Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2117 (11.1.1925)
- Date
- 1925-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2117 Men, Sonntag Mlittit Wahlrecht. Vertretung nach dem Wert der Tüchtigsten. (Eigendienst der „Wiener Mor^nzeitung".) Ata«, 10. Jänner. Das lteuc Wahlgesetz, ivolches eine / Vermehrung ddr Zahl der Mgeowncten von »85 ans 560 Vorsicht, wird iim Wahlresormansschnß der Kammer weiter beraten. Bon den neuen Gebieten erhaltett nach dem Entwurf Fiume ein Mandat, Triest 1, Trient, das mit Bozen einen Wahlkreis Mdet, 9 Mandate, Zara 1 Manidat. Der Bericht des Referenten des Wahlvesormausschusses begründet die Einführung des P l n r a l w a h l r e ch t e r mit der modernen Staatslehre, die das Prinzip der Vertretung nach dem Werte des Tüchtigsten fordert. Einige Blätter, wie die ,IMuna" wenden sich gegen diase Einführung, da die öffentliche Meinung hierfür gar nicht vorbereitet sei, sowie «wogender ungeklärten Technik dieses Wahlrechtes. Wieder eine Demission. Rom, 10. Jänner. (Tel.-Komp.) Ter Abgeordnete Seialoja hat seine Demission als Uuterstaat'ssekretär der öffentlichen Arbeiten eingereicht. In Politischen Kreisen wird dieser Rücktritt auf Unstimmigkeiten mit dem neuen Minister Giuriati zuvückgesührt. Ik m»r»n oenen dke VMs-Portel. SRaMcf Verteidiger. — Die Verhaftungen. (Eigendivnst der „Wiener Morgenzcttuna") Belgrad, 10. Jänner. Die Verteidigung Nadic' hat der frühere Außenminister Dr. Trumbic übernommen, der sich angeblich im Interesse feines Klienten nach dem A u sland begeben wollte. Wie „Rjetsch" meldet, haben ihm die Behörden die Ausfolgung eines Auslandspasses v e rweigert. Nach Agram er Blättermelduu-gen sind bisher. zirka 2000 Mitglieder der kroatisch-republ.kauischen Bauernpartei in Untersuchung oder verhaftet. Die meisten Verhaftungen seien in Dalmatien vorgenommen worden Der Sohn Radle' enthaftet. Agram, 10. Jänner. (Tschech. Preßbureau.) Heute wurden «der Sohn R a d i c', Wladimir, sowie die zwei Studenten,'welche unter dem Verdacht verhaftet worden waren, 'daß sie ein Attentat gegen den Unterrichtsminister Pribie e v i e geplant hätten, in Freiheit gefetzt. Auch die Beschuldigung, daß Wladimir Radic eine Bauernrevolte inszenieren wollte, konnte nicht nachgewiesen werden. Unter den verhafteten kroatischen Politikern befand sich auch der Mhere Minister Krn ic. Nach einem eingehenden Verhör wurde Krnic wieder in Freiheit gesetzt. Der Kroatenführer Frank in Budapest? Budapest, 10. Jänner. (Tel.-Komp.) „Az Ujsag" will wissen, daß der bekannte Kroatenführcr Dr. Ivo Frank mit mehreren anderen Parteigenossen sich seit längerer Zeit in Budapest aufhalte. Verhaftung eines albanischen Truppenführers in Jugoslawien. Belgrad, 10. Jänner. (Ung. Te'l.-Korr.-Eur.) Aus Prizrend wird gemeldet, daß Beira m Zur ntiit den jugoslawischen Behörden Verhandlungen erngell-eitet. habe, um ihm die U ebe rs chreitu ng der jugoslawischen Grenze zu gestatten. Das Ansuchen wurde vundtveg abgelehnt. Trotzdem hat Beirain Zur mit seinem Gefolge jugoslawisches Gebiet betreten, worauf"seine Verhaftung erfolgte. . _Wiener Morgerrzeitung._ Amerika in der „Mrkiftuag" boron i London, 10. Jämver. Das R-u-tersche Bureau meldet aus Wafhingtmk, daß die Regierung bei der Erörterung des M a r i n e b u d g e t s im Semtscmsschuß hinsichtlich der Zahl der amerikanischen Torpedobootzerstörer erklärt habe, das Verhältnis der drei Staaten, England, Amerika und Japan, sei gegenwärtig 6:7:2, bei den Unterseebooten 2:7:6 und bei den Großka npfschiffnr 5:4:3. Kandidatur der Witwe der Ko«»red«it»liede» Kahn. Rew-?)ork, 8. Jänner. (I. T. A.) Mrs. Clarence Kahn, Wittve des verstorbenen jüdischen Kongrchmit-- gliedes Julius K a h n, kündigte an, daß sie an Stelle ihres verstorbenen Mannes für den Kongreß ka nd i d i e r e n wird. Präsident Co olidge hat der Witlve Kahns sein Beilleid ausgesprochen. Der Senat hat in seiner letzten Sitzung der Trauer über das Ableben Kahns Ausdruck gegeben und sich hierauf vertagt. Sauber,rein und appetitlich — hygienisch einwandfrei sind die Pakete und der Paketinhalt des echten Kathreiners Kneipp Malzkaffee. Jeder Beutel dieses in Millionen Familien getrunkenen besten Kaffee-Ersatzes trägt die.bekannte Schutzmarke: Bild Pfarrer Kneipp. Niemals offen ausgewogen. Sit Wyndham Teeder über dar PMftinamandat. London, 10. Jänner. (I. T. A.) Der 'frühere Obersekrotär der Palästinarcgier.ung, Brigade-general Sir Whndham Deedes, hielt hier am 5. einen Vortrag über Groß britannienunddasPalä st in amandat. Er führte ans: Die Juden 'haben den Boden Palästinas kulturfähig gemacht, die hebräische Sprache wieder aufleben lassen und sich in. jeder Weise bemüht, sei es in der Landwirtschaft, sei es in -der Industrie, im Handel und in allen anderen Gebieten, Erfolge zu erzielen. Es sei für jeden Inden eine schöne Ausgabe, sich in Palästina einzurichien. Die Juden schufen sich ein nationales Heim, das 11. Jänner 1926 Seite fl überall Sympathien findet; es wird den Millionen Juden in der ganzen Welt als ein leuchtendes Beispiel dienen. Das ist alles, was beabsichtigt worden ist. Die religiösen, politischen und wirtschaftlichen Rechte der anderen Bewohner des Landes werden geschützt. In diesem Geist wirb die Palästiimverwaltnng geleitet. Die Juden haben zuweilen über Benachteiligung bei der Landverteilung geklagt. Die palästinensische Verwaltung will den Geiß des Mandats erfüllen und die Araber nich: i h r e § B e s -i tz e s b e r a u b e n. Die Arbeit der Palastinaregievung «besteht darin, eine wirtschaftliche, politische uni administrative Maschine zu ersinnen, die es möglich machen kann, daß die drei religiösen Gemeinschaft len in Pa-lästna nebeneinander leben können. Gelingt das.' so wird eine bedeutungsvolle internationale Arbeit vollbracht und der Welt ein Beispiel gegeben werden, wi< man für den Weltfrieden wirkt. Sinfieins Lehre beftittigt. Die Untersuchungen der Chicagoer Universität. Chicago, 10. Jänner. Professor Wbert M i ch a e l f o t Von der Universität Chicago erklärte, daß die ausgedehnten, sick über mehr als sechs Mon-ate evstrcckendeu physikalischen Experimente, die unter den Auspizien der Universität stattgefundcihalben, den Beweis für die Richtigkeit der Einsteinscher Theorie von der Lichtübertragung erbracht haben. Anland. 2er Mi-t«naesetzrummel — ein Eckeinae^cht? Die Obstruktion im Justizausschuß geht weiter, aller, dings m einer Form, die daraus schließen laßr, daß Wahrheit und Minderheit den Streit um die Frage „Geschäftsordnungs- oder Tagesordnungsdebatte" lediglich als Paravent benützen, hinter dem bereits der Tisch aufgestellt ist an den sich die Führer von links und rechts zun: Abschluß des Kuhhandels niederlasseu werden. Di« Christlichsozialen sind auch bereits überzeugt, daß die Obstruktion der Sozialdemokraten nicht auf die anderen Aus- I» schüsse übergreifen wird, und dies um fo weniger, als dieser! lokale Konflikt, wie die christlichfoziale Nachrichtenzentrale schreibt, aller Wahrscheinlichkeit nach erledigt sein dürste, bevor die anderen Ausschüsse am Beginn der nächsten Woche ihre Tätigkeit aufnehmen. Es handle sich auch gar nicht um ein« prinzipielle Entscheidung über das Mietengesetz. Wozu also der Lärm? Es sind darum gestern auch schon Stimmen laut geworden, daß die Auguren über das Meritum des Mejengesetzes, die Erhöhung d e r M i e t z i n s e, schon handelseins geworden seien, nur werde noch die Form gesucht, wie man der Wählerschaft das Ergebnis Mitteilen soll, das in der Aufwertung der Mieten auf die dreitausendfache Friede ns höhe bestehe. Für diese Annahme spricht auch der Verlauf der gestrigen Sitzung des Juftizausschusses, die Christlichsozialen ließen die sozialdemokratischen Obstruktionisten gewähren. Abg. Leutyner, der den zweiten Teil seiner Dauerrede von Stapel ließ, sprach nur vom Mieterschutz, nicht aber von der Aufwertung der Mietzinse, und unterbrach mittags seine Rede, die er Montag nachmittags fortsetzen will, wenn nicht bis dahin die Packelet über die Mieten-- frage schon den Vorwand für die Fortsetzung der Obstruk-- tionstaktik beseitigt haben wird. «'iimel der Mer. Bon Jakob Krausz. 8.*) Ziperls Krankheit kam förmlich über Nacht. Abends zuvor fühlte sie sich noch stark und kräftig wie alle Tage. Ms Gradmesser für ihre Gesundheit diente ihr in all ihren Lebensjahren der Gmd der Wucht, mit dem sie ihrer Umgebung das Leben zu verbittern verstand. Seitdem sie mit dom roten Lämel verheiratet war, konzentrierte sich ihr Haß gegen die ganze Menschheit auf dieses eine Lebewesen, das die gütige Vorsehung ihr ausgeliesert halte. Am Abend vorher hatte es im Hause Lämels des Büßers ein Ehegewitter gegeben, wie es selbst Ziperl, die schwarze Hexe, während des fast zehnjährigen Beisammeulebens mit dem an sie geketteten Lämel nicht «heraufzubeschw ören vermocht hatte. ZiPerl haßte Lämel, wie sie jeden Menschen «haßte, -der den Beruf in sich fühlen konnte, über sie zu herrschen. Aber sie liebte ihn auch, nicht nur weil er ihr Mann wurde und sie aus der Gefahr,' eine ,/ilte Maid" zu ivevden, rettele, sondern auch weil er von ihr für diesen seinen Liebesdienst keine Unterwürfigkeit, keinen blinden Gehorsam forderte. Im Gegenteil: Lämel tat in der ganzen Zeit ihrer Ehe so, als schuldete er ihr für ihr Opser Tank. Ziperl hatte Angst, dieses Juwel von einem Mann, wie sie keinen besseren und geeigneteren auf den: ganzen Erdenrund zu finden vermocht hätte, köunte ihr auf irgend ein« Weise entrissen tverden. Sie wurde in der letzten Zeit das Angstompfinden nicht los, daß geheimnisvolle, unheimliche Kräfte am Werke seien, ihre Ehe zu zerreißen. Sie glaubte auch Beweise dafür zu haben. Als Lämel gestern in. ihrem Auftrag in die Stadt gegangen und Ziperl allein im Laden war, entdeckte sie zufällig eines jener geheimen Fächer, in «denen Lämel den.Zehent von seinen Eingängen sammelte. Ziperl forschte tveiter «und fand schließlich alle Fächer'mit ben kleinen Sparpfennigen für fromme und wohltätige Zwecke. Jedes dieser Fächer hatte seine Bezeich- *) Siche .Miener Marge ntzeitmm" IM und 4. Jänner 1SS6. vom 35. Dezember 't nu-ng: „Aralblsch Arumim" zur Bekleidung armer Kinder; „Rabbi Meir Baal Neß", zum Andenken an den Wundertäter Rabbi Meir für die Gelehrten in PMstina; ,^8eth Hanlidvafch" — „Talmud Thora" ufw. Ziperl stieg das'Blut zu Kopfe, als sie hinter diese Gcheimnisse ihres Mannes kam: „Also das ist der saubere Lämel der Büßer, der sich mir gegenüber so unschuldvoll gibt, daß ich ihn völlig in ineiner Gewalt wähnte! In diese Geheimfächer flüchtet sich das rote Scheusal, weuu er, von mir wie ein Huud behandelt, sich wie ein geprügeltes Tier zerknirscht davoschleicht! So bestiehlt mich dieser Unmensch, der offenbar nach jedem Auftritt, den ich ihn: bereite, auf diesen Gcheimaltären Opfer 'darbringt, um mich um meine harte varbeiteten Kvellzer.zu verkürzen!" Ziperl schrie diese Wutausbrüche in den -mit allerlei Trödekkranr angefüllten Kellerra«u>m und hätte wohl einige Jahve ihres Lebens hingegeben, wäre Lämel jetzt erschienen. Lämel ka.m jedoch nicht. Als er m«it seinen Besorgungen in der Stadt fertig war, war es Zeit geworden, zur Mincha, zum Abeiüdgebet zu gehen, und da es gerade auch 'der Tag ivar, an dem Rvb Anschel seine movalpädagogischeu Borträge hielt, ging er hin, ohne vorher «bei Ziperl gewesen zu sein. Ziperl fieberte vor Erregung und «hatte «das Gefühl, «daß in diesem Augenblick ettoa'3 in ihrer Brust, ettva ums Herz herum oder an der Lun-ge, geplatzt sei. Eine körperliche Schwäche überfiel sie. Daran war der verdammte Lämel schuld, der gerade jetzt, ida sie seiner so sehr 'bedurfte, um sich ihr Herz zu erleichtern, nicht zur Stelle war! Sie lief hinaus aus die Gasse, um nach ihm auszuspähen, denn sie hatte Angst, unter -dem Truck ihrer Erregung, in dem Bertängelk, sich an Lämel gesund schreien, zusmmnenzubrechen. In der Tür stieß sie mit Chaile der Bäckerin zusammen, die, wie sie sagte, gekcunnen ivar, um einen Suppentopf zu kaufen, da ihr die Katze ih:r heute zerbrochen 'hatte. Der Handel tvar bald abgeschlosselr, denn Ziperl wünschte ohne Zeugen zu sein, wenn Lämel jetzt heirnkäme. Aber Chaile setzte sich unaufgefordert auf eine neben der Tür stehende Kiste und begann ein wellig ztl „Plauschen". Chaile 'war Mitglied der Fraueusektwn der „Chewra Kadilcha" mb «tk Diplomatin, der die deikelüen Ämelegeuheiten zur Austragung anvertvaut wurden. Ziperl merkte bald, daß Chaile weniger wogen -des SupPentopfeZ, als in irgend einer diplomatischen Misiion zu ihr gekonrmen tvar. Nuu — heute kam sie ja gerade recht. Heute ist Ziperl in der richtigen Stimmung. Da kann Chaile etwas erleben! ,^ZiPerl, mein Gold", begann Chaile, ,/du W heute, «wie ich sehe, wieder schlecht gelaunt. Sag' mir, mein Kind, was bedrückt denn dein Herz imnrer so? Bist dn vielleicht mit Lämel unglücklich? Mir kannst dar es doch sagen. Du weißt, Chaile ist das Grab aller Familiengeheimnisse der Jlldengaffe." Ziperl «biß sich in die Lippen, doch sie schwieg. ^Jch kann's ja begreifen", fuhr Chaile fort, „daß du dich unglücklich fühlst. Heute morgen wevden's zehn Jahre, daß ihr unter der Chupe gestanden seid — und kein Kind im Haus, dafür aber ein Haus voll Streit und Zank. Das will selbst Gott nicht haben. Da ist es «doch besser, man geht zmn Beth-Din, zwm Rabbinatsgericht, und gibt einander frei, ehe man sich einer großen Sünde schuldig macht und die ganze Genwinde in die Sünde hineinzieht.. ,/Jetzt Hab' ich aber genug, Muhme Charte!" schrie Ziperl auf. „Mas geht Euch meine Ehe mit Lämel an? Was 'habt Ihr Euch darum zu^ kümmern, ob ich Kinder habe oder nicht? Euch rührt ja nicht mein Unglück, .Ihr zittert bloß, daß die Gemeinde für «meine Sünden büßen könnte. Dann «hadert mit Gott, bei dem Schuld und Sühne liegt. Was ivollt Ihr von mir...?" Ziperl bebte am ganzen Körper, als Chaile brummend und achselzuckend den .Laden verließ. Ms Sännet spät nachts nach Hause kam, lag Ziperl von «Fieberfvost geschüttelt in ihrem Bett. Heiser röchelnd hielt sie Lämel vor, daß er ihr nach dem Leben trachte, nachdem er sie um ihr Vermögen gebracht. Er verschenke ihr Geld au Leme, die.sie hasten. Jetzt 'habe erihr noch Chaile die Bäckerin als Scheidung'svermittterin an den Hals geschickt, dam-it er an eine andere verkuppelt -werde, nur damit Lämel der Büßer Kinder kriege: „Diesen Gefallen werde ich aber iveder Lämel noch seinen Freunden «und Frelmdinnen tun. Du wirst mich nicht los werden «und mllßt mit mir' in Sünde tuamnde rötnl"