Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2157 (21.2.1925)
- Date
- 1925-02-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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ZK. mt Wiener Morsenrett««». 21. Februa r 1925 SM- Bertaguirg der englischen Fremden- Verordnungen. Sitzung der englisch-Mlschen vememdevertrettr. Ans Lsnbon Herrchtet I. T. A.: Am 15. Februar hiÄt der Board of Deputies (Teputiertenrat der «nylifchen Juden) sine Sitzung ab, um eine Reihe innererrylifcher und awstvarliger jüdischer Fragen zu behandeln. Oberst Waley To h e n berichtete über den Verlauf der Unterredung der Boardabordnung mit dem Innenminister Johnson HM Wer die Frage der Frem'dengesetzgebung. Bis jetzt haben drei Abordnungen des Board beim Innenminister vorgefprochen, und man könne sagen, daß die letzte Unterredung immerhin. Ergebnisse erbracht hatte. Man hat den Innenminister 'dazu gebracht, gewissen Tatsachen ins (Besicht zu scheu. Bedenkt man d:e Vergangenheit des Sir William Johnson Hicks, so muß man sagen, daß er in seinem Verhältnis zu den Juden eines Besseren belehrt worden sei. Es sei zu hoffen, daß die endgültige Gesttzwerdnng der Fre-mden-vevordn ringen auf fünf Jahre hinausgeschoben würde; bis dahin werden aber so manche Vorurteile eines gerechten Todes sterben. Mr. Josef Prag führte aus, die Ar-boitslvsigke-it könne nicht als ein Arguirnerrt gegen die Fremden ins Tvriffen geführt Werder,, da noch in der Zeit vor der großen Fremden-einwanderung katastrophale ArbeMasigkoit -zuweilen in England gchevvscht hätte. Auch heute muß es auffallen, dass gerade irr jener, Distrikten, wo keine Juden w-chnen, und in jenen Berufen, in denen keine Juden beschäftigt sind, die Arbeitslosigkeit an, schärPen' au stritt. Ein Vorgehen gegen die nichchnaturalisierten Jrriden könne nur schädliche Resultate erzielen, indem der britische .Handel weiter zurückgshen und die Arbeitslosigkeit steigen wird. Mr. La's kr führte aus, die Inden seien an dem Bamnwollexport zu 90 Prozent beteiligt. Jenes Clement, das der Innenminister als „Fremde" -bezeichnet, sorgt für den Absa tz b r i ri s ch e r Wa re n nach Aegypten, Serbien, Montenegro, Rumänien, Italien, Polen, dem nahen Osten, Konstantinoipel, Syrien und Marokko. Bradford wurde von den deutschen Juden geschaffen. Juden von M a n ch e st e r sind zu 50 Prozent an dem Baumwollexport nach Südafrika beteilig/ Der Suezkanal, der eine wichtige Lebensader für Großbritannien ist, dankt Lord Rothschild und Dr'sraeli sein Entstchen. Mr. M. I. L a n d a rügte ds, daß d i e j ü d i s ch e n A bgeordneten während der Abstimmung im Unterhaus durch Abwesenheit glänzten. Das sei aber kein großes Unglück, denn von ihnen würde der Board niemals Unterstützung erhalten. Herr O. E. d'Avigdor Goldsmid erstattete den Bericht des Joint Foreign Committee (Komitee für auswärtige Angelegenheiten). Der Board sei an den -litauischen Gesandten in London herangetreten. Es würben datz neue Zwangssonntagsruhegesetz in Litauen und die Stellung der litauischen Rabbiner vor ein Kriegsgericht wegen ihres Protestes gegen das Gesetz zur Sprache gebracht. Der Gesandte bezog sich daraus, daß das Gesetz nicht gerade gegen die Juden gemünzt ist, erbot sich aber, aus Kowno wertere Informationen einzuholen. Cr stellte in Abrede, daß -seitens der litauischen Regierung eine der jüdischen Gemeinschaft feindliche Politik geführt würde. Die aus Saloniki erngetrosftnen Berichte klingen hoffnungsvoll. Es ergaben sich Schwierigkeiten, indem -die Stadtgemeirrdc von Saloniki auch den Stunderchandel am Sonntag, der den Juden auch nach Annahme des Sonntagsru-hegefe^es gewährt worden ist, abgeschafft hat. Die Maßnahme der Stadtgemeinde ist jedoch nicht endgültigen Charakters. Die von. der griechischen Regierung eingesetzte Prüsuu-gskommiffion stellt gegenwärtig Ermittlungen an, Wie -das Gesetz abg-eändert werden könne, damit den Vorschlägen des Joint Foreign Committee vonr September 1924 entsprochen werden könne. Der Generalgouve-rneur vo-n Saloniki bemühte sich sehr, die Arbeiten -der Kommission zu fordern und -hat eine öffentliche Erklärung abgegeben, in welcher er seiner Sympathie für die Juden sowie seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, die Prüfung werde einen 'befriedigenden Ausgleich zwischen Juden und Griechen erbringen/ Herr H e n r i q u e s erstattete weiter Be-vicht über die Tangerkonstitution und die Juden. Der Board beschloß daraufhin, an die Alliance Jsra-e-lite Universelle heranzutreten und diese Körperschaft cinzuladen, gkim-einsonr mit dem Bcard ein administratives und ju-ridische's Statut auszuarbeiten, das eine Sicherstellung der Gleichberechtigung der Juden von Tanger sestle-M, s-c-ll. Die Einladung des Völkerbundes, zu den am 16. d. in Genf beginnenden Sitzungen der Kalcnderreformkommrssion einen Delegierten zu entsenden, wurde angenommen -und beschlossen, den Sekretär des Board, Herrn Lueien Wolf, nach Genf zu entsenden, wo er mit dem Oberrabbiner Dr. I. H. Hertz Zusammentreffen wird. Der Board of Deputies bsM-oß, dem Präsidenten Herrn d'Avigdor Goldsmid zu ermächtigen,, den Board bei der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem am 1. April d. I. zu vertreten. Sie Sesellschaststtise der JjBiewt Morgenzeitvng" nach Palästina. Die vor ein-gen Tagen erfolgte Ankündigung 3*. „Wiener Morgenzcitung", eine große Gesell sch ck f tsrelse anläßlich der Jerusalemer Universitätsse »erlichleiten zu veranstalten, hat im Kreise unserer Freunde iw* Leser lebhaftes Jn-teresse erweckt, was zahlreiche Anmeldungen aus allen Landern beweisen. Ta gerade in der Zei-t, in der unsere Rvr-se geplant ist (Mitte März bis Mitte April), ein großer Zw ström von Touristen in Palast:na zu erwarten ist. bedarf es besonders sorgfältiger Vorbereitung e u, so daß das endgültige Programm erst in einigen Tagen veröffentlicht werden kann. In großen Zügen kann aber 'heute schon m-ilg-eleili werden, daß eine eingehende Besichtigung aller wichtigen Teile des Landes, und zwar nicht nur der historisch" Orte, sondern auch -der Stätten neuer jüdischer Aufbauarbeit vorgesehen i-st. Uebevdies ist ein Mehrtägiger Aufenchalt in Aegypten und Besichtigung der -Sehenswürdigkaiteu -von .Kairo geplant. Die Kosten -der Reise (2. Klasse Eiseuiba-Hn und Schifft einschließlich Verpflegung, Führungen, Autofahrten. Hotel, Trinkgelder, Gepäckbeförderung usw. dürften^ ungefähr 90 bis 95 ägyptische Pfund betragen, ein Preis, -der in Anbetracht der im Ibenr-igen Frühjahr zu ertvartend-e» Preissteigerung -in Palästina als -mäßig zu «betrachten ist. Uusfiihrl'iche Pvos>pekte crsch-einen in 'den nächsten Tagen und sind in der Verwaltung der „Wiener Morgenzvitung". 2. B-ez., Tabovstraß-e 1-3, erhältlich, woselbst schon setz« Anmeldungen errtge^vngenommen werden. Lar albanische Petroleum. Rom, 19. Februar. (Wolff.) Die offiziöse Presse weiß, darauf hin, daß England in der a l b a n i s ch e n Petroleu man gelegen heit eine Denkschrift an Italien gerichtet habe, die von Italien durch eine Denkschrift 'bs- -* antwortet worden fei. Zwischen «beiden Regierungen sei verei-n-bavt ivorden, über den Garrg der Verihandlnngen nichts zu veröffentlichen, um die Beurteilung der Rechtslage durch unnütze Polemiken nicht zur erschweren. Die italienische Presse habe sich im Gegensatz zu einigen englischen Blättern an diese Vereinbarung gehalten. Aus italienischer Seite mache man darauf aufmerksam, -daß, wenn die Anglo Persiau Company auf ihren angeblichen Rechten beharre, Italien von -dem Petrolmmwettbewerb in Albanien so gut wie ausgeschlossen wäre, Werl gerade die von der Anglo Persian Co. beanspruchte Zone die ganze Petroleumzone von Albanien sei. Dies sei angesichts der Vorzugsstellung» -die Italien in Albanien gebühre, und angesichts des Umstandes, daß Italien keine anderen Petvolvrmrquellen habe, besonders bedauerlich. Jüdischer Sammeltag Sonntag den 22. Februar Montag de« 23. Februar ■ zugunsten der notleidenden Wischen Fürsorge- X institutionell * Perez ömolenslh als Gatte und Vater. ES naht der 40. Tcdes-tag Perez Smolenskys, des Mannes, der zu seiner Zeit so ungeheuer viel an bewußtem Judentum seinen Brüdern im Galuth gegeben. Ihn als tatkräftigen Verfechter jüdischer Renaissance and Schrif-tsteller zu schildern, sei Bevrvseneren überlassen. Allen denjenigen aber, die Perez Smolensky in seinem Heim sehen wollen, in seinem Verhältnisse zu Weib und Kind, sei dieses Bt.'d, wie es sich mir in Violen interessanten Gesprächen mit -seiner treuen Lebensgefährtin, Frau Leonore SnrolenSky, 'bot, gegebe-n. Bor mir Liegen die Briefe Perez Smolenskys mrs den Jahren 1875 bis 1885, die er als Bränti-gam, Gatte- -und später als Barer seiner vmr ihm heißgeliebten fünf Kinder schrieb. Ich will chn selbst sprechen lassen mit den gleichen Worden, die er damals, vor 4V »md mehr Jahren, gebrauchte und die in ihrer Frisch« und -inn-ige-n Herzlichkeit wie an das l-ebondig-e Wort von hsrr-te gemahnen. - So schreibt er 1875 im Vollgefühle stiu-es jungen Glückes: ,Zum ersten Male in meirrenr ödCwit fühle ich es, wie tve-nig die Sprache den ti-ofen Gefühlen genügen kann, tvie arnr mw unbeholfen sie ist, wann man si-e zum Spi-e>ge«l seines Innersten machen will." Und dann weiter: „Du bist nicht geschaffen, eine passive Rolle zu spielen. Ich will Dir Weihrauch streuen. Ich betrachte Dich nicht als eine Göttin, die im entstrnten Himmel wohnt, ich -betrachte Dich als ein edles We-ib, ich betrachte Dich als mich selbst und mir werde ich doch keine Schönheiten sa-gen. Ich habe mich in Dir wiedergestmden u n d erst Du kannst mich zum ganzen Menschen m a ch -e n." Und später: „Ich weil« lieber dort, wo mein Herze weilt. Dn weichst nicht einen Angeüblick von meindn Augen, Du gutes Her;, Du bist so gut. Nach Wien zurückgÄchvt. da sa-h ich erst, daß ich nicht bei Dir, daß ich allein bin im des Wortes ausgedehntestem Sinne. Dieses Gefühl war mir bisher -fr-ench, ich genügte mir jelbst, jetzt Aer rrach Hause kommend, fand ich mich nicht mehr zu Hanse. Wenn Du mir schrvvbst, so grüße mich von mir." Weniige Jahre später schreibt Perez Sm-Vlensky der jungen Frau u-nd Mutter, die mit ihren kleinen Kindern in Warschau bei den Eltern weilte: „Teuerste! Ich schrrte mich schon danach, eine Stimme von zu.Hause zu vemehmen, wwd nun höre ich alle/beisammen. Es sveut mich, daß Ihr Euch wohl befindet und daß Max (der Eristgebowne) gilt -ist. Küsse das „Hasevl" von mir. (Die -einzige Tochter, das jüngste von den Kindern)/ Und als er schon krank -urrd nriüde in Meva-n weWe, fand er die innigen, ti-estranrigen Worte: „Es war s-chr unpraktisch von mir, daß ich die Kinder nicht mitgenommen habe. Da hätte ich mehr St-o>ff zu schreibon. Jetzt über, was soll ich tmmertvährend schroiben, tverm ich ztv:s.chen Menschen -ein EinsiMer bin? Ich sitze i-nr Zimmer, die Wände verändern ihre Phyfüign-mnie nicht, das Holz im Ofen -fingt seine gleichmäßigen Lieder, nichts Neues, nichts Ve-rändovliches . . Müde rmd resigniert kl-i-n>gt di-eser Brief. Gin Wissender, der nri-t den. Loben abgeschlossen hat -u>nd der doch alles tut, um es seine touren Angehörigen nicht merken zu lassen. Und später: „Mit meiner Gssn-ndhe-it .geht es lan^'am vorwärts, ich komme mir vor, wie einer, der seine Zahlungen eingestellt hat, da melden sich die Gläubiger von allen Seiten, selbst solche, die seit Jahren schon kein Lvbenszoichen von sich gaben, rmd machen ihre Ansprüche -geltend. Ich kam hierher, u-m mi-t dom Husten einen Ausgleich zu treffen, da meldeten sich andere Schmerzen und auch ihnen muß ich Rede stehen. Die touren Kinder sind rvohlaus und brav. Das ist grr>t! Küsse sie alle, toure Leonie. Lebe recht tvrhl und den>k« au Deinen Peter." Zum Schluß mögen noch wenige Zeilen aus einem Briefe sol-g-en, den SmolerrÄh in Meran knapp vor seinem Tode schrieb: „Liebste Leoni«! Gestern wurde ich mit einem Briefe von'Dir und Deinem lieben Vater erfreut. Die Pauls« chayz Wir Meu geftafl&ii lang vor, SM M M mit Deiner Gesundheit, ist Max -brav? Er kann schon zweimal täglich Tran bekommen." Und dann weiter: „Mein Arzt behandelt mich — ich dürste oin regierender Fürst sein. Küsse für mich alle Kinder und dem ^Haserl" einen Extra-Stirnkuß. Dafür bleibe ich Dein Schuldner. Sei lvohl und -munter" für Deinen Peter." Dies zur Jllustrier-nng des in-neren Älenschen SmoilenAi) in seinem Verhältnis zu We-ib und Kind. Die einzige Bedingung, di« er der Mutter sviner Kinder machte, war: Sein Hoitn fet jüdisch, wie die Webt, in dsr er schrieb u-nd dachte, u,nd ails die Kinder kamen, war jede Gelegenheit ihnr Anilaß, mit ihnen und der Frau, die er für sich erwähtt, über Judontu-m und Eroz Israel zu sprechen. -Ob er ihr rnr-n die Wäsche für die zu erwartenden Kinder zuschneiden ha-ff, ob er ihr n-un zu Zeiten seines Schaffens die Manusikripte vorlas. oder gar in Stunden seelischer Gedrücktheit von Enttäuschungen sprach, er ging mit ihr und wußte ihr, der Tochter ihrer Zeit, die viel von fremden Werten in sich ausgenommen, in den wenigen .Jahren -ihres Zusammienjl-eibens so viel an bewußtem, lebendigem Jr^entum ernzuimpfen, daß sie bis auf den heutiger. Tag kerne Avbeit für das von ihr geliebte jüdische Volk urrd das von chr vergötterte Erez Israel scheut, um vm. Sinne ihres unvergeßlichen Perez Smolenskh ihr Scherstein zum natwinalen Werk boizu-tragen. Und sie trtt redlich das Ihrige dazu. Was anderen Opfer bedeutet, ist ihr wahre Freude. Diese Frau, die, jung verwitwet, ihre schönsten Jahve in verantwortungsvollster, mühsamer Arbeit und ohne jegliche Michilse von außen, der Erziehung ihrer Kinder widmete und diese zu Menschen und Juden machte, ist jetzt mm schon seit 18 Monaten ans Krankenbett gefesselt. Eine Eschech Chajil im wahrsten Sinne des Wortes, M ihr Leben, ihr Denken und' die Arbeit ihrer Tage dreien, wie sie zu sagen pflegt: „Unserem Volke, unserem Lande und dem Andenken imiseres Pevtzz Smrolensky." M, Koft«ilh«um, Weidorrsetd,