Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2144 (8.2.1925)
- Date
- 1925-02-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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W» Ml. MK Wen, GonMg .^AEe«er Morsew-ett««-» "' " s. Kebvttar. 19SS GsSe» Ae Schiebung von «armat As Wolpe. <Bon unserem Berliner Korrespondenten.) Die Sensation des gestrigen Tages war die Mandats« nnrderlegung des sozialdenwkratischeu Abgeordneten und ehemaligen Reichskanzlers Bauer, heute werden die schon gestern vom „Vorwärts" gebrachten Enthüllungen über die Geschäftsverbindung der inzwischen verkrachten Depositen-. und Handelsbank mit SLresemanu, dem Zentrumsminister Höfle und dem demokratischeu Minister O e s e r breitgetreten, indem insbesondere daraus hingewiesen wird, daß die von einem gewöhnlichen Hochstapler namens Wolpe geleitete Depositen - und Handelsbank eine geradezu privilegierte Stell,mg htt Geschäftsverkehrs mit Neichsstellen eingeräumt erhielt, woran die erwähnten Minister und der Abgeordnete Doktor Fleischer schuld seien. Zu bemerken ist, daß Wolpe und sein Mitdirektor Klebodka inzwischen mit dem durch Betrug am Staate erbeuteten Gelbe nach dem Ausland geflüchtet sind. Es ist nicht ausgeschlossen, daß, wie es tut politischen Jargon heißt, noch weitere Ueüerraschungen bevorstehen. Aber es können keine Ueberraschnngcn eintreten in einer politischen Atmosphäre, in welcher sämtliche Parteien nicht auf Machtgewinn, sondern auf Gewinn aus der Macht bedacht sind, in einer politischen Atmosphäre, die, weit entfernt von der grundsätzlichen dentokratischen Oeffentlichkeit, von dem Willen zur Schwächung des Parlamentarismus und damit zur Schwächung der Demokratie durchdrungen ist. Aus dieser Atmosphäre der Gegnerschaft gegen die republikanische Demokratie auf der einen <Äite und der ntattherzigen von Untertanenstimmung durchzogenen Abwehrgcstc der sogenannten republikanischen Gruppen muß die Korruption entstehen. Unehrliche Politik hat immer Unehrlichkeit in der Politik zur Folge. Wenn Herr Stresemann, der insbesondere nach dem gegenwärtigen Skandal reif und fällig ist, vont Schauplatz zu verschwinden, jetzt geht, wird dann die politische Front, wie sie jetzt in Deutschland besteht, imstande sein, einen weniger Bemakelten an seine Stelle zu setzen? Neben und hinter den sozusagen metastasischeu Einzelerscheinungen des Korruptionsgeschwüres existiert der .Hauptherd dieser Infektion, das Panama der Ruhrentfchädigungen. In der heutigen Kabinettssitzung wird die D e »k s ch ri ft fertiggestellt, welche die Regierung über diesen Skandal vorbereitet und in der sie sich zu verteidigen sucht. Aber keine Verteidigung kann die Tatsache aus der Welt schaffen, daß mit Umgehung der Grundrechte der Volksvertretung zwei Dutzend von Schwerindustriellen ungeheure Beträge geradezu geschenkt wurden, während die große Masse des deutschen Volkes in der schwersten Zeit, die über Deutschland hereingebrochen war, darbte und litt, während in den Straßen der Städte Menschen Hungers starben, während in den großen Zentren der Arbeit die Seuchen des Elends herrschten. Im preußischen Landtag befaßt sich ein Untersuchungsausschuß mit den Kreditgeschäften der preußischen Staatsbank. Der deutschnationale Vorsitzende dieses Ausschusses, der Abgeordnete Deerbe r g hat vom Vorsitz zurücktreten müssen, da der Ausschuß sein Verfahren, alle Zeugen, die ihrer politischen Gesinnung nach republikanisch sind, scharf anzufassen, dagegen die politisch rechtsstehenden Zeugen nur vorsichtig auszufragen, mißbilligt, hat. Mt der Weiterführung des Vorsitzes wurde der Abgeordnete der deutschen Bolkspartei Pinkerneil betraut. Dieser Vorfall beleuchtet hell die Wertlosigkeit eines solchen Ausschusses. Solange die Parteien nur darauf bedacht sind, die Gegner in der Schlinge ihrer Korruptionsskandale abznwttrgen, aber die eigenen Korruptionsskandale mit dem Mantel der jeweiligen Nächstenliebe zu bedecken, solange in der trüben Flut der Parteigcschäfte, die einer schlechtverstandenen mtb fchlcchtbehütcten Demokratie entsprungen ist, nicht irgendeine kleine Insel wirklichen Verständnisses für. Denrokratic und Parlamentarismus, kttrz, für Sslbstregierung zu finden ist, für jene Sethstregiermig, die ein Jahrhunderte lang gezüchteter Untertanengeist nicht zu begreifen vermag, so lange sind alle Untersuchungsausschüsse wertlos. Denn die Republik ohne Republikaner van Bauer bis Slresematttt ist ebeujo Schiebung wie deren Verbindung mit den Schiebern von Barmat bis Wolpe. Gerichtliche Untersuchung gegen Soefle. Die „Bosfische Zeitung" will wisftn, daß dem vmtt Reichstag eingesetzten Unwrsuchmrgsattsschug Wer dse Am« ivendung von RÄchsgekdern nttd die damit zufammenhan» genden Kreditaiffären Mittsilung der Std.mtsvMvaU.schast zugegam^en sind, wonach die Eröffnung oimr Unters u ch u n g gegen tett früheren ReichspoAmntnt>er Hoesle mi mittelbar ltedorstehe. Studenleuüemouftrationek gegen einen llniverfitötsvrofessor ln Bukarest. Die Liebesgaben an die rUnheinduftrie. Ueber eilt Geschenk von zwei Milliarden G o l d nt a r t an die R n h rtrtd u ft r i c rtoch außer der letzten Millionenentschadigung berichtet das „Berliner Tageblatt": Bald nach deut Zustuttntenbruch ivurde eine große Kredtiorgatnsativtt, die „H il fs k a s se", gegründet, die detn Reichswirtschaflsmitriftertum unterstellt wurde. Als die Ruhrindustrie infolge der französischen Ruhraktion in ihrer Produktivnsmöglichkeit beschränk! war und die Arbeitsmöglichkcit schwand, sprang die „Hika" mit Kredit e n ein, die direkt den betreffend c u R tt h r - industrie I len ztiHciwiestn wurden. Die großen Firmen des Ruhrgebietes nmchteit vort dieser K r c d i t m ö g l i ch k e i t eifrigen Gebrauch. Sie bauten mit Hilfe dieser Gelder ihre Werksanlagen aus und wechselten sogar teilweise die Papiermark in Devisen um. Besonders reich wurde die n o r d w e stdeutsche Gruppe der E i s e n i n d tl ft r i e von Köln bis Dortmund mit Kreditcrt bedacht, darunter vorne hutlich die Firmen Otto W o l f f, N h e i n t a l, Union und andere, nur nur einige zu nennen. Im ganzen erhielten ü b e r 100 F i r m e n diese Kredite. Eine amttühe Feststelürug bshauptet, daß die Kredite nur 10 M1111 o u c it G o l d m a r k betrtrgeu. 'liach welchem Goldschlüssel dieser Betrag errechnet ist, wird nicht verraten. r mmmfmmßi Ruhigen Schlaf, gesundes Äerz, gute Nerven haben Sie, wenn Sie den seit 34 Jahren überall bekannten Kathreiners Kneipp Malzkaffee trinken. Tausende von ^rztm enrpfehlen ihn. Eingreifen der Genbavmeeie. Bukareff, 7. Februar. (N. T.-K.-B.) Gegen dos Versprechen, oaß die Ordnung nicht gestört werde, wurde den Medizin-Studenten der Bukarester Universität die Erlattbnis zur Abhaltung einer Versammlung im Nniversitätsgebäude erteilt. In dieser wurde die Belieferung des anatotnischen Instituts mit Sezierleichcu besprochen und dann eine Entschließung angenommen, worin, der Rücktritt des Butärester Universitätsprofessoro R e i n e r verlangt wird. Beim Verlassen der Aula begegnete,, die Strtdentcn dein Professor R c i u e r, gegen den cs zu heftigen Kundgebungen kam. Professor Reiner wurde gezwungen, sich in ein Zimmer der Universität zu fluchten. Als von den Studenten die Tür erbrochen wurde, zog Professor Reiner angesichts seiner bedrohten Lage einen Revolver und es gelatig ihm, mit v o r g e h alte u e m Revolver das Znnnter zu verlassen. Professor Reiner verließ unter denr Schuhe einer inzwischen herbeigeeilten Gendarmerieabtc ilun g das Universitätsgebäude. Einige Studenten wurdctt verhaftet. Bor dem Universitätsgebäude waren tagsüber starke Gendarmerieabteiltrngen ausgestellt. Es kam zu keinerlei R u h e st ö r u n g e u. Söffe geht Mt nach Moskau. Moskau, 7. Februar. (Rufs. Tel.-Älg.) Die Alvtduingen der Auslandspresst über die angeblich erfolgte EvnenttMtg eirves Sowjet>b otf ch afte-rs in Tokio entbeh - reu jeder Grundlage, da. dieser Botschafter erst nach der Ratifizierung des Vertrages, der zwischeu der Sowjetunion und '.Japan abgeschlossen worden ist, ernannt werde« wird. (Datnit sind die von allem Anftntg nicht rocht gla-MvüMgen Meldungen, der vor ktrrzem evnannix Wiener russische Gesandt« Joffe verlasst fernen Posten, umr als Botschafter nach Tokio zu gehen, vfsi- .ziekl widerlegt. D«e Red.) Sefferreichs BerttetMg ia Persien. Durch Großbritannien. Älkf Evjiucherr der österreichischen Bundeorrg^Lurtg Hat die WnüMch grotzbritannifche Rogievuntz dem Bmglich großbrrtamnschen Gesandten in Teheran av-- gewieserr, den drPlomaLrfchen Schutz der österrerchischen Bundesangchövigen und Intoreflm & -Persien zu übernehmen. Zar ffrdbeden tu Erlaa. Budapest, 7. Fckbvtmr. (N. T. K. B.) Die N a 'chfchwingnuge« de§ Erdbebens in Erka« haben «och nicht aufgehvvt. Honte vovtwttqgs gegen dwivievto! tl vhr war owt leichter Erdstoß zu verspüren, der Mvter den Einwohnern g r o ß e E r r eg« n g h-eworries. Rach den bisherigen Erfahrungen Wiederholer sich die Nachschwingungen in periodischen .ZeitabschMten UrtM A I *5 4 ta n!f -C ffi llt tl ffc rf» itT Sie Stadt der Winde. Bon Armin T. Wegner. Imunw sind die Witrde in den Straßen ILopenyagercs. Sie wurmen von draußen über das Mc«r, über das tvoiw, flache Jnselland Dänernark mit stüren vielen Seen, Buchtert und Masserengen. Sie pstifen von der Hohe der schtvedischen Beuge herab, vmr Jütland, von Bornhoün, und tragen eine schwer« feuchte Lust, tvemr sie aus dem Süden, von Deutschland, kommen. Brausend fahren sie den Strandweg der Langen Linie" entlang, in die offenen Straßen, über den gewundenen Dvachenturm der Börse, über Köngens Nytorw und die Helle Oestevgade, von der schon Andersen urrs erzählt hat. Denn Kopenhagen ist die nordische Sürdt der ruhelosen Wiude, und selbst im IM knatterrt sie in der Sonne wie Helle glühende Fahnen über den Dächevn der. Hauser. Ob es die Winde sind, die deir Dichtern Dänetttarks ihre Worte zutrugen und die ihre Sprache so stark und lklar gemacht halben, daß ihre Werke u«3 unvergeßlich si,td? Tenn noch imurer scheint Kopetchagen die Stadt, in der DänenraM beste Dichter zu Haust sind, in der sich ihr Loben auf besondere Art, enger iund bedeutungsvoller zusammenschließt. Gs ist Nacht. Wtr fitzen in dein Vornehnven, sansten Salon von Otto R rr tt g, dein bokamrten dänischen Dichter und Staatsbeamten, dessen zahlreiche Werke auch ins Deutsche übersetzt ivurden. Das -Haus liegt an einer Ecke der .Haftlrstraßr. Um die Kanten der Mauern' jagt und scheuert der Wind, der den ätanal hemufkournrt, und röchelt in der Tiefe des Kmnins. Die Gattin Otto Rurrgs, ciue geistvolle Polin von nicht alltäglichern Rviz, ist dir langjährige Sekretärin von Georg Brandes. In ihrer BMwthek finde ich die Urschriften aller feiner Hauptwerke über Goethe, Voltaire und die Litew'turströttmngetr des!9. Jahr^inderts, viele Seiten, sorgsam gefüllt rnit feiner '.arten mch Mgen SchrK, in ryW^* Schepei-nbände ge; Lunden, die sie einst der dänischen StaatsbibliothÄ zum Geschenk nrachen will. Vrartin Andersen-Rexö st» doch, der Freund Rungs, dessen herrliches Buch „Pelle der Eroberer" im InstVverlag in Leipzig evschvorr, weilt nicht mehr in Kopenhagen; er hat sich feit kurzem am Bodens« niedevgelasstn. Man erzählt, daß er Kommunist rvuche, doch matt ist vorurteilslos genug in Dänemark, deswegen nicht atchühöron, >den bcheuwtchen Dichter in chm zu schätzen. Aber draußen anr Strand Bouilevard sitzt Georg Brandes, der Zivoiundachtsjgjähvige, dieser Schnevgipfol, imter dom Glattz feiner AvboitÄamPv. Dom Alber tmr wenig gvbott-gt, noch immer trnevmMich, versammelt er noch imtner einetr Kreis anregender gestllschrfKicher Merffchen um sich und sieht durch einen zahlvoichen Briefivechstl in lebendiger Berührnng nüt allen Landern der Welt. Emen „einsantLtt Adle^ tmter den Gofftern hat hn kürzlich ein KvitWer Dänetnarks gpmmnt, und in der Tat, tvach detn Tode 'von Attatole Fratue, tote viele besitzett wir nach, die ihre etchcchetterr Schwingen über Europa breiten? Johaunes V. Jensen ist stßhaft geinovdetr. Hoch oben in der Rabeckstraße in dent obersten Stock eines treuen Hattsts lbetvete ich feine helletr, -lavett Rätune, die sine strenge nordischc Sachlichkeit atmetk. Aber auch chu grüßtztt auf ltz^r .Höhe stincs ZimuterS die bwstett Winde dvostr Stadt, die . den Duft aller Länder zrt ihtn z-tr . wtigen scheinet!, in deuett er, ein wahrer Kolumbus der SHmtott, so viele Jahre weilte. Auch für ihn verschloß der Kvstg aus Jahre hinaus die Welt. Gerade siir ein so abenteuerndes glühsudeS LeiöettSietU'perautetrt wie Ienfen mußte iu’r ä'beltkricg die gewMgsw Lockurtg bedeuten. Es spricht für bott Ernst und die Ehrfurcht diests iveilttveisen schöpstrischett Geistes, das; er, in den Gr^rizen st'mrr eigemn Größe veriharrettd, es verfchinähde, sich als unbeteiligter Zuschauer oder Berichterstatter iu die gr.walttgön Schicksale der Völker z>k mischen. Nun sind seine Söhne hexcuw gewachsen und Jenstn der zurzeit an einem Buche, über dre zcvhlveichen, fast tm-beLaunteu Porträtbüsten von Dhovwakdstn avbeitet, scheint ein hmgebender Vater. Vor zwei Iahwn wurde ihm ein Nachkömmling gebovetr, ortt Kittid Mit Atmen Augen, desstn Haar hell 'st «wie Sonm-e umd das mir der schönste Kna-be der Weilt scheint. Girr „StzvcvbqKogen" (Teigvost) sagt Jenstn, der Gefetzte und doch /noch immer Jugendliche nrit erwnn heitevon und doch zuglorch schwermütig rvsignievendem Lächeln (Skoib-Kagen nennen die Bäckor in Kopenhagen den übrig geWickbenen Teig im Backtwg, aus dam sie ba? „letzte Bvot" Sacken). - Oven kr dotn helletr Kluibstml der lZsitschvif. ,Lcheatret" abet liegt seit oinigott Tagett, eiinsattt auf einem großen lvoven Tisch ausgestellt, die Totermtaske Hertnattn Bangs. Dev erste AnMck dieses Gosichtes rnuß beit Beschatter beinahe enttäufchett, ellvas sttt und zu ruhig, spricht es wenig von dem übevompftttdsattten Goist dieses Dichters vuS. Bongt man sich aber tiefer über die Ar«s-ke honch, . die toahvhaft edle Fovm der Stivrt näher ztt be trachten, so gelwinnt sie ein Ztvoffach schatterliches Leben: detm in dem Qrigntalabguß der MaE sind evnzoüte Angetttvimpovn tmd Haare des Toten hasten geblieben, die sich von der Gipssovtn übortwgen haben mtd bei ihrem Anlbttck scheint es fast, OlS fühlten wir den kMvn Aten, des twhen noch rvnverwestett Äichnants dieses Toben, der einst in feinem Bütte gewissermaßen die ganze rasttost Unruhe!der Winde dieser nordischen Meevstadt trug, die ihn U'Uermiüdlich über die weite Erde trieberr, um ihn in einem tiestu unbartuherzigetr, aber doch harmonrschttr Simre stitvos Schickstes otif den veÄaffenen Wagenpolsim» vmes fvomden EistnSahnguges verscheiden -u lassen diese ewigen, ivilden, raffelnden Winde, die in de« hellett Hevbstlagetl über dieser Stadt attWtze» wie ei« -M schwungenes Florett, das sich M het^ fchögem Wd A>M Augen der H«Ge f