Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2161 (25.2.1925)
- Date
- 1925-02-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Heike' 2 Wien, Miitwoch Er hat die russischen Juden K'ünuei-f, cv sperrt Sie im Lande <Mie'k>encn. tvenn sie ihr nationales Bekenntnis auch nur zu einander zu äußern wagen. in die Kerker oder deportiert sie in die arktische Eiswüste. Ter cng- :frf?c Bericht hat Neckt.' Das Sowjetregime ist weder den: Inhalt noch dem twiste nach jüdisch. Dies.'s Märckx'n ist wieder einmal, zum soundsovielten Male, aus- A'hobcn. 9lber es wird trotzdem nicht verschwinden. jcip viyou Kalmar Branting. Stockholm, 2t. Frbruar (Havas.) Branting ist heute gcstorben. Mit Karl Hjalnrar Branting, der, 65jährig, mehrwöchiger Krankheit erlegen , ist, verliert nicht bloß der Sozialismus einen ehrlichen Kämpfer, sondern auch die Menschheit einen wahren und starken Vertreter des Ideals der Menschlichkeit, des Völkerfriedens und der Verbindung der Völker zun: Wohle der ganzen Morschheit. Vielleicht hat diesen Sohn eines Lehrers die Beschäfti^ing mit der Astronomie, die er in seiner Jugend betrieb, der Blick in die Iveiten Räume des Kosmos, so rasch verstehen gelehrt, wie nichtig und unwichtig die Streitigkeiten und Zänkereien unter den Nationen der Erde juck). Der Sozialismus, dem er sich früh znwandte, schien ihm der geeignete Weg, um die Verbindung der Menschheit zu einem auf sinnvolle EntwickLmrg gerichteten Garden herzustellen.'In den Achtziger fahren des vorigen Jahrhunderts setzte er sich mit jener jugendlichen Energie, die ihn bis zu den Tagen der letzten Krankheit nicht verließ, fiir die Gründung einer so z i a l d c m o k r a t i s ch e n Partei in Schweden ein, die ihm auch an Jahre 1889 gelang, und wurde der Kührer seiner Partei, von welcher er im Jahre 1897 ins Parlament entsendet wurde. Bald kam Branting auch in der Internationale zu maßgebender Geltung. Er war es, der dem schlvodischen Volke im Jahre 1902 das allgemeine Wahlrecht erkämpfte, seine Partei in Tcl/weden;u i nmer wachsender Bedeutung führte und rbrcn politchhen Forderungen zum Durchbruch verhalf. Als der Weltkrieg kam. bewies Branting. der >ai.> (Hefahr nicht nur des deutschen sondern überhaupt jedes Militarismus und jedes Spieles mit dem Kriegsgedanken klar erkannte, seine staaismännische Fähigkeit für die keineswegs leichte. Ausgabe, Schweden von einein Aufgeben feiner Neutralität zurückz-u halten. Lange vor Beendigung des Krieges hatte Branting. für den der Krieg das furchtbarste Unglück der Menschheit bedeutete, jede Gelegenheit ergriffen, um überall dort, wo sich auch nur schwache Möglichkeiten für einen Frieden zeigten, zu helfen. daß dieser herbeigeführt werde. Seine Bemühungen für einen Verständiaungsfrieden blieben leider erfolglos. Als dann der Zusammenbruch der Mittelmächte jenen Zustand herbciführte, der als Friede bezeichnet, wird, war Branting einer der ersten, welcher dein A u s b a u d e s Völkerbundes tatkräftige Mitarbeiter lieh. Branting war der Vorsitzende der Mandatskommission des Völkerbundes urid dies verknüpft seinen Namen mit der Anerkennung des jüdischen Rechtes auf ein nationales Heim i il E r e z Israel. Mer nicht bloß dieser zufällige Umstand fidjcrf Branting die Dankbarkeit aller derer, welche in ihrem jüdischen Fühlen nicht nur mit ocr Vergangenheit, sondern auch in der Zukunft des jüdischen Volkes verknüpft sind; Branting, dessen Sozialismus nicht bloß politischen Erwägungen entsprang, sondern sittliche Idee toar, hatte dem Gedanken der jüdijchen Zukunft im jüdischen Lande und ihrer Bedeutung in der Menschheit stets offenen und starken Ausdruck verliehen und dafür gebührt ihm der Dank des jüdischen Volkes. Als in Schweden die Mahlen eine sozialistische Parlamemsmehrheit ergaben, trat Branting an die Spitze der Regierung. Der wahre Friedensfreund führte zunächst den Gedanken von der wirklichen Abrüstung Schwedens durch, da er die richtige Ueberzengung hatte, daß die Rüstung für einen kleinen Staat ein gefährliches Spiel mit dein Kriege und riskanteren Einsatz bedente als für die großen Imperien. Seine Krankheit zwang ihn in den letzten Wochen, die Leitung der Regierungsgeschäfte in andere Hände zu le^n. Nun hat der Tod seiner nimmermüden Arbeit für die menschlichen Ideale ein Ende bereitet. Sie kann jedoch nicht untergehen, wenn die Menschheit die Gedanken der Männer wie Branting zu deu ihren macht. Sbett operiert. Reichskanzler Luther — sein Vertreter. Berlin, 24. Februar. (Wolfs.) Uebcr das Besindcn des Reichspräsidenten wurde um 10 Uhr vorrmtdags wigendrs Bulletin ausgegeb-en: Reichspräi'ident E'b e r t ist im Lmcke «der vergameuen Nacht durch Gohe>i>mrat Profess.? Tr. Bier in einem hiesigen Krankenhaust am Blinddar m opeven w rden. Die Operation, die über eine Stunde bauerte, ist gut v e rlaufen. Das Befinden des Reichspräsidenten ist .sehr befriedigend. _Wiener Mornenzeltirna._ 'KoicüjpväiiiX'u; Cr v : v t fleljt im VUttv von .'>4 vVv.b vcn. Durch seine plötzliche Erkrankung ist zürn ersteinua! der Fall e.ingelrelen. den der Artikel 51 der ^Reichsverfassurg vcrsiel't. Dieser lautet: >,Der Reich/sträsideut wird im F<rll seiner Verhinderung zunächst durch den Reichskanzler vertreten. Dauert die Verhinderung längere Zeit, so ist die Vertretung durch ein Re'chöse'ctz zu regeln." Aus Gn:ud dieses Artikels der Verfassung ist die Vertretung des Reichspräsidenten dem Reichskanzler Dr. Luther übertragen worden, der natürlich gleichzeitig Reichetangier bleibt. Tie Amtszeit Eberts läuft im Sommer ab. Seine Wiederwahl kann weihl als ausgeschlossen gellen. Nach deir abends aneycgebenen Bulletins ist das Befunden des Reichspräsidenten unverändert befriedigend. Die Kalenderreform. Der Standpunkt der Wischen Religion. Die Kalerrderresormkommission des Völkerbundes ver öffentlicht nunmehr die Darlegungen der jüdischen Vertreter aus England, des Oberrabbiners Dr. I. H. Hertz und des Gc nevalstkretärs des Board of Dsputies, Lucken "W ol f. Oberrabbiner Dr. I. H. Hertz führte aus: ,Ich spreche hier nicht allein als OberrM'mer Großbritanniens/ soiwcrm auch als der Abgesandte der konservativen und liberalen jüdi schen Gemeinschaften der Vereinigten Staaten Nordamerikas, die mich cncforderten, ihr Fürsprecher in dieser tiefreichenden Frage zu sein. Prinzipiell sind wir nicht gegen eine Kalvndec reform, ins »ferne die Institution der bisherigen Siebcntagewo.che nicht angetastet Wird. Di« Vorschläge b-otresfend die Länge ^s Jahres, die Zahl der Monate, dar Datum des Ialiresbeginnes, die Festsetzung des Passayfcstes berühren in keiner Weise die jüdische Lehre, Mer wir sind gegen jede Maßnahme, die die Stabilität unseres Sabbat beeinträchtigt oder einen fortivährtnd tvechselnden Ruhetag brächte, der in unserem religiösen Leben nur Körrfnsion 'an richten tvürde. Eine solche Reform tvürde die Beoibachmng des Sabbat für die überwältigende Mehrheit der gesetzes rreucn Juden ungeheuer erschtvcrcn rmd den Sabbatgedainken unter unseren Dolks-ntassen .unterminieren. Die vor gc sch läge ne Rofornr über die Dauer der Woche erfüllt alle gläubigen Juden nrit Sorge und Angst. Würde dieser Plan praktische Gestalt amrehmen und -von verschiedenen' Staaten verwirklicht werden, so würdedies die -G 1 e -i ch:n ä ß i g k c i tder Zeitrechnung, die als-Hauptargument für die Kalenderreform ins Treffen geführt wild, erst recht zerschlagen. Das jüdische Volk wird den a l ten hi st o r i s ch e n Sa bbattag weiter feiern. Ich bitte, daß das äkoncktee zur Prüfung deS Kcrleuderreformplanes ettveitert werde und Vertreter aller Hauptreligionen einfchließe. Die gewaltige Bedeutung dieser Reform rechtfertigt meine Bitte." Der Bericht der britischen Gowerkschaftskommission über Rußland ist nunmehr veröfstntlicht worden. Daraus sei folaettdes wiedergcg-eben: Die Rote Armee beträgt baute 5b3.U)0 Mann, während sie im Jahve 1923 5,3l)0.000 Mmn betragen batte. Es wurde em System von nationalen: Terviterialdienst mit sechswöchiger AnAMdung und vierjähriger Dienstzeit in einer Territoviälformcttwn angenommen. llöber die W o hn u u gs v e rhä l t n i s se üvdlärt der Bericht, daß die KontmiMon da: dom Besuche der Oelstlder in Baku Wohnnngeu gefunden 'hak, wie sic niemals eine» der Mitglieder in irgend einem Lande gesehen hatte. Es gab Mi-rssenwohnurrger:, in denen ein ethischer Bauer nicht einmal sein Vieh unterbringen würde, ohne wcgen grausamer Behandlung der Tiere bestraft zu tocrden. Jetzt Werder: aus den P c t r o I c u m fr c lu i n lt c n durch die Svlvjetregienung noue Häuser gebaut. Woiter sagt der Bericht, es besteht in der Tat keine politische Freiheit. Man müsse sich mit der Erklärung Mriedongsben, daß die Diktatur des Proletarivks bestshe, in der für die Douwkvatie europäischer Staaten kein Platz ist. Presse, Rednertribünen, Schulen, Universitäten und Armee werden vollständig kontrolliert. Die Abordrulng stellt fest, daß das gegewrärtige System in omen Zustand gelangt ist, der nicht als Kommunismus, sondern richtiger als eine Form des StM-tsstzialismus oder des Staatskapitalismus bezeickM't werden kann. Ueber das Streikrecht sagt dc'r Bericht: Dieses Recht bestehe, aber lodiglich als Protest gegen Uebcrgrbfse der Staatsge..M'tt, die als einzige Arbertgeteri-r: an;usehen ist. Man sagt, daß das Sowjetregime ein lüdis ch e s ist. Es ii[t aber weder seinem Geiste noch 95. Februar 192.1 Nr. SWI •AKv. vueieu W o l j fnbrto - „Im Hin-blick ans bst j^tzigru cl>aonscheu Justäiid^ in Lsiouropa, wird kein denkender Mer'sch o'.me Sorg? eine Maßnahme betrachten, welche dae moralische Lrdcn eines starke,! Bevölk'.'rnngSteiles unter minieren und die wirtschafkliihen Beoingultgeil derjenigen er schn>ereu würde, die ihrer Nederp'ny.ung treu bleiben wollen. Ich bin beauftragt, die >>offnnng auSzu.ft>recl)en, daß die Kalenderresorm von der Kommission tut Einvernehmen mit der Wahrung des jüdisäien Sabbat gemäß der: urollen Bräu ryen des jüdischen Kolkes lvhcurdclt werden möge." Der Vertreter der evangelischen Landesbünbe, Dr. Kel le r. führte au«. N.1 Prozent der Bevölkernng der Welt sind Anhänger nichtchristlick)er Religionen, wie die Anhänger der Lehre dcö Konfuzius, die 15) Prozent, Mohammedaner, die Il Prozent, Hindus, die 13 Prozent der Bevölkerung der Wcklt ausmachen. Auch diese sind an der Kalendcrrefnvm interessiert und die intcntativmrle Gerechtr-skeii wie der Grundsatz religiöser Freiheit erfordern e8, daß auch diese Völker' sülwftc:: im Ausschuß der Äglcnüerresvrm vertrete» sind. Auch die Juden, die fast 1 Prozent der WcWbevöbkerung aus nrachcn, sollen ihren Vertreter im Zllrsschitß haben, s-i daß die Maßnahnren des AnSschusies die antoritat-ivste Wirk» ug hüben lverdei Vir Binnenwanverung der Reger in den . vereinigten Staaten. In den Bereinigten Staaten sind nach dem Ber-«yle des Bundesarbeitsdepartements schon «wä'hrenld der Kriegsjahre ettva 400.1)00 Neger «ns den Südstaaten in die Nordstaaten gezogen und zum gvohen Teile auch dort geblieben. Vom 1. September 1922 bitz zun: 31. August 1923 ha-brn diese Wanderung nahezu eine halbe Million Neger mitgetnacht. Wie das, „Argentinische Wo-- chetLblatt". auL'fübrt, leben z. B. 08 Prozent aller ln Jlli,- nois ansässigen Neger in Chikago. Es gibt nur zwei oder drei Berufe/ in die die Neger nicht oingvidvmMn sind, darunter jeire der S t ra ße n bahn fnHeer und Schaffner. Die Verschiebung der Täti-g'kcit ist dadurch clwrakll'visicrr. daß in den Jahren 1910 bis 1920 die Z-.rhl der in häitslrchest Diensten beschäftigten männlichen Neger trotz der Dermehrrmy derfelbei: nm 23 Prozent zu-rückigegau« g-en ist. Sie Haben -sich hauptsächlich der Jardnistrie zugetvendet. Ausbrach der Popocatepetl. , Dcr Pulkän von ÄrexlkSt > . . / iri\ . London, 24. Februar. , Nach einer Mvüdmtg aus AI e x i'ko ist «der Popo c atc pe 11, der fett v je rh n n d e r i Jahr e n nicht an e h r tätig itvar, wieder a n s g e b r o.che n. Die Einwohner verlassen stuchda-rbib die Stadt Pridblo. Eu: starker Aschenrx'gcin fällt anif die nurllegenden Dörfer. so incn Idca ( c n na chjüd isch. kDer Einflltß, den die Juden ansül>eu, ist ihrer I n t e l l i g e n z und ihren i>i cn u d u i s s c n ails Stuatsbeicvntte Wzuschre-vben. lieber die G e bu rt enko nt rolle wird ntttgeteilt, daß - die Bereitlung von Geburten durch N'ichl autorisierte Personen strafrechtlich verjotgt wird/ daß aber oin-e Frm: in einem staatlichen Spital die Bornahnre der Qpewltion verlängert ka-nn, wenn sie boiveist. daß ihre l^efnttdheit durch ihre Niederkunft leiden würde oder wenn sie beweist, daß ihre Mhi^oit, int öffentli ch euDi e n st e weiter zu arbeiten, -dadurch 'bee-inträchttgt würde. Es gibt viele Un-blarhviten in diesen Bestimmungen, und ein neues Gesetz, ist jetzt in Vorbereitung. Die Fvmcn sind den Mär:nevn völlig gleichiboreck)tigi. Die Ehe kann durch ge-genstiti-gos Ueberomkoimnen immer ge löst werden. Deswegen ist die fbrwalTc Ehe so gut wie üiberflüssig geworden. Das i lleg i ti me Kind ist glerchberechtigt. Nach der Schoidn-ng ist der Va-ter bis W>m 17. Lebensjahre der Kinder mit einom Dvittel soines Cmkonltttcns für die Kinder zn sorgen verpflichtet. Die kommerzielle AuSmitzung der Liebe wird strenge verfolgt. Die Prostitution ist udsoliut ungesetzlich, und der Mann wird dadet g e n a lr s o b e st r a f t w i e d i c F r a u. Die große Gittenlosigkeit, die -während des Bürgerkrieges herrschte, hat albge« nmmnen. > Die Nichtarbeitenden vorn 18. Le-denüjahce an, die nicht fmnf sind, haben keine politische:tn u d f 0-5 i a le n 9t e ch te.- Sie sind vorpflichtet, alle H ö chstta vife zu be^hlen, und können mit oilver einmorva-tigen Kündigung ans ihrer Wohnumg getrie« den werden, um einem: Arbeiter Platz M machen:. englischen Gewerkschaftler über Mtzland. »Weder dem Seift »och de« Ideale« »ach jüdisch." (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".)