Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-02-22 · Heft 2158 (22.2.1925) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2158 (22.2.1925)
Date
1925-02-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981243--22006-3009374
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. AK M-en. Sonnkag MsE«ev WovenzesfttNA. SS. fofcntflt 1025 Telle 8 Jüdischer Sammeltag Heute Sonntag den 22. Februar Morgen Montag den 23. Februar Zugunsten der notleidenden jüdischen Fürsorgeinstitutfcnen Wiener „Spezialitäten" 1925. Von Egon Drelrichsteitt. Wenn einer eine Reise tut, so kann er erzählen, daß Men die einzige Stadt Europas ist, die sich noch papierener Servietten bedient. Und mit den Papierservietten haben sich, bereits selbstverständlich, zur Getvohnheit und zur ständigen Einrichtung geworden, noch andere Kriegsspezialitäten erhalten. Auf der Kärntuerstraße schreit ein Hausierer von früh bis abends: ,-Kein Papier, kein Stroh... echte F r i e d e n s w a r e!...", als ob nicht die gesegnete Zeit des Schützengrabens, des Seelenaufschwunges, des Pferdesaftbratens, der Ersatzbohnen glücklich vorbei wäre, besser gesagt, vorbei fein müßte. Wie, kein Papier, kein Stroh? ... Welche Hinterlandsgespenster werden da täglich in die hellichte Kärnterstraßc projiziert! ... Wo in ganz Mitteleuropa wird noch Papier und Stroh zu anderen als den zuständigen Zwecken verwendet? Wien, Wien, nur du allein, bist in der beneidenswerten Lage, einen „echten Emmentaler" offerieren zu können, während man in Mailand, Prag, Paris nur einen schlichten, kommunen Emmentaler anbietet. Wahrscheinlich gibt es auch, irgendwo versteckt, „echte Zündhölzer", „echte Briefmarken", der Alltagsvcrkehr hat Zündhölzer, die nicht brennen, Briefmarken, die nicht kleben. Man könnte sich noch, wenn es nicht gar zu unerfreulich wäre, einige Zeit bei diesen appetitlich etikettierten Emballagen minderwertiger Spezialitäten aufhalten, bei diesem Humbug der Aufmachung, in der so gut wie nichts steckt: jedes kleine und kleinste Tiugl-Tangl stellt, um auf trügerische Aeußerlichkeiten anderer Art, aber im Grunde desselben Genres überzugehen, einen livrierten Portier vor die Türe, und wo weder Vergnügungsprogramm noch dessen Zubehör hohe Preise rechtfertigen würden, da stellen zur rechten Zeit sich einige Dutzend elektrischer Glühlampen, schwere Perserteppiche und Billetteure im Frack ein. Es muß von diesen scheinbaren Nebensächlichkeiten heute gesprochen werden, weil das Jnflationspublikum, das - solche Ausstattungen Mit dem Werte der besonderen Vorliebe schätzte, fehlt, weil in einer Zeit, in der die Vergnügungsbetriebe Not leiden, vor allem ein Abbau an Kulissenmaterial einzutreten hätte, das schließlich keinen anderen Zweck verfolgt, als durch ein fragwürdigen, aber kostspieligen Reichtum über Armut hinwegzutäuschen. Es wird hiebei keineswegs übersehen, daß eine Millionengroßstadt auch Firniß, auch Aufmachung, auch Schmuck braucht, aber es müßten doch vor gehörig zerpflückt. Ban besonderen: Interesse ist das Kapitol Mer die Eideshelfer der Plagiatoren; darin wird dem 'Grafen Reventlow, der sich mit seiner ganzen Manneswürde für die Echtheit der Protokolle einsetzt, denr Henry Ford, der aus Geschäftsgviinden Antisemit wurde, und dom „rülhmlich" bekannten General Ludendorff, der einen der Weisen von Zion leibhaftig gesehen haben will, gründlich und nicht ohne Humor Heimgele achtet. Es war sicher nicht leicht, sich durch dieses Gestrüpp von dilettantischen Fälschungen, durch dieses Gewebe von gemeinen Lügen und Verleumdungen hindurchzulwinden; es war aber auch nicht sonderlich schwer, die Fälscher zu entlarven. Im vorliegenden Falle war nicht einmal notwendig, ihnen die Maske vom Gesicht zu reißen, da sie überhaupt keine anhatten; sie trugen vielmehr ihre Verlogenheit offen zur Schau. Schon der Titel der Protokoll« läßt erkennen, wes Geistes sie sind. Berthold Auerbach hat einmal den Titel das Gesicht des Buches genannt. Das Titelblatt der Protokolle ist ein verlogenes Gesicht. Das Buch „Protokolle der Weisen von Zion" trägt die Fälschung schon au der Stirn; derrn das Judentum kennt „Weise von Zion" nicht. Sehr zutreffend vermerkt Segel, daß in der jüdischen Literatur oft die Weisen von Jerusalem erwähnt werden, oder die Weifen von Sased, oder die Weisen von Diberias, aber we die Weisen von Zion. Das wäre sinnlos. Der Albdruck bedeutet Gerichtshof. Zion war nie der Sitz eines Gerichtshofes. In der poetischen Sprache symbolisiert Zion das gefaulte jüdische Volk und das heilige Land. Aber „Weise von Zion" kennt die jüdische Literatur nicht. Tief betrüblich bleibt die Tatsache, daß man heute noch gegen antisemitische KaljeSbriefe umfangreiche Bücher schreiben muß. „Unter der Ewigkeit der Gestirne e'm Stündlein spazieren gehen, ist wirklich gescheiter und macht innerlicher, als faule Kämpfe mit Gegnern zu bestehen, deren Waffen nicht ganz mensurrem sind" — schrieb einmal Ludwig Jaogbowsti. In Sachen der „Protokolle" jedoch war die Abfassung einer Abivehrschrift Wohl am Platze. Mit der vorliegenden Schrift hat der Verfasser sine notwendige AusklürmmL»rbeit geleMet. allem die dekorativen Sensationen in einem halbwegs realen Verhältnis zum primären Zweck stehen. Es fällt dem Fremden hier auf oder könnte ihm auffallen, daß der Eintritt zu einem Gulasch zu 30.000 K., an dem man sich den Magen verdirbt, von einem Portier bewacht wird, der wie ein Leibgardist aus dem Aneien regime in Gala uniformiert ist. Der Fremde begegnet noch weiteren, fühlbareren Absonderlichkeiten. In den deutschen Mittelstädten, in den italienischen Kleinstädten wird der Passagier von einem Wagenpark von Hotelomnibussen erwartet. In Wien ist der Hotelomnibus eine Rarität. Womit nicht gesagt ist, daß er nicht vorkommt, womit nicht gesagt ist daß es etwa keinen gibt. Würde man dies behaupten, so würden die paar Hotels, die ihren Omnibus zur Bahn schicken, dementieren. Dennoch: der Hotelomnibus hat sich hier — weiß Gott, weshalb — nicht eingebürgert. Und dem Fremden, der mit Gepäck beladen, eintrifft, bleibt nur das Auto. In allen größeren Städten Mitteleuropas hat die Bahnhofindustrie fremdenverkehrsfördernde Neigungen. Der Bahnhof nimmt zur Kenntnis, daß auch nach 7 Uhr abends Züge und Reisende eintreffen, nnd die Tabaktrafiken haben selbst nachts geöffnet. Bei uns nehmen die Bahnhofläden von . den Nachtfahrzeiten keine Notiz. Man braucht wahrhaftig kein Weltreisender zu sein, um den Betrieb unserer Bahnhofrestaurationen rückständig zu finden. Bereits in Pilsen, das nur zur etwaigen Kontrolle angeführt wird, kann man sich um 2 Uhr nachts vor eine mit tschechischer Fruchtbarkeit gesegnete Speisekarte setzen, während in Wien, das doch gewissermaßen auch als Eisenbahnknotenpunkt angesprochen werden kann, zu mitternächtlicher Stunde ein Fremder, der sich, an kultivierte Reisestätten gewohnt, in die Restauration verirrte, als einbruchsverdächtig verhaftet werden würde. Und nun denken wir uns, dieser Fremde, der gleich bei seiner Ankunft einige Spezialitäten Wien kennen lernte, würde nach 7 Uhr abends dringende Korrespondenzen oder gar ein Telegramm aufgeben müssen. Er würde vor allem, mit einigen Bemühungen, überhaupt er-. fahren, wohin er sich zu wenden habe, um dann, wohl informiert und beraten, die Wanderung zum Fleischmarkt anzutreten. Dort wird er, erstaunt und hilflos, mittels einer mittelalterlichen Glocke den in Pantoffeln schlürfenden Diener herausklingeln, vom Beamten hören, daß er den Brief expreß oder rekommandiert, überdies mit einer entsprechenden „Spätlingsgebühr" belastet, versenden müsse. Aber diese Schwierigkeiten steigern sich zur Unmöglichkeit, wenn dieser distinguierte Fremde etwa auf dem Postamt den Brief schreiben wollte. In allen Postämtern Mitteleuropas stehen für diesen Zweck Dutzende von gut bestellten Schreibpulten mit Federn, Papier, Löschblättern zur Verfügung. In Wien sind die Federn gestohlen, die Löschblätter abgebaut, und der Fremde erhält den guten Rat, sich eine Füllfeder zu kaufen. Denken wir Nicht an Vergnüguing-sreisende, sondern an erneu Herrn, den seine Geschäfte nach Wien führen und der 'm Zuge dieser Tätigkeit in: Wiener Zollalbfevdigungs->OberdirektMlls-Stsuereinhebuugs°D'epa>rt>ement — cs könnte ja in Wien ganz gut desglleichen geben, man braucht keine Phantasie, nur sich dies Vovzustellen — vorsprecheu 'wollte. Wo ist dieses Amt aufznfinden. Der Herr sucht im T-elephoubuch. Zunächst unter „W". BepgeibenS. Dann unter „Z", unter ,-Dt", „D". Umsonst. Der Herr -halt es nicht au'fgefnnden. Niemand, sMst der so geschulte TelePhon-Preisrätfelrater-Hotelportier konnte hm nicht verraten, es stünde unter ,-E". Unter „E"'? Gewiß. Un ter „Einhebung" ... Zerbrechen -wir uns nicht den Kopf darüber, wie der Herr, nachdem er auch alle Abteilungen des Lehman»- Lalbyvinthe's durchforscht, schließlich die Adresse gefunden: Es ist viel Zeit verloren gegangen, und der Fremde fährt per Auto znm Amt: 4. Bez., Mayfe-devgasse 17. Und erfährt dort, das Bureau amtiere — 12. Bez., Herkhergosse 7. Er fährt also in die entgegengesetzte Windrichtung. Erhebt nach einer dreiviertel'stüud-igen Bemühung die Abteilung. Sie amtiert von 10 bis 11 Uhr und ist. da die AmtSnhr zivei Minuten nach 11 Uhr zeigt, -geschlossen. Der Fremde ist — durch einen Zufall im Pevsonenzug — via Lundenburg im Nordbahnhofe angekvmmt'N, reist an« -nächsten Morgen dieselbe Strecke und fährt, selbsMvstän-dl'ich, wieder zum N-ordkahnhofe. Selbstverständlich? Nein, er hätte sich vorher erkundigen müsse::, dann hätte er. mit diel Gliück — vielleicht — erfahren, daß die Pekfonenzüge aus Lund.'nöucg zwar im Nerdbahnhofe ankonvmen, aber die D-Züge nach Lnndenbuvg vom Ostbcchnhose wegfahren, und nicht den Zug versämnt. Man wird vielleicht entgegnen, daß all dies Kleinigkeiten leien. Nicht der Rede wert. Aber — sind es nicht ' mäkelten, die einem das Leben erleichtern, sind es nicht Kleinigkeiten, die einem das Leben erschweren? Kann man nicht letzten Endes auch in: Waggon dritter Klasse schlafen? Kommt man schließlich nicht auch mit Umsteigen von der Stelle? Dennoch wurden Schlaf- und D-Wagen eingeführt. Wien hat gewissermaßen die Schlaf- und D-Wagen für den Aufenthalt seiner Fremden nur in sehr beschränktem Maße installiert. Und vielleicht hat dies unseren Fremden, trotz aller Operetten und Revuen, verstimmt, und er beschließt, an einem Sonntag abzureisen, und sich vorher über Zugsanschlüsie zu erkundigen. Er klingelt — nach Ueberwindung der usuellen Telephonschwierigkeilen — den Bahnhof an — der ihn an das Vcrkehrsbureau weist: Das Verkchrsbureau, die zuständige Auskunftsstelle, ist gesperrt. Zum Glück hat der Hotelportier, die nicht zuständige Auskunftsstelle, geöffnet. Sonderbare Stadt, in welcher der Hotelportier das zuständige Amt substituiert! Fiaker, Prater, Virginier, Guschelbauer . . . _ das waren einmal die Spezialitäten von Wien. Man hat die Romantik gepflegt. Nun, da die besondere Vorliebe für diese Wiener Lieblingssujets verdampft ist, kommen jene anderen Spezialitäten zum Vorschein. Mag sein, daß wir einmal um eine Praterfahrt anderen Großstädten voraus waren, wir sind heute um die selbstverständlichen Notwendigkeiten jeder Fremdenverkehrsstadt zurück. Wir sind um den Zuwachs von Wiener Spezialitäten. von denen hier nur die aufdringlichsten berührt wurden, ärmer. Ner jüdische Sammeltag. Kurz vor dem Kriege hörte man viel von „Glends- Wanderung". Journalisten führten .Herren und Ta-men der besseren Stände in muffige, zerfallene Wohnungen, zu hungernden Kindern nnd darbenden Greisen. Nach dem Kriege war dies überflüssig geworden , denn allenthalben trat krasseste Not zutage. Die verschiedensten Fürsorgeinstituti-onen spannten alle ihre Kräfte an, dieses großen Glends Herr zu werden. Doch die Folge davon ist, daß heute auch eine ,Mendswa>ndevung", die nur Füvsorgernstitntionen selbst zur Bestchtiguug bringt, krasse Notstandsfälle dieser für die Bevölkerung so wichtigen Institutionen zeigen würde. Sämtliche Waisenhäuser, Tages'beimstätten. Erholungsheime ringen schwer um ihre Existenz, Alters- und KranLenlsürforgevereine, Bekleidungsvereine u>fw. können nur den geringsten Teil der an sie herantretenden dringenden Notfälle befriedigen. Wie viele Hilfsbedürftige auf Stellen warten, die sich ihrer anne-hmen, Hecht man wohl am besten daraus, daß die Indische Jugendfürsorge, die erst ein Jahr besteht, bereits 4500 Schützlinge zählt. Woher soll aber, jetzt die Rettung kommen, da es kaum einen Menschen gibt, der nicht die wirtschifEiche Krise verspürt? Der jüdischen sozialen Fürsorge Wiens steht aber in kurzem eine neue, schwere Ausgabe bevor. Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß -das American Joint Distribution Committee noch jetzt in Wien eine große Anzahl von Kriegswaisen subventioniert oder voll erhalt. Es handelt sich um rund 100 Vollwaisen und 265 HMbwais-en. Die Kviegswitwen sind zum größten Teil durch das langwährende Elend zermürbt nnd krank und die wenigsten -sind nach Oesterreich zuständig und erhalten eine Rente. Schon im Lanfe des letzten Jahres wurden 100 Kinder von dieser Füriorgestelle ausgeschieden und nun stellt das Joint Distribntion Committee in kurzem seine Geldsendungen völlig ein. Mindestens 200 völlig hilflose Kinder, für die zu sorgen niemand imstande ist. werden infolgedessen noch Heuer von der Wiener jüdischen sozialen Fürsorge übernommen werden müssen. Wir wissen, daß der jüdische Sammeltag, der heute nnd morgen stattfindet, auch wenn er noch so erfolgreich sein sollte, nur einen kleinen Teil von dem ^bringen kann, was die jüdischen Fürsorgei-nstitutionen für ihre Zwecke aufbringen müssen. Doch kann der Sammeltag den Grundstock -dazu legen und den Männern und Freuen am Werke neuen Mut einflößen, ihre so wichtige Arbeit sortzusetzen und zu erweitern. An taufend junge Menschen werden heute von Haus zu Haus ziehen, an die Türen klopfen für diejenigen Zehntausende, die zu schwach sind oder sich schämen, selbst Hilft zu heischen. Kein Jude wird heute sich weigern, sei» Scherflein beizutvagen. S. A. Ei» gefährlicher Deckenekrrstir« ans der Wieden. Gestern gegen halb 3 Ubr nachmittags erfolgte um Haust Wiedener Hauptstvoße 68 in der im Sou-terrain gelegenen Backstube des Bäckermeisters Eil-S der Glnst.t-rz einer Decke. Hi-cbsi wurde der Zucker Var'er R uv'r- R'evel. der 16iähvige Bu- -reaiuaugestellst (Stoitlitfo Kc>llazi-n mtö die 28jährige Berkäuf-erm Frieda Schreckenbrurner leicht verletzt. Sie wtlrven von den herabstürzendon Sanduasstn zum Teil verschüttet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.