Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2159 (23.2.1925)
- Date
- 1925-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Men, Montag SS. Fevruar 1925 «r. riss «k! wiener Mornenzritnn«. Jüdischer Sammeltag Heute Monteg den 23. Februar Zugunsten der notleidenden jüdischen Fürsorgeinstitutionen Set Archivmarder Hauck. Berlin, SS. Februar. (Wolfs.) Vor einigen Wochen ist der Prkvstgslehrte Dr. Karl Ha u c? w.'gen ja h re lang fortgesetzter Archivbiobstä-hle samt seinem Freund, dem frühe« «n Au schneide r Karl Maria v. v o h e n -l o ch e r verhaftet worden. Nachdem schon danralS reiches Alatcrial «ms vielten Archiven, zu denen Dr. Hauck als Verfasser eines großen Werkes über die deudsche Kultur Zutritt liatte, beschlignahmt worden war, sind nunmehr in der Behausung Hohenlochers, der unter falschem Namen hauptsächlich als Verkäufer aufgetreien war, Schlüssel zu z w e i Tresors bei hiesigen Großbanken gefunden worden. Die Tresors waren mit weiterem gestohlenen Material angefüllt. Es ergab sich hierbei, daß auch Dr. Hauck über einen Lvsfor verfügt«. Auch hier fand man wertvolles Material, darunter eigenhändige Briefe der Hohenzollern von. Frierich dem Großen bis zu Wilhelm dem Zweiten. Die Dokumente stammten ans Wien. D «a, rm sta dt, Ba irc uth und anderen Städten. Darnnter befindet sich eine KrmmngSuvkunde aus dem elften Jahrhundert, eine eigenhändige Aufzeichnung der Königin Sitif« über ihren .Haushalt, Briefschaften »vnd andere Schriftstücke von B i §-* nt a t dt, und eine Kielfeder, mit der Friedrich der Große geschrieben hat. Die Ermittlungen über die Herkunft der einzelnen Gegenstände erstrecken sich unter anderem auch auf das British Museum in London und das V a t i k a n? s che Archiv. Schneewetter. Gestern vormittags ist endlich Schnee gefallen. Gegen 10 Uhr vormittags setzte ein ausgiebiger Flockenfall «in, der bis abends anhielt. Die Stadt nahm in kurzer Zeit das Winterkleid an und auch das abends eingetretene warme Wetter konnte keine Aenderung bringen. Der Straßenbahnverkehr geriet stellenweise ins Stocken. Auch aus der Provinz wird Schneesall gemeldet. In Budapest regnete es gestern sehr stark. Ler Mord an Amalie Lelrer. Der Vater unter Verdacht. Budapest» 32. Februar. Die Umbersuchwng in der Affäre d-r ermordeten Prostibutierten Amalie Lelrer konnte bisher kein einziges greifbares Moment Matze fördern, das den Tatbestand aufhellt. Gegenwärtig befaßt sich die Polizei Angehend mit der Person des Vaters der Ermordeten, der sich durch fein Verhalten verdächtig gemacht hat. Er scheint gewisse, nicht gerade väterliche Beziehungen zu der Ermordeten angestrebt zn haben, wobei er Mdersband gefunden hat. Die neuen zigarettenpreise. Wie bereits gemeldet, werden die Zigarren- und Zitzarettenpreise ab 1. März in Schilling, respektive in Groschen berechnet. Die Zigarrenpreise bleiben unverändert, die Zigaretten, die jetzt 350 oder 450 K. pro Stück kosten, werden auf 300, respektive 400 K. abgerundet, so die Sport-, Damen- und Divia-Zigaretten auf 300 K., die Mirjan-, Prinzesas- und die Moerrs-Zig tretten auf 400 K. Die Erzeugung der Portorikozigarre, die in der letzten Zeit ausgegangen war, schreitet rüstig vorwärts, so daß Ende März ein genügender Vorrat vorhanden sein dürfte, um diese beliebte Volkszigarre wieder in den Verschleiß bringen zu können. Vagdad, die Marchenstadt. In der vorzüglichen Serie „Der Wrltsnbmnmler", die der Verlag Kurt Dowmckel, Berlin, herausgibt, erschien ein weiterer Band: „Powell. mit Auw und Kamel;um Psartenchron." Wir eutnehinen dem Buche den Abschnitt über Bagdad, die Stadt Harum-a-l-Naschids. Bagdad hat beu wenig beneidenswerten Ruf, eine der heißesten Städte der Welt zu sein; ich kann mich 'dafür verbürgen, daß sein Ruf voll gerechtfertigt ist; mein Unglück war. daß ich zu Beginn der heißen Jahreszeit dort eint ras. Das Licht zieht ganze Hcew von Moskitos an, während man trrrt Tagesanbruch aufstehon umd in den Keller hinabsteigen muß, um den gefährlichen Strählen der Morgensonne zu entgehen. Diese Art zu leben hat natürlich eine Umwälzung aller gesellschaftlichen Gewohnheiten zur Folge. So erinnere ich mich, den amerikanischen Konsul Mr. Owens auf einer offiziellen Bisitentour am steinen Beiramfest begleitet zu haben, am Vnde des Fastenmonats Ramadan, zu der wir u n sechs Uhr cmfbvachen. Als Emir Fa i s ul im August 1S21 zum König vom Irak am-g« rufen wurde, begann die KrönungLzeremonie. bevor es ganz hell war. Wie zu erwarten, ist Bagdad kein gesunder Anfenchaltsovt. Cholera und Pest, diese meistgesiirchteten Krankheiton, sind häufig. Fälle von Dysenterie sind so häufig wie bei uns Influe-nKa; wenige Europäer, gleichgültig wslche VorbettgungSmatzregeln sie änwenden, leben längere Zeit in der Stadt, ohne sich die entstellende „Ba g da M8 eule" zuzuziehen. Dieses Geschwür, gegen das es noch kein wirksames Heilmittel gibt, ist von Aleppo bis nach Persien verbreitet. Aber nram vergißt die Unbequemlichkeiten de- Lebenin der alten Stadt über der Pracht und der ewigen Verschiedenheit seiner Straßenszenen. Gehen wir einmal in der „Neuen Straße" im Zwielicht spazieren, wenn die Leute ans ihren .Kellern auftauchen, um Luft zu schöpfeu! Das Gedränge, das die staubige Fahrstraße von Biegung zu Biegung erfüllt, bildet ein menschliches Kaleidoskop ohnegleichen: Hochgewachsene, hcrkennasige Araber mit ihren scharfen, von der Keffije halbbcdeckten Augen; Iu.densrallen, von Kopf bis zu Fuß in prunkende seidene Schals mit Gold« und Silberbrokatstreifen gefüllt, ihre Gesichter hinter sonderbaren schwarzen Visieren verborgen, unter denen bisweilen ein schmachtender, koketter Blick hervorblitzt; schwärzliche, stolz einherschreitende Kurden mit turmhohen Kulahs, derselben sonderbaren Kopfbedeckung, die vor dreitausend Jahren auf babylonischen Skulpturen dargestcllt ist; Beduinen aus der Wüste mit -Haarstechten vor den Ohren; mohamedanische Mollahs in wallenden Gewändern mit weißem Turban; Juden in roten Tarbuschs und europäischen Anzügen; barfüßige Kulisrauen mit weiten, dunkelroten Beinkleidern, silbernen Spangen und türkisenbesetzten Nasenringen; patriarchalisch aussehende Türken mit gelbem Schal um den Turban, der anzeigen soll, daß sie den Hadji zu den heiligen Städten gemacht haben; Abkömmlinge des Propheten, die lebhafte, grüne Schals und Gürtel tragen (ich zählte während einer Fahrt von zehn Minuten 17 solche Leute); würdige, ausrechte Sikhs, die schwarzen Bärte am Kinn gestochten und gebändert, um ihren Turban Stahlringe mit Rasierklingen; rassige Gurkhas mit Schlapphüten, in ihrem Gürtel das furchtbare. Breite Messer, ihre Nationalwaffe; rotwangige, englische'Tommies in Kniehosen, Rückenschutz und gesteppten Helmen; stutzerhafte junge Offiziere tunt der königlichen Luftflotte, promenierend, als wären sie in Picoadilly; englische Kaufleute in kreideweißen Schuhen, Tropenhelm und tadellosen Anzügen aus gestärktem, weißen Leinen; Stabsoffiziere der Besatzungsarmee, Stiesel und Gürtel glänzend wie Mahagoni, die Brust mit Feldzugs« auszeichnungen geschmückt; hellhaarige europäische Damen unter buntfarbigen Sonnenschirmen, di« im Kraftwagen und Dogcart zu den SportkltrbS, zu Tee und Tennis eilen, Parsrkausleute arrs Bombay; arabische Händler auS Bahrein und Maskat; Negersklaven aus Ostafrika; russische Emigranten, Armenier, Asshrer. Chaldäer. Zitckassier, Luven, Hindus, Chinesen, Aegypter, Perser, Levantiner, Leut« aus aller Welt. Wir kamen in Bagdad gegen Ende des Ramadans an. Dieser Monat, der neunte des mohammedanischen Kalenders, ist der Fastenzeit der Christen vergleichbar. Theoretisch dauert der Ramadan 29 Tage und endet mit dem Festtag des kleinen Bairam; er wird mit großer Bewirtung und Freudenfesten gefeiert. Aber nach den Lehren des Islam endet der Ramadan erst, wenn der Neumond sichtbar geworden ist. Das Gesetz fordert, daß er von mindestens sechs ehrenhaften Männern gesehen worden ist, die dies vor einem Kadi beschwören. Am letzten Festen tage wogte die Bevölkerung von Bagdad in unterdrückter Erregung. Tagelang hatten die Köche und Bäcker Ueberftunden gemacht, ihre Läden waren gehäuft voller klebriger Süßigkeiten und anderer Delikatessen, welche die Orientalen lieben. Die Restaurants und Kaffeehäuser hatten umfangreiche Vorbereitungen für das bevorstehende Fest getroffen: Musikbanden waren bestellt, Extrakellner gemietet und in einigen Fällen die Stühle und Tische so weit in die Straßen vorgeschoben worden, daß sie den Wagenverkehr behinderten. Die Zeitungen hatten verkündet, das erste Aufleuchten des Neumondes werde von einem Artilleriesalut ans der Zitadelle begrüßt werden; aber der heiße Abend ging langsam vorbei und obwohl die Menge in den Straßen unruhig wurde, kam ein Salut — aus dem ausgezeichneten Grunde: der Neumond war nicht gesichtet worden. Es sah so aus, als ob das Fest verschoben werden müßte, wodurch den Wirten der Kaffeehäuser und Restaurants großer Schaden zu erwachsen drohte. Um elf hatte ich jede Hoffnung aufgegeben und mich auf das Dach des Hotels zu Bette gelegt; die Menge in den Straßen fing an, sich langsam und widerwillig zu zerstreuen. Da, .plötzlich, kurz nach Mitternacht, wurde ich vom Geböller der Geschütze erweckt. Wie es scheint, hatten die verzweifelten Speisehändler. als sie ihren Verdienst schwinden sahen, scharfäugige Beobachter auf die höchsten Minaretts der Stadt geschickt; ein Gruppe von ihnen hatte die angstvoll erwartete Frau Luna erspäht und sich beeilt, diese Tatsache, vor der Obrigkeit zu erhärten, worauf da- Fasten offiziell für beendet erklärt wurde. Die Artilleriesalve war das Signal zum LoMrnch eines -HöllenfPektakels. Kapellen spielten, Hörner tuteten. Freunde riefen einander Glückwünsche zu. und die hungrigen Tausende machten sich daran, mit gebratenem Fleisch, Backvaren und Scherbetsich vollzusiopfen» bisie nicht mehr konnten. Es erinnerte mich an die Neujahrsfeier Now-?)orks in der guten alten Zeit, aber mit dem Unterschied, daß niemand es für nötig hielt, sich zu betrinken. Mail ist ständig durstig in Bagdad;, da dal Wasser in der Stadt gänzlich ungeeignet znm Trinken ist, so werden große Mengen eines am Örte hergesiellten Sodcttvassers verbraucht, das zwei Annas (etwa vier Cents) die Flasche kostet. Damit will ich nicht sagen, daß es keine Nachfrage nach stärkeren Getränken gibt, die die Etiketten von Gordon, Hencssy und Haig tragen; doch ist es einfache Gerechtigkeit, festzustellen, daß man nur sehr selten Fälle von Trunkenheit sieht. Es gibt keine Bäder int Hotel Matldc; wenn man aber das Bedürfnis hat zu baden was in dem trockenen Klima häufig vorkommt —, so braucht man nur in die Hände zu klatschen, worauf der Diener eine runde und sl.tche Zinkwanne in das Zimmer bringt, die er aus Standard-Oil-Kanistern mit Wasser füllt. Braucht man ein warmes Bad, so werden die Kanister einfacheine Viertelstunde in die Sonne gestellt, worauf das Wasser zu heiß wird, alz daß inan eS ohne Abkühlung gebrauchen könnte. Die langen, heißen Stunden bringt ntan in einer Siesta zu, auf dem Bett auHgestreckt und bis auf die Haut ansgezogen, währende über einem ein elektrischer Facher wirbelt. Wenn man jedoch die Moskitovorhänge nicht vorzieht, machen einem dichte Fliegenschwärme den Schlaf unmöglich.?kber wenn die Fliegen eine Plage sind, so sind die Moskitos in Mesopotamien ein Fluch. Man erzählt sich die Geschichte von einem Tommy, der in der Stille der schlaflosen Nacht, von Insekten gequält, seinem Zelttzenossen zurief: „Mensch, Hein, wie konnten Adam und Goa anshalten an diesem verdammten Platz mit all den Moskitos?" ,/Verflucht, wenn ich das weiß," war die Antwort. ,-ES wäre kein Schwert notwendig gewesen, um mich aus diesem Garten Eden zu vertreiben." Bevor er den Staub Bagdads von den Füßen schüttelt. muß jeder Besucher, der sich einmal an „Tausendn.ndemer Nacht" gefreut hat, eine Pilgerfahrt nach dem alten mohammedanisch*sn Fried Hof machen, der auf der Westseite des Tigris am Rande der Wüste liegt. Am äußersten Ende dieses Begräbnisplatzes erhebt sich weithiu sichtbar ein sonderbare« Bauwerk, daS auSsieht, wie eine ungeheure Ananasfrucht, die auf einem Orchefterpodium balanciert. Dies ist das G r a b d e r Z u b e i d e, der Lieblingsgemahlin Harun al Raschids. Hier liegt sie begraben, in Hörweite von der Stadt, wo sie lebte, lachte und liebte, aber ihr liebender Gatte, anstatt neben ihr zu schlafen, wie er es Wohl gewünscht hätte, fand seinen letzten Ruheplatz tausend Meilen entfernt, neben dem großen Dom des Heiligtums von Imam Mufa in Mesched. Folgt man dem Erddamm, der dem Tigris parallel läuft, so kommt man zu der berühmten M o s ch e e v o n K a s i m e i n, diesem schönen, leuchtenden Kunstwerk, dem ersten Bauwerke, das das Auge des nach Bagdad Reisenden auf sich zieht, gleichgültig, von welcher Seite er kommt. Seine zwei großen Kuppeln, die fünf schlanken Minarette und ein Teil der Fassade sind mit vergoldeten Kupferplatten bekleidet, einem Geschenk des Schah Nasr ed Din von Persien, im Werte von einem Pfund für jode Platte. Aus dem ganzen Osten kommen die Pilger, um an diesem Schrein zu beten, der einer der heiligsten Plätze der schulischen Welt ist. und Gaben darzubringen, die der Moschee ein riesiges Einkommen gewähren. Nichtmohammedaner dürfen ihr Inneres nicht betreten; die Bevölkerung des Stadtviertels von Kasimein ist so fanatisch, daß e« schwierig und sogar gefährlich ist, sich ihr zu nähern. * Ibsen und da- Frauenstimmrecht. Bei einem Fest der skandinavischen Kolonie in Rom hielt Ibsen einmal eine Reve über da» Frauen st tmmrechl Mer er mußte bemerken, daß man seine Ausführungen, die natürlich darin gipfelten, daß der Frau unverzüglich da- Stimmrecht gegeben werden müsse, nicht eben beifällig ausnahm. DgL erregte seinen Zorn, und kurzerhand stellte er am Ende seiner Rede den Antrag, daß sofort Wer die Frage abgestimmr werden solle. Trott aller Gegenreden blieb er bei seinem Antrag, und man M'Ußte ihm notgedrungen willfahren. Es wurde geheim. mit zuisammengefalteten Zetteln abgestimmt. Die Abstimmung fiel gegen daS Stimmrecht aus. Da packt« Ibsen aber die Wut. Er stürzte vondem Rednerpn-t herab, evgrdfs den ersten besten beim Kragen und fragte ihn. ob er kür oder gegen gestimmt hätte. Ein pani'cher Schrecken entstand: denn dem Dichter m diesem Augenblick entgegenzutreten. dawar ein Wagestück. Da- Publikum stürzt« fluchtartig aus dem Saal. Man hätte denken können, es sei Feuer auSgebrochen. In kurzer Zeit war der ganze Saggeräumt, und Ibsen stand allein mmttten der leeren Stühle. „Feiglinge", so soll er ingrimmig vor sich hin geknirscht haben, „Feiglinge!" Daun verließ er das Fest und wurde seitdem bei keiner Veranstaltung der skandmavischen Kolonie mehr gesehen. 0 Ttmzlustllut Hermann Braun. 14. Bez„ Neindorfgasse 42. Tel. 83-4-1. (Entgeltlich.) *•