Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2138 (1.2.1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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A. . WM Dren. Sonnkag -m Wietter Mörgenrertung. 1. Jvobnuiv 1925 M. mm Sie mfftfcftc Seele und der Nolfchewismus. Bethlen in Senf. Bo« LH. G. Mssothk, Präsident der tfchecho-ttowakischcn Republik. Die Pariser Zeitschrift »Lemondeslave" veröffentlicht »vieder einen Teil der demnächst erscheinenden Memoiren Masaryks. Wir lassen hier einen Abschnitt im Auszug folgen. Die russische Politik war wie die geheimnisvolle russische Seele für uns Europäer stets ein unlösbares Geheimnis. Die Eigenart der russischen Schriftsteller, ihre Werke, drangen in uns ein, sie kiffen unsere Seele mit sich, wir verfolgten atemlos die Halluzinationen der „Kreutzer-Sonate", bewunderten in „Väter und Söhne" den eigentümlichen Geist der ruffischen Helden, wir standen sprachlos vor „Sanin" und das schwarze Grauen stieg in uns aus, als wir „Raskolnikow" lasen. ES war daS Unbekannte, das uns ergriff, eS war die Sehnsucht nach Wahrheit, Licht und Freiheit, die uns mit sich ritz, wir ahnten mehr als wir wußten: in der Seele dieses unterdrückten Volkes, das, in den Potemkin-Dörfern der östlichen Kultur verloren, das Lügengewebe einer brutalen Clique zu zerreißen versucht, bringt die Unterdrücktheit den Wunsch nach Befreiung hervor» welcher heiße Wunsch einer kranken Seele den Bolschewismus zeitigte, der in Form und Inhalt so fremd für die russische Volksseele ist wie der Zarismus, die Autokratie, welche in ihrem letzten Daseinsmomente zur Herrschaft Rasputins und von hier ohne Uebergang in den Bolschewismus ausgrtete. Die größten Schriftsteller zeigen uns die unklare, trankhafte ruffische Seele, die doch mit ganzer Kraft dem Instinkt der Wahrheit folgt. Tolstoi drückt den Gegenstand des Wunsches aller Russen aus, indem er in der Wahrheit, den GruNd der Eigenart erkennt. Aber der Zarismus war eben nicht die Wahrheit, und wenn der Krieg auch diese Lüge enthüllte, so tat er nichts anderes als vor ihm Puschkin, Gogol, Lermontow, Gontscharow, - Turgenjew, Dostojewski, Tolstoi und Gorki getan. Die Russen von he.ute nennen Dostojewski den Propheten der, Revolution. Der Krieg war nur die.große Gelegenheit,, die es möglich machte, diese Lüge zu enthüllen, und wie' Kirgewski sagte: Rußland mußte fallen an dieser Lüge. - Ter Zarismus konnte Rußland scheinbar zivilisieren, das ' heißt die Administration und die Offiziere der Erfolge des } 'europäischen Adcss teilhaftig machen, aber der Muschik und . der Muschiksoldat — und das ist Rußland — lebten außerhalb der zaristischen Zivilisation, und deshalb haben sie Rußland während des Krieges nichtverteidigt und es ' stürzte infolge seiner Unfähigkeit' und des Mangels an inneren! Reichtum. Der Bolschewismus ist der. gesetzliche Erbe des demoralisierten Zarentums und seiner Llientakjtat, die 'byrch keine DittatürgewgÜ geändert werden kämt, und die früher oder später Zum Sturze der Diktattir führen muß. ' »Bezüglich seiner Prinzipien hEe ich den Kommunismus nicht für ein soziales und sozialistisches Idealwenn man unter Kommunismus die absolute wirtschaftliche und soziale Gleichheit versteht. Der Kommunismus ist zentralistisch. Und der kommunistische Zentralismus ist besonders spröde;, er ist ein abstraktes -Produkt, aus der Deduktion einer These entstanden, und praktiziert mit Gewalt. Der Bolschewismus ist die absolutistische Diktatur eines Einzelnen und seiner Helfer; er ist ein Regime der Unfehlbarkeit und der Inquisition und gerade - deshalb hat er mit der Wissenschaft und mit der wissenschaftlichen Philosophie nichts gemein.- Die Wissenschaft sowie die Demokratie ist ohne Freiheit unmöglich. Was Lenin und seine Anhänger verwirklichten, war nicht der Kommunismus selbst, nur ein Zerrbild des Kommunismus: sein System ist ein, primitiver (Agrar)-Kapitalismus, ein primitiver Sozialismus unter Kontrolle eines primitiven Staates, geschaffen durch anarchistische Einheiten, in denen die'zaristische Zentralisation, wenn auch primitiv, enthalten war. Der Mangel an Kultur, dieser eigentümliche Prkmitivisnlus, enthüllt sich in ganz brutaler Weise in der Adoption der sogenannten „tnodernen Kunst". Die Russen, auch die Bolschewiken, sind Söhne des Zarismus: er ist es, der sie im Laufe der Jahrhunderte geformt und deteruriniert hat. Sie konnten den Zaren vernichten, vermögen aber den Zarismus nicht zu vernichten. Der russi-, . sche Bolschewismus ist mit dem Kommunismus nicht identisch, cr ist mehr oder weniger nur ein Staats-, kapitalismus. Lenin war der logische Erfolg deS russischen Jllogismus. Rach TrotzN — rschttfcherlu und Rnowkw? (Eigendienst der „Wiener'Morgenzeitung".) London, 31. Jänner. Englische Meldungen aus Rußland wollen wissen,' daß Tschi'tscherins Gesundheit schwer erschüttert sei und daß der russische, Außenminister infolgedessen genötigt sei, sich auf drei ’ Monate da» der Ausführung seines Amtes zurückzu-, ziehen. Aus Riga wivd berichtet, daß Trotzki in Be-, gleitung eines Sekretärs Moskau für die Zett hon fünf: bis sechs Monaten verlassen hat. Sofort nach feiner Albreife hat die Tscheka eine Hausdurchsuchung bei ihm vorgenommen und alle Bücher und Dokumente beschlagnahmt und StaNnin ubergeben. Es verlautet, daß Sinowjelw, der bekanntlich dem Triumvirat , der Sowjets angehövt und Chef der Dritten Internationale ist, Trotzki bald in das Exil folgen wird. Seine Kollegen Stanilin und Kamenew sollen bereit fein, sich von chm zu trennen. Die Verabschiedung Mnowjews wich nicht in der gleichen Art vor sich gehen wir jene TvotzNs, da mam SrnvwjÄv eine wichtige MtjsiO« hm Süden RuAmds anbiete« wird, um Der schwel,,»de Rlebelsbee,. ^raf Bethlen ist wieder in Gens. Diesmal glaubt dieser sievenbürgische Taktiker seine Reise besser vorbereitet zu höben als seine letzte. Er bringt tn seiner Aktentasche Dokumente und Sitzungsprvtokolle der, nugartschen 'National Versammlung mit, mit denen der Abgesandte Hortbns dem Völkerbund beweisen möchte, daß die Wünsche der Kulturländer, die bei der letzten Genfer Tagung dem ungarischen Delegierten vorgehalten wurden, auf dem besten Wege zur Erfüllung sind. Gewiß, ja, die überführten Mörder der Arbeiter und Juden sind noch immer in Freiheit und nehmen hohe Stellungen ein, anch werden den Juden nach wie vor alle Konzesfiouen entzogen und keine neuen erteilt, wenn sie nicht ihre Staatsbürgerschaft und die Staatsbürgerschaft ihrer Vorfahren bis in das-vierte Geschlecht zurück nachzuweisen imstande sind. Aber das sind Kleinigkeiten, über die man sich nicht Weiler aufzuregen braucht. So etwas wird in Ungarn zwischen Parteien und Administrativbehörden abgewickelt, und Bethlen kann darauf Hinweisen, daß es schon manchen Juden gelungen ist, den Betrieb eines Gewerbe in der Hand zu behalten, -wenn er den Verstand hatte, einen christliche» Strohmann vorzuschieben, Md ihn. am besten einen abgebautcn Staats beamten» für diese Funktion gut bezahlt. Hingegen wird Bethlen auf die vielen, auffallend vielen Reden seiner eigenen Parteigenossen wegen des Nunierus clausus, gegen den Anti semitismuS der Tat Hinweisen. Der raffinierte Regiekünstler glaubt tatsächlich, daß man mit solchen Mäzchen beim Völker bund noch Eindruck machen könnte. Es ist aber doch unmöglich, daß die Delegierten der im Völkerbund vertretenen Staaten ein so kurzes Gedächtnis habe«, um schon vergessen zu haben, daß Bethlen vor jeder Gcuser Reise Md vor jeder-- internationaler Tagung den Schwindel mit de» liberal schillernden Reden in der Nationalversammlung nnd in Volksversammlungen aufführt, um dann nach seiner Rückkehr wieder abzublasen. Gegen den Numerus clausus in Ungarn ist seit seiner Jnartikulierung als Gesetz schon viel gesprochen worden. Aber jedesmal, wenn der Redeschwall zu hoch ging, erschien der Unterrichtsminister, Graf Klebelsberg, die kompetenteste Person in dieser Frage, auf dem Plan und erklärte klar und brüsk, daß von der Aufhebung des Gesetzes vom Numerus clausus keine Rede sein könne. Das ist das Wesentliche. Für die Unaufrichtigkeit BethlenS ist es am bezeichnendsten, daß der Unterrichtsminister gerade jetzt, wo-sich die Opposition selbst ansgeschaltet hat und die Forderung nach Aufhebung des Schandgesetzes aus der Regierungspartei heraus selbst erhöbe» wird; die faulest Ausreden also wWallen, seinen Mund hält. Er kann auch nicht anders. Die Regierung will den Rassenschützlern zuliebe an diesem Gesetz nicht -rütteln. Aber dies jetzt während der Anwesenheit Bethlens in Gens .zu sagen, wäre ein taktischer Fehler. Die Budgetdebatte wird ja noch einige Zeit dauern, dann wird es beim alten bleiben. ‘ Allerdings kommt Bethlen auch mit einem echten Trinmph nach Genf. Es ist die sachliche und moralische Niederlage der Führer der sozialdemokratischen Partei. So kläglich und. jämmerlich.hat noch niemals eine Volks Partei abgewirtschaftet wie' die ungarische sozialdemokratische Partei unter ihrer gegenwärtigen'Führung. Bor kurzer Zeit noch hat man im Ausland große Hoffnungen in die Widerstandskraft und'die politische Rechtschaffenheit der Sozialdemokraten in Ungarn gesetzt. Alle die demokratischen Organisationen und internationalen Stellen in den europäischen.Zentren sind ttef enttäuscht. Die letzten Vorgänge verleiden ihnen jede Arbeit. Das' kann vielleicht die Stellung BethkenS in Ser Pakt mit den Sozialdemokraten. Genf erleichtern. Aber man soll die Hoffnung nicht anfgevcN daß neben der Liga für Menschenrechte auch andere, ehrlich demokratische Kräfte es nicht zugeben werden, daß der ge jährlichste und schädlichste Politiker, den die Welt heute keimt, -durch tascheukünstlerische Täuschungen vom Auslände her di. Mittel erhalte, damit sich sein dem Krieg zustrebendes Regime stärke. s;. Der politische und wirtschaftliche Unsinn der Raffengesetze. Budapest, 31. Jänner. In der letzten Sitzung der ungarischen Nationalversammlung befaßte sich der Abgeordnete Gör ged in seiner Rede zum Budget wie viele seiner Bor rediter, mit den: Gesetz über den Numerus clausus. Er führte unter anderem ans: Ich halte den Numerus clausus vom Standpunkte der ganzen ungarischen Nation aus für -jc schämend und schädlich. AbgevrVueter Heinrich: So ist cs! Abgeordneter Gör geh: Der Numerus clausus :f! seinerzeit auf offen Gebieten des Lebens, namentlich .in Wirtschaftsleben, eingeführt worden, um die Judenschaft aus jenen Platz zurückzudrängen, der ihr auf Grund ihrer Seele» zahl gebührt. Nun bezieht sich der Numerus clausus auf die Hochschulen, und das bedeutet mit anderen Worten, daß ' k jüdische Jugönd gezwungen wird, sich in der Ind,t st v i im Handel usw. unterzubringen. Wir liefern also durch diese kurzsichtige Politik eben jene Gebiete der Judeuschasi aus, die wir erobern wollen. Immer wieder hört-man von rassenschützlerischer Seite, daßdie Jndenfchaft nnpatriolisc'', international orientiert nnd unfähig sei, sich mit der Seele» weit des ungarischen Volkes zu identifizieren.. Ist dem so - ist es dann nicht geradezu ein Selbstmord, die jüdischen innaen Leute zu zwingen, nach dem Anslande p gehen, wo sie daun einerseits für die Ideen d es Internationa l: * muss empfänglich gemacht werden, andererseits aber mit. Erbitte r u n g an ihr Vaterland denken, das sie vertrieben hat? Auf diese Weise erziehen wir selber eine Generation, die dann wirklich unpatriotisch nnd international sein wird, der:» ihre Rückkehr werden wir nicht verhindern, die Nostrifizierung ihrer Diplomatie werden wir nicht, ablehnen können, Der Numerus clausus ist jedoch keine Frage des Judentums, er ist ein P r o b l e m des 11 lt fl a r t u m s, .des in seinem Gebiete unversehrten Ungarn. Immer wieder beklagen wir uns, daß auf den abgetrennten Gebiete»! die Schulen unserer Brüder geschlossen und die ungarischen- Kinder, ge zwungen werden, fremdsprachige Schulen zu besuchen. Gläula jemand auch-nur einen Augenblick lang, daß wirünD wu unseren Beschwerden mit Hoffnung auf Erfolg' ait. on*)i B ö lk e r b n n d.-. .wenden können, wenn. .wir bäsfelbe. o.d.-r ähnliches tun? Wie sollen wir unsere Beschwerden' vertrete». wenn uns der tschechische Staat oder die rumnui sche Regierung die Antwort an den Kopf werfen: .„Ihr laßt ja eure Nationalitäten gleichfalls nicht frei' in die Schule gehen." (Bewegung.) ... Und dann noch - eine viel umstrittene Frage. Entweder bilden die Juden eine Konfession, und dann ist das Gesetz vom Numerus clausus ungültig. Sind sie aber eine Rasse, wie die Rassenschützler behaupten, nnd sonül ek e Nationalität,'so wird das Gesetz einseitig vollzogen, denn a »v f bic übrigen Nationalitäten bezieht cs sich nicht Jeder wahrhaft christlich denkende Mensch wird daher, n>:e ich glaube, einsehen,' daß wir dieses Gesetz außer K r a f X setzen müssen. Ich bin überzeugt, daß die Regierung sich -ant dieser Frage befassen wird, sobald sic die Zeit hiezu für gkommen erachtet. 704 SchuheI mit eingebautem „Berson“-Gurtimi-Absatz ihn einige Monate von Leningrad und Moskau fevlHuhalten. Seine zu laute Tätigkeit an der Spitze der Dritten Internationale und die schwerwiegenden Adligen seiner Auslandspost tik, insbesondere Gngkmd gegenüber, soll die Ursache seiner Absetzung sein. Stur SeWWseaMou der küdlsche» Kaufmannschast in Polen. : Warschau, 30. Juni. (I. ,T. A.) Angesichts der fortdauernden Wirtschaftskrise in Polen,, von der insbesondere die jüdische Kaufmannschaft betroffen ist, haben sich die jüdischen Kaufleute zu einer SeWhilfeorganisation, zusammengeschlossen. Es soll eine Notstand s t affe gegründet werden, die den in Not geratenen Kanfteutvn schnelle Hilf« gewähren soll. Die zahlreichen SeitHstmorde jüdischer Kaufleute in der letztem Zett hätten vielleicht zunr Teil Vevimeden werden könne»:, wenn eine Selbschllseorganisation schon früher 'bestanden hätte. Der Konferenz wohnten sechzig gewählte Dolvgierte aus ztvanzig Kreisen der polnischen Republik bei. Senator Adolf T r u s k e r, einer der Vertreter der jüdischen Kauftnannschaft im Parlament, eröffnete die Sitzung und schlug vor, die geplante Selbsthi'lfeiustitutiün sofort ins Leben treten zu lassen. In daK Präsidium wurden die Senatoren Raphqel Sch c r c s ch c w s k t und Adolf Trusker sowie der Deputierte Waclaw Wis liekii getvählt. Ae jüdischen Gemeinden in den Randgebieten Poienr. (Eigenöienst der „Wiener Morgenzeitung".? Warschau, 31. Jänner. Beim Polnischen Bizenmustcc des Aeußern S m o l s k i sprach eine Delegation der jüdischen Bevölkerung aus «den Randgebieten Polens unter der Führung der Abgoovdrreiten R o s m a t i u, W i s l i c’I i und Senator T r n s k e r vor. Die Delegation nnterdreiwic dem Minister eine Reihe von Wünschen der jüdischen -Bevökkevtt'NH der Ran-dg-sbiete, inHbcsondere bezüglich der Bcriva-ltung und der Organisation der jüdischen Geme'nvden -in den östlichen. Bezirke«. Der Vizemiuistcr . machte - der Delegatiorr. eine - Reihe von Vorschlägen irtt .Zusammenhang mit ihren -Forderungen. Sie Ausweisung der griechische» Patriarchen. Athen, 31. JÄuner. Der aus Konstantinopal, über Auftrag der Angora-Negiernug. auSgetviesene ökunretttsche Patriarch Konstautin -ist bereits auf griechischem Tervitori-mn eingetroffem Es wird, wie verlautet, ein Konzil einberufen und gleichzeitig ein Protest an den B o lke rbund gerichtet. Im griechischen Parlanjent und in der Presse hat die Ausweisnstg -des Patriarchen lebhafte Erregung ausgelvst. Bei der Mitteilung von dein Vorfall am das Parlament, erklärte der griechische Ministerpräisidertt, dieser u nf r e u n blich e Akt der Türkei iverde jedenMS auf die Beziehungen Äri echenla uds zur Türkei von u u g ü n st i g e m Einfl-uß sein. Di« Natwnalversammlnivg wird an die a nSwartiflei* Parlamente eine P r o t e st k u n d g e b u n g richten.