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Wiener Morgenzeitung · 1925-01-14 · Heft 2120 (14.1.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2120 (14.1.1925)
Date
1925-01-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SK.S1SV Wien, Mittwoch Diener Mornenzeitung. 14. Jänner 1925 Gei» I Set Krieg der Zukunft. Ile Siktqase. Bon Lucien Chassa'gne (Parks). Die-ersten Zeilen des Budgetberichtes über die militärische Ausrüstung Frankreichs, die Herr B e d o u c e der Kammer vorgelegt hat, sind geeignet, alle jene zu beunruhigen, die gewisse Befürchtungen wegen der Verwüstungen gehegt haben, die uns ein Ainftiger chemischer Angriff verursachen könnte. In dem erwähnten Berichte des Herrn Bedouee liest man wörtlich: Der Krieg wird mit jedem Tage in höherem Maße ein chemischer Krieg. Und der Zukunftskrieg, wenn der Wahnsinn der Menschen seinen Ausbruch gestatten sollte, wird über alle Maßen ein chemischer Krieg werden. Das ist wenigstens bte wohlbegründete Ansicht aller Fachleute, die sich mit diesem schrecklichen Problem 'beschäftigen. Im weiteren Verlause des Berichtes zeigt sein Verfasser, welch große Anstrengungen gemacht werden müssen, um die Bekämpfung eines solchen chemischen Angriffes vorzuberciten. Das englische Unterstaatssekretariat des Krieges hat schon Im Jahre 1920 Kredite gefordert, die notwendig sind für ausgedehnte Studien betreffend einen chemischen Krieg. Im gleichen Zeitpunkte hat . auch das Kriegödeparternerit der Vereinigten Staaten auf Anraten des Obersten. Frie's alle Anschaffungen zum Studium des chemischen Krieges gemacht. Man muß sagen, daß alle Pläne, welche eine .Kontrolle der Erzeugung chemischer Produkte bezwecken, illusorisch sind. Tenn giftige Gase werden auf dieselbe Weise vorbereitet wie viele chemische Produkte, die rein industriellen Zwecken 'dienen. Man^., muß auch jene Aeußernitgen in Betracht ziehen, die -er Völkerbund erstattet hat. Die diesbezüglichen Sachverständigenherichte sind sehr kennzeichnend. Professor Cannon von der Harvard-Universität erklärt, daß wir im Lause des letzten Krieges nichts gesehen haben, was den Aussichten an Zerstörung auch nur im entferntesten gleichkäme, wie sie uns in einem neuen Kvkege winken. Professor Mayer vom College de France erklärt: Es ist zwei fellhast, daß die Vö lker sich R echenschaft geben von der chemischen Waffe und den Gefahren, denen sie sie aussetzt. Professor Zanetti von der Universität Columbia sogt: Man muß ..die.Entdeckung eines neuen Gases registrieren, das die Verdau« ngstätigkcit behindert unschweres Erbrechen hervorruft. Man muß weiters annehmen, daß gewisse von den neuen Gasen sogar die Tätigkeit des Blutkreislaufes verhindern und so stark wirken werden, daß sie einen Zustrom von Sauerstoff aus den Lungen in die Gewebe völlig unterbinden -werden. Professor P a t e r n o erklärt: Im Beginne des Weltkrieges gab es ungefähr dreißig giftige Gase, heute gibt es ihrer, mehr als tausend. Professor Angela von der Universität in Florenz erklärt: Wenn Ansammlungen von Gas eine gewisse Grenze überschreiten, werden sogar die Schutzmasken unwirksam, und die Kämpfer geraten in eine Situation, in der sie jedes Verteidigunasmittels entblößt sind. Selbst in jenen Stellungen, die früher als die sichersten gegen Gasangriffe betrachtet worden sind, ^verden die Kämpfer in Hinkunft unweigerlich zum Tode verurteilt sein. Man erinnert sich noch der schrecklichen Wirkungen, die währendes Krieges angerichtet worden sind, als die Angegriffenen keine Uebung in der Benützung der Schutzmasken hatten. Furchtbar wird die Katastrophe sein, ivenn in einem künftigen Kriege die chemischen Kriogswaffen gegen eine in der Benützung der Schutzmarken ungeübte Bevölkerung werden verwendet werden. Die Mtanz des letzten Krieges. Genf, 12. Jänner. (.Havas.) Das Internationale Arbeitsamt hat eine Statistik über die Beteiligung der verschiedenen Lander am Weltkriege ausgeavbeitet. Danach rangiert Frankreich mit 40,8 Prozent Mobilisiertenan der Spitze vor D e u t s ch l a n d, das 39 6, und vor O e st e r r e i ch, da's 24,6 Prozent seiner gesamten männlichen Bevölkerung mobilisiert hat. Bon seiner zur aktiven >Dienstleistung tauglichen Bevölkerung.hat Frankreich 59,4 Prozent mobilisiert. Hinsichtlich der Zahl der Toten oder Permi ß t e n nimmt Frankreich mit 10,6 Prozent vor Deut s ch land mit 9,8 Prozent die erste Stelle ein; England verlor nur 5,1 Prozent und die Vereinigten Staaten 0,2 Prozent, so daß aus 100 getötete oder vermißte Franzosen zwei Amerikaner kommen. Auch hinsichtlich der Zahl der K r i e g s v e r st ü m m e >l t e n steht Frankreich mit 11,2 Prozent vor Deutschland mit 7,5 Prozent an der Spitze. Sitte Bölkrrbundanleihe für die rumiim.'chen Hochschulen? Bukarest» 19. Jänner. lUng. Trl.-Korr.-Bur.) Unterrichtsrninister A n g e l e 8 c u hat die Absicht, sich beim Völkerbund um eine A n l e i b e in der Höhe von zwei Milliarden Lei zu bemühen, die ausschließlich zu kulturelle« Zwecken, namentlich zur Förderung der Universitäten dienen soll. 600 Millionen würben zum Ausbau - der Technik in Bukarest, 460 Millionen für die Errichtung einer n e u e n T e ch n i k i n T e m e s v a r und 40 Millionen für Zwecke der Universität in Jassy verwendet werden. Ile deutschen Misilonüre ln 8rez Israel. . Die Pressekorresponideriz des Deutschen Auslandsmstituts in Stuttgart schreibt: Es ist nicht uninteressant, einmal di« genau« Zahl der deutschen. Missionäre und Schwestern, die wieder im heiligen Santoe tätig sind, kennen zu lernen. Im folgenden geben wir eine Aufstellung» die nur die reichsdoutschen und deutschösterreichischen Missionäre und Schwestern betrisst. Es sind danach: 1. bei den Franziskanern 10 Deutsche, 2. bei den Benediktinern 12 Deutsche, 8. bei den Lazaristen 4 Deutsche, 4. in der Genossenschaft des Pater Ratisbonne 1 Deutscher, 5. bei den SchuVbrüdern 8 Deutsche» 6. bei den Salesianern 9 Deutsche, 7. bei den Barmherzigen Brüdern 1. Deutscher, 8. Weltpriester 3 Deutsche, 9. bei den Sionsschwestern 6 Deutsche, Io. bei den Josephsschwestern 1 Deutsche, 11. bei den Sühneschtvestern 1 Deutsche, 12. Dorromäerimren 65 D'utfche, dazu noch 9 in Beirut. Von diesen fütfb 19 Priester, 2 Kleriker, 15 Brüder und 92 Schwestern. Von den erwähnten Genossenschaften sind 8 win deutsche Provinzen: Benediktiner, Lazaristen und die; „Wiener Morgenzeitung"; Borromäerinnen. Ferner 2 italienische (Franziskaner und Galesianer), 5 französische (RatiSbonm, Schulbrüder. JosephS- und Sionsschwestern und Sühnefchwestem), 1 österreichische, die der barmh. Brüder v. hl. Inh. v. Gott. Do« den Weltpricstern befindet sich 1 im latem. Patriarchate, 1 als Rektor im österreichischen Pilaechause, Msgr. Dr. Fel l i n g e v, und der dritte ist Kaplan bei den Borromäerinnen in Haifa. Di» meisten Vieser Missionäre und Schwestern sind in Jerusalem und Umgebung. gnden in den russischen Iorfsowftts. Minsk, 12. Jänner. (I. T. A.) Gegenwärtig finden in den Dörfern Weißrußlands die Wahlen in die dörfische Sowjets statt. Aus acht Kreisen liegen bereits Resultat vor. In diesen Kreisen wurden 600 Juden gewählt. Ma rechnet, daß die Zahl der Inden in den Dorfsowjets 700 e reichen wird. Im vorigen Jahre waren. 960 Inden in d Dorfsowjets gewählt worden. Zlüänd. Ile Militürkoulrolle. Nebertriebene Gerüchte. Gestern waven Nachrichten im Umlauf, daß bis interalliierten KontwlloMiere in einer Artilleriobaracke auf der Sinrmermgcr Heide 20 Geschütze beschlagnahmt hätten, über deren Vorhandensein die Ententekommi'ssion infolge eines Versehens des Heevesamtes nicht unterrichtet worden «war. Hierzu wird nun auttlich gemeldet: Interalliierte Kontvolloffiziere haben am Sonntag den 11. d., vormittags, ohne Begleitung österreichischer Offiziere der Gewehr- und Geschützsektion der Startsfabrik ans der Simmeringer Heide einen Besuch aögestattet. Infolge der Sonntagsruhe ergaben sich bei Oefsnung der Magazine gewisse Schwierigkeiten, wodurch sich die Kontrollorgane veranlaßt sahen, ein Depot selbst zu öffnen. Das darin befindliche Material. Vorräte der Staatsfabrik, die bereits in früherer Zeit ausgenommen worden waren, tvurden neuerlich genau registriert, woraus die Kontrolloffiziere den Bereich der Staatsfabrvk Wied»' verließen. -— Aussckilub de« Minister« a. I. Seaur aus der chUMchsorkalen Partekorganisatton. Der ehemalige Finanz minister Dr. August Segne hak nn Gefolge von Zwistigkeiten mit ' der Mödlinger christlichsozialen Parteiorganisation, dem BoWverband, eine G e g e n o r g a n i s a t i o n g e g r ü n d t und seinem Stammverein die Mitglieder abgetrieben. Aus diesem ^Gründe.würde er in der vorigen Woche vom Volksverbänd ausgeschlossen. Abgeordneter Kunschak, der die Streitenden versöhnen sollte, wird es jmn nach dem Ausschluß O r e l 8 aus der Partei, der ebenfalls durch die Bczirksorganisation erfolgte und für die Gesamtpardei als verbindlich erklärt wurde, schwer fallen, den Konflikt beizulegen. -er Wechsel ln der Wiener polnischen Gesandtschaft. Der neue polnische Gesandte in. Wien Prof. Wierus; Kowalski ist in Wien eingelangt und «hat bereits die Agenden, der Gesandtschaft übernommen.. (Gesandter Kowalski wird in den nächsten Tagen sein Beglaubigungsschreiben überreichen. . Dr. Ignaz Seipel über die Minderheitenfrage. Der vorn Institut für Statistik der Minderheitsvölker veranstaltete Vortrag des Bundeskanzlers a. D. Dr. Ignaz Seipel „Die geistigen Grundlagen der Minderheitenfrage" findet heute um halb 7 Uhr abends im kleinen Festsaale der Wiener Universität ftatt. Gin tschechischer Literaturabend in Wien. Der tschecho-slowakische Gesandte als Kulturvermittler. Die tschechische Musik besitzt Weltruf und Weltgeltung. Der tschechischen bildenden Kunst ebnen starke Individualitäten die Wege (ihr ward anläßlich einer Ausstellung im Wiener Hagenbnnd viel Beachtung zuteil). Die Literatur des tschechischen Volkes ist in ihrer Wirkung bisher auf das Heinratland begrenzt geblieben trotz der Erfolge einzelner auf den Bühnen Europas. Diese Feststellung erfordert eine Begründung, die nur kulturhistorisch gegeben werden kann, soll sie die Elemente des tschechischen Geistes in vollem Umfang Aarlegon. Im Rahmen eines Literaturabends ist dies nicht möglich. Das soziale und demokratische Bewußtsein des tfckecktfchen Volkes wirkt unterirdisch und der elementare Hussitismus mit seiner Idee des auserwählten Volkes, also einer Zionsidee, wovon noch viele Namen wie Tabor Zeugenschaft ablegen, kann in der Literatur allein nicht zur vollen Geltung gelangen. Wenn der Gesandte der tschechoslowakischen Republik in Wien, Dr. Krofta. einem hiesigen Kulturkreis den Geist der tschechischen Literatur (in deutscher Sprache) nähertringen wollte, so konnte e's sich rlatürlicherweise nur um einen Querschnitt handeln, so konnte nur die Rede davon sein, einzelne Repräsentanten in charakteristischen Proben zu geben — schon aus b^m Grunde, weil gerade die tiessien, echt tschechischen Individualitäten bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Geister wie Palatsky. Jirasek, Svietla, Herben, Holetschek, Kolar, ein Gipfel wie Cheftschitzky, der protestierende Geist einer Theresa Novakova (Jan Jilek!), Macha, der romantische Revolutionär und die Former der starken freiheitlichen Ideen, die durch den lhabsbnrgischen JesuitismuS zerstört wurden, konnten nicht zu Worte gelangen. Aber was trotzdem dem Tiefblickenden klar ward, daß nämlich das tschechische Volk sich einer Kampfidee unterwarf, durch deren Realisierung es in die Weltgeschichte trat, war aufschlußreich genug. Der literarische Abend in der Wiener Gesandtschaft der tschscho-flolvakischen Republik brachte also ein Programm, das nur auf einer populären Basis Anregungen bringen konnte.. Frau A urednieek hatte durch ihre rege Uebersetzungstätigkeit die Wege geebnet. In einer einleitenden Conference enttvarf Heinrich Glücks man n ein Bild der tschechischen ^schönen" Literatur, wobei or den ästhetischen und sittlichen Wert der Dichtungen in den Vordergrund rückte; Biographisches ergänzte die kritisch«« Bemerkungen. Die Höver, die sich aus der Wiener produktiven Intelligenz zusammensetzten, konnten unschwer Analogien mit Schöpfungen der Weltliteratur Herstellen, wodurch, sich der Sinn des Programms von selbst erlveiterte. Als Uebersetzer lernte inan den Conferencier, Dkmdler, Eisner. Fuchs, den Prager Dichter Adler und nicht zuletzt Frau An red nicek kennen. Im Mittelpunkt der älteren Epoche stand Jaroslav Brchlickh. dessen Weltgefühl überall, in Lied und Ballade, triumphierte. Tiefen Eindruck machte das Gedicht „Rach Beendigung der Faust-Uebersetzung" in der Nachdichtung von Friedrich Adler. Zur Rechten und zur Linken standen die volkstümlichen >Jan Neruda und Svatopluk Cech, in gewissem Sinne wärmer und nationaler als Brchliekh. Den Uebergang zur Moderne vermittelten Antonin Sova und I. S, Mach a r. Bei diesen zwei Dichtern kündigt sich ein neuer revolutionärer, radikaler, hellenistisch^keptischer Gosst an, besonders akzentuiert in „Mörder (Machar) und „Ehe" (Sova); die ersten Kenne einer Psychologischen Welt- und Gefühlsbetrachtnng brechen hervor. Eine singuläre Stellung nimmt der Neoromantiker Julius Z e y e r ein. Hinter ihm — natürlich zeitlich gerne int — hört ma« die gelvalLigen Schritte des Ottokar Brezina und des Petr B e z r u e. Die neue Zeit ist da. Brezina löst die religiöse Erstarrung des tschechischen Menschen. Seine Mystik ist das Widerspiel des unmittelbaren Erlebens Gottes, das sich in Hynmen von schwerstem Rhhthnms und inbrünstigstem Erschauern vor der Größe der Natur kundgibt. Seinen Gegenpol bildet die soziale Kraft des Petr Bezruc, die dNacht der Gegenwart mit ihren menschlichen Forderungen. Dämonisch wirkte di^, Ballade Maricka Ndagdonova. Außer Viktor D y k und Ignaz Hermann hörten lvir noch die Ironie des von keiner Tradition belasteten Skeptikers K. C a p e k. Bon deutschen, in der Tschecho-Dlowakei lebenden Dichtern gab es einige charakteristische Proben: Brod, Werfel, 3Me. Zum Bortrag gebracht wurden di« Dichtungen durch Frau Lotte Medelsky. Frau Anna Albert und die Herren Mbert Heine und Ferdinand O n n o. Ein Querschnitt durch die tschechisch« Dichtung, eine lebendige Anregung und — ein Wünsch: den Abend auf der eingangs ausgeführten erweiterten Basis vor einem größeren, nicht auf Einladungen begrenzten Kreis (Umnia?) zu wiederholen. Dann erst werden die Bestrebungen des Gesandten Dr. Kvofta als eines Kul Mittlers den Wert bekommen, den sie verdienen. Dr. OSkar Rosen f IjßUßmrnmmmm

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