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Wiener Morgenzeitung · 1925-01-11 · Heft 2117 (11.1.1925) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2117 (11.1.1925)
Date
1925-01-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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M. mi Wat, Sonnkag SSfctte* MorAOnzeNrmst. kk. Umm 1828 VeNe 8 Charakter tragen. Ein Zeichen des Anwachsens der Not unter der Mischen Bevölkerung -st die Ausdehnung der jüdischen Fürsorgevereine. Sie gemahnen auch an die traurige Tatsache, daß den Juden in der «staatlichen Fürsorge vielfach unter dem Titel der fremden Heimat8berechtigung usw. Schwierigkeiten erwachsen. Unter den Mitgliedern des Allgemeinen Verbandes für freiwillige Jugendfürsorge werden auch die verschiedenen Jugendwanderbünde aufgezählt, denen in letzter Zeit eine immer größere Bedeutung zukommt. Ein Kapitel für sich bildet die ,Däuglingsfürs o r g e", die mit der Zunahme der autzerehelichen Geburten verbundene Notwendigkeit der Rechtsfürsorge und der Vormundschaft. Die vielfach beklagten Erscheinungen der Verwahrlosung der Jugend erfordern die Mitwirkung der freiwilligen Fürsorge rn der Arbeit der Jugendgerichte. Die Mannigfaltigkeit ider Not erheischt Eifer in der Hilfe. Das Buch fügend in Not" ist ein Beweis dafür, daß dieser Eifer in Wie-r vorhanden ist. Aussichtslose Fülle. Grenzfälle der sozialen Fürsorge. Unter den — sehr zahlreichen — Borwürfen, die ich bou guten Bekannten, Lesern und anderen natürlichen Feinden immer wieder zu hören bekomme, nehmen zwei die erste Stelle ein. Nummer eins: ich übrtveibe, Nummer ztvei: ich wüßte immer nur von der Schattenseite des Lebens, immer tmr von Jammer, Elend und Not zu erzählen. Der erste Borwurf trifft mich nicht schwer. Wer da glaubt, die krassen, grellen Fälle, die Fälle von „Strohsackarmut" müßten ausgedacht und erfunden sein, besitzt einen Mangel an Erfahrung, um den man ihn füglich beneiden könnte, und einen Mangel an Beobachtungsgabe, der weit weniger beneidenswert erscheint. Nicht ich übertreibe, das % Leben übertreibt. Was früher unerfreuliche Tatsachen getvesen wären, schwellen jetzt zur Katastrophe an, ivas früher beschränkte Mittel bedeutet hätte, wird jetzt der Zusammenbruch, Auswege, die einst jedem offen standen (man denke nur an Zimmervermieten, „Pensionäre" aufnehmen, mit kleinem Kram hausieren), sind versperrt, die Menschen abgestumpft, teilnahmslos, hart geworden. Früher konnte ein guter Einfall, konnte Tatkraft, ja sogar strenge Sparsamkeit allein die Rettung aus dem Elend bedeuten. Jetzt ist es die gleichgültigste Sache von der Welt, wie sich die Menschen unter dem Griff des Elends betragen. Die Tatsachen sind unerbittlicher geworden, die Verhältnisse, in denen wir leben, lassen jede Schwierigkeit geradewegs in die Katastrophe münden. Ueberdies möchte ich mich auch aus einem persönlichen Grund nicht gegen den Vorwurf der „Uebertveibung" verteidigen. Wie viel oder wenig von Berichten geglaubt wird, ist Sache des Vertrauens. Und auf diesem Gebiet läßt sich g«öwiß nichts erzwingen. Ganz anders steht es mit der zweiten Anklage. Ohne weiteres gestehe ich zu, daß sie zu Recht erhoben wird. Aber wenn ich auch meist nur von Kummer und Not berichte, so kann ich manche „mildernden Umstände" anführen. Und zu diesen mildernden Umständen gehört betspielÄveise auch der gestrige Nachmittag. Ich habe ihn dazu verwendet, ein paar einsame alte Frauen zu besuchen, em paar Schiffbrüchigeam Strande des Lebens. Ndein erster Besuch galt der „F r a n z ö s i n". Eigentlich ist sie gar keine Französin, die alte Dame, sondern eine waschechte Wienerin. Aber da sie mehr als vierzig Jahve in Paris gelebt hat, liegt diese „Uebertreibung" (ich habe nun schon einmal eine Neigung dafür) sehr nahe. Diese vier Jahrzehnte waren für die Frau, nach ihren eigenen Worten^ ein einziger Glückstag. Ihr Gatte, ein tüchtiger und anges >hewer Kaufmann, nannte ein gutgehendes Goldwarengeschäft sein eigen, sie beisaßen ein schönes Heim, führten „großes" Haus, lebten das behagliche und fröhliche Leben wohlgestellter Pariser Bürger. Sie sammelten alte Stiche mnd Miniaturen, waren eifrige Besucher der Theaters, machten ihre Badereise und naschten gelegentlich auch von: mcmdainen Leben der großen Welt. Darin kam der Krieg. Der Laden wurde gesperrt, das wertvolle Warenlager und die Wohnung sequestriert, das Ehepaar in ein Jutevniertenlager gebracht. Erst waren sie guten Mutes — der Wahnsinn des Krieges konnte ja nicht lange dauern. Aber als ein halbes Jahr verstrichen 'war und sie die Woge deS Hasses und der Verachtung, die sie umrauschte, immer stärker auschwellen fühlten, begann den beiden alternden Menschen bange zu werden. Alle Versuche, aus der „Mäusefalle" zu entkommen, schlugen fehl. Nach drei langen, endlos langen Jahren wurden die zwei „BocheS" nach Spanien gebracht. Dort „sorgte" das Vaterland für ft*, das heißt, sie genossen hei-nratlich-ärarisches Glend. Als der Krieg zu Ende gegangen war, mühte sich der Mann, ore Erlaubnis zur Rückkehr nach Paris zu erlangen. Umsonst •— der Boche ward nicht hineingelassen-. Nach endlosen Verhandlungen, umständlichem Briefwechsel mit dem Vermögensverwalter — der vielumworbene, einflußreiche Mann halte mit einem iiMe auch nicht einen Fveuud mehr in Paris — erhielt er die Mittel zur Rückkehr in die Heimat. Sie rechten gerade noch dazu, den Mann bis zu seinem Tode vor dem Hunger;u bewahren. Nun steht die Witwe mit leeren Händen den Forderungen des Tages gegen«über, einfÄn, ohne Freunde, iine Bertwandte,, ohne die Mittel für den notdürftigsten lutevhakt. Ihr redlicher Arbeitswille verpufft ins Leere. Sie ächte französischen Unterricht erteilen, spvcht sie doch die >.ulzösische Sprache besser als ihre Muttersprache. Aber wer wird der fast Siebzigjährigen seine Kinder anvertrauen, da so viele junge, tüchtige Kräfte zur Verfügung stehen? Und die jungen Mädchen «werden nicht mehr auf die Pronrenade begleitet. Dazu fehlt der Frau auch noch die Gabe, ihr Elend darzulegen, di« Gabe, zu*bitten. Sie hat es nicht ge¬ Sturm auf untere Scrlmü«« veranlaßt uns aur Verengerung derselben MANTEL durchwegs gediegene Qualitäten Schillinge 1. Serie 55 2. Serie 85 3. Serie 118 Preise auf jedem Stuck ersichtlich I Kostüme und Komplett! erstklassige Qualitäten, reiche, feine Verbrämungen ^„nge Inh-la-MUKtii ,» ja ganz Ref'ttiert <07 Serii-KMlüinii, Sport 65 Sirie KsttOmSeTaliieur 123 Preise auf jedem Stück ersichtlich SeldentrikotkBelder. .10 Seidenjumper __ 5 Crfipe de Chlneklelder 29 Chevlolklelder.18 Kammgarn und Gabardine 33 Velours, Schotten, Streif.. 25 Rips* u. 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Daß sie von dem sauer ersparten und redlich verdienten „schönen Stück Geld", das ihr der Mann, ein Rechtsanwalt, hmtevlassen, nicht friedlich und belhaglich dahinleben kann, wie sie es seit scher gewohnt gewesen, das kann sie noch heute nicht begreifen. Ihre Verzweiflung tobt sich in Zanken, Keifen, in wilden Haßausbrüchen gegen die ganze Welt aus. Sie zankt mit den Nachbarn, mit den Kindern auf der Gasse, mit den Kauflenien, mit ihren Untermietern und vor allem mit der Tochter. Diese Tochter, selbst schon ein gutes Stuck über die Fünfzig, hat ihren Eltern ihre ganze Jugend geopfert. Sie hat nie einen eigenen Willen gehabt, nie eigene Ansichten, nie eigene Ziele. Sie arbeitet zwar mit ihren Händen, aber sie denkt mit dem Kopf der Mutter. So lange d;e Mutter kommandiert, schilt, wütet, :st ja alles gut. Aber wenn die Kälte in die Kammer schleicht, in der die beiden Frauen Haufen, und kein Tausender übrig ist, eine Handvoll Kohle zu kaufen, wenn das Petroleumlämpchen nur eine balbe Stunde lang leuchten darf, wenn der eine Untermieter nicht bezahlen kann, weil er m „Abgebauter" ist, und der andere auch nicht den oolleit Betrag aufbringt, wenn sie i«m kalten, dunklen Zimmer nur einen hastig gewärmten Kaffee mit einem Stück Brot als Abendessen bekommt, dann wird auch die alte Frau still. Mit tränenlosen Augen starrt sie ins Dunkel und, wenn sie etwas vor sich htmnurmelt, ist es immer dasselbe: „Womit Hab' ich das verdient?" Auch die beiden allen Fräuleins könnten so fragen, wenn sie das Fragen und Aufmncken nicht schon längst aufgegeben hätten. Sie haben in langen, schweren Jahren der Sorge erst die Mutter, dann den Vater zu Tode gepflegt. Wie sorgenvoll, wie kummerre'ch war diese Zeit, da der Tod die geliebten Menschen umlauerte. Dennoch scheint sie ihnen heute in der Erinnerung von Licht umflossen. Sie waren ja reich, sie brauchten nicht zu rechnen, nicht zu knausern, nicht um des Alltags Kleinigkeit zu sorgen. Der Vattr tvar ein reicher Mann g-wesen. Wozu die Geschichte erzählen? Wir kennen sie alle. Die Jüngere mochte einen „Schnellsiederkurs" und fand in der KricgSzeit auch wirklich ein Stellung als Comptoiristin. Aber als eine schwere Gel.nksentzündung sie mss Krankenbett warf und inzwischen das Kriegsende neue Kräfte aus den Arbeitsmavkt brachte, wurde sie doch entlassen. Sie schleppt sich mühselig auf Krücken fort, braucht Pflege und Wartung, statt arbeiten zu können. Die Aelteve versuchte es zuerst mit einer „Auskocherei" — sie «war der Anstrengung nicht gewachsen. Jetzt geht sie in die Häuser ihrer Bekannten von ohedem flicken und verdient so viel, daß sie essen können — wenn sie Arbeit hat. Wenn sie keine hat, dann gibt es einen „Extva-Jom-Kippur", wie sie es nennt. Was soll werden, wenn auch sie eines Tages zusammenbricht? Am schwersten wird mir aber doch Mmer der Besuch bei der a l t e n B e d i e n e r i m Sie hat die Achtzig hinter sich. Aber noch vor zwei Jahren hat sie tapfer beim .Klapsen, Fegen und Reiben geholfen. Dann klappte sie mit einemmal zusammen. Es gibt jetzt Tage, an denen sie sich nicht entschließen kann, das Bett zu verlassen. Sie schläft nicht — das kann sie kaum des nachts sie. liegt und „denkt". Denkt an den Mann, die Kinder, die 'sie begraben, denkt an den letzten Sehn, den ihr der. Krieg genommen. Warum sie nicht in die „Versorgung" geht? Die alte Frau hat einen Enkel. Sie sicht das Kind, das bei einem Stiefväter archwächst und sie nicht einmal liebt, selten genug. Aber diese drei, vier Glücksftunden des Jahres sind ihr Lebensinhalt. Im Vevsovgnngsheim müßte sie auch darauf verzichten. „Ich möcht' dann glauben", sagt sie, „ich Hab' gar nie gelebt." Also hungert, stiert, darbt sie sich durch, die Monate durch, um den kleinen David wieder zu sehen. Sie leibt von lächerlich geringen Summen, von Summen, die man nicht nennen darf, wenn man noch Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben will. Und sie liegt lange Tage in ihrem Bett, still, ohne Klage, ohne ein Wort ... Sie wartet auf den Tod. Er ist ihre letzte Hoffnung. Die einzige, die sie nicht täuschen wird. Und ihre Augen fragen: wie lange noch? Nein, ich kann nicht von Fröhlichkeit, von Schönheit und Harmonie sprechen, wenn ich von diesen Frau« komme. Klara Mautner. Ne Reubelebung der Wischen Buchkunst. Die Soncino-Gesellschaft in Berlin. Bor etwa einem halben Jahre fand sich in Berlin, wie hier bereits berichtet wurde, ein kleiner Kris von Menschen zusammen, denen als Freunden des jüdischen Buches die Idee vorschwebte, die Seele der alten jüdischen Buchkunst wieder zu erwecken: ein überaus wertvolles Ziel hn Rahmen der heutigen jüdischen Kulturarbeit. Die Voraussetzung hiesür waren die Leistungen der jüdischen Buchdrucker vergangener Zeiten, hauptsächlich des 15. und 16. Jahrhunderts, die heute vergessen sind oder ein verschollenes, namenloses Dasein in Bibliotheken, Museen und im Bücherschrank einzelner pietätvoller Sammler führen. Im Zusammenhang mit dieser Feststellung sei zunächst erwähnt, daß die Synagogenrolle (Thorarolle) nicht nur ihrem Inhalt nach, sondern auch in ihrer äußeren Gestalt Jahrtausende alt, die einzige Vertreterin des antiken Buches überhaupt darstellt und auch im buchtechüischen Sinne zivilisatorisch gewirkt hat. In den Jahrhunderten der Verfolgung war es die Dhorarolle, das „«Befer", daß die hebräische Schreibkunst nicht aussterben ließ: hier ruhte das Ziel und das Ideal, das der Schreiber anstrebte, und hier ruhte'auch die Schönheit und die Buchliebe überhaupt, die dann aufdas Buch als solches überging und die Grundlage zur hebräischen Buchkunst des Mittelalters schuf. Schon frühzeitig tauchen hebräische Druckerzeichen auf, die etwa den heutigen Verlegerzeichen entsprechen und darauf Hinweisen, daß der Buchdrucker seine handwerkliche Leistung als Jndividualarbeit einschätzte, wenn er sie signierte. Ms Motive waren der Löwe, die Hydra, der-Globus b-liebt, manche. Drucker begnügten sich mit ihren Initialen. An erster Stesse standen die« iüdischen Drucker in Italien, wie Abraham U s q u e, Aloise Brag a d i n i, Tobijah F o a, Giacomo Ruffineli, von den Pragern «rächte sich Jehuda ben Jaakob B a k einen berühmten Namen. Den Ruhm aller aber überstrahlte jene Familie, die in S o n e in o und spater auch'in anderen Städten Italiens ihre Werkstätten errichtete. Diese klassische jüdische Druckerfamilie war es, di« ,1484 den ersten Druck des Talmud begann und einige Jahre später die erste vollständige hebräische BibeWNie wieder hat der hebräische Buchdruck die Schönheit der Typen und die kustvolle Gestaltung des Satzbildes, wie sie die Soncino-Dvuck« repräsentieren, erreicht. Im vollen Bewußtsein der Verantwortung bat also die neue Gesellschaft den symbolhaften Namen „S o n c i n o- Gesellschaft" göwählt. Durch Heritellima vorbildlicher

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