Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2138 (1.2.1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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9u> HOB Wien, Sonntag Wlenee Moroftmzettor««. f. Febrmrr IMS Seit» 8 ßkdbeben in Ungarn. Nach Meldungen aus Budapest und anderen Or- / tet Ungarns ereigneten sich gestern nach 8 Uhr früh an verschiedenen Stellen des ungarischen Gebietes heftige Erdstöße, die rasch aufeinander folgten. Ter .Haupthevd des Bebens scheint in der Talspalte östlich vom Tatvagebivge zu liegen. Am stärksten ivar das Beben in Erlau zu Düren. Dort wurden durch die Erderschütterung Fenermauern und Schornsteine umgckvovfen «nd einige Dächer abgetragen. Zahlreiche Hänftvmauern «hielten Risse. Der Turm der a>lten Minoritenkirche von Erlau ist schief geworden. Auf der Strafte wurde eine Person durch herabstürzende Mauerstücke verwundet, m einem Hause erlitt eine ftmi durch den einst ü r ze \u den Plafond eines Zimmers Verletzungen. Der Sachschaden ist ansehnlich, er »wird auf mehr als eine Milliarde Kronen geschätzt. In den Dörfern um Erlau wurden noch größere Schäden verursacht. Eine halbe Stunde nach dem ersten Beben erfolgte in Erlau ein zweiter, jedoch wesentlich schwäche r er E r d st o ß. JnDebreczin wurden zur gleicher Zeit drei E r d st ö ß e verspürt, voll denen die fetöcn ersten ziemlich heftig waren. In Balmas-Ujvaros tvaren die Erdstöße von einem unterirdischen Getöse begleitet. Ziemlich stark war das Erdbeben auch in G y ö n g y ö s, Miskolcz und Sa 1 oralju-Ujhely zu spüren; auch in B u d a p e st und G ö d ö l l ö wurden schwache Bodenerschi'ltterungen beobachtet. Die Budapester Erdbebenwarte registrierte u>nr 8 Uhr 7 Minuten ein Na hbeben, welches sieben M i nute n dauerte. Die Wiener Zentralanstalt für Meteorologie teilt mit, daß ihre Seismographen um 8 Uhr 6 Minuten ein ziemlich heftiges Beben mit einer Hevdentifernung von etwa 400 KLomötor registrierten. Ae AuMliednn« de« Hauran. Die transjottanische Steinwiiste. Ans Berlin wird uns berichtet: Professor P a s s a r g e sucht in den „Naturwissenschaften" die Frage;u beantworten, wie es kommt, daß das O st j o r d a n I n )t fc, welches im Altertum von märchenhafter Fruchtbarkeit lllld eine der wichitiHsten Kovnkamnrevn des alten Rom war, heute eine fürchterliche Sdemwüste sei. S e i t d e r I sla in h i e r herrscht, sagt Prof. Pasfavge, ist es ödes Land, das Leine Frucht trägt. Prof. Pasfavge setzt sich mit den neuesten Forschungen aus diesem Gebiete auseinander. macht aus Beobachtungen ansmerffam, die von der nach Aegypten entsandten Expedition der Hambnvger wissenschaftlichen Stiftung gelvonnen wurden. Unter den Lavasteirrplatten der Wüsten Aegyptens liegt eine seine staubige Erde, die im Hauvan so fein und locker ist, daß man sie nicht zu pflügen braucht; man streut die Samenkörner einfach aus die Erde und eggt die gesäte Fläche mit einem Akazienast. Die, rätselhafte Hanvanerde düvfte nun nichts anderes sein als der Sa^zstaubboden der ägyptischen Wüste, der unter den Plätten des Steinpflasters, der sogenannten Hamada, liegt. Nach Entserlrung der Lavaplatten tritt die fruchtbare Erde zutage, und so lasselr sich die reichen Getreidesvlder eMären, die einst den Hauran zur Kornkammer machten. Der Bevfasser schließt: „Eillst war der Hauvan, als geordnete Verhältnisse herrschten, eine Kornkammer des römischen Reiches; könnte er es jetzt nicht wieder werden- ' . '». l^yEHBEH finmel, der Büßer. Bon Jakob KranSz. S.*) Kaum war Reb Anschel in feinenr Studierziurmer amgelangt, legte er Ueberrock und Hut ab, fetzte das Sanvt- Wppchen ans, zag die Schuhe aus und setzte sich trauernd auf den Fußboden, um „Chazoß abzurichten", all die Klagelieder Aber den Verlust des eigenen Landes und des Heiligtums in Jerusalem, an delien >das jüdische Schrifttum so überreich ist, zu beten, und fein bedrücktes Herz an den Aufmunterungen der Propheten und der späteren Autoren zu stärken. Dann stand er auf. ging an feinen mit Büchern überladenen Tisch und trug in feinen „Pinssas" feilte Erlebnisse im Sterbezimmer Lämels ein. Dieser „Pinkäs" tvar eine Art Tagebuch, in tvelchem Reb Anschel neue Deutungen schwieriger Stellen im Talmud und aus den Weriken der Kommentatoren zu verzeichnen pflegte, die er entweder selbst gefnndell oder in neuerschierrenen Arbeiten gelesen hatte. Auch die au ihn gerichteten Fragen prinzipieller Natur aus den verschiedensten Geibieten >des Lebens des einzelnen oder der jüdischen Gesamthe.it sowie seine Antworten auf diese Fragen wurden im „Pinkas" festgehalten. Ueberdies räulute Reb Anschel der Erzählung von Erlebnissen, denen er eine Bedeutung für die jüdische Gemeinschaft bei nur ß, einen Platz in seinem „Pinras" ein. So kam auch die Geschichte des roten Lämel in das T-ngebllch. Reb Anschel schrieb: „Heute nach dem „Maariw-^iebe^ wurde der Rabbiner unfever Gemeinde, der Zadik und Gaon Reb Schlomv, sein LebeMicht leuchte, zum sterbenden Lämel Baal-TeschlNvah gerufen. Wir fanden Lälnel bereits im furchtbareu, erschütternden Kampf mit dem Todeserigol vor. Wir gingen geradenwegs auf das Bett >des Kranken zu, ich setzte ruich an den Rand des Bettes, «während Reb Schlvmo die l'ii#e Hand Lämels am Puls ergriff und den St erbende ll unrief: ^Länrel Baal-Teschutvah, du hast uns gern feil ititb* wir sind gekommen: ich, der Lehrer dieser Gemeinde, und Reb Anschel, de« du dir fettst 311m Lehrer erkoren, sind hier!" *) Siche „Wiener Morgenzeittmg" vom W. De-smber im, L, 11., 18. und 35. Jänner 1925. STAFA 6 Ausnahms- Tage K Ballkleid, äÄ«i' mu.390.000 raartteidche« 260.08 Ballüberschah 155.000 Damen-3tv»llknüßs> Handschuh 1. Zwin, 38.080 Srtte de khine 8-L'S'iL.. 88.80 Reiche Ausvohl in Gold- und Siibersfitzen, Kopfschmuck und Masken STAFA Warenhaus A. G. UH. Marlolillferstrasse Hr. 120 Sit Juden in Korea. Aus Schanghai wird uns geschrieben: In Korea selibst laben nicht sehr Viole Juden. Jnnnerhin besteht in der Hatvptstadt S ö 0 n >l seit langem eine jüdische Kolonie, deren Mitglieder jedoch solvohl in Sprache als auch der Kleidung rrach völlig den Koreanern assimiliert sind. Sie haben sogar den koreanischen Typus angenommen, so daß man ans der Straße einen Juden von einem. Koreaner gar nicht unterscheiden kann. Das einzige Erkennungszeichen für die Juden bildet ihr Name. Im Koreanischen oder im Chinesischen gibt es nur einisikbige Nanren. Wenn nun einer Sumon (Simon) heißt, so weiß man, daß er ein Jude ist. Man hat den Grund der völligen Assimilation der koreanischen Juden danrit zu erklären gesucht, daß die koreanisch-chinesische Kultur der jüdischen durchihren Rationalismus schr nahe siehe. Die Juden Koreas beschäftigen sich ausschließlich mit dem Handel und werden als äußerst tüchtige Geschäftsleute geschätzt. Ein tvesentlicher Teil der kausmännischen MitteMasse in Korea besteht aus Juden, die völlige Gleichberechtigung genießen. Die Juden nehmen auch den ihnen gebührenden Anteil am Staatsdienst, es gibt jüdische Soldaten und Offiziere, Richter, Aerzte, Lchrer und Staatsbeamte. Es wird überhaupt kein Unterschied zwischen Koreanern und Juden gemacht, und der Antisemitismus ist den Koreanern vollständig fremd. Und siehe, es war, als unterbräche der TodMbote sein Ringen mit den Lebensgeistern Lämels. Die Augen Lämels glanzten auf, in -fein Gesicht kehrte der alte gewohnte?AuS- . druck wieder und nur um seinen Mund zuckte es wie von mühsam unterdrücktem Schmerz darüber, daß er von der Pforte des Jenseits in dieses Jammertal zurückgeholt wurde. Lämel erkannte uns, setzte sich mühelos im Bette auf und begann zu erzählen: „Ich halbe euch beide, die ihr dereinst vor dem Richterstuhl Gottes für die Lebensführung unserer Brüder und Schwestern in dieser Gemeinde werdet Rechenschaft legen muffen, zu mir gebeten, iveil ihr ein Recht daraus habet, ehe ich aus dieser Mt scheide, -nein Läbensgcheimuis zu erfahren. Meinen Vater ha>be ich nicht gekannt. Bis zu meinem zivAsten Jahre lebte ich bei meiner Mutter in einem mährischen Dorf neben der Stadt L... Meine Ndutier verdang sich zeitweise bei -den Juden im Nachbardvrfe. Manchmal nahm sie mich mit sich, zumeist a'ber ließ sie mich in der Obhut von Banern oder des jüdischen Kaufnlarlnes in unserem Dorfe zurück. .Hebräisch beten hat mich nteine Mutter nicht gelehrt. Sie brachte mir bloß die 'kurzelt Gebete bei, die sie selbst des Morgens lind Abends ausivendig hevsagte. Bis zu meinern zwölften Jahre trieb ich nrich lnit delt Kindern der Brütern im Dorfe oder ans >den Felderm herum, hütete ihre Gänse, trieb das Bich auf die Weide oder Verrichtete follstige .Hrusaribeiten in den Gehöften, wofür sie mir zu essen gabell. Ms ich zwölf Jahre alt wurde, fmu ich zum jüdischen Tapezierermeister Salouvo» Färber in L... in die Lehre. Es tlXlveu gifte Menschen, die ganz entsetzt loa reu, als sie merkten, wie lvenig 'jüdisch meine Erzi-e'hmlg bis dahi>u gewesen war. Das Ehepaar Färber hatte keinen So'h-ll^ und es betrachtete es als eine ihn: von >der Borfehung aufertegte Wicht, aus mic nicht nur einen tüchtigelt .Haudwor.ter, sondern auch einen guieai Judetl in ihrem Sinne zu machen. Die ganze Wärm« einer ausopsernden jüdischen Eltern« liebe tverdeten Herr und Frau Fävber ihrer - einzigen Tochter Dina zu, eine»: blon-delt, zarten Mädcl-e», das mit seinen blatten Kiudcmugeu schwärmerisch naiv suchend in die Welt blickte. Dina war um drei -Jahre jünger cD ich. Lr. Michael Berkawitz — «0 Jahre alt. Heute, am 7. Schwach, feiert unser Mitarbeiter Heet Dr. Michael B e r k 0 w i tz, Professor am Gymnasium »n Biolttz, seinen 6v. Geburtstag. Dr. Berkoivitz ist aus dem Bech .Hamidrasch erst in spateren Jahren zum Studium der profanen Wissenschaften gekommen. Jüdische Wisienschast, insbesondere Sprachwissenschaft, blieb jedoch stets das Haup:gvbi«t seiner eifrigen Tätigkeit. Er hat eine wertvolle Arbeit über die Psalmen geschrieben, die von der Wiener Akademie der Wissenschaften in Druck gelegt wurde. Eine Reihe von Uebersetzwngen ins Hebräische entstammen seiner Feder, unter anderem hat er auch Herzffs „Jttdensloat" und spater feine übrigen zionistischen Schriften in die hsbräische Sprache übertragen. Dr. Berkowih war einer ^der ersten, welche sich der von Herzl mitiiÄen zionistischen Bewegung anschlossen. Seine Stellung als?hebräischer Schriftsteller ermöglichte es ihm, den Kontakt Zwischen Hcrzl und der ' neuhebrärschen Kultur in Osteuropa zu vermitteln. ES sei übrigens hervorgchoben, 'daß Dr. Berkowih Theodor HerZls Hebräischlohrer war, als der Führer in seinen letzten Lebensjahren das Studium der hebräischen Sprache begaim. Dr. Berkowitz ist bis heute schrfftstelleDisch eifrig tätig und zahlreiche gedlegeue Aussätze von ihm'erscheinen nicht bloß in hebräischer, sondern auch in Mischen und deutschen Zoitungen und Zeitschriften. Die Les>er der Miener Morgenzeit u ng" können seinem Namen oft in unserem Blatte begegnen: seine ausgezeichneten Anffätze über „Jüdischen Humor" sind erst jüngst hier erschienen. Die Jndenschast von Bielitz, wo Dr. Ber-- kowitz seit mehr als »einem Jahrzchnt wirkt mb viel zur nationalen E^iehung der Mischen Jugend beigetragen har, bereitet dem gesetzten Gelehrten anläßlich seines 60. Geburtstaasü mchrfache Ehrungen. Kne Aentzenms Ibsen» Mer die Juden. „Der Adel des Menschengeschlechter." Eine interessante Reminiszenz wird angesichts der teilweisen Verwirklichung des zionistischen Ideals Lebendig. I» einem seiner geistvollen Briese an Geord Brandes schreM Henrik Ibsen (17. Februar 1871): ,Der Staat ist der Fluch des Individuums. Womit ist Preußens Stärke als Staat erkauft? Mit dem Aufg>:hen der Jndividu'n in iden politischen und geographischen Begriff. Der ist der beste Soldat. Und ans der anderen Seite das Volk der Juden, der Adel des Menschengeschlechtes. Wodurch hot es sich in Absonderung, m Poesie erhalten, trotz aller Roheit von außen? Dadurch, daß es sich nicht mit einem Staat herunMlschlePpen brarcchte. Wäre es in Palästina geblieben, so wäre es schon laugst in seiner Konstruktion nntergegangen wie alle anderen Völker!" Dieser Brief wurde während des deutsch-französischen Krieges geschrieben, in welchem der pvoußische Militaris.rms die Borbodingu'ngen für das Rüstungssicber und den Weltkrieg schuf. Unter dem Eindruck dieser Vorgänge kam Ibsen zu seinem Urteil über den Staat, das er in zornigem Pessimismus auch aus die Mische Staatsidee anwendete, die sich freilich von der preußischen sehr weit entfernt. Eme Jüdin Marquise von Winchester. In London erregt die Heirat des Marquis os Winchester, der den Titel „Premier Marquis of England" fuhrt, mit einer Jüdin großes Anffehen. Die neue „Marchionesi os Winch^ter" ist die Witwe des verstorbenen Majors ©laufe Marks, eines Sohn s des Rabbiners Professor D. W. Marks. Mit ihrem Mädchennamen hieß die nunmehrige Marquffe Karolvne Hoffnung und ist die Tochter des vor längever Zeit verstorbenen australischen Gwßkcmfmarms Abraham Hoffnung. Ich blieb auch nach beendeter Lehrzeit als Geselle frei Färber. Inzwischen hatte ich hebräisch beten gelernt, ging zu den festgesetzten Zeiten in die Synagoge und lebte wie alle Juden der Gemeinde. Zwischen Dina und mir bestand anfangs das gute Fre-undschastsverhältnis zweier Kinder. Als wir beide reifer wurden, ertappte ich mich da>bei, daß ich Dina anders zugetan war als ich es bis dahin «nrvpsnnden hatte. Ich 'begann, das schlanke Mädchen mit dem üppigen blonden Haar, das in der Judengasse als viel begehrte ^Schönheit gefeiert wurde, zu beobachten, wollte so gern aus ihren Blicken Herartslesen, wie sie im Herzen §n mir stünde. Es war das erste gwße Unglück meines Lebens, daß ich in meinem neunzehnten Lebensjahr aus einem Mick Dinas herauÄefen mußte, daß ihre Neigung zu mir 'bloß dem wenn auch ehrlichen tiefen Mitleid eines schönen hoffnungsreichen Mädchens mit einem häßlichen rothaarige« Burschen entsprang. Damals kam mir zum erstenmal im! Leben der Much meiner Häßlichkeit zum niederschmetternden Bewußtsein. An jenem Tage gab ich mich über die weitere Gestaltung «eines Lebens temer Täuschung mehr hm." Bei diesen Worten hielt Lämel erschöpft inne, hotte senkend tief Atem amd strhr fort, zu erzählen: ^Kr wißt, es waren damals unruhige Zeiten. Ovstedreich war -Jahrzehnt hindurch in Kriege mit den Nachbar« verwickelt. Wir gingen förmlich von der Lehre m die 5dafewe. Mit neunzehn Jahren wurde ich Soldat und verließ das Haus Färber. Dina war sechzehn Jahre alt; sie Uninte, als ich Mschied nahm, wie auch ihre Eltern weinten — aus Mitleid. Mein Leben als Soldat, als berufsmäßiger Totschläger, in Notfällen auch Mordbrenner auf Befehl, unterschied sich nicht wesentlich von der Le>benSweise der übrigen Kriegskameraden. An Dina dachte ich »nt Bangen; denn die Nachrichten aus der Heimat, die uns in den PW- Äche« Grenzgarntscmen erreichten, waren sehr beunruhigend. Die Stadt L... tvar eine Durchzugsstation für das Militär. Der Krieg mit Preußen.war bereits ausgebroche«. Ich wußte aus eigemr Erfahmng, daß KriegSmrli<är keim Lemumngen 0e»«t. V< stampft über blühende Saaten und Wer blühende Mädchenleiber mit der gleichen HemmungSs., losigßeit. Ich hatte lerne Ruhe Dinas wegen. Ein enisetz^ ^'X Äches. alle «e«e Sinne anjpoitphendss Bild vech^ 'rM xyvy