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Wiener Morgenzeitung · 1925-01-25 · Heft 2131 (25.1.1925) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2131 (25.1.1925)
Date
1925-01-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Skr. mi Men, Sümttafl Wlerre» Morgimzeltimz. 25. ffinntt 1925 &f*8 Nur echt im Originalpaket mit Bild Pfarrer Kneipp: Kathreiners Kneipp Malzkaffee Niemals offen ausgewogen! Wo nicht z« helfe» ist. Von Anitta Müller-Cohen. S. 'liegt hu Spitalbett, erzählt ihre Leidensgeschichte und tveint dazu. Sic weint mit der heiligsten Ueberzeugu-ng, daß das das einzige «st, was sie tun kann. Sic glaubte sich bereits geheilt, dann tarn wieder ein Blntstuvz, und nun weiß sie, es ist mit allen: vorbei. Sieerzählt von den beiden Kindern, die sie noch fyit und die irgendwo in einem Hein: untergebracht sind. Es sind kleine kranke Ge'chöpfc: die Kinder einer Lungenkranken. Auch e-ittcn Mann 'hat sie. Er hat ein schweres Leiden und ist arbeitsunfähig. Das ist eine jüdische Familie. Ein jüdischer Arzt aus ^)::stantinopel tarn nach Wien, um von seinen: Augenleiden geheilt zu werden. Man nahm ihmdas eine Auge heraus und nun ist er auf dem «zweiten erblindet. Ei:: Hilfloser, allein in einer großen, fremden Stadt. Nie mehr wird er der Hilfe der Mitmenschen entraten können. Eine siebzigjährige Greisin bringt ihren Sohr: aus Czernawitz nach Wien. Zu Hause geht es seit langem sehr schlecht. Der Sohn sicht kaum inehr und kann irur nlühfan: -das Brot für die Fainilie verdienen. Die beiden haben gehofft, glücklich Heimkehrer: zu können. Es tvar dies nicht der Fall. Der Mann ist ganz erblindet, jetzt gehen sie von Haus zu Haus und der blinde Mann und die greise Frau schnorren sich das Reisegeld nach Ezern-owitz zusammen. Im Wasserbett eines Spitals liegt ein Mensch. Ob ein lebender oder ein toter, ist schwer zu 'bestimmen. Eine bis zum Skelett abgomagettc Frau. Rechts von ihr liegt ein Toter, der gerade weggeschafft werden soll, links ein Sterbender. Sie lebt noch, vielleicht gar noch einige .Jahre. Das ist für die Sechsnuhzwanzigjährige sicher noch kein hohes Alter. Aber auch kein Leben. Liegen. Noch zwei oder drei Jahre liegen. Einehoffnungslose Sache. Einen gefunden Menschen schaudert cs an diesen: schrecklichen Ort: die Kranke aber versichert, sic fühle sich hier noch am ivdhlsten. Helsen kann man hier nicht mehr. Man könnte noch Dutzende ähnlicher Fälle erzähle». Es sind langivierige und ixivmu. auch langweilige Mille. Schablonemnäßig und langweilig in ihrer Gesamtheit, erschütternd und furchtbar in jedem Einzelsall. Es ist ut nmöglich, zu helfen und es ist unmöglich, nicht zu Helsen. Ein ganz großes Dilemma sind diese jüdischen Kranken. Sie bringen in Verlegenheit, .weil das mvanHörliche Schnorren, zu dem sic gezwungen sind, widerlich ist und weil man sich andererseits wieder sagen .muß, daß die Aevmtsten.doch nichts anderes tun können. -u-j ulü . .jsi,.■ rag ..... i Tür und sah Lämel in der Küche in seiner Blutlache aus dem Boden liegen. Neben ihn: lag einiges Kleinholz und die Hacke der .Mtsgedunsenen Antschi". Lämel hatte Holz zerkleinert und >bei dieser Arbeit mit der Hacke anstatt das Holz zu treffen, sich die Pulsader der linken Hand gespalten. Die Nachbarn wurden alarmiert, Acryle herbeigeholt und der bewußtlose Lämel zu Bett gebracht. In der Iudengasse ging es wie in einen: aufgescheuchten Bienenschwarm #u. Es war unheimlich. Der große Hof, in dem Lämel wohnte, >lvar mit Menschen voll, die angstvoll den Fall besprachen. „Das ist ein Fiugerzeig Gottes! Der Allmächtige soll uns gnädig sein!" Zitternd dachte jeder 'daran, was noch kommen ivürde. „Es ist eine Sünde in der Gemeinde, die ihre Sühne heischt'/' Plötzlich wurde es still in: Hof. Der Hekdeschjud, der Bertvalter des kleinen jüdischen Spitals, dem auch .die Pflicht oblag, den: Sterbenden die letzten Dienste zu erweisen, erschien aufgeregt und rief die Männer „in Schul', Tefillin: sagen für Reb Lämel Baal-Teschuwah". Und die Männer eilten in das Beth-Hatnidmsch des Reb Anschel, nn: für die Genesung des roten Lämel, des Büßers, zu beten nud Psalmen zu sagen. Die Gebete der Gemeinde blieben unerhört. Lämel kan: nur einmal wieder zu Bewußtsein. Er winkte den Hekdeschjud heran und bat, kaum hörbar, nn: die Gunst, bevor er sterbe, mit den: Rabbiner und Reb Anschel ohne saugen sprechen zu dürfe::. Den: Wunsche Lärnels wurde erttsprochen. Während die 'Heiden Gottesgelehrten an: Sterbelager Länrels weilten', ging durch die Merrge in: Hose ein herzerschütterndes Schluchzen. „Lämel sagt ein Widnj. das Bekenntnis seiner Sünden!" Da»':: kan: der Hekdeschjud in den Hof gelaufen: „Juden, zu Jezias neschornoh! Zum Auszug der Seele!" Mitternacht tvars, als Lämel der Büßer seine Seele aushauchte. Reb Anschel drückte ihn: die Augen zu. (Gesenkten Hauptes, nachdenklich, toortlvs verließen der Rabbiner und Reb Anschel das .Haus... Wien hat in der letzten Zeit häufig von den jüdischen Kraüken gehört. Der Vorstand der ersten Augenklinik hat di« Sache aufgerollt. Sicherlich nicht aus 'besonderer Sympathie für die Juden. Aber die Dinge lvcrden immer krasser rmd auch der Fernstehende vermag cs nicht, untätig zuzufehen. Die Wiener Knltusgemeinde sah sich veranlaßt, die armen Juden des Auslandes zu warnen, nach Wien zu kommen, da die bestehende jüdische Fürsorge der unver- «hältN'i'smäßig großen Last nicht n^hr gewachsen ist. Es ist nmnöglich, daß die Wiener Juden auf die Dauer den Znstvou: ausländischer Kranken, die fürsorgebedürftig sind, nchig nritansehcn. Es ist wahr, es fällt einen: schwer, einem Kranken, der sich fein Bein amputieren lassen muß, zi: raten, er möge die Operation in seinem heimischen Nest, vielleicht in einen: nicht ganz einwandfrei eit^erichteten Spital vornehmen lassen. Die private. Fürsorge der Wiener Judenschaft leistet sicherlich viel, und es . muß nicht wundernehmen, wenn auch das verhältnismäßig viele Geld und noch mehr die Ar- 'beit, die aufgewendet tvird, 'der Menge der Hilfsbedürftigen gegenüber unverhältnismäßig klein erscheint. Wenn man nur eine Zahl herausgreift, so wird es klar, daß auch am Anfang ihrer Tätigkeit stehende Vereine imponierende Opfer bringen. Ich halbe die Frauenhilfsaktion für Kranke und Wöchnerinnen vor Augen, tvelche jetzt auf das erste Jahr ihrer Tätigkeit znrnckblickt. Der unter dem Protektorat der Frau Gvoßrabbiner Sara Friedmann aus Husiatyn stehende Verein hat die bedeutende Summe von einer Biertebmilliarde in einem Jahre an 'hilfsbedürftige jüdische Kranke verteilt. Der Verein hat a::ßer dem Geld, das er Drei Tragödien Die Fünfzehneinhalbjähkige. Die noch nicht sünfzehneinhalbjähvige Hausgehilfin Elisabeth Kowatschek tvurde mit starken Mutungen ins Spital gebracht. Es stellte sich heraus, daß sie ein Kknd zur Welt gebracht hat, dessen Leiche im Klosettschlauch des Wohnharvsos der Kowatschvk im 10. Bezirk .gefunden wurde. Sie gestand, daß ihr früherer Dienstgebcr, der Landwitt Thalmayer, ein verheirateter Mam: ln ihrer Heimatsgemeinde Ranchenwarth bei Wiener-Neustadt, seit ztvei Jahren mit, ihr verkehrt habe und sie durch Drohungen immer wieder zu Zärtlichkeiten gezwungen habe. Als sie sich Mutter fichlte, riet ihr Thalmayer zur Abhilfe. Sie ging aber nach Wien in Stellung und gebar schließlich das Kind, dessen sie sich entledigte. lieber die Kowatschek wurde die ordentliche Untersuchungshaft verhängt. Die Verhaftung 'des Dhalinayer ist angeordnet. . . Die Tat der sechzehnjährigen Mutter. Gestern gegen 11 Uhr wollte die Hausbesorgerin des Hauses Laudougasse 30 Spülwasser in die D-nschel des abseits am St-iegengang befindlichen Klosetts schütten. Am Wege dahin begegnete sie einein jungen Mädchen, das mit einer Schachtel unter .dem Arm sich eilig entfernte. Die Hausbesorgerin bemerkte am Anstandsort, daß das Wasser nicht im Schlauch ab- Avß. Sie sah nnn in der Muschel den Kops eines Kindes stecken. Rasch eilte sie davon, ttef einen Wachvbeanrten herbei und dieser barg bald daraus aus der Muschel ein bereits mchvere Tage altes, vollständig entkleidetes Mädchen. Das Kind schien unverletzt zu sein und wurde von der RettnngsMsellschaft inS Annen-Kinderspital gebracht. Das Potizeikmumissariat. Josefstadt wurde verständigt. Kriiuinalbeamte brachten in Ersah-- v:mg, daß gestern mittags die Schwester einer Frau, die vorinittags nut 'den: neugeborenen Kinde entlassen worden war, telephonisch angaftagt hatte, ob es wahr sei, daß das Kind dieser Frau in: Spital gestorben wäre. Sie erhielt eine vernein er: die Anttvort. Diese Frau wurde vormittags mÄ ihren: am 17. d. zur Welt gebrachten Mädchen als die am W. Oktober 1908 zu Hirschwang am Sernrnering Mborene, ledige Frida Pseifser, also als ein IKjähriges Mädchen, sestgestellt. Die Pfeiffer würbe bei ihren Eltern in Meidling verhaftet und zun: Kommissariat Jbsefsta'vt gsbracht. Sie gcch an, den Vater ihres Kindes nicht näher zu kennen. >Da sie sich irr der Hoffnung befand, 'behauptete sie, daß ihr Äe Eltern verboten hätten, mit den: Kinde das Elternhaus zu hefteten, da sie der Vater nicht mehr anfnehineu werde. Sie 'hat in der Gebärkliuik des Allgeiuemeu Krankenhauses an: 17. d. ein Atädcheln zur Welt gebracht. Gestern gegen hach Ist Uhr vornii'ttags verließ sie mit ihren Kleidern das Allgeßt^ine Kraäkelchaus. Sie irrte durch die Straßen, das Kind am Mne und ist dann nach 10 Uhr vormittags in das Haus .^qndvngasse 30 gegangen, nn: enreu 'rlnstandsott auszüsuchen Sie wickelte dort tatsächlich das kleine Mädchen ans den aufbrachte, in echt jüdischem Geistdie Verteilung feMst ebenso wie die Aufbringung der Summen durch die eigenen Mitglieder besorgen lasten, und daß die Mitglieder all das Elend >des jüdischen Kranken mit eigenen Augen sähe», dürfte mit ein Gruuv dafür sein, daß ihre .Hilfe so vmcksam tvar. Natürlich sind alle Vereine und alle Einzelaktionen trotz ihrer Notwendigkeit nur ein schlechter Ersatz für die Pflichterfüllung der Gesanttheit, des Staates und der Gesellschaft. Niemals können einzelne, und mögen sie noch so Bedeutendes 'leisten, die Kraftanwendung aller ersetzen. Es tut not, immer wieder darauf hinzuweisen, daß man machtlos ist, daß man rricht helfon kann und daß es sogar mutei den von ihren: sozialen Geist mit Recht berühmten Juden immer nur ein Keiner Teil ist, der große Opfer bringt. Eilte Gesellschaft, wo nicht jeder jedem hilft, wo nicht die große Solidarität aller herrscht, muß stet's unfähig bleibe::, der sozialen Ucbel Herr zu werden. * Selbstmordversuch im Wohnungsamt. Gesten: vor« mittags hat. der 40jährige Heizer Josef R. in den Räu>n:eu des Wohnungsamtes einen Se l b st m 0 r d v e r s u ch begangen. R. tvar seit längerer Zeit als Wohnungswerber Vovgemerkt. Gestern vormittags kam er wieder in das Wohnungsamt, erhielt aber einen albschlägigen Bescheid. Darüber geriet der Mann in solche Verzweislnng. daß er aus einem Fläschchen Lysol trinken wollte. Das Fläschchen wurde ihm aber entrissen. Er erlitt dann einen Tobsuchtsanfall und wurde von der Rettungsgesellschast aus die psychiatrische Klinik überführt. lediger Mütter. ' Tüchern und Windei:: und ließ es —behutsam — wie sie sagte, in den Abortschlauch gleiten. Ms sie sich entfernte, begegnete sie der Hausbesorgerin,, die ihr aber keine weitere Beachtung schenkte. Im Elternhause angekommen und befragt, gebrauchte sie. allerlei Ausflüchte. Sie erzählte zuerst, daß ihr Kind im Spiral gestorben sei. Sie stellte entschieden in Abrede, die Absicht, gchabt zu halben, das Kind zu töten. Sie will vielmehr gehofft haben, daß jemand das Kind finden und sich seiner amrehmeu werde. Marie Pfeiffer wird nach Abschluß der Erhebungen wegen Mordversuches dem Jnquisitenspital des Landes gevichtes' übergeben lverden. Ein Kindesmord in Rudolfsheim. Im.Hanse 14. Bez., Mariahilserstraße 193, ist seit kürzte Zeit die am 16. November 1906 zu S e e k i r« geborene Marie Kano'lzer als Hausgehilfin bei der Schnhwaren- Händlerin Rosa Bank bedienstet gewesen. I:: den letzten Tagen war es der Dienstgebevin wiedevholt ansgofallen, daß das Mädchen schr schlecht ausisah u:td sehr niodevgedrückt tvar, doch gab es auf Befragen keine Antwort. Ms Frau Bank nun gestern gegen viertel 8 Uhr ftüh in das Zimmer der Hausgehiilsin trat, fand sie diese in einer großen Blutlache liegend vor. Ein herbeigsrufener Arzt stellte eine kurz vorher statd gefundene Entbindung fest. Das Mädchen wurde ins Wisabechspitak gebracht. Auf Befragen bchauptöte es fest und steif, daß es nicht tveiß, was mit ih:n vorgegangen Der Bezirlkslleiter von Rudölfsheim, Regierstngsral Dr. S e: d n e r, begab sich mit einer Kommission in "das Haus, um eilven Lokalaugenschein vorzunehlnen. Inzwischen stieß die Tochter der Dienstyeiberm auf ein in einen schwarzen Unterrock eingehülltes Paket, das sich weich anfühlte. Man fand darin ein totes, neugeborenes Knablein. -Der Amtsarzt stellte fest, daß der neugeborene Knabr lebensfähig ivar und Vevnmtlich in dem Rocke erstickt sein dürfte. Die Kanblzer legte fchllieWch im Spital ein GeständniL ab. Sie hatte ihren Dienstgebern seit langer Zeit ihren Zustand verheiinlicht. Sie sei vor einiger Zeit mit einen: Burschen, von den: sie nur den Pornmnen Johann wißen will, in Bezichungen gestanden, doch will sie von ihn: in der letzten Zeit nichts >n:chr gehört haben. Als sie fühlte,- daß die Stunde der. Ent bindung hevannahe, habe sie sich geschämt, chrer - Dienstgsberin Mitteilung von ihren: Zustande zn , machen. Ws sie das Knäblein entbunden hatte und dieses,. wie gesagt, fern Lebenszeichen von sich gab, habe sie es in den Unter rock gehüllt und in der Schmutzwäsche verborge«. Sie erklärte, daß sie sich in einem Zustande einer plötzlichen, Verwirrung -befunden haben »Nüsse unb daß sie nicht die Absicht gehabt hätten das Kind zu töten. Die gerichtliche Obduktion der Leiche des Knaben wurde verfügt. Die Kindesmutter wird »rach Abschluß der Echchnngell de«: .Landesgerlchte weg«:: Kk«des:nordes eh: geliefert werden.

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