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Wiener Morgenzeitung · 1925-01-15 · Heft 2121 (15.1.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2121 (15.1.1925)
Date
1925-01-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Kr. SM Wm, Donner'Zkag Nach den Ausführungen Cafertanos erschienen a ch t kommunistische Mgeordnete im Sitzungssaal. Das Parlament zog sodann die W a h l r e f o x nt in Beratung. Als erster sprach der Faszist Fera, nach ihm der Kommunist Grieco, der sich besonders gegen das Plural Wahlrecht wandte. Unterdesien hatten Abgeordnete aller Parteien eine Kundgebung an die kommunistischen Abgeordneten zirkulieren lasten und unterzeichnet, in der die Kommunisten für den Patriotismus belobt werden, mit dem sie in die Kammer zurückgekehrt seien. Daran schloß sich ein humoristisches Zwischenspiel. Die Atmosphäre des Terrors. Rom, 14. Jänner. In U d i n e fanden 2 60 H a u Sourchsuchungen statt, 15 Vereine wurden aufgelöst und 20 Wirtschaften geschlossen. In Bologna wurde ein junger Mann, der aus der sozialiftiischen Gewerkschaft nicht austreten wollte, von sechs jungen Leuten zu Tode geprügelt. In einem Dorfe bei Bergamo gab ein Sozialist mehrere Schüsse auf Faszisten ab und verwundete einige schwer. Am anderen Morgen wurde dieser Sozialist tot aufgefnnden. In Carrara wurden gestern — nach dem „M.ssagczero" — einige Lokale der nnitaristischcn Sozialisten zerstört, darunter auch der Konsumverein, der in Brand gesteckt wurde. Sin Manifest König Husseins. Jerusalem, 13. Jänner. (I. T. AI Ter Exkönig Hussein von Hodschas, der nach der Niederlage seiner Truppen vor Mekka zugunsten seines Sohn-es A l i auf den Thron verzichtet hat, ist am 8. d. in Maan, Transiordanien, cii,getroffen. Es verlautet, daß er sich beimachst nach der Hauptstadt von Trans-jovdanien, Amman, der R.sidenz seines Sohnes Abdullah, begibt, nur sich dort dauernd niederrnlasten. Exkönig Hussein veröffentlichte in Maau eine P r o k l a ui ation au das arabische BM. in welcher er die guten Absichten und Taten der H a f ch i m i i o ndynast e für das Wohl der arabischen Länder auszählt und erklärt, I b n Saud, der in den Hodschas eingrdrungen ist. sei unfähig, die arabischen Länder zu führen. Hussein erinnert an die nert, da er sich gegen die Türkei ewhob und Hodschas zu einem unabhängigen Staat gestaltete. In der Proklamation gibt er den vollen Text des Briefes des Sir Henry Mac M a h a n wieder, der ihm int Namen de r br i 1 i sch e n Negierung die Unterstützung der alliierten Mächte für die Unabhängigkeit der arabischen Länder versprochen hat. Zum Schluß der Proklamation heißt es: „Ich habe abgedankt und Hodschas verlassen, weil sich die Gefühle meines Volkes gegen mich wandten. Die Abdankung geschah ganz freiwillig. Ich will, >daß es verstanden wird, daß M mn des Friedens und des Wohles meines Volkes willen das Opfer gebracht habe. Ist dem arabischen Volle Jbn Saud und seine FaMlli>sgenehin>rr als die .Haschimitenfamilie, so bin ich bereit, ihm das Land gu überlasten, damit endlich das Volk den Frieden erhält und sich seines Wohlergehens freuen kann. Hanns Heinz tzwers „Ameisen", König Salomo und der Talmud. Von S. Meisels. Hanns Heinz Gwers ist als Dichter unter die Wissenschaftler gegangen und hat im Verlage von Georg Müller in München ein. Buch ,/Ameii'en" erscheinen lasten, das Dichtung und, Wistensch.rft irr sich vereinigt. Zur strengen Wissenschaftilichkeit fehlt diesem Brrche nur die Dosis Lauge-' weile, durch die man sich ansonsten in naturgefchichrlichen Werken durchackern muß, wenn mau Kenntnisse einsanrmelln möchte, mn das 'Wissen zu bereichern. In Hanns Heinz Gwers wissenschaftlichem Merle gibt es keine leerlaufenden Strecken, 'die das Gähnen begünstigen; das Buch „Ameisen" besitzt den seltenen Vorzug, daß es gvüüblich ist, wie manches andere auch, und dennoch kur-'weil.'g, wie kaum ein zweites ans diesem oder ähnlichem Gebiet. Es war Gwers möglich, die Zwei ungleichen, einander 'widerstrebenden Elemente, Gründlichkeit und Kurzweil. durcheinander zu mischen, weil er auch a!ls Wissen>jch.:stler den Dichter nicht verleugnet. Nicht nur die beigefügten humoristisch-poetischen Entresilets, ebenso die als Zwischenspiele oingeschobenen pvachtb-ollerr Novellen nicht allein — sondern auch die eigentlickM Kernteile des Werkes, die Schilderungen vom Leben und Treiben der Ameisenböl'ker, sirrd fast durchgängig eilt vortrefflicher, reizvoller und fesselnder Lesestoff. Alles in allem: eilt Buch, wo inan es anfschlägt, bta< ist es interessant. Mit emsigem Fleiß, wie es sich woihl für einen Bewunderer der Ernse geziemt, hat HannS Heinz Ewers jahrzehntelang für sein Anieisenbuch Material gesammelt. Er hat Nester gebaut, Ameisenhaufen ausgegraben, Beobachtungen angestellt, Erfahrungen gesammelt und obendrein eine Unmenge von Büchern gelesen, die von allen möglichen Arten und Gattungen der Ameise handeln. Bis in die entferntesten und entlegensten Literainrwinkel ist Gvers den Spuren der Ameise nachgegangen. Er hat' alles znsammengetr?gen, was von den ältesten Geilehrten vis zu den jüngsten' Forschern über dieses wunderbare Völkchen der Infekten gesagt worden ist. Wie gewissenhaft .Hanns Heinz Ewers die Literatur über die Ameise durchforscht hat, ist daraus zu ersehen, daß er nicht nur den bekannten Ausspruch König Salomos, sondern sogar ein „Gutachten" des Talmud über die Ameise anführt. Nun, Wiener Mornenzelknna. mit eingebautem „3ar£0ftc>*Gummi-Absatz . « HIWII—IW .MM. ■H—Il— '■■■■!■ -i.W—■ Schuhel Cn gygir/ Sic Aktion gegen die Aadie-Vartei. Wieder ein Abgeordneter verhaftet. Graz, 14. Jänner. Die '„Tagespost" nieldet aus Belgrad: Heute vormittags wurde hier der gewesene Abgeordnete «der Radic-Partei Rudolf Baeinie verhaftet und seine Korrespondenz beschlagnahmt. Weiters wurde in Agram der Hauptkasticr der Radic-Partei Johann Koznic wegen staatsfeindlicher Propaganda unter der bäuerlichen Bevölkerung festgenommen. Die Wochenschrift „Domoljub" der slowenischen Velkspartei ist von der Regierung eingestellt worden.^ Es verlautet, daß eine ähnliche Maßnahme gegen das Tagblatt „Slovenec" der slowenischen Vclkspartei beabsichtigt sei- __ Professor Mino gestorben. Prag, 14. Jänner. (Tschech. Preß-Bur.) .Heute vormittags sta r b hier der Philosoph mrd Pädagogiker, erster Staatssetretär des Unterrichts'min-istrnuns. Dr. Franz Drtin a, Professor an der Karls-Universität, in Prag, im Alter von 64 Jahren. Dr. Drtina war euch Mitglied der böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften scivie Offizier der französischen Ehrenlegion. Im Jahre 1907 war er in den österreichischen Reichsrat gewählt worden, wo er zusammen mit Professor Masaryk als Vertreter der tschechischen Re.Mienpartei saß. Dr. Drtina hatte seine Ideen in der von ihnr und dem ehemaligen österreichtschen Fiuanzininifter Kaizl geleiteten Revue „Athenäum" und in der mit M a s a r y k gegründeten Revue „Unsere Zeit" niedergolegt. Sein bedeutendstes Wert „Die ideelle Entwicklung der europäischen^ Menschheit" ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. ©Ine autmomistifchr Partei in der Slowakei. Prag, 14. Jänner. Wie die Blätter melden, hat sich in der Slowakei eine Partei der Arbeiter, Kleinwirte und Klein industriellen, mit autono in i st ische m , Program m gebildet. Die Partei verlangt ein selbständiges slowakisches Parlament im Rahmen der Republik. Das Kriegs-, das Außen- und das Finanzministerium sollen gemeinsam sein. Latifundien sollen aufgeteilt werden und die Boden re form soll mit «besonderer Rücksicht auf die Slowakei durchgeführt werden. Schließlich wird die Auflösung des Bodenamtes und die Errichtung eines Ministeriums für Bodenreform gefordert. das Zitat aus den Sprüchen Salomos nimmt mich nicht weiter wunder. Ich weiß von Ameisen nicht viel und kann zur Not gerade «.och den Omeis von der Emlse unterscheiden; aber ich weiß, daß jedem Ameisenforscher der Spruch des weisen Salomo geläufig ist. Ich habe noch keinen Schriftsteller gefunden, der in einem Artikel über den Stil nicht Busfons „Le styl c'eft lchomme" angeführt hätte; und ich habe noch keinen Gelehrten gefunden, der in einem Buch über Ameisen nicht König Salomos Mahnruf: „Geh zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weife an und-lerne!" zitiert hätte. Anders aber ist es beim Talmud. Ter Talmud ist heute noch ein fremdes, ungekanutes, für manchen ein mit siebenmal sieben Siegeln verschlossenes Buch, und die Stellen, die von den Ameisen handeln, liegen darin so versteckt, daß selbst ein gewiegter Rabbi und' Talmudkenner nur selten zu ihnen gelangt. Wenn nun Hanns Heinz Ewers diese verborgenen Stellen aus dem Talmud zitiert, so beweist es wie gesagt, mit welchem Emsenfleiß er aus alten Schriftwerken alles auf die Anreise Beiziigliche zusaunnengetragen hat. Bon zweierlei Art sind die Zitate, die Hanns Heinz Ewers beibringt; entweder enthalten sie Belege, die seine eigenen Beobachtungen bestätigen, oder sie enthalten Irr« tümer, die er berichtigem will. Es versteht sich hei Hanns Heinz Ewers nahezu von selbst, daß er sich kein Blatt vor den Mund nimmt und selbst dem Weisesten aller Menschen eine weise Lehre erteilt. König Salomo sagt: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an »md lerne! Ob sie wohl keine Fürsten, noch HanptiM'irn, noch Herrn hat,. bereitet sie dach.ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte." Hanns Heinz Ewers belehrt nun den König Salomo, daß das Amevseuvolk allerdings weder .Hauptmann noch Herrn noch Fürsten hat, wohl über eine Königin, so edel wie die Königin von Saba, di« dem königjlichen Weisen befreundet Ivar. Andererseits wider muß auch Ewers dem König Sallonw recht geben, denn: „diese Königin von Emsenland gibt keine Befehle, schickt niemanden ans, Körner zu sammeln zur Erntezeit. Die Mutterkölligin ist nur das lebende Symbol für den StaatAgedauken des Ameisenvolkes: in feder einzelnen Bürgerin lebt der^Geist, für die GemsiMM zu arbeiten, keine benötigt dazu «-inen Befehl von Herren und Haupt» lvuten". So weit von König Salomo. Was aber den Talmud betrifft, so ist bekannt, daß er iu zwei Teile zerfällt, in ,^Halachah" und ,/?lgadnh", Die 18. ftSmtCT 1925 ÄBfSi Sine Sreazkoaserenz in Wen. Aus Prag, 14. wird berichtet: In der nächstes Woche findet in Wien eine Konferenz über. Eisenbahn»' und Zollrevisionsfragen der Grenzstationen zwischen der Tschecho-Slowakei und Oesterreich statt. In Erwägung kommen namentlich die Stationen Gmünd, Retz, Lunde n b u r g nnd M a r ch e g g. Die tschecho-slowakische Delegation, die Ministerialrat Storch leitet, wird aus Mitgliedern des Eisenbahn- und des Finanzministeriums 'bestehe». . _ Ser Stttes. Die Teuerung wieder um 1 Prozent gestiegen. Gestern vormittags ist di« paritätische Kommission KU» sammengetreten, um den Index für die Zeit vom 15. D ezember bis zum 16. Jänner zu errechnen. Der Index wurde mit 0,81 Prozent festgestellt, welche Ziffer dann auf 1 Prozent aufgerundet wurde. In «den einzelnen Gruppen ergaben sich folgende Feststellungen: Ernährungsgruppe plus 1,21 Prcyent, Wohuungsgruppe Plus 0,37 Prozent, B e k leid u w g sgrnppe unverändert, ebenso auch die Beheizungsrmd Beleuchtungsgruppe. In der W o h n u n g s g r u PPe hat sich die Steigerung durch die Erhöhung der Kanalräume.igebülhren ergeben. In der Ernährungsgruppe ist ' zwar durch die Herabsetzung der An kerb rot werke eine bedeutende Verbilligung eingetreten, die aber durch die starke Erhöhung der Mehlpreise wettgemacht vourde. Die Preise der anderen Artikel sind int allgemeinen •tt u verä n de r t geblieben. Eine kleine Steigerung haben Kartoffel, Reis, Erbsen und Schweinefett' erfahren. Rindfleisch ist 'unverändert gebliebeu, die Preise des Zuckers und der Milch sind zurückgegangen. Ebenfalls unverändert sind die Preise für Bohnenkaffee und Kaffeesurrcgate, Oel und Speisesalz. Der Gvsamtauftvand pro Woche und Kopf betrug 182.065 Kronen gegenüber 180.688 Kronen itn Vormonat. Im Laufe des Jahres 1924 woist der-Index folgende Variationen auf: iJänner plus 4, Februar.plus 2, März 0, April 0, Mai plus 2, Juni plus 2, Juli 0, August plus 6, September 0, Oktober plus 1, November plus 2, Deze-Mber plus 1. _ Schwinge und Groschen. Wie wir erfahren, wird im Bereich der Postver« Walt u n g mit 1. März die Schillingrechnung eingeführt. Die -Vorarbeiten für die Ausprägung >der neuen Münzen sind soweit gediehen, daß die Groschen bereits Mitte Februar ausgegeben werden können,. Die neuen Schilling münzen dürften j-cdoch kaum vor dem Monat Juni in den Verkehr gelangen. Dagegen sollen die Noten zu zehn und hundert Schilling anfangs April in Umlauf gesetzt werden. Halachah ist ein fteiniger Weg; die Agadah aber ist (nach Heine) ein Gartenworin «holde BWmelem sprießen. Hanns Heinz Ewers wendet sich der Halachah zu und zitiert folgende Mschna: „Die Körner in den Ameisennesiern, die sich innerhalb des stehenden Getreides vorfinden, gehören dem Eigentümer (des Feldes). Befinden sie (die Ameisennester) sich aber hinter den Schnittern, so gehört das Obere (das heißt das oben am Eingang liegende Korn) den Armen; das Untere (in den Kammern befindliche Getreide) dem Eigentümer. Rabbi Meir dagegen sagt: Alles gehört üsn Armen, denn zweifelhafte Nachlese gilt als Nachlese. (Traktat Peah, Perok 4, Mschna 2.) Zu dieser Mischna macht GwerS folgende treffliche und dazu echt rabbinifche Bemerkung: „Um das verstehen zu können, mutz man wissen, daß daS mosaische Gesetz gebietet, daß drei Dinge bei jeder Ernte nicht dem Feldbesitzer, fondevit den Armen gehören: die Nachlese (also das, was die Schnitter fallen lassen), das Vergeffene (das sind die Garben, die versehentlich liegen bleiben) un>d eine Ecke des Feldes, die man ungeschnitten für die Armen stehen lassen mußte. Die Körner nun, die oben beim Eingang des Ameisvnnestes liegen, haben die Schnitter bei dem Einbringen der Garben fällen ilassen — das ist also regelrechte Nachlese, die stets den Armen geihövt. Das Getreide aber, das sich in den Kornkammern nuten im Neste bofindet, kann schon vor der Schnittevarbeit von den Emison eingebracht woiden sein. Ist also das Getreide noch nicht geischnitten, so gehört dies Korn dem Eigentümer, da ja bis dahin von einer Nachlese noch nicht die Rede sein kann. Ist aber das Feld gemäht (sind die Nester ,Hinter der Reihe der Schnitter"), so gehöre das Obere zweifellos den Armen, das Untere dem Eigentümer. Dies letztere tvird nun Volk einigen Gosetzesanslegern bestritten; fo sagt Rabbi Meir (der die Ansicht vertritt, daß ^we-iseHafte" Nachlese zugunsten der Armen als regelrechte Nachlese betrachtet werden soll), daß oiuch das Untere den Armen gehöre, weil es möglich sei, daß einige Körner'in den Kornkammern erst nach dem Schneiden des Getreides von den Anreisen ein* gebracht worden seien." Mn: Schluß bemerkt Ewers ein wenig saikaftisch, daß allzniviel Froüde weder die Armen noch der Eigentümer des Feldes von dieser Gefetzesbestimmimg gehabt und daß sich die Gesetzeslehrer höchstens theorettsch gestritten haben werden; denn , es fei gar nicht fo leicht, so ein Nest auSzugva'ben, mn die Kornkammern zu finden, und die paar Han-dvoll WeizeMvner lkohnen dazu die Mühe nicht.

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