Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-01-21 · Heft 2127 (21.1.1925) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2127 (21.1.1925)
Date
1925-01-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981212--21712-3009050
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Wiener Morsen-eitmig. A. Jänner 1925 Leite 3 Wie«» Mittwoch Tagesbericht. «e iI»Wch« »idk» I» trieft. Cd der attm Wirkungsstätte des OberraWners De. Lhajes. Bon Dr. H. Glaser. Herr Dr. Hermann Glaser mrS Tel-Mviw hatte vor einigen Tagen auf seiner Durchreise nach Palästina Gslegerchmt, in Tri-est. wo Doktor Chajes bokonEch eine Rsilhe von Jahren (M 1918) als Obevravbiner w-rvkte und hervorragende zionrMche Arbeit leistete, die Führer der doimgen zionistischen Organiüfwiiion zu inderv-iewen und die zionistischen Jnstttuttonen zu besuchen. Wir vorSffenmchen nachstehend den uns darüber zu gekommenen Bericht. (Die 3k\) Wie jene sieben griechischen Städte einst um den Rnhm stMken, den Dichter Homer ihren Bürger nennen zu dürfeir, so will die jüdische Bevolerung vmr Triest nie auMren, in: derzeitigen Obevrabbmer von Wien, Dr. Chajes, noch imnrer das geistige Oberhaupt ihrer Gemeinde zu sehen und ihn für sich zu veklenniereu. Mt tiefem Stotz blickt sie zu 'chm als zu ihrem idealen Borbilde empor und die Erinnerung arr ihn ilnd sein segensreiches Wirken, so ivurde Ihrem Berichterstatter allseits erklärt, übt noch un geänderten Einfluß auf dos Tun und Lassen nicht bloß der Zionisten, sondern aller GemeinbemÄgkicder. Die erstcren vollends sind unablässig bemüht, die zionistische Arbeit in seinem Sinne fortzusetzen. Diesem Umstande ist es wohl hauptsächlich zuzuschreiben, daß die zionistische Arbeit in Triest m den letzten Jahren beachten Äverte Erfolge erzielen konnte. Fragt man irgend jemandes Inden oder Christen, auf der Straße nach dem Sitze des zionistischen Komitees, so wird man sogleich in die Bia del Monte Nr. 7 geführt. Dieses vierstöckige Haus, >das zionistische Zentrum von Triest, ist in der Hauptsache der Palästinawanderung gewidmet. Hier befinden sich das Pallästmaamit, die Wohnung des Leiters, das Enligrantenheiim, die Küche, Wohnräume für das Personal, das ärztliche Untevsuchnngszimmer und das Bureau des jüdischen Emigrationskomitees, wovon noch später die Rede fein wird. Der Leiter des Palästinaamtes, Herr Dr. G i r m n n s k i, der zugleich Direktor des ganzen Institutes ist, erteilt mir in liebenswürdiger Weise die bezüglichen Auskünfte. Danach wurden in seinem Amte im Jahre 1924 nicht weniger als 4399 jüdische Emigranten nach Palästina abgefertigt, vowon etwa die Hälfte aus Polen stammte, während der Rost sich auf Deutschland, Litauen, Lettland, Oesterreich usw. verteilt. Die Zionisten von Triest halben alle Vorbereitungen für eine tadellose Abfertigung der Pallästinaenrigranben getroffen. Die Ankommenden werden am Bahnhof von einenr Organ des Palästinwamtes erwartet und, soweit sie nicht ein Hotel wünschen, in das Beth-Olim (Emigrantenheim) gellieitet. Hier stehen den Emigranten große, helle Schla«ffäle, besondere für Männer und Frauen, Waschräume usw., zrir Verfügung. Auch Familienzimmer mit zwei bis drei Betten sind vorhanden. Die Zahl der Betten beträgt etwa hundert.. Für die Verpflegung dieser Leute bis, znr Abfahrt des Schiffes,, sorgt eine modern eingerichtete Küche. In großen Speisefälen wird das Essen serviert. Für die. Undevbringmlg und Verpflegung, Ihre Gesundheit können Sie roilstAndig wieder zurflekerlangen, ton alten Ihren Schmerzen werden Sie gründlich befreit, wenn Sie DIANA Franzbranntwein mit MENTHOL äusserlich zu Einreibungen, innerlich, auf Zucker tropfenweise genommen, verwenden. Das beste Hausmittel. Nehmen Sie nur DIANA an, alles andere weisen Sie zurück. Uebarall erhältlich! Diana Franzbranntwein Proliktion-fti WIEN, II., tn^rlhsiraQ« 199 PRAG, VIII., Lfshen Drahobafjova 1093 fcic sich in Iber Regel auf einen bis zwei Tage erstreckt, zahlen die Emigranten bloß einen ganz geringen Regiebeitrag. All diese Einrichtungen entsprechen den strengen sanitären Emigrationsgesetzen der italienischen Regverrmg. So ist unter anderem beispiÄswerse die Distanz zwischen!den Betten genau geregelt, die mindestens einen halben Meier voneinander errtfernt fein müssen. Ganz besondere Erwähnung verdient das Entge-genkommen der italienischen Regierung geigeuüber den zionistischen und PalLstiualmstitu«ten. So hat die Regierung verfügt, daß jeder jüdische Emigrant, der an der rta-lieniischen Grenze eine bei omem Palästiuaamte gekaufte SchiffsSarte für die Fahrt nach Palästina vorweiist, vom Gmvsisevvsmn frei ist. Dieses Vertrauen wird noch dsd-mch gekrönt, daß die Regierung dem jüdischen Emigrat'ionskontitee die Kontrolle über die gesamte, auch mchtjüdische Emigration via Triest übertragen hat, sodaß das Haus >in der Via del Monte Nr. 7 die Emigrationszentrale der Hafenstadt darstellt. Aber auch sonst gewährt die italienische Regierung der Palästinaarbekt jede mögliche Unterstützung. So gestattet sie sämtlichen jüdischem Emigranten, die illegal, also ohne Pässe, nach Triest gelangen, «ms Befürwortung des Pälästinaamtes ungestörten Aufenthalt ÄS zur Auswanderung. Gefördert wird die Tätigkeit des Palastinaamtes durch die loyale und überaus entgegenkommende Haltung des Lloyd Triestino, auf dessen Schiffen die Uelberfaihvt nach Palästina via Alexandrien erfolgt. Der Lloyd Triestino hat nicht Nos eine beträchtliche Ermäßigung für Zwif^Eckpassayie« U willigt, er gewährt oft auch Freikarten für ganz mittellose Emi grauten ctor überlaßt miMuter kostenlos eine Kabine für Er krankte Die ArbM des Pälästmaamtes rvind — laft, not least - durch die jüdische Kultus gemeinde von Triest in h« vorragetrdem Maße gefördert. Hervorzuheben iväre hier be sonders die Ueberlassung des oben bereits erwähnten Hauses in der Ma del Monte für zehn Jahve. Dieses Haus bekam va Mi Jahren das vierte StoÄvevk Mgebaut, wofür die Koster znr Hälfte (400.099 Lire) der Joint, die andere Hälfte die jüdi .fd>c Gemeinde beitrug. Ebenso erfreut sich das. CmigrMonS konrüee onrer nnvstevgül-tigen Unterstützung seitens der jüdische» Knltusgemlmndr. Dann gab Dr. GirmunSbi noch Mtfklärnnigen über ,Ä| Emigration der tripolitanischen Juden, deren Zahl sich auf zirka 12.000 Seelen belaufe. Unter ihnen herrsche i» der letzten Zeit sine starke Tendenz zur Auswanderung naö Palästina. Sie sind meistens Handwerker, sprechen Hsbräisd und Arabisch mtd stellen soivhl dadurch als auch durch rhu Anpassung an das heiße Klima von Tripolis ein für Palastin« geeignetes Element dar. Einige Schwierigkeit bereitet hierbei bloß ihr hartnäckiges Festhalten an ihrem jeweiligen Handwerk welches sie unter keinen Umständen mit einer anderen Arbeii zu vertauschen bereit sind. Finden sie also in Palästina kein, Arbeit im ihrem Fache, so wandern sie einfach Zurück. Dies im sie umso eher, als sie derzeit in Palästina noch selten Anfchlnf an Hoimatsgenossen finden. Die Wanderung aus Tripolis untersteht dem Palästrnaamt in Triest. Schließlich führte Dok> tor Givnmnski Klage darüber, daß manche Palästinaämter off diele Auswanderer ohne irgend welche Mittel für di« Weiterreise nach Tviest obgchen lassen. Dies gelte insbesonder« für Riga. Da das Palästinaamt für solche Zwecke über kein« Fonds verfüge, so befinde es sich oft in sehr schwierigen Situationen, aus welchen es in der Regel nur durch das tatkräftig« Eingreifen des Emigrationskomitees, seines Obmannes Herrri Eppingür, und seines energischen Repräsentanten gegenüber dem britischen Konsulat, Heeren Giuseppe F a n o, der sich hohe Verdienste um di« Palästmaemigration erworben habe. henmSgeÄssen werde. Der Obmann der Zionistischen Organisation von Trief! Herr Dr. Carlo Marpirrgo äußerte sich auf verschieden« Fragen wie folgt: Daß wir in den letzten Jahren die Zionistische OrganGatron auSbauen und orfdlgreiche zionistische Arbeit leisten können, verdanken wir. zwei Tatsache: unserem gewesenen Oberrabbiner Dr. Chajes, dessen Geist Lebendig in. der gesamten Tviestinor Judenschaft wirkt und fortwährend neue Anhänger und Mitarbeiter den zionistischen Scharen zuführt, und der überaus loyalen Haltung der italienischen Regierung, die uns absolute Bewegungsfreiheit gönnt. Wohl hat die Affäre Bar lasst na und die Haltung der katholischen Presse Italiens in der letzten ZÄt auch die liberale Presse zu einer neutralen Stellungnahme (sie war.früher offen prozionistisch) veranlaßt, doch hoben diese Ereignisse in praxi nichts geändert. Regierung und Behörden zeigen dasselbe Entgegenkommen wie früher. Die Judenschaft von Triest wie überhaupt von Mnz Italien steht geeinigt da. Alle Richtungen sind in der „Union * der jüdischen Kuliusgememden Italiens zufammenzefaßt, unid Ae Schütze jüdischer Kunst. Vom Maler Leib Pilichowski. Unter obigem Titel hielt vor ikuirzeur der bekannte jüdische Maler . Leib PilichowÄi im Warschauer Mischen Literaten- und Journalistonverein einen Bortvag. > Er führte unter anderem aus: Die wertvollste Vorlage der Künstler in älterer Zeit blkdete die B i b e lder Juden, die eintziM Quelle während vieler Jahrhunderte, aus denerr Makler und Bildihauer Anvogung und Stoff für ihr künstlerisches Schaffen zu schöpfen vevm-ochton. Die heEchsten Denkmäler alter klassischer Architoktur in Rom, Paris, Köln, Mailand ufw., die noch heute unsere Bewunderung erweckerr, sind Zeugen des direkten Einflusses der Bibel auf die Göstalltung darrch den Schöpfer dieser Kunstiverke. Der Bovwurf, ^da-ß 'die Juden ein- Vo>>k ohne Kunstsinn seien» ist ungerechtfertigt. Ws das Mische Bo>lt noch auf eigenem Boden lebte, schuf es eine Kunst.mit ureigenen Forme «, die durchaus von den Kunstfovmen der es umgebenden Völker «bwichen. Als man die in Galiläa ansgegrabollen zwei Synagogen untersuchte, stieß man auf O r n a m e n t e, deren Stil dem. der französischen Renaissance auffallend ähnlich ist. Zur Zeit der französischen Renaissance waren aber diese in Erez Israel gefundenen Ornameitte noch völlig nnibekannt. In de-n Jahrhunderten, in denen die Jtlden unter fremden Völkern im Ghetto lebten, schufen sie sich eine eigene Kunst, die durch und durch originell und von außen unbeeinflußt war. Mnstlerisch standen die Juden -überall, wo sie sich der Kunst widmeten, a>uf sehr höher Stufe. Besonders gilt das von der neuesten Zeit. Es gibt keine neue Kunstrichtung, in der nicht Inden einen 'bedeutenden Platz oinnehmen würden'. Einer der fünf bis sechs Künstler» die in Frankreich den I m p r e s s i o u i s m u S schufen, eine Richbung, die eine wahre Resolution in der Malerei bewirkte,^war der Jude Kamille Pissaro. Der Begründer der pväraphaelistischen Richtung in England ist der jüdische Maler S. Solomon. Der jüdische Künst'er Henry Levy in Paris — der geniale Dichter der Farbe, ist einer der Dekorateure des Pariser Pantheons. Die Zahl der berühntten Mschen Künstler in den verschiedenen Länder» iü Mm mute *** zzhäz Josef Israels in Holland, Professor Liebermann in Deutschland, einer der besten Impressionisten — Josephson in Dänemark, der >berühmte Antokolski, anerkannt als Schöpfer russischer Ski(lpturfovmon, Levitan und B e k st, der als Maler eigentlich das meiste dazu, boigetvagen hat, daß das russische Ballett im Ausland «berühmt amd populär wrrrde, gab sich immer als nationaler Jude. . Auch in Polen hattet: wir eine hübsche Zahl bevnhntter jüdischer Maler. ALoses Gott lieb hält den Vergleich mit den besten euroMschen Rcirnantiker» aus. Die jüdischen schöpferischerr Kräfte auf den: Gebiete der Kunst sind heute zerstreut auf der ganzen Welt. Das ist das Ergebnis «unseres GakuchMens. Die Zukunft wird und vmß sich anders gestalten. Jetzt, in der Zeit unserer Wiederbelebung, -ist eS unsere Wicht, uuseve Goldstäulbchen zu sammeln. Leider wird diese Arbeit fast ausschließlich von n i ch t j ü d i s ch e n Sammlern besorgt. Im Pariser Louvre befinden sich Gegenstände, die in Erez Israel auSgegraben Md von kompetenter Seite, so auch von Renan, als jüdischen Ursprungs anerkann-t wurden. Auf einer griechischen I n s e l wurden mi'3 den: Tempel von Jerusalem st a!m «m ende Geräte aus Gold gefundoru Mer wir Juden interessieverr uns für diese Dinge. tvenig. Der berühmte Meltreisende «Benjamin v. Tudela erzählt, daß noch int siebenten Jahrhundert Juden es waren, die die Kunst des Wollfärbens und anderes Ku'nsthandwerk in der Welt verbreiteten. Es ist erwiesen, daß in Fayence eine jüdisch e Fivrna während zlveihundert Jahren di« herrlichsten Fat)encen erzeugte. ' Zufammeu »mit Sckolo>w besuchte ich den berühmten Kunstforscher Fra ubu rge r in Düsseldorf. Dieser christliche Knnstsarmuler zeigt« uns eine vollkommene Kollektiv n jüdischer Objekte und sprach mit Enthusiasums von seiner Sammlu»ng. Er hat sogar eine Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Knust gegründet. K o ck in Frankfurt am Main besitzt eine große Sammlung jüdischer Eheringe ans verschiedenen Jahrhunderten. In früherer Zeit hatte 'der Ehering bei den Juden großen Umfang und trug allerlei Inschriften und Monogramme. Später trug die jüdische Frau den Ehering an einem Kettchen^ weil <g W -n schwer war. Auch andeMvo gibt gjfc Herrliche Schätze jüdischer «Kunst und Kunistgeweribes. In Kotschinchi«na existiert ein« Synagoge aus Elfenbein «mit Goldvechierungen. Und wie viele unschätzbare jüdische Kunstzöbjekte gibt es erst in Polen! Ich «wage zu behaupten, daß die a«u§ früheren Jahrhunderten stammenden jüdischen Kunftgegenstände zu den schönsten in Polen überhaupt zählen, p M sie originell jüdisch sind. Unsere Kunstdenkmäler sind klein, aber erhoberch und erudrucksvoll in ihrer Einfachheit und Originalität. Ich erwähne nur das Beispiel des jüdischen SpenglerS Mofes Sinchowitsch, der m der zweiten Hälfte des sivbzshnten Jahrhunderts in Nezwir lobte. Zehn ,Jahre lang arbeitete er an einem Chanukkaleuchier und einer Menorah, die er dann seiner Synagoge widmete Und «#& man ihn für seine Arbeit entlohnen wollte, antwortete der bescheidene jüdische Künslilier: „Ich bin ei» armer, alleinstehender Mann. Jahrelang sammelte ich Messing von verschiedenen Lampen und verftrtigte die Menorah. Man Hai mich zur Thora ausgerusen und ich war nicht in der Lage, eine Spende zu machen. Heute bezahle ich mein« Schuld." Diese Menorah ist ein herrliches Stück. Sie wirkt wie ein Kapitel Tchillim, ein Psa-lmenkapitel, das von einem einfachen Juden mit inniger Herzlichkeit vorgetragen wird. Pilichowski schloß seinen Bortrag «mit einer schönen, alten jüdischen Legende: Als Titus Jerusalem zerstörte, pWnderte er die Stadt und führte di« Beute «ach Rom. Nichts, was an Jerusa-. lems einstiger Macht gemahnen könnte, stllte zurüMeiben. Unter den geraubten Gegenständen befand sich auch die Menorah des Tempels. MS die römischen Sklaven sie über den Fluß trugen, ereignete sich ein Wunder: die Menorah fiel ins Wasser und versank. Man suchte und forschte nach der versunkenen Lampe des ewigen Lichts. Der römische Sieger bot Menschenleben und Opfer auf, um die heilige REtsuie der Jn«den fiir sich zu hoben. Aber die Menorah wurde nicht gehoben. Sie schmolz und zerrann im Wasser. Dort lvartet sie auf die Ankunft des Messias. Wenn einst der Mssias kommt. Erez Israel wieder erlöst sein wird, dann wird «in neues Wunder geschehen: die Menorah wird wieder, zusammengeftigt, aus den Fluten gohüben, in den Temvol von,Jerusalem gebracht «w«den... t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.