Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-02-22 · Heft 2158 (22.2.1925) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2158 (22.2.1925)
Date
1925-02-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981243--22004-3009372
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ph.mm W», SmMg * ~ Wbicntt Wtot&nmXton** SlIMttfllll 08 «89nt. fettftift kemrt dir So«o»tzi-M>r»e.. vaöaptst, 21. Februar. Edmund v. Deniczky, der desanntlich zur Zeit der Ermordung Somogyis UN- Baeso S Minister de- Innern war, Hai ZeitungsberichterstaOern gegenüber erklärt, er sei. wenn er -er Pflicht der Wahrung -eS Amtsgeheimnisses enthoben werde, bereit, -ie Mörder öffentlich zu nennen, da die Zivilbeörden damals all« Date» über diese« Doppelmord eruiert hätten. . Ale »Ungarn der Lat". Budapest, 21. Februar. (U. T. K. B.) Das Gericht hat haute mittags im Progeh wegen des Raubmordes an dom Ofener Juwelier Otho das Urteil verkündet. Don den beiden Tätern, die sich als „Ungarn der Lat" bezeichneten, wurde Bedö zu lebenslänglichem Zuchthaus, Tula zu zwölfjährigem Zuchthaus verurteilt. A« Ranbvwrß in Pnßaßeft. Aus Budapest wird berichtet: Die Polizei ist in dem Besitz übereinstimmender Beschreibungen eines Mannes gelangt, der des Mordes an Amalie Lei rer verdächtig erscheint. Gr soll etwa 3V Jahre alt, hochgewachsen sein und ein „aristokratisches" Aussehen haben. Die Recherchen zu seiner :'s-'sfjnd„.ng sinim Zuge. Ale bulgarischen Banden. sitt Feuergefecht an der jugoslawisch-bulgarischen Grenze. Graz, 21. Febvuar. Die „Tagespost" meldet aus Belgrad, daß in der Nacht aus gestern a»l der bulgarischen Grenze bei Zaribrod neue K o m ita 1 sch ib a nd e n aufgetaucht seren. Es fot zu einem Fe »re rgefe cht getommsn., wobei zwei P e r s o n e u getötet worden sicien. Die jugoslawische Regierung habe durch den Gehilfen des Außenministers Markovrc dem Belgrader Gesandten erklären lassen, daß sie Bulgarien für diese Ueberfälle und die sich tocuxws; ergebenden Folge» verantwortlich mache. Inland. Las WSllerrdorfer Panama. Helmut Reumann, der Schwager des Sklarz, verhaftet. Da§ .große Panama fängt an, interessant zu werden. Bovgestern wurde die erste Verhaftung vovgenmrrmen. Sie erfolgte über Auftrag des Uittersuchungsrichters Dr. Kiel Hof und betrifft das Mitglied des DerwEiMgsrotes der Wöllcrsdorferwerke-A.-G. Helmut Norlmanu. Er ist der Schwager des Leon Sklarz und führte hier dessen Gefchäsie. Neumann wurde von Kriminalbeamten der Wirtschaftspolizci wegen Flnchtgesahr verhaftet und dem Landesgericht eingoliofert. Ae Nammemahlen au der Wiener Lechnik. Gestern wurde das Ergebnis der Wahlen in die Stuüenteulammer der Technischen Hochschule Vevlaut- >öart. Bon 2935 wahlberechtigten Stimmen wurden 1908 Stimmen (66 Prozent) abgegeben. 14 Mandate mit 803 Stimmen erhielt die völkischsoziale .Finkenschaft, 11 Mandate mit 670 Stimmen die völkisch-radikale Gruppe und 5 Mandate mit 328 Stimmen die katholisch-deutsche Gruppe. Gegen wen and str wen das österreichische «nteignnngsgesetz da ist. Es gibt in Oesterreich ein Blwenenteignungsgesetz, dessen Wirkungen bisher nur sehr «wenige Lnrte zu spüren bekamen; die damit Bekanntschaft machen mußten, sind fast durchwegs Juden. Das Gesetz wird lediglich dazu angewendet, um Juden, die Bodenbesitz in Oesterreich halben, diesen zu rauben, weil es den Antisemiten schwarzer, grüner, roter oder schwarz-weiß-roter Corttenr, welche die Handhabung der G.setze in Oesterwich -sorgen, wider den Strich geht, daß Juden nach den Staatsgrundgesetzen Boden besitzen und bebauen dürfen. Einer der zahlreichen Fälle des Bodenraubes an Jude«, über die noch zu sprechen sein wird, sei hier angeführt. Dr. Lazar Münzer erwarb iM Jahre 1912 im St. Pöltner Bezirk das 28 Hektar große Bauerngut Brunnhof, das er im Lause der Jahre zu einer Musterwirtschaft ansgestaltete. Als das WiederbesieÄluntzsgesetz in Kraft trat und den Agravbehövden ungehoure Machtvollkotunreuheit gewährte, begann der Kampf gegen Dr. Münzer, den einzigen jüdischen Gutsbesitzer der Gegend. Der damalige Bürgermeister von Grünan, Alois Sperr, stellte überraischendevweift dem Dr. Münzer ein K a u f a n b o t auf sein Gut. Als dieses* Anbot von dom Eigentümer entschieden abgelehut wurde, setzte der F'ldzng ein. Im Jahre 1920 wurde, das Gut des Dr. Münzer für die Enteignung aus Grundes Wiederlbesiedlungsgesetzes angosprochen. Eine Reihe von Bewerbern meldete sich und schließlich wurde das Gut einem gewissen Franz Krendl, Bauernrat in eincr der Bezirksovtschaften, zuevkannt. Die Agrarbezirksbohörde und später auch die Agrarlandesbehörlde haben das Gut »dann abgoschätzt und einen Preis von 103 Für Kinder istKachreiners Kneipp Malzkaffee das nahrhafte und bekömmlichste Getränk. »Kathreiner" erhält die Kleinen stisch und kräftig und macht ihnen die Milch schmackhaft. Von Tausenden von Ärzten empföhlen. 22. Februar 1926 Seiw S V Millionen als angemessen ermittelt. Dem Kvendl wuiftt, überdies die Bezahlung dieses Kaufbetrages in zwe« Jahresraten zngestanden. Die Proteste des entrecht' toten Eigentümers blieben sowohl in der Bezirkswie auch' in der Landesbehörde ungehört. Er wies sachlich nach, daßt sein Mtt von Sachverstän«digen mit 1,3 Milliarden be-' wertet worden sei, daß dieses Gut einen Reingewinn vonüber 200 Millionen abwerse, also das Doppelte dessen, was Franz Krendl für das ganze Gut zu bezahlen hat. t Dr. Münzer Hai nun in St. Pölten bei der StacrtSan-' wättschaft eine .Mage gegen die Agrarlandesbchörde wegen' Mißbrauches der Amtsgewalt erhoben und zugleich einen Rekurs gegen die Enteignung bei der letzten Instanz, der Agraroberbehörde, emgevsicht, der ua türlich nach der österveichdschen Norm „.Hand muß .Hanwahren" behandelt werden wird. Wie bereits erwähnt, ist dieser Fall nicht der einzige. Es wird sich null zeigen, ob die Gerichte nach den Grundsätzen des Rechtes oder nach den in Oesterreich üblichen Grundsätzen von rechts urteilen itw.rtv 9er Prozeß gegen Generaldirektor Fried. Die Anklage gegen GemraMrektor Fried der Anikevbrotfabrik ist fertiggestellt. Fried wirwegen £*& Verbrechens der Preistreibe rei verfolgt. Die Verhandlung dürfte im März stattfmden. Woran man in der vroßftadt ftirdt. Auto. — Straßenbahn. — Leuchtgas. — Corned Bees. Am 18. d. wurde -er 13jährige Nealfchüler Willhelim Spitzer, Preysiuggasse 8 wohnhaft, in -er Felbvvstvatzc vom Automobil A 15 417, das der Eha'Uiffenr Jako- Wagner lenkte, medergostoßen. Er wurde schwer ver letzt ins Elisa'botjhispit-al gebracht und U 'dort am 20. d? gestorberr. Gestern früh erschien der 65jähvige Hilfsarbeiter Wenzel Swez, ohne Unterstand, im Siche rheitswachzimmer .Hüttenbrennergaffe und gab an, daß cr kurz vorher von einem Stvaßenbalhnzug her Linie 6 niedergestoßen worden sei. Er wies eine Verletzung des Hinterhauptes aus, ließ! sich von der Sichevheitswache verbinden und entfernte sich.' Ein Wachebeamter, der ihm rrachblickte, sah jedoch, wie der Mann taumelte, und zu Boden siel. Bald daraus war ertöt. Am 31. d., gegen halb 8 Uhr früh, wurde die 73jährige Psründnerin Barbara Laßwitz in ihrer versperrten Wohnung, Döblinger .Hauptstraße 32, im Bette mit einer Louchtgasvergiftung tot au>sgesunden. Fremdes Berschrvlden erscheint ganz ausgeschlossen. Aus dem Gaskocher stand ein Topf mit Wasser, zum Sieden hevgsvichtet. Gestern nachts wurde der Tischlergehilfe Heinrich' Hasel, in den Avsenalbaracken wohnhaft, ein Kviegsinvalider, in der versperrten Trasikhütte am Liebendevg-- platz auf der Mölkerbastei, die seinem Bvu'der gehört, arn. Boden liegend tot aufgefunden. Die Trafik war Mi Leuchtgas erfüllt, der Gasofenhahn stand offen. Er dmHte vergessen haben, den kleinen Gasofen, alznsperren.. Am 31. d. ist 'der 54jährige Steinmetzgehilse iFalkob Drinssi, 5. Bez., Ramperstorffergaffe 21 wohnhaft, plötzlich gestorben. Nach Aussage seines Wohnungsge'bers hatte Driuffi vor vier Tagen Covnedbeef verzehrt und seit dieser Zeit an Erbrechen und Durchsall gelitten,. Sotai in der SuDengaffe. Von Jakob Krausz. Maurus Jokai, dessen hurrdertsten Geburtstag Ungarn in diesen Tagen feiert, hat noch bei Lebzeiten seinen Platz als Romandichter in der Weltliteratur Angewiesen erhalten. Cr war einer der ersten „ungarischen" Dichter, der, im magyarischen, Boderl wrrrzelnd, wert weg vom Europäertum lebte und dichtete und mit etwa einem halben Dutzend seiner Romane zu internattonarcitk Dichter-- rühm und internationaler Anerkennung gelangte. Seine Romane „Der ungarische Rabob", „Der Goldtnensch", „Die weiße Frau von Leutschau", „Siebenbürgens goldene Zeit" und „Schwarze Diamanten", sind mehrfach, mehr schlecht als recht, in verschiedene Sprachen übersetzt worden und fesseln auch heute noch durch die exotisch anmutende Phantasie, der sie ihr Entstehen verdanken, die Jugend fast aller Nationen. Denn die schrankenlose Phantasie des überaus produktiven magyarischen Erzählers, der sich gar oft über die elementarsten Gesetze der Logik der Handlung souverän hinwegsetzt, ist es vor allem, die bei Jokai bestrickt und ganz besonders den jugerrdlichen, dem Unwahrscheinlichen, Abenteuerlichen zunctgenden Leser gefangen nimmt. Schon aus diesem Grunde hätten die in fremde Sprachen übertragenen Romane Jokais eine bessere, künstlerisch einwandfreiere Uehersetzung verdient, als sie in Wirklichkeit gefunden haben. Trotz aller anerkannten Vorzüge und poetischer Feinheiten hätten die Meisterwerke Maurus Jokais nur sehr schwer und langsam über die rot-weiß-grünen Grenzpfähle hinweg in den Kreis der Weltliteratur zu drnrgen vermocht, wenn der Dichter nicht zu Hause, in seinem Heimatlande, die I u de n für sich gewonnen hätte. Ls «st heute bereits unbestritten, daß Jokars Aufstieg, innere Entwicklung, produktive Schaffensfreude zum allergrößten Teile der moralischen und materiellen Unterstützung der ungarischen Juden, der reichen und intellektuellen sowohl als auch der jüdischen Arbeiter, Handwerker und Hausierer zu danken ist. Während auch heute noch, jelbst in dem verkleinerten Ungarn, besonders in den lotholijchen .Gebieten, kaum ein Bauer oder christlicher Handwerker zu finden ist, in dessen Hause ein Jokai-Buch anzutreffen tväre, und es in Ungarn viele Taufende von Nichtjuden gibt, die Jokai nicht eininal dem Namen nach kennen, gibt es weder im alten, noch im heutigen Ungarn auch nur einen einzigen Juden, der nicht Werle von Jokai besäße oder in dessen Haufe nicht Jokai gelesen worden wäre. Der kleinste, jüdische Greisler oder Schankwirt im entlegensten Bergdorf oder Pusztenwerlee hat in irgend einer Form dem Jokai-Kult geopfert, wie er selbst oder seine Eltern Schiller, Lessing und Heine mit Begeisterung gelesen haben. Ich erinnere mich an meine Studienzeit am Budapester Rabbinerseminar. Wir hatten einen Selbstbildungsverein, in dem wir abwechselnd Vorträge über verschiedene Themen hielten. Es gehörte zum guten Ton, daß sich jeder von uns wenigstens einmal mit einer „Huldigung für den Genius des Nationaldichters Maurus Jokai" hervortat. Die Uebersetzer der Werke Jokais in fremde Sprachen sind durchwegs Juden. Als im Jahre 1895 anläßlich des 70. Geburtstages Jokais ein» hundert Bände umfassende Nationalausgabe veranstaltet wurde, waren es wieder vornehmlich die Juden, die diese Jubiläumsausgabe ermöglichten, und dadurch, daß sie sie subskribierten, die Ehrung Jokais zu einem großen Erfolg gestalteten. Diese Begeisterung der Juden sür Jokai hat seinen tieferen, psychologischen Grund, der in der Beurteilung des Einflusses Maurus Jokais auf seine Zeit bisher noch nicht die gebührende Würdigung gefunden har. Zwischen Jokai und dem ungarischen Judentum bestand in mehrfacher Beziehung eine geistige und seelische Verwandtschaft. Jokai gehörte als Protestant der von der herrschenden katholischen Kirche arg bedrängten MinderheitSkonfessiop an; er war eine Bohemenatur mit einem unüberwindlichen Hang zur Romantik. Er war aber auch einer der wenigen Achtundvierziger, die bis an ihr Lebensende in der Literatur und in der Politik den Idealen von 1848 treu blieben. Auch die Juden waren psychologisch so prädisponiert. Die Unsicherheit ihrer Rechtslage machte sich sür alles Phantastische, Boheine-. artige empfänglich. Als Mitglieder einer gleichfalls bedrückten Minderheitskonfession waren sie die natürliche« Kampfgenossen des aufstrebenden Dichters in seinem Streit um die volle Gleichberechtigung aller. Konfessionen. Dazu kam noch eines. Jokai war der Panegyriker der sogenannten magyarischen, historischen Klasse und Verfechter der Assmilation der Juden mit dieser Klasse. Dieser Gedanke fand in der liberalen Aera Anklang und schmeichelte den Juden. Dieser Tendenz dienten fast alle Erzählungen Jokais. Er bringt sympathisch gezeichnete jüdische Figuren mit der Gentry in Berührung, um zu beweisen, wie gut beide einander sich verstehen, wenn sie sich, frei von verderblichen Einflüssen, zu gemeinsamer Arbeit fürs Vaterland zusammenschließen. Die Juden verschlangen diese apologetischen Romane und wurden die eifrigsten Propagandisten für Jokai und seine literarische Richtung. Der Einfluß Jokais, dessen reine, ehrliche Absichten nicht angezweiselt werden könne», war für die Juden in der Folge verhängnisvoll. Diesem Einfluß ist eö zu danken, daß die Juden sich in einen Assimilationstaumel hineinlebten, sich mit aller Gewalt den „historischen Klassen" angleichen wollten, dem wirklichen magyarischen Volk jedoch, das von der Magnaten- und Gentryoligarchie mißbraucht wurde, fremd blieben. Diese von Jokai verkündete Assimilation hatte aber auch die schwerwiegende Folge, daß sich innerhalb des ungarischen Judentums gleichfalls eine jüdische Oligarchie herausbildete, die von der Assimilation politischen, sozialen und materiellen Vorteil zog, bei dem ersten heftigen Sturm jedoch die Flucht aus dem Judentum ergriff oder sich als ohnmächtig erwies Dem Ginlflluß JökaiS öst es auch zuzuischrerlben^ imß in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege in Ungarn Judengestalten ouf die Bühne gebracht wurden, d« den Juden der christlichen Gesellschaft soAvsagen gomeßbar machen sollten, aber durch die Anisdringlichkeit und ritschige Unwahrheit abstoßend wirken mußten. Die „Budapester" Zotenreißer tvaren Auswüchse dieser Richtung. Jokai war ohne Iweiftil eüt überzeugter Feind, des Antisemitismus als einer reaktionären Woltanschmmng Er bewies dies auch im .Parlament, «n dos ihn die fetal*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.