Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2162 (26.2.1925)
- Date
- 1925-02-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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ZK. 2168 W-yi. DvmterKjüH gMnd. Neuerliche krlraukuug Sr. Matal«. Der Mt der Leitung -es Autzenomtes betraute Mlvister Dr. Mataja ist zwar geistern nach seiner schweren ErkranEung das erstemal wieder inr Parlament erschienen und hat zur Wöllcrsdorfer Affäre eine kurze Erklärung im Budgetausschuß abgegeben. Er wird sich jedoch nech langer« Zeit von den Amtsgeschäften fernhalten müssen, da er morgen ein Sanatorium aufsuchen und sich dort einer Bruchoperation unterziehen wird. Für die Dauer seiner Erkrankung geht die Leitung des Außenamtes an den Bundeskanzler Dr. Ramek über, dem internen Dienst betrieb im Ministerium des Aeußern wird Minister a. D. Dr. Grünberger 'vorstehen. Sollte die geschwächt« Gesundheit Dr. Matajas eine längere Stellvertretung im Amte erforderlich machen, so wäre es nicht aus-- gvschlossen. daß an eine N e u b e s tz u n g des Portefeuilles des Aeußern gedacht werden muß. Ir. Seipel wieverhergeftellt. BundeKkangler a. D. Dr. Seipel hat seinen Erholungsurlaub im Hütteldorfer Kloster beendet und oft gestern wieder in seine ständige Wohnung, ins Kloster in der Kainevaasse, zurück^ekehrt. Er ist schon wieder so weit hergestellt, daß er Ende dieser Woche eine Reise nach Essen zur Tagung der katholischen Akademiker unternehmen wird. Steuer- und Gebührenbeglinftigungen Kr SlettrijitStswerte. Der Finanzausschuß beschloß gestern die Novelle zum Wasserkraftförderungsgesetz. Die Regierungsvorlage wurde gemäß den Anträgen der Mehrheits- Parteien urtb des Berichterstatters Dr. Ellenbogen einer gründlichen Umarbeitung unterz-gen und die Stener- und Gebüihren'begüustigungen auch jenen Elektrizitätswevken zuerkannt» die den elektrischen Strom nicht durch Wasserkraft, sondern durch Verbrennung der im Inland gewonnenen minderwertigen Kohle erzeugen. Dr. Ellenbogen kam aus die Widerstände der Nachbarstaaten gegen den Ausbau der österreichischen Wasserkräfte zu sprechen und bezeichnete die Behauptung eines WirtschaftSblaktes, daß der tschecho-slowakische Außenmini st er in Genf gegen die Bereitstellung fremden Kapitals für den Ausbau der österreichischen Wasserkräfte agitiert -habe, als nicht unwahrscheinlich. Finanzmimster Dr. Ah rer erklärte, ihm fei von einer solchen Stellungnahme des tschechoslowakischen Außenministers absolut nichts bekannt. zortsetzuug der Lbstruktlon imMietenaurschuß. Gestern nachmittags wurde abermals eine konstituierende Sitzung des Mietenausschusses unter dom Vorsitz des Präsidenten des Nationalrates Miklas abgehalten. Da die Mehrheitsparteien den Sozialdemokraten nicht die Obmann stelle in diesem Ausschuß konzedieren wollen, setzten diese ihre Obstruktion fort. Abgeordneter L « uthner füllte die ganze gestrige Sitzung mit einer Rede aus. die er heute fortzuführen gedenkt. Die MHaheitsparteien wellen mm täglich vor- und nachmittags Sitzungen dieses Ausschusses abhalten und gruben, daß es vielleicht auf diese Weise möglich tväre. mit der Obstruktion fertig zu werden. Dieses Verfahren ist jedoch ziemlich aussichtslos, und cs wird wohl Herb st werben, ehe di« Sozialdemokraten, die eine Verlängerung des mit Jahresende ablausenden Micteugesctzes brauchen, ul-it sich reden lasten werden. Je» Streit um den Nrotprets. Die Verhandlungen bisher ergebnislos. Im Eisenbahnerheim hielten gestern die Betriebsräte der Brotfabriken und SchwarzdSckereten eine Versammlung ab, in welcher die sofortigeAufnahme der Loh nverhandlu n g en mit d e n U n t e r n e h m e r n verlangt wurde, da nunmehr kein Hindernis für die Lohnerhöhung mehr vorliege, nachdem sich die Regierung bereit erklärt hat, einen Aufschlagvon 200 Stoneit pro Laib zu tolerieren, au« welchem die Mehraufwendungen für die Arbeiter Und Angestellten bestritten werden sollen. Vormittags erschien eine Abordnung der Broterzeuqer beim Bundeskanzler und unterhielt sich wieder mit ihm über die allgemeinen Fragen der Brotpreisbestimmung. Dr. Ramek erklärte, daß die Regierung vor allem bemüht sei, d a s S t r a fverfahre«gegen die Ankerbrotfabrik zu beschleunigen, um dadurch eine Klärung in der Preisfrage - herbeizuführen. Im Ministerium für soziale Verwaltung wurde auch mit den Unternehmern über ihre Stellungnahme zu den Lohnforderungen der Gehilfen verhandelt. In der prinzipiellen Frage der Erstellung des Brotpreises lehnt die Negierung nach wie vor die Aufstellung von Richtlin en für die Kalkulation ab und beruft sich auf eine vom ehemaligen Abgeordneten Friedman n geführte Sachverständigenkommission, welche solche Richtlinien gewissermaßen al» Rückkehr zur Zwangswirtschaft bezeichnete. Die Verhandlungen mit den Unternehmern sind bisher ergebnislos verlaufen, da die Vertreter der Brotfabriken an ihrem Standpunkt festhalten, sie könnten erst Über Lohnerhöhungen verhandeln, wenn sie mit der Regierung über die Erstellung des Brotpreises einig ge-' worben sind. Aus aller Wett. London, 26. Februar. Wie das Reutevsche Bureau aus Kairo nicloet wird amtlich initgcteilt, daß Z t a l t e n ven ägyptischen Standpunkt zugestimmt habe, wonach die Erörterung der Frage betreffend die Oase von Dscharabub vertagt werden soll. Tokio, 26. Februar. (Reuter.) Das Parlament hat den rrlsstIch-japantschenVertrag ratifiziert Leipzig, 26 Februar. (Tol.-Komp.) Im Zusammenhang mit der Entlarvung des Krim i n a t?w a cy t m e i st e r s Rondel als Spießgesellen internationaler Taschendiebe wurden heute fünf weitere Kriminalbeamte, die auf dem Leipziger Bahnhof Dienst machten, verhaftet. Rouvel bat eingestanden, daß er mit Taschendieben in Verdindung stand, ihnen beim Verkaufe ihrer Beute behilflich war und, wenn sie verhaftet wurden, ihnen zur Flucht ver half. Rom» 26. Februar. In Maria di Pisa ist der norwegische Forscher Amundsen emgetroffen, um die Vorbereitungen Kr einen auif Ausaug des .Frühjahres festgesetzten Nordpolflug zu überprüfen. Washington. 26. Februar. (Tel.-Komp.) Der Senat hat die Ernennung Houghtons zum amerikanischen Botschafter m London ratifiziert. •'v 36. Februar tm Seite 9 —--—:— --— -- I 1 -er ProWukeri ermord in Budapest. . Budapest, 25. Februar. (Tel.-Komp.) In der Mordaffäre Leirer hat sich keinerlei, neue Wend lt n g ergeben. Der Freund der Ermordeten, der 'holländische Kaufmann Dheodor K e r st e n s, ist gestern abends i-n seine Heimat, a b g e r e i st. Gestern erhielt Kerstens ein Telegramm aus der holländischen Stadt Tilburg, wo sich seine Familie aushält. In diesem Telegrarmn erhielt Kerstens die Nachricht daß seine Frau, von der sich Kerstens 'bekanntlich scheiben lassen wollte, um die Amalie Leirer zu heiraten, aus den holländischen Blättern die Bu'daposter Scnsationsasfäre erfahren -hatte. Die . herzleidende Dame nahm die Angelegenheit so tragische daß ihr Zustand sich infolge der Aufregung erheblich verschlechterte, weshalb der Gatte telegraphisch an' das Krankenlager der Frau Kerstens berufen wurde. Unter dem Eindruck dieser Botschaft hat Theodor Kerstens gestern abends Budapest mit Einwilligung der Behörden verlassen. Heu-te vormittags erschien auf der Oberstad chaupimannschast eine Zeitungsausträgevin und machte eine wichtige Aussage. Die Austvägerin Pflegte täglich das Abendblatt des „Pester Lloyd" der. Amalie Leirer. in: , die Wohnung zuzustellen. Zwei oder drei Tage vor Weihnachten kam sie gegen halb 6 Uhr abends vor die Tür der Äeirerschen Wohnung und klopfte an. Auf das Anklopfen kam jedoch nicht wie sonst Amalie Leirer zur Tür, sondern ein Mann. Die Zeitungsausträgeri-n konnte durch das Guckloch beobachten, daß der Mann, bevor er zur Wohnungstür trat, das elektrische Licht im Vorzimmer abdrehte. Hieraus kanr er auf den Zehen zur Tür und fragte, wer draußen sei. Die Austrägerin antwortete, daß sie die Zeitung bereits in den Briefkasten an der Tür eingewovfen habe. Der' Mmin sagte daraus: „Es ist gut," und zog sich zurück. Diese Aussage der Zeituingsausträgevin ist insofern von Wichtigkeit, als daraus hervorgeht, daß Amal-ia Leirer am 21. oder 22. Dezember, dem Tage der Mordtat, einen Herrenbesuch in dev Wohnung hatte. Die Frau erzählte weiter, daß sie an den folgenden Tagen vergeblich auklopfte. KUNEROL Schel Pessach HDD Schel Pessach 100% reines Fett aus Kokosnüssen Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwfirden des Herrn Oberrabbiners 8. B. Ehrenfeld, Mattersdorf Perez-SmolenslyFeier. Letzten Sonntag fand über Veranlassung des Zionistischen Landeskomitees im Fostsaale des Hotel Continental eine großangelvgte Perez-Smolensky-Gedenkfeier statt. Der Präsident des Zionistischen Landeskomitees, Herr Dr.' Jakob Ehrlich, wuidigte in der Eröffnungsansprache das Verdienst des Vorkämpfers der hebräischen Renaissanoebowogung Perez Smolensky. Gerade die Wiener Zionisten haben mehr Grund, Smolensky zu feiern, weil er hier wirkte und vor: hier aus das Losungswort zur Wiedergeburt unseres Volkes ausgegebon hat. Perez Surolensky hat die Fuudaurentatlchve des jüdischen Nationalismus geschaffen. Mt seinemt Kampf gegen die Assimilation eröffnet« Perez Smolensky eine neue Epoche unserer Geschichte. Präsident Dr. Ehrlich verlas sodann das nachstehende Schreiben der Witwe Perez Smolenskys, die infolge ihrer Krankheit verhindert war, an der Feier teilzunehmen. „Zu meinem tiefen Schnrerze bin ich durch Krankheit verhindert, der ehrenden Einladung Folge zu leisten, zu der Feier, welche von Ihnen anläßlich der 10. Wiederkchr deS Todestages des unvergeßlichen Perez SmolenSkv veranstaltet wird. Die Feier für einen so großen Juden muß jeder von uns als historischen Moment tief empfinden und wie schmerzlich muß mich erst diese Trauerfeier berühren, die ich das Glück hatte, die treue Gefährtin dieses edlen Mannes zu sein. Bei aller Liebe, die uns beide verband, habe ich Perez Smolensky nie als mir gehörend angesehen sondern ihn stets als Gesamtgut unseres geliebten jüdifchen Volkes betrachtet. Kurze Zeit dauerte nur unser Glück. Viole Jahre der Trauer und des Kampfs sind seit dem Hingang Perez Dmolenskys verflossen. Mich aber erhobt der G:danke, daß. je weiter unsere heilige Sache v-orwä» ts schreitet, desto größer und leuchtender der Name Perez Smolensky im Herzen des jüdischen Volkes, das seine reine Größe intimes mehr mtib mehr erkennt, loben wird. 27. Schewat 6686. Mt Zionsgruß Witwe Perez Smolensky." Hierauf sprach Oberrabbiner Dr. Z. P. Chajes in wirtltngsvollen Worten über die Bedeutung Perez Dmolenskys für die jüdische Renaissanwbewegung. Smolensky hat das Ghetto nach Europa gebracht, im Gegensatz zur Haskalah-Bewognng, die Europa in das Ghetto bringen wollte. Er wollte der Judercheit und Europa zeigen, daß das Judentum einen wesentlichen Wertzuwachs siir die europäische Kultur bedeuten fcmm. Perez Smolensky war allerdings der erste, der den Glanz der HaSkalah-Bewegung abstreifte. Die Haskalah-Bewegun-g hatte zwar ein hebräisches Schrifttum entfaltet, aber dieses nicht zu bereichern gesucht. Für sie war die he-bräische Sprache ein Mittel, um die jüdischen Massen der AuMärung näher zu bringen. Wie die meisten Maskilim über das Judentum gedacht haibett, beweist uns Herz Homberg, der ein Prototyp der Haskalah-Vovkämpser gelveisen ist und es nicht scheute, in seinen Eütgaben an die österreichische Regierung das Jttdvntum im schlechtesten Lichte darzustellett. Perez Sntobensky hat durch sein Bestreben, die Juden als Juden der europäischen Krtlturgemeinschast näher zu bringen, den Auftakt zur Renaissancebvwegung unseres Volkes gegsbey. Er ist eine Parallelerscheinung zu Herzt, der ähirlich wie er den Beweis erbracht hat, daß irrt europäischen Lsbott und nt der Poil'M die Judenfrage einen Kutturwert bedeuten kann. Gerade jetzt, wo wir vor der Eröffnung der ersten hebräischen Universität in Erez Israel stchen, lohnt es sich, Perez Smolensky als Schöpfer dieser Anscha-nmtg ztt iverten und zit ehren. Der nächste Redner, Dr. Dtescndruck, schilderte die literarischen Schöpfungen Dmolenskys und führte aus: Die lattdläusige Termsuologio pflegt sich der Begriffe Haskalah u-nd Renaissance als zweier Gegensätze zn bedienen. Daß diese Auffassung durchaus irrig ist, ist am besten bewiesen durch das Wesen tlltd Wirken Perez Smolenskys. Begommt hat er als HaSkalah-Schriftsteller mit seinen belletristischen Arbeiten nnb diese »varon charakterisiert durch alle Merkmale dieser literarischen Strömung. Sie ivaren ein Realismus, aber ein tettdenMer, und zwar kritisch-tendenziös. Keiner kannte wie er das jüdische Leiben in all seiner Fülle mid in feinen vevschiedeitsteit Nuancen. Darin aber unterscheidet sich eben die hebräische Haskalah vott der deutschen — der Berliner —» daß diejenigen Haskalah-Vert'eter, die rn hebräischer Sprache geschrieben haben, sich nicht allein mit der Kritik begitügen konntest, sondern ans der kritisierten Gegenwart sich eine Zuflucht suchen mußten : u eine a n > c i?, 1»: i b e n» de re Realität. In diesem Punkte umt, in der gesuchten Realität a(». Gegenstück zur kritisierten MrKichkeit, unterscheidet sich Smolensky von senden Zeitgenossen. Domr nicht der Vergangenheit, sondern der Zukunft ivandte er sich zu. Dadurch entstand bei ihm jeites Neue, das ihn zum BeMnber der Idee der Renaissance machte. So wurde er auch Publizist. Denn Postulate lassen fich nicht bildlich darstellen, sondern müssen begrifflich formuliert werden. Im. Programmartiksl des ersten Höstes „Haschachar" sagt Senölensky ausdrücklich:' .„Bis jetzt haben wir uur gegert eine Front gekämpst, jetzt, ntüssen wir nach zwei Fronten hin deit Kamps fiihren, gegen die Finsternis im Ghetto und gdgm den Verrat ins-olige der Beril-iner Haskalah. Ms einziges Mittel für diesen zweiten Kampf erschien chm die Wiederbelebüng des Hebräischen. Er tvar nicht Gestalter'kn der BelletvisM und nicht systematischer Denker in der Publizistik. Sein Schaffen kaut nicht aus dem Intellekt» noch auch, aus rein künstlerischem Trieb die Wurzel seiner ’ Schaffensenergie war das Temperament. Darum ging er nicht so sehr in die Diese als in die Weite. Das Treibende in chm war sein Pathos, im doppelten Sinne des Wortes: als Leiden und als Begeisterung.' Noch heute hätten wir vieles von der Haskalah zu lernen. Die Rückkehr zu r Arbeit ist ein wesentlicher BestaMoil der Ideenwelt der Haskalah. Wer nicht allein dieses merttovische Moment, es gibt ein formales, das twch von größerer Bedeu tung ist. Unsere Nationalibewegung leidet vielfach darunter, daß sie sich einen allztl tveiten Rahuren gespannt hat. Sie richtet sich auf das Ganze und vernachläffigt oft den einzelne«. Die Haskalah war'einzig und.allein aus die Person..gerichtet. Man konnte nicht Haskalah-Anhänger durch Spenden werden, sondertt nmßte es selbst durch Kampf unib Verzicht und Leiden vollziehen. Dieses Moment der persönlichen Wandlung hätten wir noch bei der Haskalah zu lernen. ' Es gibt einen AuGponch von Srwlensky: „So lange es noch einen Juden geben wird, wird die jü-> dische Nation bestehen. Daß der eiitzelire sich bereit mache, dieser eine zu sein, das ist. die Aufgabe der Gegeltwart. Dr. Gelber würdigte Perez Smolensky als den Propheien dos jüdischen Nationalismus. Man darf keineswegs die Haskalah als jette Bewe-gmtg hittstellen, die nur di,- Assittti lieruug und das Aufgehm der Juden in dm eittzvlnen Wirte-