Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2135 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981220--21783-3009129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-.$> * Ponnersklg Msener Moeftr«zrktttttA. 29 $fotntv 1925 Nr. S1M Ereinsicr und MistNc; ruuia vcstevc.r. '-ln dics.".n '.V<nn stab gemessen, tvirtt das jüdisch assimilatorische cftft.se! vom „bi^dunvsfeindlicl en" Antiftn'iliömns UNS dein unaustveichlichen, durch den Bitdungsfortschritt l^e üngten Untergang des Antisemitismus lächerlich, nniuqencsim läckvrlich. läcl>erlich bis zur Ekelhaftigkeit. Gefährlich ist diese Anschannngstvei-ft, tveil sie das jüdische Jndividnnm der Sorge mn »Xis Sci?icksal seiltes Belkes entfreindct und von Opfern, von der Arbeit für die jüdische Zukunft und von kritischer Selbstbetrach^ tuna fernhalt. Sie hält den jüdischen Menschen in stumpfer Gleichgültigkeit. Sie macht sein Auge blöde und seine Hand träge. Sie vermehrt die minderwertige Sorte von Inden, welche für -das grandiose Werk, welches in unseren Tagen geschaffen wird, für die Erneuerung der jüdischen Nation und die Wiederau fr ichtung ihrer Hemmt, keine Teilnahme anfbringen können. Weg mit der Formel „Antifernitismus ist Unbildung"! Sie ist falsch, feig und gefährlich. ..Und e» soll am drntschen Wesen.. Aus London wird uns berichtet: .Welche Gefahr der deutsche Nationalsozialismus mit seinem an-tvsemitischen AusvoktungSprogramm für die gesamte Kulturwelt' bedeutet, haben vor kurzem sogar die demokratischen Elemente von Britisch-Südafrika erfahren müssen. Jüngst fand nämlich eine Tvauerfeier am Grabe der siebzehn Soldaten statt, die während des Krieges an der Grcrye von Deutsch-Weftafrika gefallen sind. Die Trauerrede h^lt General Manie Maritz, einer der Kommandanten der Burenunruhen im Jahre 1914. Der General benützte diesen Anlaß zu einer aufreizenden Hetzrede gegen die Juden, wie sie in Südafrika bisher undenkbar war. Die Rede strotzte von Phrasen, deren.de ul sche r Ursprung an jedem Worte zu erkennen war. Eine Erklärung für diese Fcrnwivkung des deutschantffemitischen Giftes ist gegeben, wenn man erfährt, daß 'Äeneral Maritz nach dem Zusammenbruch des von ihm -.geführten Ansstandes nach Deutschland flüchtete, wo er sich mehrere Jahve aufhielt. Vor einem Jahr kehrte er nach Südafrika zurück und verbüßte eine K e r ke r st r a f e wegen Hochverrats. Heute ist General Maritz Führer der n a t i o n a l i st i s ch e n Partei in Südafrika. Alan sieht: die allcrneucste antisemitische Strömung in Südafrika ist made in Germany. Sie korrvpte preußische Verwaltung. Die Untersuchung drs Barmat-Kutisker-Skandales. (Eigendicnst der „Wiener Morgcnzcitung".) Berlin, 28. Jänner. Der Untersuchungsausschuß, een der preußis che L a n dta g Wr AnMä-rung über die Kreditgeschäfte der Preußischen Staatsbank eingesetzt hat, beschäftigte sich in seiner heutigen Sitzung mit der Affäre des H a n a u e r Lagers. Die dabei besprochenen Detalls ergaben, daß die Geschäftsgebavung der Preußischen Staatsbank im Falle Kutisker geradezu f r a u d u l o s tvar. Ms die Schulden Kutiskers bei der Staatsbank bereits 4,500.000 Mark betrugen, bot er der Bank das Hanauer Lager als Deckung an. Die Staatsbank akzeptierte das Angebot und prolongierte die bereits fälligen Kredite, ohne daß eine Nachprüfung des ta tsä chli ch en Werte s des Hanauer-La-gers stattgefunden hätte. Kutisker übernahm lediglich die Verpflichtung, das Hanauer. Lager zu verkaufen. An einem über 4.500,000 Mark hinausgehenden Erlös sollte die Staatsbank mit der Hälfte b e tc i l i g t sein. Es kamen dann tut inerteren Verlauft der Verhandlung so anrüchige Details über die Transaktionen der Staatsbank mit Kutisker zur Sprache daß es der deutschnationale Präsident des Ausschusses vorzeg, die O c f f e n t l i ch k e i t a u s z u s ch l i e ß e n. Mch Wiederherstellung der Oeffentlichkeit beschäftigte sich der Ausschuß mit dem Versuchen Kutiskers, das .Hanauer Lager zu v e rk a u f e U. Es ergab sich keine Klarheit darüber, ob das mystcriöft Geschäft mit der rumänischen Regierung, das Kutisker abgeschlossen haben will, tatsächlich durchgeführt wurde oder nur ein Schwindel tvar. Die iv-eiterc Untersuchung soll angeblich darüber Klarheit schaffen. In der Nachmittagssitzung kamen die von der Staatsbank an die einzelnen Unternehmungen des Barmat- K o n; e r n s erteilten Kredite zur Sprache, Zvobei festgestellt wurde, daß unter anderen! die St in nes- und die Krupp-Werke von der Staatsbank einen Kredit n r ch t erhaltet! konnten, während zu derselben Zeit Barmat von ihr einen 2-Millionen -Mark-Kredit erhielt, trotzdem die Generaldirektion der Staatsbank sich nur mit einem .Kredit von 2 5 0.000 Mark einverstanden erklärt hatte. Dar Ausschuß beschloß schließlich, den preußischen Jttnenminister Severing, den früheren Reichskanzler Gustav Bauer sowie den Generaldirektor Rngge der Staatsbahll zur Vernehmung vorzuladen. «ommuniften gegen Sagildemslkaten. Zusammenstöße in Berlin. Berlin, 28. Jänner. Die Berliner sozialdemo-! a t i s ch e Partei veranstaltete gestern mit dem Reichsbanner Schwarz-Not-Gold im Berliner Sportpalast eine Kundgebung für die Republik, bei der unter anderen Reichstagspräsident Loebe und Reichstags-. ^geordneter Dr. Breitscheid sprachen. Während der Rede des letzteren kam es zwischen den anwesenden Kommn- Angerer, Zarboch und Seuchen. Sie MMch-reNMe krziehuug. - Di« Dcbaste über die U n i v e r s i t ä t s s ch a n d e wurde gestern im B u d g e t a u 's s ch u ß .fortgesetzt. Sie wird nachgerade zu einer Schande des Staates, tai sich zeigt, daß der Leiter des Nnkerrichtkanitts nwhl das nötige Verständnis dafür hat, daß durch den organisierten Terrorismus die r Hakenkreuzlerei das RechtSgefühl untergraben w-rd, daß er aber leider nicht im Besitz der Macht ist, den Standpunkt des Staates durchzusetzen. Minister S ch n e i* der hat am Montag im Budgetausschuß erklärt, daß die Regierung die Verordnungen über das Stutz e n t e n r echt an der Technischen Hochschule u n da n tzr Ho ch sch ulc fü r B o de nfnl tur n i cht anerkennt. Ts bst bisher nichts darüber bekannt geworden, rb die Regierung entschlossen ist, ihr-r ibesseven Einsicht Re-ftekt zu verschaffen und die volkisch-n Arier auf den Weg des Rechtes zurüchuführen. Mahrscheinilich ist nichts Ernstes geschehen. Nur so läßt eS sich erklären» daß gestern der Abgeordnete A n g e r e r, natürlich ein Groß» deutsche'', blödsinnige Geschwätz von der Berjudung Hochschulen und des ^-'.'ftnschaftliichen Getriebes genau p yevnnbarleierte, als ob der Minister nicht gesprochen hätte. Dieser Angerer, d-'r so fürchterlich schreit, wenn an der jugoslawischen Grenze ein deütscher Student angevetttehlt wird und der seinen Bollbart immer in Bewegung setzt, wenn die höherwertige deutsche Kultur irgendwo nicht genügend ästimiert wird, leistet sich die schöne Phrase, daß der Schutz des eigenen Volkstums unter Umständen höher st eht als alle Menschlichkeilsphrasen. Ein Satz, den sich insbesondere d i e deutsche Minorität in den Sukzesiionsstaaten zu Gemüte führen muß Der sozialdemokratische Abgeordnete Leuthner trat wieder als Verteidiger der Freiheit auf. Er führte zunächst die germanischen Phantasien über die Berjudung der Universität aus das richtige Maß zurück und teilte mit, daß an der Philosoph!scheu Fakultät in Wien 49 „Arier", 5 Juden und 2 Jndeustämmlirge als Professoren lehren. Unter den Exlraordinaren sind bei 26 „Ariern" 12 Juden. Bei den Medizinern zwei Fünftel Juden, bei Heu Ordinären jedoch gegenüber 20 ,/irischen" 4 jüdische Professoren. Unter den Juristen sind 16 „Arier", 11 Juden und 5 Mischlinge. Bon den 46 Habilitationen an der philosophischen Fakultät in der letzten Zeit ist überhaupt kein Jude berücksichtigt worden. Nach diesen Feststellungen hielt es Herr Leuthner aus Gründen der Freiheit für angezeigt, die Existenz einer jüdischen Nation zu beztveifeln. Die zionistisch-großdeutsche A u ffa fsu n g — sagte er — könne er nicht als Grundlage für ein Gesetz gelten lassen. Run ist diese Frage weder von der Entscheidung Angerers und Jcrzabeks, noch von dem Urteil Leuthners abhängig. Die Entscheidung liegt einzig und allein in der persönlichen Ueberzeuyung eines jeden Juden.'Und das Wische Volk ist übrigens auch schon vom BAikerlbund, also einer sogar über Herrn Leuthner stehenden Autorität als politisches Subjekt anerkannt worden. Was aber ein gesiiMunMüchtiger Internationaler ist, kanu keine Gelegenheit vorl'eiae'hen lassen, ohne den Zionismus anzu rempeln und durch die Vergleichung mit Gvotzdeutschen und ähnlichen Kulturträgern herabzu setzen. Das ist ein Versuch mit untauglichen Mitteln und kompromittiert nur den Herrn Leuthner. Im UnterrichtZausschuß gab es gestern eine Parallel dcbatte. Bei der Beratung des RcgierungSenttMlrfts über da'8 gewerbliche FortbildungSschulweftn verlangte ein sozialdemokratischer Abgeordneter die Stveichurrg des Abder die Bedachtnahme auf die religios-sitflickc völkische und staatsbürgerliche Erziehung und Pflege des Genreinstnnes verlangt. Für den Fall der Ablehnung verlangte er an Stelle des Wv''i>'S völkisch das Wort r c p u b l i k a n i s ch zu setzen. Für die vereinigten Volksgenossen der N o w o s a d. Meiche und Berg m ei st ex war dies ein Anlaß, ihre sittlich-religiöse Weltanschauung in das Wort „judi sch" zusammenznfassen. Mehr haben sie -nicht zu sagen, mehr wissen sie nicht und die schlotternde Angst vor den Juden erfüllt ihr ganzes armftligeö politisches Dasein. Am lautesten tvar der .Herr Zar-och — der Mann heißt wirklich so und er kann weiter nichts für fetiteit Namen —- und er führte vor allen: darüber Beschwerde-' daß die deutschchristliche Fugend «rusgerechnet in Tirol vor dem entsittlichenden Einfluß der Juden geschützt iwt> den müsse. So sehen die erwählten Vertreter des deutschen Volkes in Oesterreich aus. Diese Gesellschaft schwindelt aller Well vor, daß sie ein Kulturgut zu verwalten hat und daß ihr die zivilisierte Menschheit daibei 'beistehen müsse. Diese Gesellschaft verfallt in tobende Wut, weM einmal, was ja selten genug geschieht, in auswärtigen Müttern Betrack' tnngen über dieses Oesterreich an-e''teNc werden. * Die Juden an den Wiener. Mittelschulen. Im weiteren Verlauf der Sitzung des Dudgetatlsschuffes reflektierte Äbg. Glöckel, der bekanntlich auch Präsident des Wiener Stadtschulrates. ist, auf.'die .Aus-, fü'hrungen Angerers und teilte mit, daß die Wiener Bundesmitbelschuken von 16.101 Schülern besucht werden, von denen 10.643 Katholiken, 1600 Protestanten, 388 0 Juden und 172 Angehörige anderer Konfessionen sind.- 24Prozent per Mitteffchülevschaft.gehören demnach der jüdischen Konfession an- In den Anstalten--im. ersten, zweiten umd neunten Bezirk sind die Juden in der Mehrheit. Aber der Grund des zahlreichen suches der Mittelschulen seitens der Inden liege nicht im Judentum, sondern in der Organisation des Schulwesens. Die Frage des Besuches der Mittelschulen wäre wohl'ans demokratischem Wege zu regeln. Wenn der Staat dazu bei . tragen würde, allgemeine deutsche Mittelschulen zu errichten, die alle Kinder ohne Unterschied der Eltern besuchen müssen, würde die von Dr. Ä n g e r e v angeschnittene Frage -ihrer Regelung zugeführt werden. nisten und den Reichsbannerilenten zu Zusammenstößen, die einen größeren Unrfang an nahmen. Z-um Schluß sprachen Crispien, Müller-Fvanken und der preußische Ministerpräsident Braun. Nach der Kundgebung kam es in der P o t s da m e rstraße zu schweren Zusammen stoßen zwischen den Sozialdemokraten und den Kommunisten, in deren Verlaus es auf beiden Seiten zahlreich« Verletzte gab. Erst stärkere Abteilungen d^r Schutzpolizei vermochten nach längeren Bemühungen die Straße zu fäuibern und den völlig unterbundenen Verkehr wiederherzustellen. Später wurde in der Mhe des Gebäudes des ,^Sorlvärts" ein von der Kundgebung kommender, etwa hundert Mann starker Zug der Reichsbaunerleutc von einem dreihundert Mann starken kommunistischen Trupp ü verfallen. Es entspann sich in der Dunkelheit ein heftiger Kamp', bei dem es gleichfalls auf beiden Seiten zahlreiche Verletzte gab. Zehn bis zwölf ReichSÜannerleute, die Schlag- und Stichwunden erlitten hatten, imchten zur nächsten Rettungsstelle transportier.1 werden. Sie Wahlen in den vrenbisch-MWen Landesverband. Berlin, 27. Jänner. (I. T. A.) Für den Wahlbezirk Provinz Hannover ist die Wahl erledigt. Sänrtliche Parteien haben sich nach eingehenden Verhandlungen auf eine Einheitsliste geeinigt, da eine andere nicht cingereicht worden ist. ohne weiteren Wahlakt als gewählt gilt. Die Namen der Liste sind: Landrabbiner Dr. S. Freund (.Hannover), Dr. L. Cohn (Hlldesheim), Bürgervorsteher Ja-kob Pels (Emden), Frau Hanna Cohn-Dorn (Hannover). Kaufmann I. Pveiß (.Hannover), Fr. Olga Baruch (Harburg), Kommerzienrat I. Berliner (Hannover), Dr. Max Becher (.Hannover), Paul Kanffumnn (Hannover). Max Cohen (Lingen). Der auf Betreiben der völkisch-antiftmitischen Kreise äbg-efttzte frühere Präsidc-nt der Thünngifche« Staatsbank Walter Loeb, der jetzt einen schweren Kampf um ftm Recht und nm seine angegriffene Ehre führt, nimmt nun im preußisch-jüdiftt-en Wahlkampf an der Seite der Boale Zion teil. Dr. Jtiofto - tschecho-slowalischer vesandter in Berlin, Aus Berlin wird der Politischen Korrefpou^en', gemeldet, daß die deutsche Regierung dem Ge sandten der ischecho-flv.naki scheu Reprrblik. Dr. Kam fl Krofta, das Agrement erteilt bat. Professor Dr. Krofta wurde nach dem Abgänge Dr. Flieders Gesandter der tschecho-slobvakischen RepuÄlik in Wien. Seine ausgezeichnete .Kenntnis der öfter* reichischon BerMtnisse. verbunden mit dem liebenswürdigen Entgegenkomlnen und wahrhast europäischen Kulturbewußtsein schafften Dr. Krofta bald eine feste Position, auf donr Wiener Boden. Seine Tätigkeit in Wien war stets, auf Bevbessemng und Erleichterung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten gerichtet und Dr. Krofta nahm an dein Abschluß des definitiven tschecho-slawakisch-österreichischen Handelsvertrag e s ebenso wie an den Konventionen über die gegenseitigen Erleichterungen im Grenz verkehr und über das Paßüvesen beider Staaten regen Anteil. Nicht nur politisch, sondern auch kulturell verstand es Dr. Kwfta, der tschecho-flowakischen Gesandtschaft in Wien Ansehen zu goben. Die von ihm veranstalteten Literatur- und Kunstabende zur Verbreiterung des Bevständuisses für das moderne Schaffen des tschechischen Volkes trugen' dazu tvesentlich bei. Dom nunmehr in einen wesentlich, erweiterten Wirkungskreis berufenen ansgezeictzneien Diplomaten folgen nicht nur aus Berufskreiftn, sondern aus allen Schichten der Wiener Bevölkerung die besten Wünsche, für seine Tätigkeit in Berlin. Ue-ber den Nachfolger Professor Dr. Krostas in Wien sind, wie wir erfahren, noch keine festen Bestimmungen ge-, troffen. Im Bordergrrmde der Kombinationen für den Wiener GesaudtschaftAposten steht Dvorakek, der Leiter der tschecho-slowakischen Delegation für die Handelsver trags-verhandlungen mit Oosteperich.