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Wiener Morgenzeitung · 1925-01-27 · Heft 2133 (27.1.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2133 (27.1.1925)
Date
1925-01-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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.Mlen-k Morarnzettunft.__Z7.M«erM5 _ Infamie eines Breslauer Serichtes. Sin antifemittscher Lügner freigesprochen. Aus Breslau meldet I. T. A.: Vor dem Breslauer A m t s q c t i cf) t hatte sich vor kurzem der S t u d i c n r a t der städtischen Cäcilionschnle. Rudolf Z ch o l 3, wegen Beschimpfung der jüdischen Rel igionsgeineiuschaft;u verantworten. Er hatte in,einer öffentlichen Wahlversammlung in W 0 h l a u folgende Aenßernngen getan: „A u f A r u n d de r Le hreu des Talmuds iruterhalte Tr 0 tzki einen ganzen Harem in Rußland. Rach dem Talmud sei es den Juden erlaubt, Chtistcnkinder zu schände«. Der Betrug von C h r i st e n sei ihnen gestattet. Daher sei der Prozentsatz der Juden in bezug auf strafbare .Handlungen zwanzigmal größer als der der christlichen Bevölkerung. Besonders treffe dies bei' Betrug, Urkundenfälschung und vor allen Dingen bei S i tt l i chk e i t 's v e r,b r e ch e n zu." Der AngeNagie hielt vor (bricht eine groß angelegte antisemitische Hetzrede, er gab seine Aeußerungen zu 'bis ans eine: Er habe nicht von der Schändung von Christeniindern, sondern, von einer Schändniig von chriistüchen grauen gesprochen. Im Talmud sei auch attsdrüMch des Geschlechtsverkehr mit Keinen Kinder« vorgesehen. Daraus muffe man auch Schlüsse auf di« Schändung von Clristenkindern ziehen. Zum Beweis seiner Behauptungen berief sich der Angeklagte auf das Buch von Theodor Fritsch „D e r f a l s ch e G 0 t 1". Er verlange nicht, wie er es verdient habe, vortt (bricht belohnt, wohl aber f r c i g e s p r 0 ch e n zu werden. Der Staatsanwalt beantragte eine Geldstrafe Do« 70 Mark. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Fritsch, erging sich in den gröbsten Schmähungen gegen das Judentum und seine Lehren. Das Urteil des Gerichtes lautete auf Freisprechung. Die „Breslauer Volkswacht" bemerkt z« diesem Uv. reit: „Man darf gespannt sein. o«b dieser Freispruch dem Magistrat der Stadt Breslau nicht trotzdem Veranlassung bieten sollte, diesen! Herrn, bcnt — es ist kaum ausW-- denken — auch jüdische Kinder zur „Geistesbildnng" andertraut sind, in einem Disziplinarverfahren die Wege gn weifen." m. zm Men. D-enMg linc Mkerbundliga in PalSstina. Aervfakem, 26. Jänner. (I. T. A.) Am 22. d. ist in Jerusalem eine palästinensische Völker bundlcha a's Gl>d der Union der Völkerbnndligen in Brüssel gegründet worden. Die Zusammenkunft fand im Hause Ussischkins statt. Die Initiative ging von der Union der Völkevbund.igen aus. 9m Bekhaftnngen von Nonisten in Rußland. Riga, 26. Jänner. (I. T. A.) Ans Minsk wird hie- Her berichtet, daß dort im Zusammenhang mit der Entdeckung einer geheimen zionistischen Organisation fünf'.ig Zionisten verhaftet worden sind. Tie Organisation sollte unter der Leitung der Tochter des Rabbiners von Minsk, Rabbi Leiser, gestanden haben. 20 der Verhafteten wurden nach Palästina, 30 nach Sibirien verschickt. Nach weiteren Berichten aus Moskau sind außer den 25 Mitgliedern der Hitachdnth. die vor kurzem — wie schon berichtet — nach Palästina ansgewiesen worden sind, ein« Anzahl weiterer Mitglieder der Z e i r e Zi 0 n- Hitachduth nach entfernten Gebenden Rußlands ansgewiesen worden. Ans Odessa sind Ledermann und Speckelis und aus Ozakow Peper nach dem berüchtigten Bevbannungsort. der Insel Solovezkie, für drei Jahre verschickt worden. Eine größere Anzahl Verhafteter erwartet das Urteil in den Gefängnissen von Charkow, Odessa und Moskau. In Jekaterinoslaw sind neuerdings acht Mitglieder der Zeire Zion-Hrlachduth verhaftet worden. Ser Pakt der «aaarWrn Sozialdemokraten mit Bethleo. Eine Konferenz in Wien. Zwischen der ungarischen sozial de in okralifchen Partei und den in Wien lebenden ungarischen Emigranten ist wegen des famos-en Paktes, den Peidl und Genoffen im Jahre 1921 mit dem Ministerpräsidenten B e t h l e n abgeschlossen haben, ein K o nflikt aus-gebrochen. Zur Schlichtung des Streites wurde von der Exekutive der sozialdemokratischen Internationale eine Kommission eingesetzt, die gestern ihre Verhandlungen in Wien begann. Die Internationale ist durch Ihre Sekretäre Tom Shaw und d e B r 0 n ck e r e vertreten, Vertreter der Parteileitung der ungarischen Sozialdemokratie ist Karl Ka u tskh. Vertreter der Wiener Emigrantengruppen und der Opposition innerhalb der ungarischen Sozialdemokraten Otto Bauer. Auch Friedrich Adler wohnt den Beratungen bei. An der Konferenz nehmen auch verschiedene Mitglieder der ungarischen sozialdemokratischen Parteileitung und Vertreter ungar-ländischer sozialdemokratischer Organisationen in Wien teil. Die Konferenz dürfte mehrere Tage dauern. Berönderüngen im Kabinett Svehla. Prag, 26. Jänner. (Tschecho-slow. Preßbur.) Die Regierung hat heute nach den Bestimmungen des Paragraphen 71 der Verfassungsurkunde den Eisenbahnm^nister Stribrnh zum stellvertretenden Ministerpräsidenten gewählt. J1L . 1 ... ».IUI. . -.Ul. 1 üiH? J (Nachdruck verboten.) Mer Neger. Bon I. Opatoschu. Träge zog Glockenllang durch die Stuft — kling, klang >- kling, klang — rüttelte an den Fensterscheiben, hallte in den dunklen Zimmern Wider und trieb ihre Bewohner aus den Betten. Sie kleideten sich hastig an und traten vor die Haustüren, horchten schläfrig aus den Klang, der durch die kleine Stadt drang und immer stärker wurde. Einer Wagte den anderen: ' „Brennt es?" „Wo brennt es?" Die vier Neger, welche im Gefangenhause Wiesen, sprangen von ihren Pritschen, drückten die Köpfe an die kleinen, vergitterten Fenster und fragten einer den anderen: „Feuer?" Aus allen Teilen der Stadt strömten Leute dem Gefangenhaus zu mit Aexten, Stemmeisen und Stricken. Der Scherif und einige Polizisten standen mit geladenem Gewehr beim Gefängnistor, drängten die Menge zurück und riesen fast flehentlich: „Auseinandergehen!" „Auseinandergoheu. Leute!" „Wir wollen Gerechtigkeit!" tönte es von allen Seiten. „Wir ebenso!" der Scheriff schlug sich beteuernd an die Brust un-d deutete aus die Polizisten. „Wozu, glaubt ihr, stehen wir hier? Ein Verbrecher muß dem Arm des Gesetzes überantwortet werden." „Wir sind das Gesetz!" unterbrach eine Stimme den Scheriff. „Nichtig, wir sind das Gesetz!" wiederholten einige Stimmen. „Der Scherif hat uns betrogen!" „Mit uns ist er den Neger suchen gegangen, der» er im Gefangenhaus versteckt hat!" „Gib uns den Neger heraus!" „Gib uns die Bestie heraus!" Die Neger traten von den Fenstern zurück. Ihre großen, gelblich-weißen Augäpfel quollen stark hervor. Sie standen reglos wie aufgeschrecktes Wild und schwiegen. Der Aelteste unter ihnen, ein Mann mit grauem Haar, nahm ein kleines Kreuz vom Hals und kniete nieder. „Das Kreuz wird chm viel helfe«!" knurrte ein jurrger während er mit starrem Blick im Zimmer ans und Mauen bricht die MinoriMrverpflichtunsen. Jilden, Pole,», Deutsche und Russen rechtlos. Kolono, 26. Jänner. (F. T. A.) Die Verwaltnngskommission des 0cjnt hat den Gesctze-vorschlag betreffend die Errichtung eines jüdischen und eines polnischen Nationalrates Fbgelehnr. Dieselbe Kommission beriet auch über das Gesetzprojekt betreffend die jüdischen Religionsgemeiuden. Es wurden zwei wichtige Aenderungc-n vorgenommen, nämlich daß m jeder Stadt nur eine einzige Religionsgemeinde existieren darf und daß die Neligionkgemeinden der Bestätigung durch den Kreischef nicht bedürfen. Die litauischen Rechtsparteien haben im Sejm beantragt. daß Abgeordnete der n a t i 0 n a l e u M inderheilen (Juden, . Polen, Deutsche, Russen) Sejmansschüffen nicht angehören dürfen, weil sie nicht loyal genug, seien, daß ihnen gesetzgeberische Arbeit anvertvaut werden konnte. Der Danziger khauvinismur. Danzig, 26. Jänner. (I. T. A.) Im Danziger Parlament fand eine Debatte über das neue Einibürgerungsgesetz statt. Die Demokraten und Sozialdemokraten machten der Regierung den Borwurf, daß sie durch die strenge Handhabung des Einbürgerungsgesetzes viele kaufmännischwertvolle Elemente, die Bürger Danzigs werden wollten, abg-estcßen habe. Das neue Einbürgernngsgesetz bedeute aber eine-Verschüchterung. Die demokratischen Parteien werden das GeseMnfs, äußerste bekämpfen. Natürlich handelt es sich um einen antisemitischen Akt. und ab ging und eine Oeffnung zu suchen schien, durch die er entkommen könnte. John, ein junger, riesiger Neger, stand vorgebengt; nlit gespreizten Fingern, aufgerissenen Augen und rührte sich nicht. Dabei.zitterte die Haut seines Gesichtes.als hätte er einen schweren Schlag erhalten. . „Hört ihr's, sie wollen John!" warf, der junge Neger hin, während er unaufhörlich im Zimmer auf und ab schritt. „Wir geben ihn nicht.heraus!" erwiderte der Alte. Die zwei anderen schwiegen in sich gekehrt und schienen nicht gehört zn haben, was der Alte sprach. Der Lävin draußen wurde stärker und tönte von allen Seiten. Die Menge tvuchs, drängte irmner näher an den Scherif heran und heulte nach der Auslieferung Johns. . . So oft die Häftlinge hörten, wie Johns Name, nicht der.ihre.genannt würde, strafften sich ihre Glieder und ihre bekümmerten Gesichter bekamen einen Augenblick lang einen ruhigen Zug, als «wäre ihnen mitten in der Gefahr, im nächsten Augenblick von der wütenden Menge in Stücke gerlffen zu werden, plötzlich eine Hoffnung auf Rettung äufgelenchtet. Die Menge rückte inlmer näher ans Tor, Frauen mischten sich unter die Männer, stachelten sie auf und sprachen ihnen Mut zu. Darum wollte jeder sich anszeichnen und zeigen, was er konnte. Der Scherif trat mitten unter sie: „Leute, ich fordere euch im Namen des Gesetzes auf, gehet auseinander . . . Bürger, Nachbarn!" . . . Niemand gehorchte. Jeder schrie etwas, die Stimmen übertönten die Worte des Scherifs und der Haufe, mit geballten Fäusten, nrit Aexten und Str-cken rückte immer näher. Der Scherif fühlte, daß die Menge, die wie eine Wand auf ihn Main, ihn im nächsten Augenblick erdrücken konnte; da er sah, daß er im Guten nichts aus richten würde, gab er der: Polizisten ein Z.ichen und plötzlich gaben sie eine Salve in die Luft ab. Die Menschenwand 'schob sich erschreckt zurück. Ihr Zorn wuchs. Ein junger Mann sprang zum Tor. Ein Polizist stieß ihn Nlit dem Kolben des Gewehres zurück. Das brachte den 3nu-m. Mit einem Indianergeheul tvarf sich die Menge auf den Swerif- „Psili! Pfui!" „Fesselt ihn!" itr's recht!^' Sumiatsen lebt. Eine schwere Operation. London, 26. Jänner. Nach einer Meldung des Reu» tcrschcn Bureaus aus Peking hat.sich Snnyatsen m ein Krankenhaus begeben. Er mußte sich unverzüglich wegen eines Leberabzesses einer Operation unte--- ziehen. Sein Zustand ist bedenklich. Lutantkiamenr Grab wieder geöffnet. London, 36. Jä-nlnor. (Wolfs.) Das Grab des Tutaw thamcn wurde gest-er.n, nachdem es elf Monate geschlossen war, wieder eröffnet und bm gutem Zustande befunden, mü Äusuahme des Leichentuches, das die verschiedenon Schurine bedeckte. Mangels Erhalt,ungsTnaßnahmen seitens der ägyptischen RegiMNlig war es unter dem ^Einfluß von Sonw und Wetter vollständig zerfallen. Andauernde krdftöße in Böhmen. Prag. 26. Jänner. (TschechoLilvwaki'sches'Pveßbilrscm.) Dar' Berichterstatter des staatlichen Jnftidnts für Geophysik, Doktor Sie feil, teilt mit/ daß in de,v Stadt K >nn 0 v im BeZivke Neuhaus am 20. d. Erdbebenerschüttierungen beobachtet worden sind, die sich täglich wiederholen. Vom 20. auf dsn 21. d. wurden 16, oim 23. 7, m der Nacht vom 28. «uf den 24. fünf Erdstöße, darunter ein stärbersr, gezählt, rvobei sich -auch die Bilder.an den Wänden beivogten. Die Bevölkerung der Gomoinde und der Umgebung ist durch die ständige Erdbowegung sehr beu n c uhra t. „Packt ihn!" ,/Hängt ihn auf!" „Pfui!" Das Göhe-ul wurde immer wilder uind inLngte sich nrit einem Hagel von Steinen, Flaschen und Holzstücken. Die Neger sonderten sich von John ab und Msterien miteinander. John, nach vorwärts geibeugt, mit gespreiztelt Fingern, zitterte an allen Gliedern. In seinen gelblichweißen Augäpfeln lag das Leid und die Hklflostgteit eines Tieres, 'das'zur Schlachtbank geführt wird.' \ „Wie wird das enden? Wie wird das enden?" Der Me rauste sein graues Kraushaar. „Sie wollen ihn!" „Sie wollen John!" „Wenn ihr mir nicht fo'lgt, so . werden «wir alle gs lyncht!" „Sagt es ihrn!" „Wir wollen es ihm sagen!"; „Sie wissen ja gar nichts daß wir hier sitzen!" „Wir müssen es ihm sagen!" Alle drei stürzten auf John zu und blieben Plötzlich mlk offenem Ninlldcvor ihm stchen; .sie schienen davüber nachzndenken, wie sie beginnen sollten. John, fiel vor ihnen nieder und küßte ihre Füße und weinte und schluchzte jain mervoll, daß es alle überlief: „Brüder, laßt nlich. nicht töten! Habt Mitleid nlit einenr Brndcr!" Sein Weinen rührte sie. Doch die.Angst.. Zeit zu ver lieren, von ihm mit hirreingezogen zu werden wie ein Ertrinkender seinen Retter in den Strudel ziehtdiese Angst üibertänbte in ihnen jedes Mitgestihl. Ans dein Korridor drangen die Stimylen: „Er ist im Keller!" „Die Bestie ist im Keller!" „Der Scherif. wird sichs übevlegen, 'lvieder eininä> einen Neger zn schützen!" . . „Haltet die Stricke bereit, Jungens!"^ .. „Milten auf der Straße müssen wir ihn hänge»:!" Die JLeger ivaren starr vor Schreck; sie sahen den Tod Oci: Augen. Plötzlich stürzten - sie sich anf Jc?hn. öffneten Li'e Tür mtd schleuderten ihn hinaus, wie ein Kälh oder ein Pferd, das einem Rud.l Wölfe h ngetporfen toird, darnil der Mellsch entfl khen. sei« Leben retten kann. (Autorisierte Uebertraguug aus kr\v; - Siegfried Schmitz.)

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