehrkrawaAe in Kemvten. (Eigendienst 'der „Wiener MorgenzeiturV".) Berlin, 26. Februar. Wie die „Bossifche Zeitung" aus Kempten ntotdet, kam es zwischen Reichswehrsoldaten und Z i v i l i st e n zu einer schweren Schlägerei, die unter der BevöLkerung der Stadt große Erregung hervorrief. Im Verlaufe der Streitigkeiten erschien eine Abteilung Unteroffiziere in Stahlhelm und mit aufgopflanztom Seitengewehr in dem Lokal, in deNi die Tätlichkeiten entstanden waren. Sie drangen mit scharf geladenen Gewehren auf die Gäste, auch auf -Frauen, ein. Mehrere Personen wurden verletzt. Senator Mar Cormick gestorben. Washington, 25. Februar. Senator Medill Mae Cormick.fft hier heute an Magenblutungcn gestorben. % Senator Mac Cormi ck^^der im Jahre 1877 in Chi>kago geboren wurde, war Jciurnalist und Eigentümc'' der „Chicago Daily Tribüne" und schloß sich im Jahre 1912 der von Roosevelt gegründeten progressiven Partei an. In den letzten Jahren kam Mae Cormick wiederholt nach Europa. Er hatte die Wirtschaftslage iu England, Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Italien zu studieren, um danach dem Präsidenten Harbins Bericht zu erstatten. Mae Cormick hat sich wioderhM als scharfer Gegner des Völkerbundes und Anhänger der politischen Isolierung Amerikas l&dfamttr In der letzten Zeit ist Mae Cormick durch seine Angriffe gegen Frankreich hervorgetreten, von dem er forderte, daß es mit dem Gekde, das seine Rüstungen kosten, vor allem seine Schulden tilgen sollte. Nie llnterrichtrreform in Italien. Die jüdischen Kinder in den Volksschulen? Rom, 25. Februar. Wie schon mitgeteilt. hat Senator Prof. Polaeeo int italienischen Senat eine Rede gehalten, in der er gefordert hat, daß die jüdischen Schulkinder nicht gezwungen werden sollen, dem katholischen Religionsunterricht beiznwohnen und daß sie überhaupt der katholischen Propaganda in den Schulen entzogen werden mögen. In einem Gespräch mit dcm römischen I. T. A.-Vertreter äußerte sich Senator Polaceo, der ein in Italien sehr geschätzter Gelehrter und der gewesene Erzieher des Kronprinzen ist, über die Frage der Gewissensfreiheit in den italienischen Schulen wie folgt: ,Jtch kann feskstellen, daß meine Re-de im Senat einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat, so daß das geplante Gesetz über das katholische Unterr,'ichts.wesen in den Elementarschulen Wohl Aenderungen erfahren wird und die Kinder der religiösen Minderheiten in Italien nicht allzu sehr dem katholischen Einfluß ausgesetzt fein werderr. Es handelt sich nämlich rricht allein um den katholischen Religionsunterricht, dem die jüdischen Kinder fernbleiben könnten, sondern es handelt sich darum, daß da s ge sa m t -e U n t e r r i cht s w e se n von katholischem Geist durchwebt ist; auch tvähvend des allgemeinen Unterrichtes werden Kirchenlieder gesungen und GeLetsformeln hergesagt. Der neue Unterrichisminister Fedele hat mir das Versprechen gegeben, die Frage zu tmfeveu Gunsten zu 27. Februar 1R6 EMe S entscheiden; derzeit liegt ein definitiver Beschluß noch nicht vor. In meiner Unterredung mit dem Minister habeich darauf hiugewiesen, daß 700 arme jüdische Familien in Rom gezwungen sind, ihre Kinder in die allgemeinen Schulen zu schicken, wo sie der katholischen Propaganda ausgesetzt sind. Die Eltern dieser Kinder stehen irr einem schweren Gewissenskonflikt. Cs sei darum am besten, für diese jüdischen Kinder spezielle, vorn Staate zu erhaltend^ Schulen zu schaffen. ___ Die Pariser Kammer. Paris. 26. Februar (Havas.). Die Kammersitzung dauerte bis ’/a6 Uhr früh. In der Debatte über das Finanzgesetz wurden insbesondere die Steuersätze für Versicherungsgesellschaften sowie die Gebühren für Lichtprojektionen am Himmel und auf den Trottoirs angenommen, ferner die Gebühren für Lichtreklame und die Eintrittsgebühren in die staatlichen Museen erhöht. Den Polizeileuten wird das Recht zuerkannt, Geldstrafen an Ort und Stelle einzuheben. - Der rumflnisch-deuische Konflikt. Bukarest, 26. Februar. (Ung. Del.-Korr.-Bnr.) „Rmnania* erfährt, die Regierung sei verständigt tvorden, daß der Bayrische Lloyd die Kommandanten seiner in vnmänischen Hafen befindlichen Schiffe telegraphisch angewiesen habe, sofort bulgarische Häfen anfzusnchen. Damit soll einer eventuellen. Beschlagnahme der Schiffe vorgebeugt werden. Sas Wöllersdorfer Panama. Die „Reichspost" gegen Dr. Schürff. — Neue Beschuldn gungcn und Strafanzeigen. Die „Reichspost" hat gostew den HandellÄninisteL Dr. Schürff ein wenig unsanft angerempelt, iveit er mr Budgetausschuß sich nicht an der W ö l l e r sdorfer Debatte beteiligt 'hatte, n-nd malitiös hmzilgefügt: Leider kann mit dem Gold dieses Schweigens Wöllersdorf nicht saniert werde n." Dr. Schürff konnte natürlich dieferr zvemlliich eindcutigen Bov.vurf wicht oiuif sich sitzen lassen und ließ noch im Lauife des gestrigen Vormittags den Blättern eme Erklärung zugehen, in der es heißt, er habe sich im Bndgetauslschuß nur des'hakb ansgeschwvegen, weil er mit denr Bundeskanzler vereinbart ha-be, das Wort nur in dem Falle zu ergreisen, wenn die Vergbeichsvechandlnngen mit der Metallu'mgmppe zur Erörterung gelungen tvevden. Im übrigen werde die Verhandlung vor dem Gericht den bvoit-even Raum für die Erörterrmg dieser Affäre bieten, und er werde im Rahmen der ihnl vom Ministerrat zu erteilenden Ermächtigung sich auch dort ausführlich äußern. Gegen das sogenanmite Protokoll des Herrn Kempfer, das vovgestem Mgeordneter Dr. Deutsch im Budgetcnlsschuß verlesen hat, tvendot sich die Metallmn A.-G. mit einer Erklärung, in der sie mitteilt, sie habe gegen Kempfer eine A n z e i g e w e g e n Verbrechens der Verleumdung an die Staatsanwaltschaft abgesendet. Die von Kempfer für den Erwerb der Draht- und Fodevnfcvbrik, deren Bestände auch 'heute noch unberührt seien, angebotouen Jergrtsch-Aktien seinen wertlos. Die Anga>be Kempfers, daß er den Werksdivoktor Brandt mit 25 Millionen bestochen habe, sei erlöge u. Uebrigens habe Kempfer erst vor zivka zehrt Tagen den Direktoren der Metallnm A.-G. verschiedene Patente zrmr Kauf vugoboterl. Das gibt Kempfer in einer an die Zeitungen versendeten Erklärung auch zu, bchauptet aber, daß Direktor Brandl die 26 Millionen bekommen habe. Er könne ferner durch Zeugen beeiden lassen, daß Brandl auch in anderen Fällen sich größere oder kleinere Summen für gewisse Gefälligkeiten habe gelben lasserr. Es wird immer klarer, daß dieser Stlmpf nur durchs ein breitest angelegtes Gerichtsverfahren trockengelegt Lverden kann. ZIONISTEN! In der Zeit vom 8. b's 0. März findet die Oesterreichische Keren-Haiessod-Aktion sfatf. Durch eine Kraftanstrengunj? soll bewirkt werden, dass endlich auch in Oesterreich materielle Leistungen für das wichtigste Finantfnstrument des Aufbaues erzielt werden, welche der Anzahl, Bedeutung und Leistungskraft der österreichischen Juden entsprechen. In der ersten Hälfte der zur Verlugung stehenden Zeit werden die Mitarbeiter der Aktion, Männer und Frauen der zionistischen Organisation, zunächst alle Zionisten aufsuchen und sfe zur Erfüllung ihrer Pflicht veranlassen. WP Erleichtert dieses schwere und verantwortungsvolle Werk und benutzt die Zeit bis zum 8. März zur freiwilligen Abgabe Euerer Keren-Hajessod-Zeichnung für das Jahr 1925 sowie zur Leistung des ganzen oder eines entsprechenden Teilbetrages, damit sich die Zahl der nötigen Besuche vermindert. Me'det Euch ferner unverzüglich zur Mitarbeit während der Keren-Hajessod Aktion. Eine grosse Zahl verantwortungsvoller Juden und Paiastinafreunde. die uns bis jetzt ferne standen, sind in der zweiten Hälfte der Keren-Hajessoi-Aktion aufiusueben, und es bedarf hingebender Mitarbeit geeigneter Persönlichkeiten. Denket an die heroischen Leistungen unserer Pioniere in Erez_Israel und Ihr werdet Euch gedrängt fühlen, diese wenigen Tage ausschliesslich der Werbearbeit für das Palästinaweik zu widmen. Das Zionistische Landes Komitee für Oesterreich: Dr. LEO GOLDHAMMER Dr. JAKOB EHRLICH Dir. SIEGMUND EPLER Vizepräsident Präsident Vizepräsident Paul Földes, Dr. Desider Friedmann, Dr. N. M. Gelber, Stefan Herzog, Dr. Isidor Klaber, Dr. Emil Krasny, Dr. Josef Löwenherz, Frau Erna Patak, Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes, Aaron Schwertnnger, IDr. Michael Steinberg, Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Dr. Chaim Tartakower, Dr. Georg Weiner, Oberrechnungsrat Moses Weiner